Arzneimittel und Therapie

Wenn Antidiabetika die Mortalität erhöhen

Kohortenstudie verschafft Überblick zur kardiovaskulären Risikoreduktion

Personen mit Typ-2-Diabetes versterben oft frühzeitig an kardiovaskulären Erkrankungen. Mit einer Fünf-Jahres-Überlebensrate von 12,5% haben sie eine schlechte Prognose, sobald eine Herzinsuffizienz auftritt. Inwiefern Antidiabetika das kardiovaskuläre Risiko senken und die Übersterblichkeit reduzieren können, ist bislang für viele Arzneistoffe unklar. Eine Kohortenstudie aus Großbritannien konnte anhand umfangreicher Daten signifikante Unterschiede zwischen den Antidiabetika zeigen – nicht immer wird die Übersterblichkeit reduziert.

Jede sechste Sekunde stirbt weltweit ein Mensch mit Diabetes mellitus. Viele Betroffene sterben frühzeitig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nachdem bei Antidiabetika in klinischen Studien und im Rahmen der Post-Marketing-Überwachung teilweise ein Risikoanstieg für Herzinsuffizienz beobachtet wurde, fordern die Zulassungsbehörden für Antidiabetika weitere Daten zur kardiovaskulären Sicherheit.

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Diabetiker haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einer Kohortenstudie zufolge können Antidiabetika die Gesamtmortalität senken – aber auch erhöhen.

Beispiel: Rosiglitazon

Rosiglitazon ist ein bekanntes Beispiel hierfür. Der Arzneistoff wurde im Jahr 2000 als erster PPARy-Agonist („Insulinsensitizer“) zugelassen. Nach der Markteinführung wurde ein erhöhtes Herzinsuffizienz-Risiko beobachtet, woraufhin die Zulassung in zahlreichen Ländern zurückgezogen wurde. In den USA darf Rosiglitazon weiterhin verordnet werden, nachdem die offene Nicht-Unterlegenheitsstudie RECORD bei niedriger Ereignisrate kein signifikantes Ergebnis zeigte.

Neue Kohortenstudie

Um Klarheit in diese nicht eindeutige Studienlage zu bringen, wurde eine umfassende Kohortenstudie in Großbritannien durchgeführt. In die Studie wurden Daten von circa 470.000 Personen mit Typ-2-Diabetes im Alter von 25 bis 84 Jahren aus drei Datenbanken herangezogen, die neben Diagnosen auch Arzneimittelverordnungen und Hospitalisierungs- sowie Sterbedaten enthalten. Dadurch konnten mögliche Verzerrungen wie Body-Mass-Index (BMI), Alter und Komorbiditäten bei den Berechnungen berücksichtigt werden. Insgesamt erhielten 58,4% der Patienten mindestens ein Antidiabetikum, die anderen wurden nicht-pharmakologisch therapiert.

Im Vergleich zu einer nicht-pharmakologischen Therapie kann durch Glitazone, Gliptine (DPP-4-Inhibitoren) und Metformin die Gesamtmortalität reduziert werden. Ein signifikanter Anstieg der Gesamtmortalität wurde hingegen unter der Therapie mit Sulfonylharnstoffen und Insulinen beobachtet. Die weiteren Antidiabetika, darunter Alpha-Glucosidase-Inhibitoren (Acarbose, Miglitol), SGLT-2-Inhibitoren (Dapagliflozin, Empagliflozin), Glinide und Guar, wurden als eine Gruppe untersucht und führten zu einer Reduktion der Gesamtmortalität.

Einschränkend ist hinzuzufügen, dass die Ergebnisse nur bedingt auf ganze Wirkstoffgruppen übertragen werden können. So erhielten circa 90% der Glitazon-Gruppe Pioglitazon, und etwa 80% der Gliptin-Gruppe nahmen Sita­gliptin ein. Weiterhin ist zu beachten, dass für Metformin die höchste Evidenz für die Reduktion des kardiovaskulären Risikos aufgezeigt wurde. Andere Wirkstoffgruppen, wie die Gliptine, konnten in der Monotherapie keine Risikoreduktion zeigen – diese war bei den Gliptinen erst in der Kombinationstherapie erkennbar.

Ob Metformin die deutlichste Risikoreduktion aufweist, weil es in einem frühen Krankheitsstadium eingesetzt wird und Insulin aufgrund des späten Einsatzes in der Therapie mit einer Risikoerhöhung einhergeht, bleibt weiterhin fraglich.  |

Quelle

Hippisley-Cox J et al. Diabetes treatments and risk of heart failure, cardiovascular disease, and all cause mortality: cohort study in primary care. BMJ 2016;354:i3477

International Diabetes Federation. Diabetes atlas 2015, unter www.idf.org

Apothekerin Dr. Karin Schmiedel


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