Hintergrund

Saubere Athleten schützen

Mit moderner Dopinganalytik am Puls der Zeit

Wir haben die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) in Bonn kurz vor den Olympischen Spielen um ein Interview gebeten. Hierfür standen die Vorstandsvorsitzende der NADA Dr. ­Andrea Gotzmann und Dr. Anja Scheiff, Apothekerin im Ressort ­Medizin der NADA, zur Verfügung.
Foto: H. Blasuius
Experten der NADA Dr. Andrea Gotzmann (Vorstandsvorsitzende der NADA, links) und Dr. Anja Scheiff (Apothekerin im Ressort Medizin der NADA).


DAZ:
Vom IOC wurde eigentlich erwartet, dass die russische Olympiamannschaft wegen des staatlich gelenkten Dopings komplett von den Spielen ausgeschlossen wird. Wie stehen Sie dazu?

Gotzmann: Die Nationale Anti Doping Agentur ist enttäuscht über die Entscheidung des IOC, die kurzfristige Prüfung und Bewertung der Teilnahme russischer Athleten auf die inter­nationalen Verbände zu übertragen. Wir halten sie für falsch, weil dies das Anti-Dopingsystem schwächt. Wir hätten uns ein klares Signal für den sauberen Sport gewünscht, aber das ist leider ausgeblieben. Wir sind grundsätzlich der Auffassung, dass die Anti-Dopingarbeit in unabhängige Hände gehört. In Deutschland ist das die NADA. Aber auch hier haben wir noch offene Punkte, wie die Übernahme des Ergebnismanagements- und Sanktionsverfahrens bei Dopingverstößen. Für einheitliche Sanktionen und von Sportverbänden unabhängige Entscheidungen halten wir die Übertragung für wichtig. Zudem übernimmt die NADA das Verfahrensrisiko in jedem einzelnen Fall, was ein großer Vorteil für die Verbände ist. Daher haben wir dies allen Verbänden angeboten, die Hälfte hat das Angebot bisher angenommen. Weitere werden hoffentlich kurzfristig hinzukommen. Dieser Schritt ist notwendig, um mögliche Interessenskonflikte von vornherein auszuschließen.

„Das Vertrauen in die Anti-Dopingarbeit ist durch die jüngsten Ereignisse und die Pauschalverurteilungen sehr erschüttert worden. Wir müssen nun daran arbeiten, dieses Vertrauen wieder herzustellen. Das sind wir den sauberen Athletinnen und Athleten schuldig.“

Dr. Andrea Gotzmann

DAZ: Wer ist für die Dopingkontrollen in Rio zuständig?

Gotzmann: Vom 24. Juli bis zum 21. August 2016 laufen alle Kontrollen über das IOC. Wegen des Labors gab es im Vorfeld einige Schwierigkeiten. Das brasilianische Dopingkontrolllabor in Rio de Janeiro war im Juni von der Welt Anti-Doping Agentur WADA suspendiert worden, weil die strengen Vorgaben für die Akkreditierung dort nicht eingehalten wurden. Das ist übrigens kein Einzelfall, dass so etwas vorkommt und zeigt die strikte Überwachung der vorgegebenen Standards durch die WADA. Von den 34 weltweit durch die WADA akkreditierten Dopingkontrolllaboren sind im Moment fünf suspendiert, darunter auch die Labore in Moskau und in Peking. Nun wurden die Mängel in Rio aber offenbar behoben, und die Suspendierung wurde rechtzeitig aufgehoben.

DAZ: Gelten bei der Olympiade dieselben Regeln wie sonst auch?

Scheiff: Im Prinzip ja, aber es gelten noch ein paar zusätzliche Einschränkungen. Dort wird zum Beispiel die sogenannte „Needle Policy“ angewendet. Das heißt, dass sämtliche Nadeln, mit denen Substanzen oder Flüssigkeiten bei Athleten verabreicht werden können, während der Spiele – mit Ausnahme von Diabetikern, die eine medizinische Ausnahmegenehmigung für die Auto-Injektion von Insulin besitzen – nur von qualifiziertem medizinischem Personal im Rahmen medizinisch indizierter Behandlungen ein­gesetzt werden dürfen. Alle Verabreichungen dieser Art müssen dem IOC gemeldet werden.

Gotzmann: Außerdem sind während der Spiele bestimmte Methoden verboten, die ansonsten gemäß WADA-Regeln erlaubt sind, wie etwa die Inhalation von Sauerstoff und auch der Einsatz von Hypoxie-Zelten und -Kammern.

DAZ: Sind auch deutsche Dopinganalytiker an den Wettkampfkontrollen in Rio beteiligt?

Gotzmann: Ja, insgesamt werden sechs Experten aus dem Dopingkontrolllabor des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln und drei aus dem Labor in Kreischa in Rio mit dabei sein. Es wird auch wieder einen Präventionsstand der NADA im deutschen Haus geben, so dass wir die Athleten vor Ort kompetent beraten können.

DAZ: Sind die deutschen Sportler, die in Rio starten, sauber? Das wollen unsere Leser natürlich wissen.

