Arzneimittel und Therapie

Lieferengpass bei Gegengift

Toxogonin® ist als Antidot gegen Organophosphate voraussichtlich im September wieder verfügbar

rr | Obidoximchlorid (Toxogonin®) wird eingesetzt zur Behandlung von Vergiftungen mit Insektiziden aus der Gruppe der Organophosphate. Die Firma Merck informierte über Verzögerungen in der Produktion.

Organophosphate (z. B. Parathion) werden in der EU als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Ihre Wirkung beruht auf der schwer reversiblen Hemmung der Acetylcholinesterase, die zu einer Überstimulierung von nicotinergen und muscarinergen Rezeptoren führt (indirekte Parasympatholytika). Immer wieder kommt es zu Vergiftungsfällen beim Menschen. Frühsymptome einer akuten Vergiftung sind Miosis, vermehrte Schweißproduktion, Bradykardie und Erbrechen. Spätsymptome treten nach zwölf bis 96 Stunden als nicotinartige Wirkungen mit Schwäche der Atem- und Extremitätenmuskulatur auf. Der Tod tritt durch Atemlähmung ein.

Bei symptomatischen Vergiftungen sollte so schnell wie möglich Atropin intravenös gegeben werden. Zusätzlich kann eine Antidottherapie mit Obidoxim (250 mg i. v. als Bolus, danach 750 mg über 24 Stunden) sinnvoll sein, aber nur, wenn die Erstdosis in den ersten sechs Stunden nach Vergiftung gegeben werden kann [1].

Der Hersteller informierte darüber, dass das Präparat Toxogonin® aufgrund einer Verzögerung in der Produktionskampagne derzeit nur eingeschränkt lieferbar ist [2]. Im Fall einer akuten Vergiftung, die mit Obidoxim behandelt werden muss, soll umgehend die Merck Serono GmbH (Tel: 0800/4288373) kontaktiert werden, um den Patienten mit Toxogonin® aus der Notfallreserve zu versorgen. Laut Fachinformation soll auch bei verzögertem Beginn der Therapie innerhalb der ersten Woche nach der Vergiftung noch eine Reaktivierung der Acetylcholinesterase erwartet werden können [3]. Die arbeitsmedizinische Leit­linie gibt andere Empfehlungen. |

Quelle

[1] Arbeitsmedizinische Leitlinie: Arbeiten unter Einwirkung von organischen Phosphorverbindungen, AWMF-Register Nr. 002/022

[2] Arzneimittelinformation der Firma Merck vom 28. Juli 2016

[3] Fachinformation Toxogenin®, Stand: November 2015

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