Prisma

Umweltbakterium gegen Colitis

Immunisierte Mäuse erkranken seltener an Stressfolgen

cae | Eine Impfung mit abgetöteten Umweltbakterien könnte psychosomatischen Erkrankungen aufgrund von Stress vorbeugen. Darauf deuten Tierversuche hin.
Foto: Uniklinikum Ulm
Drei gestresste, verängstigte Mäuse drücken sich unterwürfig an die Wand.

Mycobacterium vaccae kommt im Boden und „Dreck“ vor und lebt von organischem Abfall (saprophytisch). Es ist nicht pathogen, obwohl es mit den Erregern der Lepra und der Tuberkulose nah verwandt ist. Seinen Artnamen erhielt es, weil es zuerst in Kuhdung isoliert wurde. Von dem lateinischen Wort „vacca“ (Kuh) ist auch „Vakzin“ abgeleitet, denn das erste Vakzin stammte von Kühen mit Kuhpocken. Aufgrund der Bauernhof-­Hypothese, dass der intensive Kontakt mit vielen Mikroorganismen in der Kindheit vor Allergien im späteren Leben schützt, wurden schon vor 30 Jahren Impfungen mit abgetötetem V. vaccae erprobt, die allerdings nicht zur Entwicklung von zugelassenen Präparaten führten. Später wurde ­bekannt, dass solche Impfungen im Zentralnervensystem die Serotonin- und Noradrenalinspiegel erhöhen und die Bildung von neuen Nervenzellen stimulieren. Die Bauernhof-Hypothese wurde deshalb um den Aspekt er­weitert, dass übertriebene Hygiene auch Depressionen im Alter fördern kann.

Nun haben Stefan Reber und Mitarbeiter an der Sektion für Molekulare Psychosomatik des Uniklinikums Ulm in einem kontrollierten Versuch an Mäusen herausgefunden, dass eine mehrmalige Impfung mit Hitze-inaktiviertem M. vaccae die Widerstandskraft (Resilienz) gegen Stress stärkt: Junge Männchen kamen in einen Käfig mit einem alten, dominanten Männchen. In der Kontrollgruppe verhielten sich die jungen Männchen sehr unterwürfig und erkrankten an einer Colitis, die auf eine Änderung der Darmmikrobiota zurückzuführen war; in der Testgruppe hingegen waren die gestressten Mäuse mutiger und blieben gesund. Auch im Elevated-plus-maze-Test, der ängstliches Verhalten misst, erwiesen sich die behandelten Mäuse als mutiger. Bei Mäusen mit Reizdarmsyndrom verstärkte Stress die Beschwerden nur bei denjenigen Mäusen, die nicht mit M. vaccae immunisiert worden waren. – Die Autoren sehen eine Chance, auch Menschen, die (potenziell) starken psychischen Belastungen ausgesetzt sind, vorbeugend mit M. vaccae zu behandeln. |

Quelle

Reber SO, et al. Immunization with a heat-killed preparation of the environmental bac­terium Mycobacterium vaccae promotes stress resilience in mice. Proc Natl Acad Sci 2016;113(22):E3130-E3139

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