Gotzmann: Hierfür haben wir schon langfristig Vorkehrungen getroffen. Die Athleten, die für eine Olympia-Teilnahme infrage kamen, wurden bereits im letzten Jahr in den Perspektivkader aufgenommen, und wir haben sie seither engmaschig begleitet. Sie haben umfangreiche Schulungen durchlaufen und wurden in diesem Zeitraum regelmäßig, aber unangemeldet von der NADA getestet. Im Übrigen setzen wir in der Anti-Dopingarbeit auch vermehrt auf die Prävention, mit der man nicht früh genug anfangen kann.

DAZ: Die NADA hat im Sommer 2015 das Whistleblower-System „Sprich’s an“ installiert, eine speziell gesicherte online-Kommunikationsplattform für Hinweisgeber. Welche Erfahrungen haben Sie damit bisher gemacht?

Gotzmann: Wir halten das für ein sehr gutes System. Es hat den höchstmöglichen Datenschutzstandard und garantiert den Whistleblowern absolute Anonymität. Wir haben schon über 25 Hinweise darüber bekommen. Leider war die Entscheidung des IOC, dass die russische Whistleblowerin Yulija Stepanova nicht unter neutraler Flagge an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen darf, hierfür nicht förderlich. Damit wurde erst mal eine Tür zugeschlagen. Das finden wir sehr schade, da diese Art von Informationen äußerst wichtig für unsere Arbeit ist und die Bereitschaft „auszupacken“ hoch anerkannt werden muss.

DAZ: Es wird oft behauptet, es gebe jede Menge Dopingsubstanzen, die weder bekannt noch nachweisbar sind. Was meinen Sie dazu?

Gotzmann: Das würde ich so nicht sagen. Die Dopinganalytik ist sehr anwendungsorientiert und immer am Puls der Zeit. Zum einen sind die Screening-Methoden, mit denen man bestimmte Grundstrukturen von Substanzen erfassen kann, erheblich verbessert worden. Auch in Sachen Spezifität und Empfindlichkeit sind wir einen großen Schritt vorangekommen. Außerdem haben wir durch die Langzeitlagerung der Dopingproben und die Datenaufbewahrung die Möglichkeit, Befunde im Nachhinein neu zu interpretieren und Sportler zu überführen oder auch von einem Verdacht zu entlasten. Unsere beiden WADA-akkreditierten Labore in Köln und in Kreischa gelten übrigens international als Schrittmacher, gerade für die Erforschung und Entwicklung neuer Analysenmethoden.

DAZ: Könnten Sie das noch etwas konkretisieren? Wie steht es zum Beispiel mit dem Nachweis von Epo oder Wachstumshormon?

Gotzmann: Beide können wir heute nachweisen, Epo über den Vergleich spezieller Blutparameter in Verbindung mit einem direkten Nachweis. Hinsichtlich Wachstumshormon können wir auch bestimmte Releasingfaktoren nachweisen. So wurde bei den Gewichtheber-Weltmeisterschaften in den USA im letzten Jahr ein russischer Goldmedaillengewinner mit dem Wachstumshormon-ausschüttenden Peptid Ipamorelin des Dopings überführt. Wenn eine Analysenmethode vorhanden ist, wirkt das sehr abschreckend. Das zeigt das Beispiel der Selektiven Androgen-Rezeptor-Modulatoren (SARM), die in ihrer Wirkung anabolen und androgenen Substanzen ähneln. Hier ist der Missbrauch gar nicht aufgekommen, weil die Nachweismethoden in der Dopinganalytik dafür schon frühzeitig entwickelt und umgehend routinemäßig angewendet wurden. Die Sportler wissen das, und dann versuchen sie es in vielen Fällen erst gar nicht.

„Wir können nicht alles wissen, aber wir wissen immer mehr in immer kürzerer Zeit, so dass die Zeitfenster für dopende Athleten immer kleiner werden.“

Dr. Andrea Gotzmann

DAZ: Die NADA hat vor einigen Jahren eine Zusammenarbeit mit den Apothekern gestartet. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Scheiff: Natürlich sind die Apotheker für uns wichtige Informations-Mediatoren in der Anti-Dopingarbeit. Deswegen sind wir sehr froh über diesen Schulterschluss. Ende 2015 haben wir in Kooperation mit den Apothekerkammern eine bundesweite Fortbildungsreihe mit dem Titel „Sportlerberatung in der Apotheke“ gestartet. Die Beteiligung war zwar bisher regional unterschiedlich, aber das Feedback ist sehr positiv. Dabei besteht das größte Interesse an Information zu verbotenen Substanzen, möglichen Dopingfallen und auch an Nahrungsergänzungsmitteln.

DAZ: Arzneimittel, deren Wirkstoffe auf der Dopingverbotsliste stehen, müssen mit einem Dopingwarnhinweis gekennzeichnet sein. Hilft das aus Ihrer Sicht?

Scheiff: Ja, das hilft schon, aber der Dopingwarnhinweis ist leider eine nationale Vorschrift für Arzneimittel. Arzneimittel, die über die Europäische Arzneimittel-Agentur zugelassen werden, sind hiervon nicht betroffen. Das ist ein großes Manko und schafft bei den Sportlern Verwirrung. Natürlich würden wir uns eine europäische Lösung wünschen, aber da zeichnet sich im Moment noch keine Lösung ab, weil das für viele nur ein Randthema ist.

DAZ: Vielen Dank für dieses Gespräch. |

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