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Dauerbrenner Lieferengpässe

Diefenbach wertet erneut Defektlisten aus

BERLIN (ks) | Der Offenbacher Apotheker Hans Rudolf Diefenbach hat zum vierten Mal Defektlisten von Kollegen aus ganz Deutschland gesammelt. Die Auswertung lässt keinen Zweifel: Lieferengpässe sind und bleiben ein massives Problem für Apotheken und Patienten.
Foto: imago/Torsten Becker

Nicht vorrätig? Lieferengpässe von Arzneimitteln sind für Apotheken nach wie vor ein massives Problem. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Diefenbach legt bereits seit 2012 den Finger in die Wunde. Immer wieder wies er – auch in den Publikumsme­dien – darauf hin, dass auch in öffentlichen Apotheken Arzneimittel fehlten. Die Krankenhäuser hatten schon früher Alarm geschlagen. Anfang des Jahres hat Diefenbach erneut Apotheken bundesweit aufgefordert, ihm Listen mit den bei ihnen nicht lieferbaren Arzneimitteln zu schicken. 105 Listen aus 80 Apotheken gingen bei ihm ein, sie bilden die Engpässe von Januar bis in den April 2016 hinein ab.

Wie schon zuvor zählt Diefenbach konservativ: Jedes Präparat, das von einer Apotheke nicht bezogen werden konnte, gilt als ein einziger Defekt – auch wenn es über die Monate hinweg mehrfach und in unterschiedlichen Packungsgrößen nicht erhältlich war. Die wahren Zahlen seien daher in Wirklichkeit viel höher, betont er.

Um die Bandbreite der Engpässe deutlich zu machen, listet er die fehlenden Produkte nach Indikationsbereichen – in Anlehnung an das Lehrbuch von Professor Mutschler.

Unter den Neuroleptika fehlte Melperon Ratiopharm 200 ml 28 Mal. Bei den Antidepressiva sind gleich eine ganze Reihe von Produkten schwer verfügbar, etwa Amitriptylin. Es fehlte Neuraxpharm (29 Nennungen), Beta (14) und Mylan Dura (16). Ebenso defekt: Doxepin 1A Stärke 10 und 25 (26) und Doxepin Ratiopharm 10 und 25 (14). Escitalopram von Heumann wurde 13 Mal genannt. Ebenfalls betroffen: Mirtazapin und Opipramol von verschiedenen Herstellern.

16 Apotheken meldeten überdies Defekte für das Opioid-Analgetikum Tilidin 100/8 Ratio Tabletten.

Auch Antiepileptika sind betroffen: Gabapentin Aurobindo in verschiedenen Stärken wurde 20 Mal genannt, Levetiracetam in diversen Stärken und von verschiedenen Firmen sieben Mal.

Schilddrüsenhormone bleiben problematisch

Schon lange ein Problem, das seit fast eineinhalb Jahren zudem durch die Substitutionsausschlussliste verschärft ist, sind L-Thyroxin-Präparate. Auch hier sind diverse Firmen und unterschiedliche Stärken betroffen. Insgesamt meldeten 31 Apotheken Defekte, unter anderem bei Aristo, Hexal und 1A Pharma. Auch die L-Thyroxin-Tropfen in allen Größen von Henning bleiben ein Problem (11). Daneben wurde auch Jodinat von Aristo 13 Mal defekt gemeldet.

Ein Ärgernis sind auch fehlende Betablocker. So ist Metoprolol von diversen (Rabattvertrags-)Anbietern in der Stärke 200 nicht lieferbar. Auch Bisoprolol comp von ABZ wurde 15 Mal als Defekt genannt. Und nach wie vor einer der Defektspitzenreiter ist der Protonenpumpenhemmer Pantoprazol. Für Heumann gab es 30 Meldungen, für Aliud 21, jeweils Stärke 40.

Antibiotika fehlen

Diverse Engpässe gibt es überdies bei Antibiotika. Aus der Gruppe der Cephalosporine sind dies Cefaclor Basics Trockensaft (21), CEC Trockensaft Hexal (25), Cefaclor 1A Trockensaft (33) – jeweils in beiden Stärken 125 und 250. Zudem fehlt Cefixim – von Stada, Aliud und Ratiopharm in diversen Stärken. Clindamycin fehlt in der Stärke 300 von der Firma 1A (16) und Hexal (5). Auch Roxi 300 (Roxithromycin) von 1A Pharma wurde elf Mal defekt gemeldet.

