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Pharmakologie

Wenn das Essen nicht mehr schmeckt

Dysgeusien und Xerostomie durch Arzneimittel

Auch in Fachkreisen ist es häufig kaum bekannt, dass zahlreiche Arzneimittel ein verändertes Geschmacksempfinden verursachen können. Die betroffenen Patienten erkennen, wenn sie nicht entsprechend aufgeklärt wurden, häufig ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen Geschmacksstörungen und der Einnahme von Arzneimitteln. Und selbst wenn die betreuenden Heilberufler die korrekte Verbindung herstellen, werden Dysgeusien im Vergleich zu anderen, als schwerwiegender angesehenen unerwünschten Arzneimittelwirkungen häufig als trivial und vernachlässigbar bewertet [1]; dies wird der ernährungs­medizinischen Bedeutung der Problematik jedoch nicht annähernd gerecht [2]. | Von Julia Podlogar und Martin Smollich 

Störungen des Geschmackssinns werden als Dysgeusien bezeichnet (von griechisch geusis = Geschmack). Man unterscheidet dabei verschiedene Unterformen:

Während eine Parageusie sich in einem veränderten Geschmack der Nahrung äußert, ist eine Phantogeusie durch eine dauerhafte Geschmackswahrnehmung auch ohne Nahrung gekennzeichnet; diese kann z. B. metallisch, bitter oder salzig sein. Bei reduzierter Geschmackswahrnehmung spricht man von Hypogeusie, bei vollständigem Geschmacksverlust von Ageusie. Störungen, bei denen nur einzelne der vier klassischen Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter, salzig nicht oder vermindert wahrgenommen werden können, werden als dissoziierte Hypogeusie bzw. Ageusie bezeichnet. Eine Hypergeusie ist dagegen selten.

Arzneimittelbedingte Geschmacksstörungen können für den einzelnen Patienten sehr belastend sein und sich auf Lebensqualität und Ernährungszustand auswirken. Unter Umständen führen sie zu einer stark reduzierten Kalorienaufnahme, was vor allem bei ohnehin zu Gewichtsverlust neigenden älteren Patienten hoch relevant ist, oder zu völlig veränderten Essensgewohnheiten [3 – 5]. Letzteres kann im Einzelfall zu neu auftretenden Interaktionen zwischen der bestehenden Medikation und den neu oder vermehrt in den Speiseplan aufgenommenen Lebensmitteln führen.

Problematische Arzneistoffe

Die Hypnotika Zaleplon, Zolpidem und Zopiclon (sog. Z-Substanzen) verursachen häufig einen metallisch-bitteren Geschmack am Morgen nach der abendlichen Einnahme, sodass der zeitliche Abstand den kausalen Zusammenhang oft unerkannt lässt.

Viele Psychopharmaka führen außerdem zu Mundtrockenheit (Xerostomie): Im Falle der tri- und tetrazyklischen Antidepressiva beispielsweise tritt als unerwünschte anticholin­erge Wirkung eine verminderte Speichelbildung (Hyposalivation) auf, die das Geschmacksempfinden und in der Folge auch die Ernährungsgewohnheiten deutlich beeinträchtigen kann. Gleiches gilt für andere Arzneistoffgruppen mit erwünschter oder unerwünschter anticholinerger Wirkung, z. B. für Antihistaminika oder das Spasmolytikum Butyl­scopolamin. Gerade bei älteren Patienten, deren Ernährungsverhalten durch verminderten Appetit oder beginnende Demenz ohnehin z. T. bedenklichen Veränderungen unterliegt, erhöht sich so die Gefahr einer Mangelernährung weiter.

Relativ häufig sind Geschmacksstörungen auch unter der Einnahme von ACE-Hemmern: Bei mehr als vierwöchiger Behandlungsdauer, die bei einer antihypertensiven Therapie die Regel ist, treten Dysgeusien bei fünf bis acht Prozent der Patienten auf [6]. Eine Auswahl relevanter Arzneistoffe ist in Tabelle 1 aufgeführt.


