Thema Tattoo

Achtung, frisch gestochen!

Gesundheitsrisiken durch Piercings und Tattoos

Von Ines Winterhagen | Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind Piercings äußerst populär, Tattoos erfreuen sich auch bei Älteren großer Beliebtheit. Doch nur wenige kennen die gesundheitlichen Gefahren. Bis zu 30% der Piercings und Tattoos führen zu Komplikationen. Betroffene haben vor allem mit schmerzhaften Entzündungen, allergischen Reaktionen oder anhaltenden Infektionen zu kämpfen. Hier lässt sich bereits im Vorfeld mit wichtigen Hygienemaßnahmen vorbeugen. Eine gute Nachbehandlung und Pflege sorgt dafür, dass die Freude am Körperschmuck lange währt.

Körperschmuck mit Nebenwirkungen

Jedes Piercing oder Tattoo birgt das Risiko einer bakteriellen oder viralen Wundinfektion. Daher kommt neben der Arbeitsweise des Piercers bzw. Tätowierers der Hygiene und der sorgfältigen Pflege eine besondere Rolle zu. In Deutschland hat der Arbeitskreis für Krankenhaushygiene eine umfassende Empfehlung zu den „Anforderungen der Hygiene beim Tätowieren und Piercen“ verabschiedet. Aber noch immer garantieren nicht alle Tattoo- und Piercingstudios strengste sterile Bedingungen. Eine mangelhafte Hygiene stellt nach wie vor die häufigste Infektionsursache beim Tätowieren und Piercen dar. Unter dem invasiven Stechvorgang entstehen Verletzungen der Haut und somit Eintrittspforten für verschiedene bakterielle oder virale Krankheitserreger. Streptokokken oder Staphylokokken verursachen oberflächliche Hautinfektionen, die häufig innerhalb der ersten Tage nach dem Eingriff auftreten. Darüber hinaus kann es zu tiefen Hautinfektionen wie z. B. Wundrose, Zellgewebsentzündungen oder Gangrän bis hin zur Sepsis kommen. Mitunter droht auch eine bakterielle Endokarditis. Über eine virale Infektion werden nicht nur Humane Papillomaviren, sondern auch HI-Viren sowie Erreger der Hepatitis B und C übertragen. Als Vorsichtsmaßnahme dürfen frisch tätowierte oder gepiercte Personen vier Monate lang kein Blut spenden.

Neben den zahlreichen Wundinfektionen können Wundheilungsstörungen mit übermäßiger Narben- und Keloid-Bildung und entzündungsbedingte, knotenartige Gewebsneubildungen, sogenannte sarkoide Granulome, auftreten. Zu den typischen Symptomen direkt nach dem Tätowieren zählen starker Juckreiz, Hautrötungen, Ödeme, Brennen und Blutungen. Unter Tattoos können sich verschiedene Tumore bilden. Melanome und Basalzellkarzinome überwiegen vor allem in dunklen – schwarzen oder dunkelblauen – Tattoos, Plattenepithelkarzinome, Keratoakanthome und gutartige pseudoepitheliomatöse Hyperplasien wurden eher in roten Tattoos gefunden. Auch weitere Hauterkrankungen wie die Schuppenflechte können sich durch das Tätowieren manifestieren. Hier wandeln sich die entstandenen Hautverletzungen spontan in psoriatische Läsionen um (Koebner-Phänomen).

Foto: Stephane Bonnel – Fotolia.com

Schwimmen ist ebenso tabu, wenn das Tattoo frisch ge­stochen wurde, wie langes Duschen.

