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Wie erklärungsbedürftige Verpackungen Patienten herausfordern

Nahrungsergänzungsmittel werden in verschiedenen Darreichungsformen angeboten und in vielfältigen Verpackungen auf den Markt gebracht. Die Verpackung ist mehr als eine reine Schutzhülle. Sie präsentiert das Produkt nach außen und soll die positiven Produktleistungen, Bestandteile und Inhaltsstoffe hervorheben sowie das Produkt von Konkurrenzangeboten differenzieren. Das Verpackungsdesign basiert oft auf den subjektiven Ideen von Designern und berücksichtigt nicht die praktische Beurteilung durch Verbraucher. So werden Ver­packungen angeboten, die dem Verbraucher intuitiv bekannt erscheinen. Bei näherer Betrachtung trügt dieser Schein, wenn das Verpackungsdesign andere Hand­habungsschritte erfordert als vom Verbraucher zunächst angenommen. | Von Myriam Braun-Münker, Felix Ecker, Annette Günther

In einer Studie des Fachbereichs Lebensmitteltechnologie der Hochschule Fulda wurde die Handhabbarkeit zweier Trinkfläschchen untersucht, die Vit­amin B12 enthalten: Jeweils 20 zufällig ausgewählte Personen zwischen 65 und 80 Jahren sollten jeweils ein Trinkfläschchen VitaKick®(Hersteller: tetesept Pharma GmbH) oder VitaSprint®(Hersteller: Pfizer Consumer Healthcare GmbH) öffnen. Die Zielgruppenprüfung wurde nach CEN/TS 15945 durchgeführt, eine DIN-Norm, die die Kriterien und Bewertungsverfahren für das leichte Öffnen von Verbraucherver­packungen festlegt.

Abb. 1: Verpackung und Einzelfläschchen von VitaKick® und VitaSprint®

Vitasprint® B12 Trinkfläschchen sind ein traditionelles Arzneimittel, das angewendet wird zur Besserung des Allgemeinbefindens, VitaKick® ist ein Nahrungsergänzungsmittel. Beide Trinkfläschchen haben ähnliche Abmessungen, verfügen aber über unterschiedliche Öffnungsmechanismen. Das VitaKick®-Trinkfläschchen ist 62 mm hoch, sein Durchmesser beträgt 24 mm, der Durchmesser des Drehverschlusses beträgt 20 mm. In der Pulverkammer im Deckel befinden sich die Nährstoffe Vitamin B12, Serin und Glut­amin. Vor dem Verzehr müssen die Nährstoffe mit der Flüssigkeit gemischt werden. Das Produkt ist in Faltschachteln zu sieben Trinkfläschchen mit jeweils 10 ml Flüssigkeit und Pulver im Handel. Das VitaSprint®-Trinkfläschchen ist 58 mm hoch, der Durchmesser von Fläschchen und Drehverschluss beträgt je 22 mm [Abb. 1]. Die Fläschchen werden in Faltschachteln zu zehn Trinkfläschchen mit jeweils 7 ml Flüssigkeit und Pulver angeboten. Die notwendigen Schritte zum Öffnen der Fläschchen zeigt die Abbildung 2.

Abb. 2: Öffnungsmechanismus VitaKick®Zum Öffnen des VitaKick®-Trinkfläschchens muss der Schraubdeckel zunächst im Uhrzeigersinn gedreht („zugeschraubt“) werden, damit das Vit­amin-B12-Pulver, das sich in einer Schutzkammer im Deckel befindet, freigegeben und durch Schütteln in der Flüssigkeit gelöst wird. Anschließend wird das Trinkfläschchen durch Drehen des Schraubverschlusses gegen den Uhrzeigersinn geöffnet und die fertige Lösung kann eingenommen werden.

Auch die Vitasprint® Trinkfläschchen bestehen aus einem Zweikammersystem. Vitamin B12 und Phosphonoserin liegen in gelöster Form im Fläschchen vor. In der zweiten Kammer, dem roten Stopfen, befindet sich Glutamin, das in gelöster Form relativ instabil ist und deshalb erst kurz vor der Anwendung gelöst wird. Erst durch das Herunterdrücken des Stopfens werden alle drei Inhaltsstoffe miteinander gemischt und die Trinklösung ist zur Einnahme bereit. Die Schritte zum Öffnen des VitaSprint®-Trinkfläschchens zeigt Abbildung 3.