Tab. 1: Arzneistoffe, die Geschmacksstörungen (Dysgeusie) oder Mundtrockenheit (Xerostomie) hervorrufen können. Gekürzt und modifiziert nach [10].
Wirkstoffgruppe
Wirkstoffe (beispielhaft)
Mögliche Störung
Antibiotika
Ampicillin, Fluorchinolone, Makrolide, Tetracycline, Metronidazol
metallischer Geschmack
Anticholinergika
Atropin, Scopolamin, Butylscopolamin
Xerostomie
Antihistaminika
Loratadin, Cetirizin
Xerostomie
Antihypertensiva
ACE-Hemmer, Diltiazem, Dipyridamol
Dysgeusie, Xerostomie
Antikonvulsiva
Carbamazepin, Phenytoin
Hypogeusie
Diuretika
Amilorid, Hydrochlorothiazid, Spironolacton
salziger Geschmack, Ageusie
Gichtmittel
Allopurinol, Colchicin
Dysgeusie
Lipidsenker
Clofibrat, Statine
Dysgeusie
Neuroleptika
Chlorpromazin, Perphenazin
metallischer Geschmack
Hypnotika
Zolpidem, Zopiclon, Zaleplon
metallisch-bitterer Geschmack
Trizyklische Antidepressiva
Amitriptylin, Imipramin, Doxepin, Clomipramin, Nortriptylin, Opipramol, Trimipramin
Xerostomie, metallischer Geschmack
Glaukommittel
Acetazolamid, Dorzolamid (topisch)
bitterer Geschmack
Lösemittel
Dimethylsulfoxid (in Dermatika)
knoblauchartiger Geschmack

Im Einzelfall können sich aus derartigen Geschmacksstörungen schwerwiegende Komplikationen entwickeln (s. Fallbeispiel), die in ihrem Kausalzusammenhang oft unaufgeklärt bleiben. Besonders schwierig ist der Zusammenhang zwischen Arzneimitteltherapie und Geschmacksstörungen herzustellen, wenn die Patienten kognitiv beeinträchtigt sind oder wenn die Dysgeusien nicht durch orale Arzneimittel, sondern z. B. durch Ophthalmika oder Dermatika verursacht werden. So gehören zu den Arzneistoffen, die besonders häufig Dysgeusien verursachen, auch die lokal angewandten Glaukommittel Acetazolamid und Dorzolamid (Tab. 2).


Tab. 2: Anteil der Patienten, die nach der Anwendung bestimmter Arzneistoffe eine Dysgeusie erleiden.Modifiziert nach [10].
Wirkstoff
Wirkstoff
Acetazolamid, Dorzolamid20 – 100%
Captopril2 – 7%
Cisplatin77%
Lithium5%
Zopiclon16 – 32%
Terbinafin3%
Topiramat8%
Amiodaron1 – 3%

Zugrunde liegende Mechanismen

Medikamentös bedingte Geschmacksstörungen werden durch unterschiedliche Mechanismen hervorgerufen. Mundtrockenheit ist meist die Folge von Hyposalivation, einer typischen anticholinergen Arzneimittelwirkung, und kann, wenn sie denn thematisiert und als Problem erkannt wird, durch künstliche Speichelflüssigkeit behandelt werden.

Bei anderen Formen der Dysgeusie sind die zugrunde liegenden Vorgänge in der Regel nicht vollständig geklärt. Im Falle des u. a. bei rheumatoider Arthritis eingesetzten Chelatbildners Penicillamin, der eine Hypogeusie verursachen kann, werden eine toxische Schädigung von Hirnnerven oder eine Chelatbildung zweiwertiger Kationen wie Kupfer oder Zink diskutiert. Auch bei anderen Arzneistoffen mit einer chelatbildenden Sulfhydrylgruppe könnte dieser Mechanismus eine Rolle spielen, z. B. bei dem ACE-Hemmer Captopril oder dem Thyreostatikum Thiamazol [8].