Unverträglichkeitsreaktionen durch Farbpigmente und Schmuckmaterialien

Beim Tätowieren werden Farbpigmente in die Haut eingebracht. Diese können eine Reihe von sensibilisierenden Inhaltsstoffen enthalten, unter anderem Schwermetalle wie Chrom, Kobalt und Nickel oder organische Pigmente, z. B. Azo-Farbstoffe (siehe Beitrag „Ornamente mit Risiken - Gesundheitsgefahren durch Tattoos, Permanent Make-up und Detätowierung“ auf S. 36 in dieser DAZ). Hypersensibilitätsreaktionen sind vor allem mit roten Tätowiermitteln assoziiert. Sie treten meist verzögert auf und äußern sich in Form von Ekzemen, Pseudolymphomen, Hautflechten oder Kontakturtikaria. Als Reaktion auf gelbe Pigmente in Tätowiermitteln kam es wiederholt zu Fotodermatosen. Verantwortlich hierfür wurde Cadmiumsulfid gemacht, das laut deutscher Tätowiermittelverordnung nicht in Tattoofarben enthalten sein sollte.

Auch die beim Piercen verwendeten Schmuckstücke enthalten oft allergieauslösendes Nickel. Anzeichen für eine Nickelallergie sind Rötungen, Juckreiz und Pusteln. In diesem Fall sollte der Schmuck sofort entfernt werden. Bei der Auswahl der einzusetzenden Schmuckstücke ist präventiv zu berücksichtigen, dass gut verträgliche Materialien wie Titan, nickelfreier Stahl oder Gold zum Einsatz kommen.

Besondere Komplikationen beim Piercen

Die Komplikationsrate bei Piercings liegt höher als bei Tätowierungen und hängt im Wesentlichen ab von der Lokalisation, dem verwendeten Material, der Erfahrung des Piercers, den hygienischen Bedingungen beim Piercen und der Nachsorge. In der Altersgruppe von 16 bis 24 Jahren sind einer Studie zufolge Zungen-, Genital- und Brustwarzenpiercings am komplikationsreichsten, gefolgt von Piercings an Bauchnabel, Ohr und Nase.

Foto: Dr. P. Marazzi/SPL/Agentur Focus

Beim Piercen kann es direkt oder einen Tag nach dem Stechen zu Komplikationen kommen, die oft auf eine unzureichende Hygiene zurückzuführen sind.

Zu den unmittelbaren Risiken beim Piercen zählen Ödeme, Blutungen oder lokale Infektionen, Ausrisse, Allergien, überschießende Narbenbildung und Fremdkörpergranulome. Beim Penispiercing kann es zu Verletzungen von Nerven und größeren Blutgefäßen kommen, ebenso zu Urethrarupturen sowie zu aufsteigenden Infektionen, die bis zur Sterilität führen. Intimpiercings können zudem Kondome beschädigen und Verletzungen beim Geschlechtsverkehr verursachen. Eine mögliche Komplikation von Piercings an der Brust sind Verwachsungen der Milchdrüsengänge mit Laktationsstörungen bei Frauen. Auch Abszesse treten auf, die meist eine systemische Antibiotikatherapie und häufig auch eine Operation erfordern.

Komplikationsträchtig am Ohr sind vor allem multiple und „hohe“ Piercings, die den Knorpel perforieren. Die Behandlung einer Infektion am Ohrknorpel ist schwierig und muss mitunter chirurgisch erfolgen. Es kann zu Dauerschäden mit Teilnekrosen des Ohrknorpels und bleibenden Verformungen kommen. Auch beim Nasenpiercing droht die Gefahr von Knorpelhautentzündung und Abszessbildung. Orale Piercings, die meist an Lippen, Lippenbändchen, Zunge oder Wange gesetzt werden, verursachen aufgrund einer mechanischen Belastung durch die Metallteile häufig dauerhafte Schäden an Zahnfleisch und Zähnen. Es bilden sich feine Risse im Zahnschmelz. Kälte- und Hitzeempfindlichkeit, Reizungen des Zahnnervs oder Karies sind die Folge. Durch das Einstechen in Zunge oder Lippen können Nervenbahnen irreparabel beschädigt werden. Besonders beim Zungenpiercing kommt es häufig zu längeren Blutungen und großen Hämatomen bis hin zu Obstruktionen der oberen Luftwege. Bei massiven Schwellungen der Zunge ist eine Intubation oder ein Luftröhrenschnitt zu erwägen. In Notfallsituationen muss der Piercing-Schmuck sofort entfernt werden, ebenso bei geplanten Operationen.