Abb. 3: Öffnungsmechanismus VitaSprint® Zum Öffnen des VitaSprint®-Trinkfläschchens muss zunächst eine Lasche an der Oberseite des Verschlusses angehoben werden, anschließend kann die gesamte obere Verschlusskappe entfernt werden. Danach wird ein stempelförmiger Stopfen sichtbar, der nach unten gedrückt werden muss, damit das Glutamin-Pulver in die Flüssigkeit fallen und durch Schütteln in der Flüssigkeit gelöst werden kann. Nach Abheben des Deckels ist dann die Lösung gebrauchsfertig.

Die Prüfung gemäß CEN/TS 15945 erfolgt in drei Schritten. Zunächst werden Effektivität und Effizienz des Öffnungsvorgangs erfasst. Anschließend wurde die Zufriedenheit mit dem Öffnungsvorgang anhand einer Symbolskala mit Werten von +2 bis -2 abgefragt. Im ersten Prüfschritt wird die Effektivität des Öffnens erfasst, also ob die Verpackung beim ersten Öffnen – „auf Anhieb“ – korrekt geöffnet werden kann. Dafür erhält der Prüfteilnehmer eine Verpackung mit der Bitte, sich mit ihrem Öffnungsmechanismus vertraut zu machen und sie zu öffnen. Die Prüfung gilt dann als erfolgreich, wenn die Verpackung innerhalb von fünf Minuten geöffnet wurde. Der Prüfteilnehmer wird nicht über die Zeitbegrenzung informiert. Im zweiten Prüfschritt erhält der Teilnehmer eine zweite, identische Verpackung mit der Bitte, sie zu öffnen und eine Dosis zu entnehmen. Auch hier weiß der Prüfteilnehmer nichts von einer Zeitbegrenzung. Die Prüfung gilt dann als erfolgreich abgeschlossen, wenn Öffnen und Entnahme innerhalb einer Minute erfolgen. Diese Prüfung auf Effizienz bildet einen Lerneffekt beim Öffnungsvorgang ab. Außerdem muss die Zufriedenheit mit dem Öffnungsvorgang von allen Prüfteilnehmern mindestens mit „neutral“ bewertet werden. Wenn eine Verpackung die genannten Kriterien erfüllt, kann sie als „leicht zu Öffnen“ bezeichnet werden. Die Handbewegungen während des Öffnungsvorgangs wurden mittels Videoaufnahme dokumentiert, damit die Abläufe des Öffnens nachvollzogen und Muster erkannt werden können.

Die Prüfung der Verpackungen fand an öffentlichen Orten statt, wobei aufgestellte Sichtschutzwände die Privatsphäre der Teilnehmer sicherstellten. Da in der DIN-Norm CEN/TS 15945 keine verbindlichen Anforderungen an Prüfräume festgelegt sind und es auch keine verbindlichen Normen zur Größe von z. B. Tischen oder auch zur Beleuchtungsstärke in Privaträumen gibt, wurde in Anlehnung an die arbeitsrechtlichen Vorschriften zur Beleuchtung bzw. Abmessung von Arbeitstischen und zur besseren Vergleichbarkeit der Untersuchungen ein „Küchentisch-Szenario“ entwickelt. Dabei wurde auf eine angemessene Größe der Tische und ausreichende Beleuchtung geachtet, um ähnliche Untersuchungsbedingungen sicherzustellen, auch wenn die Tests an verschiedenen öffentlichen Orten wie Cafés durchgeführt wurden. Für jede der Prüfungen wurden zufällig 20 unterschiedliche Männer und Frauen im Alter zwischen 65 bis 80 Jahren ausgewählt. Die insgesamt 40 Prüfteilnehmer pflegten nach eigenen Aussagen einen autonomen Lebensstil, alterstypische Beeinträchtigungen führten nicht zum prospektiven Ausschluss. 80% der Teilnehmer, die VitaKick®-Fläschchen öffnen sollten, gaben an, Erfahrungen beim Öffnen mit identischen oder ähnlichen Verpackungen zu haben. 17 von 20 Prüfteilnehmern konnten die Trinkfläschchen von VitaKick® scheinbar öffnen, drei Frauen aus unterschiedlichen Altersgruppen brachen den Öffnungsversuch ab. Es zeigte sich, dass allerdings nur ein Teilnehmer das Trinkfläschchen auf dem vom Hersteller vorgesehenen Weg öffnen konnte, die anderen 16 Teilnehmer drehten das Fläschchen ohne Pulverzugabe wie eine handelsübliche Flasche gegen den Uhrzeigersinn auf und sahen die Lösung als gebrauchsfertig an, obwohl das Pulver sich noch in der Schutzkammer befand.

