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Phytoforschung

Kümmel – mehr als ein Gewürz!

Potenzial als Antiadipositum und Bioenhancer

Kümmel gehört zu den bekanntesten Gewürzen. Er ist aber auch seit dem Mittelalter eine anerkannte und vielgenutzte Droge in der Human- und Tiermedizin. Aktuelle Studien bestätigen seine Wirksamkeit und eröffnen sogar neue Indikationen. Vor diesem Hintergrund hat der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde den Kümmel zur Arzneipflanze des Jahres 2016 gewählt. | Von Matthias F. Melzig

Inhaltsstoffe

Carum carvi (Apiaceae) ist die Stammpflanze der im Europäischen Arzneibuch monografierten Drogen Carvi fructus (Kümmel) und Carvi aetheroleum (Kümmelöl). Die Kümmelfrüchte enthalten ca. 3 – 8% ätherisches Öl (> 30 ml/kg Droge). Sie stammen heute fast ausschließlich aus Anbaukulturen und werden v. a. aus Polen, den Niederlanden, Ungarn und Ägypten importiert. Die Droge ist phytochemisch gut untersucht. Hauptbestandteil des pharmakologisch aktiven ätherischen Öls ist Carvon (50 – 65%) neben Limonen (35 – 45%) und geringen Anteilen trans-Dihydrocarvon und trans-Carveol. Die Droge enthält darüber hinaus Phenolcarbonsäureester, Flavonoide, Furanocumarine (in Spuren), fettes Öl (10 – 22%), Proteine (ca. 25%) sowie Polysaccharide (keine Stärke) [2].

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Blütenstand und Fruchtstand des Kümmels.

Traditionelle Anwendungsgebiete

Aus der Volksheilkunde stammend, wird der Kümmel heute in ganz Europa bei Verdauungsproblemen, besonders bei leichten krampfartigen Beschwerden im Magen- und Darmbereich, bei Blähungen und Völlegefühl eingesetzt [1]. Daher gibt es auch mehrere entsprechende Fertigzubereitungen (Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel). Obwohl keine neueren klinischen Studien im Sinne der Evidenz-basierten Medizin vorliegen, steht die Wirksamkeit von Kümmel außer Frage.

Kümmel wird als Teedroge einzeln oder in Teemischungen, z. B. im Blähungstreibenden Tee (NRF 6.4.) oder in Magen- und Darmtees (NRF 6.11. und 6.12.), verwendet. Auch bei nervösen Herz- und Magenbeschwerden, z. B. dem Roemheld-Syndrom (reflektorische Herzbeschwerden, die durch Gasansammlungen im Darm und im Magen hervorgerufen werden), sind Kümmelzubereitungen wirksam, was ihnen einen Platz in der traditionellen Phytotherapie sichert.

Kümmelöl wird innerlich und äußerlich eingesetzt. Als 10%ige Lösung in Olivenöl wird es bei Blähungen und Bauchschmerzen von Säuglingen und Kleinkindern mit gutem Erfolg lokal appliziert. Zudem ist Kümmelöl ein Bestandteil des Vier-Winde-Öls, das auch Anis-, Fenchel- und Korianderöl enthält und vor allem bei den Dreimonatskoliken lokal an­gewendet werden kann [3].

Unbedenklichkeit

Bei bestimmungsgemäßer Anwendung der Droge zur Teebereitung besteht kein toxikologisches Risiko. Im Tierversuch sind Carvon und Limonen sogar in der Lage, die Glutathion-S-Transferase (GST) zu induzieren [4]. Dieses Enzym hat Bedeutung bei der Inaktivierung von reaktiven Radikalen und wird allgemein als ein wichtiges Element zur Verhinderung von Mutationen und Tumorerkrankungen angesehen. Neuere tierexperimentelle Untersuchungen bestätigen diese Befunde [5]. Die akute und chronische Toxizität von Kümmelfrüchten und Kümmelöl wird als gering eingeschätzt [6].

