Deutscher Apothekertag 2016

Apotheker auf Bergwanderung

Schmidt mahnt zur Einigkeit, fordert mehr Kompetenzen und erinnert an die Verantwortung

wes | Zur Eröffnung des Apothekertags rief ABDA-Präsident Friedemann Schmidt die Apotheker in einer nachdenklichen Rede zur Einigkeit auf – und dazu, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu sein. Der Politik dankte er dafür, sich in den letzten Jahren für den Erhalt des Apothekensystems eingesetzt zu haben. Sie könne aber mehr Mut zeigen, die apothekerliche Kompetenz zu nutzen.
Foto: DAZ/Alex Schelbert
Eine nachdenkliche Bilanz des letzten Jahres und seiner ersten Amtszeit zog ABDA-Präsident Friedemann Schmidt.

Gerade in einer Zeit, in der die „gesellschaftliche Bindungskraft“ der Institutionen schwinde und Entscheidungsträger als „Elite“ diskreditiert würden, hätten die Menschen einen hohen Anspruch an die Apotheker, so Schmidt. Sie ordneten dem Beruf die Eigenschaften Verantwortung, Empathie und Kompetenz zu. „Wenn wir als Berufsvertreter glaubwürdig sein wollen, müssen wir immer wieder versuchen, diesem Anspruch zu genügen.“ Die Diagnose, dass der Pessimismus wachse, dass die Komplexität verdrängt und Vereinfachung gesucht werde, treffe auch für das Gesundheitssystem zu und betreffe auch die Apotheker.

Diese Sorgen müssten wahrgenommen werden, mahnte Schmidt, und zu einer Politik mit Augenmaß und ohne ideologische Überhöhung führen – das gelte auch für die Gesundheitspolitik. „Kassandrarufe und Untergangs­prognosen“ seien nicht hilfreich, wenn es um die Bezahlbarkeit von Versorgung geht, sie sorgten für Verunsicherung und unangemessenen Aktionismus. Das Finanzierungssystem der Krankenkassen habe schon viele Herausforderungen bestanden und „wird sie auch in der Zukunft bestehen“.

Den Apothekern, das betonte Schmidt, vertrauen die Menschen. „Das ist der harte Endpunkt, der einzig verlässliche Maßstab für gesellschaftliche Wertschätzung. Nur daran sollten wir uns messen.“

Der Medikationsplan ist nur eine Liste …

Doch Schmidt äußerte sich auch zu konkreten Problemen und Herausforderungen. So habe Gesundheitsminister Gröhe den Medikationsplan – den Schmidt lieber als „Liste“ bezeichnet sähe – als „wichtigen ersten Schritt“ bezeichnet. Die Frage sei, ob dem zeitnah weitere Schritte folgten. Ein echter Beitrag zu mehr Therapiesicherheit sei die Liste nämlich noch nicht, weswegen man „sehr schnell die unbedingt notwendige Weiterentwicklung“ erwarte. Trotzdem würden die Apotheker ihre gesetzliche Pflicht zur Ergänzung des Medikationsplans erfüllen – „nicht weniger, aber auch ganz bestimmt nicht mehr!“

… das AMVSG dafür gute Politik

Gute Apothekenpolitik sei dagegen das Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG), das Gröhe noch am Morgen vor seiner Abreise nach München durch das Bundeskabinett brachte. Die Verbesserungen bei der Vergütung der Rezepturen und Dokumentationen erfüllten die drei Kriterien, nach denen die Apotheker jedes politische Vorhaben bewerteten: Stärkt es die pharmazeutische Verantwortung? Sichert es das freiberufliche System der wohnortnahen Apotheke? Schafft es die Voraussetzung für eine angemessene Vergütung der apothekerlichen Leistungen?

Bilanz der ersten Amtszeit

Insgesamt hätten Bundesregierung und Koalition in den vergangenen Jahren die ordnungspolitischen Grund­sätze des deutschen Apothekensystems nicht infrage gestellt, lobte Schmidt. Er setze auch in Zukunft darauf, etwa wenn es um die Verteidigung der Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel gehe.

In der Zeit seit 2013 sei den Apothekern aber auch Außergewöhnliches gelungen. Man sei angesichts der „Demütigung“ des AMNOG 2010 und seiner katastrophalen Auswirkungen in den folgenden beiden Jahren nicht in Selbstmitleid versunken, sondern habe sich aus eigener Kraft davon befreit. Mit dem Perspektivpapier sei man sogar in die Offensive gegangen. Nun komme man eben nach der Begeisterung über den Gipfel in „die Mühen der Ebene“. Die Frage, warum das nicht schneller gehe, komme unweigerlich, ebenso wie die, warum die Apotheker nicht mehr Verantwortung tragen und wann es endlich eine Anpassung des Fixhonorars gebe. Die gemeinsame Antwort sei, dass „diese Dinge sind wie sie sind, weil unsere Berufspolitik nicht nur Chancen nutzen, sondern auch Risiken vermeiden muss. Und das größte Risiko wäre der Verlust des Zusammenhalts“.

Alle müssen oben ankommen!

Schmidt verglich die Apothekerschaft mit einer Gruppe Bergsteiger. Sie gleiche jedoch nicht einer eingespielten Seilschaft, sondern eher einer sehr differenzierten Reisegruppe. Bei jeder möglichen Abkürzung wollten einige besonders Mutige den Weg verlassen, um die Diretissima zu nehmen. Andere ließen sich dagegen zurückfallen und beschwerten sich, dass der Weg zu weit sei. Für die Standesvertretung als „Reiseleitung“ gelte aber vor allem eines: „Alle, die sich anstrengen und engagieren, müssen oben ankommen.“ Man werde keinen zurücklassen – entweder werde das Ziel gemeinsam erreicht „oder wir erreichen es gar nicht“. Das sei der einzige Weg, der zusammenhält und nicht spaltet. „Und auf den Zusammenhalt kommt es mir an.“ |


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