Bei Insulinen gab es über einige Wochen Engpässe bei Sanofi: Insuman comb konnten 26 Apotheken nicht ­beziehen, Insuman Basal sogar 36.

Im Bereich der Virustatika fehlte Aciclovir von Aristo. In der Stärke 400 ­wurde es neun Mal als Defekt genannt, in der Stärke 800 zehn Mal.

Bei den Thrombozytenaggregationshemmern aus der Gruppe der P2Y12-Antagonisten gab es Probleme mit ­Brilique (Ticagrelor) in der 168-Stück-Packung. Diese gibt es oft nur direkt vom Hersteller AstraZeneca.

Bei den niedermolekularen Heparinen waren erhebliche Lieferschwierigkeiten diverser Importeure bei Clexane 40, 60 und 80 festzustellen. Zudem fehlten Atorvastatin und Simvastatin diverser Hersteller in der Größe 100 Stück. Ebenso Candesartan und Irbesartan von unterschiedlichen Herstellern in verschiedenen Stärken. Ebenso Ramipril – namentlich die Kombination mit HCT 5/25 von 1A Pharma.

22 Nennungen gab es zu Avamys-­Nasenspray (Fluticason) von GSK zur Therapie der allergischen Rhinitis. Von GSK fehlte zudem die Prostatafixkombi aus Dutasterid und Tamsulosin, Duodart (19). Viele Defekte gab es überdies bei Ophthalmika: Dexa Gentamicin, Kanamycin-POS und Gentamicin POS (Ursapharm), Dexagent ophthal (Dr.Winzer) und Infectogenta (infectopharm). Sie waren laut Diefenbach in praktisch jeder Apotheke defekt gemeldet. Hinzu kommen Non-Rx-Präparate. Dauerdefekt sind hier die Pankreasenzyme Kreon 25000 (13) und Kreon 40000 (15) von Mylan Healthcare. Auch das Johanniskraut-Präparat Laif 900 von Bayer Vital wurde 27 Mal defekt gemeldet. Pro Apotheke fehlten überdies mindestens zwei Impfstoffe – und zwar seit Monaten. Spitzenreiter mit 30 Nennungen war hier Havrix 1440 (Hepatitis A). Aber auch die Mehrfachimpfstoffe Boostrix, Infanrix Hexa, Pentavac, ­Repevax und Revaxis fehlten.

Massive Probleme in Kliniken

Auch in vielen Kliniken ist die Problematik offenbar weiterhin massiv, berichtet Diefenbach. Das in der Presse immer wieder genannte Beispiel Melphalan sei hier nur ein Beispiel. Es fehlt weit mehr, etwa Tygacil (Tigecylin) als Reserveantibiotikum. Es sei als Behandlungsoption bei multiresistenten gramnegativen Erregern nicht erhältlich. Keine Alternative gibt es laut Diefenbach auch bei Pendysin als Depotpenicillin bei rheumatischem Fieber. Die Arbeit der Anästhesisten beeinträchtigt überdies das Fehlen von Robinul (Glycopyrroniumbromid).

Last but not least ist Sondennahrung von Fresenius in Beuteln nicht verfügbar. Der Vorschlag der Firma, auf Glasflaschen umzusteigen sei leider nicht so leicht umzusetzen. Denn er führt zu weiteren Problemen: Der Entsorgungsweg ändert sich, Hilfsmittel und Überleitungsgeräte passen nicht mehr.

Diefenbach zieht aus seinen neuen Erkenntnissen ein ernüchterndes Resümee: Die Defekte steigen zurzeit wieder deutlich an und bewegen sich seit Beginn seiner Untersuchungen auf hohem negativem Niveau. Über die Gründe kann er nach wie vor nur spekulieren. Ehrliche Antworten gebe es selten. Die Industrie erkläre immer wieder, sie habe geliefert, der Großhandel habe aber nichts – wo die Ware geblieben ist, bleibt im Dunklen. Einen wesentlichen Anteil haben für Diefenbach dabei die Rabattverträge: Die Unternehmen müssen immer günstiger produzieren – und tun dies in der Regel „auf Kante“. Für den Apotheker sei es an der Zeit, dass die Politik der GKV die Macht kappt: „Die Apotheken brauchen mehr Freiheiten in der Auswahl von Medikamenten, nicht nur immer bei ‚preisgünstigen‘.“ Diefenbach fordert seine Kollegen auf, die „pharmazeutischen Bedenken“ stärker zu nutzen. Hier hätten die Apotheker die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. |

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