Vier von 20 Prüfteilnehmern gaben bei VitaSprint® an, identische oder ähnliche Verpackungen zu kennen; eine Person war sich unsicher. Dieser Verpackungstyp wurde somit nur von 25% der Prüfteilnehmer als bekannt eingestuft. 16 von 20 Prüfteilnehmern konnten die Verpackung scheinbar öffnen, vier Frauen aus unterschiedlichen Altersgruppen brachen den Öffnungsversuch ab. Lediglich zwei von 16 Personen öffneten die Verpackung auf dem vom Hersteller vorgesehenen Weg, so dass die gebrauchsfertige Lösung korrekt hergestellt wurde. Überwiegend wurde der Stempel des Stopfens als Greifhilfe wahrgenommen und die Flüssigkeit ohne Glutamin-Zusatz als gebrauchsfertig angesehen.

Abb. 4: Öffnungsvorgänge nach Altersgruppen Vergleich korrekte vs. fehlerhafte Öffnung

Hohe Fehlerquote

30 von 40 Prüfteilnehmern stellten die gebrauchsfertige Lösung nicht korrekt her und entsorgten die Nährstoffe mit der Verpackung. Sieben Prüfteilnehmer brachen ihre Öffnungsversuche der Trinkfläschchen ab. Lediglich drei von 40 Prüfteilnehmern haben das Nährstoff-Pulver vor dem geplanten Verzehr in die Lösung eingebracht. Die bei allen Prüfteilnehmern abgefragte Zufriedenheit mit dem Öffnungsvorgang ist nicht aussagekräftig, da fast keiner der Prüfteilnehmer die gebrauchsfertige Lösung korrekt herstellen konnte.

80% der Prüfteilnehmer mit Vita Kick® und 20% der Teilnehmer mit VitaSprint® gaben an, Erfahrungen beim Öffnen identischer oder ähnlicher Verpackungen zu haben. Allerdings verwechselten vier der 40 Prüfteilnehmer die Trinkfläschchen mit Augentropfen oder anderen Arzneiformen.

In der VitaKick®-Gruppe öffneten 15 von 16 Prüfteilnehmern, die vorab angaben, Erfahrungen mit dieser oder ähnlichen Verpackungen zu haben, die Verpackung falsch. Nur einer Person gelang die korrekte Öffnung im Rahmen der Prüfung der Effektivität des Öffnens. Da bei der anschließenden Prüfung der Effizienz diese Person die Trinkflasche aber falsch öffnete, kann vermutet werden, dass der erste Öffnungsvorgang lediglich zufällig richtig ausgeführt wurde und der Öffnungsmechanismus nicht erkannt wurde.

Nahezu alle Prüfteilnehmer, die die Trinkflasche falsch öffneten, drehten den Schraubverschluss klassisch gegen den Uhrzeigersinn auf. Wird VitaKick® auf diese Weise geöffnet, ohne den Deckel vorher im Uhrzeigersinn zu drehen, wird die Vitamin-Nährstoff-Mischung im Deckel nicht freigegeben. Das wertgebende Pulver wird also nicht eingenommen.

Das Verpackungskonzept von VitaKick® ist nach den vorliegenden Untersuchungsergebnissen für die Prüfteilnehmer nicht verständlich (siehe Abb. 5). Die Prüfteilnehmer bewerteten das Produkt relativ gut, weil sie das Fläschchen durch Drehen des Verschlusses leicht öffnen konnten. Allerdings fiel ihnen nicht auf, dass sie eine Lösung ohne Vitamin-Nährstoff-Mischung als anwendungsfertig einstuften.