Die richtige Pflege und Nachbehandlung

Sowohl das Piercing als auch die Tätowierung erfordern bis zur vollständigen Wundheilung eine strikte Nachsorge und Pflege. Hierzu gehören die fachgerechte Reinigung, konsequente Desinfektion (z. B. mit Octenisept®) und Wundversorgung. Je nach Größe des Tattoos dauert der Heilungsprozess zwei bis vier Wochen. Beim Piercing kann bis zu einem Jahr vergehen, bis der Stichkanal abgeheilt ist (siehe Kasten). In dieser Zeit darf die Hygiene nicht vernachlässigt werden. Tätowierer decken das Tattoo bisweilen mit einer Frischhaltefolie ab. Darunter staut sich allerdings schnell Feuchtigkeit und Wärme, es kann sich eine feuchte Wundkammer bilden. Die Folie sollte nach zwei bis drei Stunden entfernt werden. Rückstände der Tinte sind dann mit klarem Wasser ohne parfümierte Seife oder Duschgel abzuspülen. Die noch empfindliche Hautpartie kann mit einer Mullkompresse unter sanftem Druck abgetupft werden (nicht reiben!). Zur Vermeidung von Schmutz und Infektionen ist in den ersten Tagen eine Wundabdeckung wichtig. Atmungsaktive, wasserdichte Folienverbände (z. B. Suprasorb® F, Fixomull® transparent) schützen die Wunde vorübergehend beim Duschen und vor dem Kontakt mit Kleidung. Nur falls das Tattoo an mechanisch beanspruchter Stelle sitzt, sollte der Verband länger verbleiben, aber regelmäßig gewechselt werden.

Heilungszeiten von Piercings

  • Augenbrauen: sechs bis acht Wochen
  • Lippen: zwei bis drei Monate
  • Zunge: vier Wochen
  • Nasenflügel: zwei bis vier Monate
  • Bauchnabel: ein bis zwölf Monate
  • Brustwarzen: sechs bis 32 Wochen
  • Schamlippen: vier bis zehn Wochen
  • Penis: vier bis sechs Wochen

Nach Entfernen des Folienverbands muss das Tattoo regelmäßig mit einer fettenden Creme (Produkte auf Panthenol-Basis, z. B. Bepanthen®) behandelt werden. Ein Piercing sollte bis zur Abheilung nur mit desinfizierten Fingern berührt werden. Je nach Körperstelle ist es sinnvoll, die Stichstelle beim Heilen durch ein Pflaster zu schützen. Treten Komplikationen auf, ist unbedingt ein Arzt aufzusuchen. Bei Entzündungen sollte der Schmuck entfernt werden. Auch nach der Abheilung ist ein Kontakt mit scheuernder Kleidung oder ein „Hängenbleiben“ des Schmuckstücks zu verhindern. Beim Sport sollten alle Ringe und Stifte herausgenommen oder überklebt werden. Im oralen Bereich empfehlen sich Spülungen mit einem Mundantiseptikum und das Kühlen der Schwellungen mit Eiswürfeln. Für zwei Wochen sollte möglichst auf Alkohol, Nicotin sowie auf scharf Gewürztes verzichtet werden.