Antineoplastische Arzneistoffe schädigen die Geschmacksrezeptoren auf der Zungenschleimhaut, was die Nahrungsaufnahme der ohnehin häufig von Kachexie bedrohten Tumorpatienten weiter beeinträchtigen kann. Diuretika-­induzierte Dysgeusien werden vermutlich durch eine Ionenkanalblockade an den Geschmacksknospen hervorgerufen. Unabhängig vom Mechanismus ist eine medikamentös bedingte Dysgeusie, die bereits wenige Stunden oder Tage nach Therapiebeginn einsetzen kann, nach Absetzen der Medikation in aller Regel reversibel; allerdings können bis zur vollständigen Wiederherstellung des normalen Geschmacksempfindens Wochen bis Monate vergehen [9].


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Smollich / Podlogar

Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Lebensmitteln

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WVG Stuttgart 2016


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Differenzialdiagnostik

Neben Medikamenten können auch vielfältige andere Mechanismen eine Dysgeusie hervorrufen. Mit zunehmendem Alter nehmen das Geruchs- und Geschmacksvermögen ohnehin sukzessive ab. Bestrahlungen im Kopf-Hals-Bereich können durch direkte Schädigung der Geschmacksknospen die Geschmackswahrnehmung beeinträchtigen. Auch ein Mangel an Zink kann eine Rolle spielen. Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Hirntumoren oder traumatische Schädigungen der entsprechenden Hirnregionen kommen ebenfalls als Ursache infrage.

Dysgeusien dürfen keinesfalls als Nebensächlichkeit abgetan werden; denn neben der Einschränkung der individuellen Lebensqualität können sie unter Umständen ein Warnsymptom für schwerwiegende Erkrankungen sein und müssen unbedingt differenzialdiagnostisch abgeklärt werden.


Fallbeispiel: Harndrang durch Dorzolamid

Arzneimittelbedingte Geschmacksstörungen werden häufig als trivial abgetan, können jedoch im Einzelfall durchaus schwerwiegende Folgen haben, wie folgendes Fallbeispiel belegt: Eine 85-jährige Patientin wird nach einem nächt­lichen Treppensturz notfallmäßig ins Krankenhaus eingeliefert. Neben einer Halswirbelfraktur und mehrfachen Frakturen beider Handgelenke werden intrakranielle Blutungen diagnostiziert. Die Patientin war bisher rüstig und gesund; als einziges Arzneimittel wendet sie wegen eines Offenwinkelglaukoms Dorzolamid-haltige Augentropfen an. Sie gibt an, nachts drei- bis viermal zur Toilette zu gehen – auch in der Nacht des Sturzes sei sie auf dem Weg ins Bad gewesen und, da sie nicht mehr so gut sehe, auf der Treppe gestolpert. Die Ursache des nächtlichen Harndrangs kann glücklicherweise geklärt werden, bevor mit einer in solchen Fällen durchaus üblichen, hier jedoch unnötigen und für die Patientin sehr belastenden invasiven urologischen Diagnostik begonnen wird: Seit Beginn der abendlichen Therapie mit Dorzolamid verspürt die Patientin nachts einen bitteren Geschmack, den sie durch Trinken mehrerer Gläser Wasser zu bekämpfen versucht. Dies verursachte die vermeintliche Inkontinenz (nach [7]).

Stürze und Knochenbrüche sind bei älteren Menschen wegen der verlängerten Rekonvaleszenz und der schlechten Heilungsrate mit einer hohen Rate an Folgekomplikationen verbunden, z. B. nosokomialen Infektionen oder sog. Durchgangssyndrom (kurzzeitiges Delir). Unter Umständen werden Patienten, die ihren Alltag bisher größtenteils ­allein bewältigt haben, zum Pflegefall.

Zwar könnten im vorliegenden Fallbeispiel auch das eingeschränkte Sehvermögen der Patientin und eine Osteoporose zum Sturz bzw. zur Schwere der Verletzungen beigetragen haben, dennoch ist ein Kausalzusammenhang mit der durch die arzneimittelbedingte Geschmacks­störung hervorgerufenen erhöhten Trinkmenge plausibel. Gerade geriatrische Patienten und ihre betreuenden Heilberufler und Pflegenden sollten auf medikamentös verursachte Geschmacks­veränderungen achten.

