Arzneimittel und Therapie

Bauchweh und Migräne im Doppelpack

Assoziation bei Kindern weist auf pathophysiologische Zusammenhänge hin

Nachdem eine Studie vor Kurzem einen Zusammenhang zwischen Migräne und Koliken im Kindesalter gezeigt hat, wird diesem Thema zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. So auch in einer aktuellen Untersuchung, in der bei Kindern und Jugendlichen eine Assoziation zwischen Migräne und funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen gefunden wurde.

An der Fall-Kontroll-Studie nahmen sieben- bis 16-jährige Kinder und Jugendliche teil, die aufgrund von Migräne oder Spannungskopfschmerz in italienische und französische Notfallambulanzen eingeliefert wurden (Migräne-Gruppe und Spannungskopfschmerz-Gruppe). Als Kontroll-Gruppe wurden Kinder mit kleineren Verletzungen an den Extremitäten und ohne Kopfschmerzen in der Vorgeschichte ausgewählt, die ebenfalls in einer der Notfallambulanzen betreut wurden. Bei allen Probanden wurde das Auftreten funktioneller gastrointestinaler Erkrankungen gemäß den Rom-III-Kriterien (s. Kasten) festgehalten. Zwischen 2014 und 2015 wurden 648 Kinder und Jugendliche in die Kontroll-Gruppe aufgenommen, in der Verum-Gruppe waren es 424 Patienten, davon 257 mit Migräne (Migräne-Gruppe) und 167 mit Spannungskopfschmerzen (Spannungskopfschmerz-Gruppe). Bei 32% in der Migräne-Gruppe wurden signifikant mehr funktionelle gastrointestinale Erkrankungen diagnostiziert als in der Kontroll-Gruppe (18%; p < 0,0001) und zwar ein vermehrtes Auftreten von Dyspepsien, Reizdarmsyndrom und abdomineller Migräne. Im Gegensatz dazu traten in der Kontroll-Gruppe häufiger funktionelle Obstipationen auf als bei den Probanden der Migräne-Gruppe (p = 0,02). Im Hinblick auf weitere sechs funktionelle gastrointestinale Erkrankungen zeigten sich keine auffallenden Unterschiede. Ein Vergleich zwischen der Kopfschmerz-Gruppe und der Kontroll-Gruppe zeigte keinen signifikanten Unterschied: 25% der von Spannungskopfschmerzen Betroffenen litten gleichzeitig unter funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen vs. 18% der Kontroll-Gruppe (p = 0,07).

Rom-III-Kriterien - funktionelle Störungen bei Kindern und Adoleszenten

Foto: photophonie – Fotolia.com

1999 wurden erstmals von einer internationalen pädiatrischen Arbeitsgruppe diagnostische Kriterien für funktionelle gastrointestinale Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter aufgestellt, die 2006 modifiziert und als Rom-III-Kriterien publiziert wurden. Sie beinhalten drei Hauptgruppen und zehn Untergruppen:



1. Erbrechen und Aerophagie:

  • Adoleszentes Ruminationssyndrom
  • Syndrom des zyklischen Erbrechens
  • Aerophagie

2. Bauchschmerzen-assoziierte funktionelle Darmerkrankungen

  • Funktionelle Dyspepsie
  • Reizdarmsyndrom
  • Abdominelle Migräne
  • Kindliche funktionelle Bauch­schmerzen
  • Kindliches funktionelles Bauchschmerzsyndrom

3. Obstipation und Stuhlinkontinenz

  • Funktionelle Obstipation
  • Stuhlinkontinenz ohne Stuhlrück­haltemanöver

Gemeinsamer Link

Die Verfasser und ein Kommentator der Studie sehen in diesem Ergebnis einen Beweis für einen pathophysiologischen Link zwischen Migräne und funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen, der aber noch verifiziert werden muss. Denkbar sind als mögliche Ursachen unter anderem inflammatorische Mediatoren und Serotonin. Weitere Erkenntnisse werden vermutlich Diagnose und Behandlung beeinflussen. So sollte etwa in weiteren Studien untersucht werden, ob Wirkstoffe zur Therapie der Migräne auch bei funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen eingesetzt werden können. |

Quelle

Le Gal J. et al. Association between functional gastrointestinal disorders and migraine in children and adolescents: a case-control study. Lancet published online am 24. August 2016 DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S2468-1253(16)30038-3

Palsson O. A specific link between migraine and functional GI disorders. Lancet published online am 24. August 2016 DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S2468-1253(16)30074-7

Müller D et al. Funktionelle Bauchschmerzen bei Kindern und Jugendlichen – ein Update. Paediatrica 25;2014:8-11.

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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