Arzneimittel und Therapie

Gefährdet Magenschutz die Niere?

Protonenpumpeninhibitoren erhöhen eventuell das Risiko chronischer Nierenerkrankungen

Protonenpumpeninhibitoren gelten als relativ gut verträglich und werden häufig verschrieben. Jedoch kritisieren Experten die zunehmend sorglose Anwendung der Substanzklasse in der Praxis. Eine retrospektive Kohortenstudie assoziiert nun deren Anwendung mit einem erhöhten Risiko an chronischen Nierenerkrankungen.
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Protonenpumpeninhibitoren sind mit einer erhöhten Rate an chronischen Nierenerkrankungen assoziiert.

Protonenpumpeninhibitoren (PPI) sind die effektivsten Arzneistoffe zur Hemmung der Magensäuresekretion. Daher sind sie bei der Behandlung von Säure-assoziierten Erkrankungen Mittel der ersten Wahl. Einige Vertreter sind bereits rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Jedoch drohen bei langfristiger Anwendung zum Teil schwerwiegende Nebenwirkungen, wie Magen-Darm-Infektionen und Hüftfrakturen, denn die potente Hemmung der Magensäureproduktion fördert das Überleben von Bakterien oder erschwert die Resorption von Calcium. Magnesium-Mangel, akute interstitielle Nephritis oder akutes Nierenversagen, die ebenfalls unter der Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren beschrieben worden sind, können zu chronischen Nierenerkrankungen führen.

Ob die Anwendung von Protonenpumpeninhibitoren tatsächlich mit einem erhöhten Risiko für chronische Nierenerkrankungen assoziiert ist, wurde nun in einer Kohortenstudie untersucht [1]. US-amerikanische Forscher der John Hopkins University, Baltimore, Maryland, haben hierzu die Datensätze von 10.482 Patienten der ARIC (Atherosclerosis Risk in Communities)-Studie sowie von 248.751 Personen des Geisinger Health Systems untersucht.

ARIC-Studie

Von 322 beobachteten Patienten in der ARIC- Studie unter Protonenpumpeninhibitoren-Therapie entwickelten 56 eine chronische Nierenerkrankung, was einer Inzidenzrate von 14,2 Erkrankungen pro 1000 Personenjahren entspricht. Demgegenüber erkrankten 1382 von 10.160 Personen ohne Gebrauch von PPI an chronischem Nierenversagen, was einer Rate von 10,7 pro 1000 Personenjahren entspricht. Demnach erhöht die Anwendung von Protonenpumpeninhibitoren in einem Zeitrahmen von etwa zehn Jahren das Erkrankungsrisiko von 8,5% auf 11,8%.

Geisinger Health System

Die Auswertung des Geisinger Health Systems bestätigte diese Assoziation. Von 16.900 mit Protonenpumpeninhibitoren therapierten Patienten erkrankten 1921 an einem chronischen Nierenleiden, von 231.851 nicht mit PPI therapierten Patienten erkrankten 28.226. Es ergaben sich Inzidenzraten von chronischen Nierenerkrankungen von 18,3 Erkrankungen pro 1000 Personenjahren bei Patienten ohne Anwendung von PPI und 20,1 pro 1000 Personenjahren unter PPI-Therapie. Auch zeigte sich, dass Personen mit einer zweimal täglichen Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren ein höheres Risiko besaßen als Patienten mit einer einmal täglichen Anwendung. Interessanterweise führte die Anwendung der weniger potenten H2-Blocker nicht zu einem erhöhten Risiko für chronische Nierenschädigungen.

Bislang nur Assoziation gezeigt

Natürlich erlaubt das retrospektive Studiendesign keine endgültige Aussage darüber, ob Protonenpumpeninhibitoren tatsächlich die Niere schädigen, weshalb die Forscher zunächst fordern, dass zukünftig untersucht werden sollte, ob ein restriktiver Einsatz von PPI ebenso mit einer Reduktion der Inzidenzrate einhergeht. Dennoch heizen die hier gezeigten Ergebnisse die Diskussion um eine allzu sorglose Anwendung der PPI im Alltag weiter an.

PPI-Einsatz sorgfältig abwägen

Sollten Protonenpumpeninhibitoren, wie seit einiger Zeit vermutet, tatsächlich das Auftreten von akuten und chronischen Nierenerkrankungen, Magen-Darm-Infektionen oder Hüftfrakturen fördern, so ist stets ein sorgfältiges Abwägen des Nutzen-Risiko-Verhältnisses zu empfehlen [2]. Bei Patienten mit Ulzerationen oder schweren Dyspepsien sind Protonenpumpeninhibitoren trotz möglicher Nebenwirkungen definitiv anzuwenden. Bei zwingend langfristiger Einnahme wäre zudem ein entsprechendes Monitoring indiziert. Bei Patienten mit weniger schwerwiegenden Erkrankungen könnte jedoch die kurzfristige Gabe von H2-Inhibitoren oder eine einfache Umstellung der Lebensgewohnheiten bereits zielführend sein. Für die Apotheke empfiehlt es sich vor allem, die Abgabe von Protonenpumpeninhibitoren in der Selbstmedikation stets zu hinterfragen und auf die möglichen Risiken, vor allem bei längerfristiger Anwendung, aufmerksam zu machen.

Ursachen genauer abklären

Entscheidende Faktoren für die mögliche Entwicklung von Nierenschäden unter Protonenpumpeninhibitoren-Therapie sind zudem individuelle Komorbiditäten sowie die Einnahme weiterer Arzneimittel. Protonenpumpeninhibitoren werden beispielsweise oftmals prophylaktisch im Rahmen einer Behandlung mit nicht steroidalen Antirheumatika verschrieben, einer Substanzklasse, die bekanntermaßen die Nierenfunktion negativ beeinflussen kann. Es bleibt also abzuwarten, ob die Protonenpumpeninhibitoren alleine ursächlich für die hier beschriebenen Assoziationen sind, oder ob die Krankheitsentstehung auf einem multifaktoriellen Geschehen beruht. |

Quelle

[1] Lazarus B et al. Proton Pump Inhibitor Use and the Risk of Chronic Kidney Disease. JAMA Intern Med 2016, online veröffentlicht 11. Januar 2016

[2] Schoenfeld A J, Grady D. Adverse Effects Associated With Proton Pump Inhibitors. JAMA Intern Med 2016, online veröffentlicht 11. Januar 2016

Apotheker Dr. André Said

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