Anwendung bei Adipositas …

In den letzten Jahren wurden Untersuchungen publiziert, die das therapeutische Potenzial des Kümmels breiter erscheinen lassen als bisher gedacht. Dazu gehört der aktuelle Nachweis der appetithemmenden Wirkung eines wässrigen Kümmelextraktes im Rahmen einer Placebo-kontrollierten Studie mit 70 Probandinnen über 90 Tage [7]. Bereits vor drei Jahren war die Wirksamkeit eines Kümmelextraktes bei Adipositas in einer kleinen Patientenstudie festgestellt worden [8]. Kümmel und Kümmelextrakte werden in einigen asiatischen Ländern seit langer Zeit traditionell zur Behandlung von Stoffwechselstörungen eingesetzt [9]. Die vorliegenden klinischen Daten stützen diese volksmedizinische Anwendung ebenso wie tierexperimentelle Studien zur Beeinflussung des Lipid- und Kohlenhydratstoffwechsels durch Kümmel [10].

… und als Bioenhancer

Ein interessantes Forschungsfeld ist gegenwärtig auch die Suche nach pflanzlichen „Bioenhancern“, d. h. Wirkstoffen, die die Wirksamkeit von etablierten Arzneimitteln verstärken. Solch eine Wirkung wurde in einer Humanstudie mit Kümmelextrakt nach der Applikation der Antibiotika Rifampicin, Isoniazid und Pyrazinamid beobachtet. So konnten ein Anstieg der Plasmaspiegel sowie bei Pyrazinamid eine Verbesserung der Bioverfügbarkeit nachgewiesen werden, was die Autoren der Studie als vorteilhaft für eine Tuber­kulosebehandlung bewerteten [11]. Theoretisch könnten Bio­enhancer einen Beitrag zur Therapieoptimierung mit einfachen Mitteln leisten. Hier sind aber sicher weitere Anstrengungen notwendig, um Angaben zu ihrer Sicherheit und Effektivität zu gewinnen. |

Literatur

 [1] ESCOP. Carvi fructus / Caraway Fruit. In: ESCOP Monographs, 2nd ed 2003, Thieme, Stuttgart

 [2] Teuscher E. Gewürzdrogen – Handbuch der Gewürze, Gewürz­kräuter, ihrer ätherischen Öle und der Gewürzmischungen. WVG, Stuttgart 2003: 201-205

 [3] Schilcher H, Kammerer S, Wegener T. Leitfaden Phytotherapie. 4. Aufl. 2010, Elsevier, München: 199-200

 [4] Zheng G, Kenny PM, Lam LKT. Anethofuran, carvone, and limonene: potential cancer chemopreventive agents from dill weed oil and ­caraway oil. Planta Med 1992;58:338-341

 [5] Naderi-Kalali B, et al. Suppressive effects of caraway (Carum carvi) extracts on 2,3,7,8-tetrachloro-dibenzo-p-dioxin-dependent gene expression of cytochrome P450 1A1 in the rat H4IIE cells. Toxicol In Vitro 2005;19:373-377

 [6] WHO. (+) and (–)-carvone. In: Toxicological evaluation of certain food additives and contaminants. WHO Food Additives Series 28. WHO, Geneva 1991: 155-167

 [7] Kazemipoor M, et al. Slimming and Appetite-Suppressing Effects of Caraway Aqueous Extract as a Natural Therapy in Physically Active Women. Phytother Res 2016;30:981-987

 [8] Kazemipoor M, et al. Antiobesity effect of caraway extract on overweight and obese women: a randomized, triple-blind, placebo-controlled clinical trial. Evid Based Complement Alternat Med; Epub 10.11.2013

 [9] Nasser M, Tibi A, Savage-Smith E. Ibn Sina‘s Canon of Medicine: 11th century rules for assessing the effects of drugs. J Royal Soc Med 2009;102:78-80

[10] Johri RK. Cuminum cyminum and Carum carvi: An update. Pharmacogn Rev 2011;5(9):63-72

[11] Choudhary N, et al. Preliminary safety evaluation and biochemical efficacy of a Carum carvi extract: results from a randomized, triple-blind, and placebo-controlled clinical trial. Phytother Res 2014;28:1456-1460

Autor

Prof. Dr. Matthias F. Melzig,

Professor für Pharmazeutische Biologie an der Humboldt-Universität zu Berlin von 1996 bis 2002, seitdem an der Freien Universität Berlin.

Institut für Pharmazie, Königin-Luise-Str. 2+4, 14195 Berlin

autor@deutsche-apotheker-zeitung.de

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