Zusammenfassung

Wenn Patienten Probleme mit der Ernährung haben, sollten sie stets nach möglichen Geschmacksveränderungen gefragt werden; liegen diese vor, sollte die Medikation als ­Ursache überprüft werden. Zur Identifizierung der verursachenden Wirkstoffe stehen detaillierte Listen zur Verfügung [3, 11]. Je nachdem, wie relevant die subjektive Beeinträchtigung des Patienten durch die Dysgeusie ist, kann eine Umstellung der Arzneimitteltherapie auf alternative Wirkstoffe in Betracht gezogen werden. |

Literatur

 [1] Ijpma I et al. Metallic taste in cancer patients treated with chemo­therapy. Cancer Treat Rev 2015;41:179-186

 [2] Smollich M. Einfluss von Arzneimitteln auf Appetit, Geschmackssinn und Körpergewicht. DGE info 2015;11:156-159

 [3] Ackerman BH, Kasbekar N. Disturbances in taste and smell induced by drugs. Pharmacotherapy 1997;17:482-496

 [4] Mattes-Kulig DA, Henkin RI. Energy and nutrient consumption of patients with dysgeusia. J Am Diet Assoc 1985;85(7):822-826

 [5] Bahavand M et al. Taste alteration and impact on quality of life after head and neck radiotherapy. J Oral Pathol Med 2013;42:106-112

 [6] Klimek L, Moll B, Kobal G. Riech- und Schmeckvermögen im Alter. Dtsch Ärztebl 2000;97(14):A-911-918

 [7] Douglass R, Heckmann G. Drug-related taste disturbance: A contributing factor in geriatric syndromes. Can Fam Physician 2010;56:1142-1147

 [8] arznei-telegramm® Arzneimitteldatenbank. Allgemeine Erläuterungen zur unerwünschten Wirkung Störung des Geschmackssinns. Stand 2016

 [9] Aronson JK. Meyler’s Side Effects of Drugs. Elsevier, New York 2015

[10] Touger-Decker R, Mobley C, Epstein JB (eds). Nutrition and Oral Medicine. Humana Press/Springer, New York 2014

[11] Doty RL, Shah M, Bromley SM. Drug-induced taste dis­orders. Drug Saf 2008;31:199-215

Autoren

Dr. rer. nat. Julia Podlogar, Fachapothekerin für Arzneimittelinformation und Klinische Pharmazie. 2002 bis 2007 Pharmaziestudium, 2008 bis 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der Universität Münster, Promotion im Bereich Immunologie. Krankenhausapothekerin im Herz-Jesu-Krankenhaus Münster-Hiltrup.

Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich, Fachapotheker für Klinische Pharmazie, Antibiotic Stewardship-Experte (DGI), Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). 1998 bis 2004 Biologie- und Pharmaziestudium in Münster und Cambridge (UK), 2005 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universitätsfrauenklinik Münster und Promotion über ein Thema zur experimentellen Pharmakotherapie des Mammakarzinoms, 2009 bis 2013 klinische Tätigkeit und pharmakologischer Konsildienst. Seit 2013 Professor für Klinische Pharmakologie und Pharmakonutrition; Leiter des Studiengangs Clinical Nutrition an der praxisHochschule Köln.

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1 Kommentar

Ageusie und Reduktion des Geruchssinnes durch Ephedrin und/oder Articain?

von Dr. med. Irene Weinert am 25.11.2018 um 18:55 Uhr

Sehr geehrte Frau Dr. Podlogan,
sehr geehrter Herr Prof. Smollich,

mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen, den ich bei meiner Suche nach Information über mögliche Ursachen von Ageusie und vermindertem Geruchssinn gefunden habe.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir Auskunft geben könnten, wie Ephedrin und Articain zu einer solchen Störung führen können (bspw. nach Tonsillektomie).

Eine weitere Frage ist, ob Ihnen Fallbeispiele bekannt sind, dass eine solche Störung nach zahnärztlicher Lokalanästhesie am Unterkiefer aufgetreten wäre.

Mit freundlichem Gruß,
Dr. Irene Weinert

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