Pflegetipps für Tattoos

  • Das frische Tattoo möglichst nicht berühren. Vor Versorgung der Wunde gründlich die Hände waschen und desinfizieren.
  • Waschen und Reinigen des Tattoos nur mit reinem Wasser, nicht mit Seife oder Duschgel (Parfümstoffe!).
  • Folie - ja oder nein? In den ersten zwei bis drei Tagen sollte man beim Schlafen und dem Tragen von Kleidung an der tätowierten Hautstelle einen Folienverband anlegen - zum Schutz vor Schmutz bzw. Fusseln und Ankleben. Ein längeres Tragen ist nicht ratsam (Wärme- und Feuchtigkeitsstau). Nach dem Entfernen des Folien­verbands muss das Tattoo gereinigt und eingecremt werden.
  • Cremen ist das A und O in der Heilphase eines Tattoos (regelmäßig, drei- bis fünfmal täglich). Zu häufiges, dickes Auftragen von Creme kann zum Aufweichen der Haut mit Farbverlust oder Pustelbildung führen. Zu wenig Pflege verursacht eine Kruste auf dem Tattoo, die einreißen oder aufplatzen kann und ebenfalls Farbverlust oder sogar Vernarbung bewirkt.
  • Baden oder langes Duschen vermeiden: Das Tattoo kann aufweichen. Nach dem Waschen vorsichtig abtupfen, nicht rubbeln! Kein Baden im Meer, in Seen oder Frei-/Hallenbädern: Wundinfektionen drohen.
  • Schweiß und Schmutz in der Wunde verhindern: Wunde möglichst sauber halten und vorerst auf Sport und schweißtreibende Aktivitäten verzichten.
  • Keine starke Sonne oder Solarium: Direkte Sonneneinstrahlung vermeiden, da die frische Farbe sonst verblasst und es auf der wunden, dünnen Haut leicht zu einem Sonnenbrand kommen kann (Abschälen der Haut inklusive Tattoo).
  • Nicht kratzen! – dies beschädigt das Tattoo.
  • Keine fusselnde oder zu enge Kleidung an der tätowierten Stelle tragen.
  • Festgeklebte Kleidung kann an der betroffenen Stelle mit lauwarmem Wasser eingeweicht und dann langsam und vorsichtig wieder vom Tattoo abgelöst werden.

Vorsicht: Wasser, Schweiß, Sonne

Besuche im Schwimmbad, im Fitness-Studio oder in der Sauna sind mit einem frischen Tattoo tabu. Auch auf ein Vollbad und schweißtreibenden Sport sowie auf Geschlechtsverkehr bei Intimpiercing ist zwei Wochen zu verzichten. Intensive Sonnenstrahlung und Solarium müssen für vier Wochen gemieden werden, da die gereizte Haut sich sonst schnell entzündet und ein Sonnenbrand entsteht. Während der Abheilungsphase sollten zudem starke Belastungen der betroffenen Hautpartie unterbleiben. |

Literatur

Antoszewski B, Sitek A, Jedrzejczak M, Kasielska A, Kruk-Jeromin J. Are body piercing and tattooing safe fashions? Eur J Dermatol 2006;16(5):572-575

Bethke G, Reichart PA. Risiken des oralen Piercings. Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, March 1999;3(2):98-101

Sigmund-Schultze N. Unter die Haut: Körperschmuck mit Risiken. Dtsch Ärzteblatt 2008;105(28-29):A1542-A1544

Hygiene. Hygieneanforderungen beim Tätowieren, Leitlinien zur Hygiene in Klinik und Praxis, Arbeitskreis „Krankenhaus- und Praxishygiene“ der AWMF, Stand Februar 2013, www.awmf.org

Anforderungen an Tätowiermittel bzw. Infektionsrisiken durch Tätowierungen, Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), www.bfr.bund.de

Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Hämotherapie), Bundesärztekammer 2010, www.bundesaerztekammer.de:

Informationen des Deutschen Roten Kreuz, www.drk.de

Autorin

Ines Winterhagen hat in Marburg Pharmazie studiert und ist seit der Approbation 2003 in der öffentlichen Apotheke tätig. Sie ist Fachapothekerin für Offizinpharmazie, Homöopathie und Naturheilkunde. In der Reihe „Beratungspraxis“, die im Deutschen Apotheker Verlag erscheint, schrieb sie die Bücher „Neurodermitis“ und „Psoriasis“. Sie ist Referentin und Mitglied im Weiter­bildungsausschuss der LAK Baden-Württemberg.

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1 Kommentar

Tattoo

von Janina Klintworth am 04.02.2020 um 10:12 Uhr

Kann sich auch eine Tätowierung ein Hämatom bilden

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