Abb. 5: Öffnungsverhalten VitaKick®nach Bekanntheitsgrad

15 von 20 Prüfteilnehmern der VitaSprint®-Gruppe gaben an, das Verpackungskonzept nicht zu kennen, eine Person war sich unsicher. Vier Prüfteilnehmer (20%) hatten nach Selbstaussage Erfahrung beim Öffnen dieser oder ähnlicher Verpackungen. Zwei von 20 Prüfteilnehmern konnten das VitaSprint®-Trinkfläschchen auf dem vom Hersteller vorgesehenen Weg öffnen, dagegen öffneten 14 Prüfteilnehmer das Fläschchen falsch, vier Prüfteilnehmer gaben den Öffnungsversuch sogar auf. Bei VitaSprint® wurde der Pulverzylinder auf dem Flaschenhals als Originalitätsverschluss bzw. Greifhilfe für die Flüssigkeit wahrgenommen. Auf diese Weise verbleibt das Glutamin im Deckel und kann nicht eingenommen werden. Die Teilnehmer waren sich nicht bewusst, dass sie die Verpackung falsch geöffnet haben und damit einen wertgebenden Bestandteil des Trinkfläschchens nicht einnehmen.

Abb. 6: Öffnungsverhalten VitaSprint® nach Bekanntheitsgrad

Fazit

Nach den Vorgaben der Prüfnorm CEN/TS 15945 kann keines der beiden Trinkfläschchen als leicht zu öffnende Verpackung bezeichnet werden. Offenbar bevorzugen die Prüfteilnehmer selbsterklärende Verpackungskonzepte – alle 40 Teilnehmer versuchten zunächst, die Trinkfläschchen intuitiv zu öffnen. Die Prüfteilnehmer verglichen die Trinkfläschchen unbewusst mit bekannten Verpackungskonzepten und zogen falsche Analogieschlüsse.

Insbesondere das Verpackungskonzept von VitaKick® war den Prüfteilnehmern offensichtlich nur scheinbar bekannt. Das Trinkfläschchen lässt ein sofortiges Öffnen ohne Entleeren des Vitamin-Nährstoff-Mischung zu, die Flüssigkeit ohne Pulverzusatz wurde als verzehrfertig angesehen.

VitaSprint® war relativ vielen Prüfteilnehmern nicht bekannt, möglicherweise hat die Darstellung der Trinkampulle auf der Faltschachtel ohne die obere Abdeckkappe und mit deutlich sichtbarem Stempel zu diesen Einschätzungen beigetragen. Dennoch nahmen die Prüfteilnehmer den Stempel oft als Griff wahr, übersahen die Pulvermischung im Deckel und konnten die Verpackung nicht auf dem vorgesehenen Weg öffnen.

Beide Verpackungen hatten für die Prüfteilnehmer im Alter zwischen 65 bis 80 Jahren schwer verständliche Verpackungskonzepte. Da überwiegend die Nährstoffmischung als wertgebender Bestandteil schlicht verworfen wurde, besteht Handlungsbedarf zur Optimierung des Verpackungskonzeptes. Die Ergebnisse der Studie betonen, wie wichtig eine Beratung zur richtigen Anwendung bei der Abgabe solcher und ähnlicher Verpackungen ist. Die einfache Frage nach Bekanntheit des Produkts kann in die Irre führen, wenn der Anwender nicht weiß, wie eine Verpackung praktisch geöffnet werden soll. |

Literatur

Verpackung – Leichtes Öffnen – Kriterien und Prüfverfahren für die Bewertung von Verbraucherverpackungen. ONR CEN/TS 15945:2011 Beuth-Verlag, Berlin 2011

Chopra M, Frölich S, Schrenk D. Nahrungsergänzungsmittel – Wem sie wirklich nützen. Pharm Ztg 2010;23:14-21

Für wen ist Vitasprint B12? www.vitasprint.de, Stand 27. Oktober 2015;

B12 Vita-Kick®, Informationen von tetesept zu VitaKick®, www.tetesept.de

VitaSprint® B12 Trinkfläschchen, Gebrauchsinformation der Pfizer Consumer Healthcare GmbH

Autoren

Myriam Braun-Münker Studium der Pharmazie und der Lebensmittelchemie an der Universität Würzburg, staatlich geprüfte Lebensmittelchemikerin, seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet pharmazeutische Technologie an der Hochschule Fulda



Dr. Felix Ecker Studium der Pharmazie an der Universität Regensburg, Fachapotheker für Pharmazeutische Technologie, Tätigkeiten in Werken der Bayer AG in Deutschland, China und Mexiko, Verantwortlicher für Technical Innovation Management im OTC-Bereich Bayer HealthCare (USA), seit 2006 Professor für pharmazeutische Technologie an der Hochschule Fulda


Annette Günther Studium der Lebensmitteltechnologie an der Hochschule Fulda, B.Sc., Abschluss 2015

Hochschule Fulda, Fachbereich Lebensmitteltechnologie, Leipziger Str. 123, 36037 Fulda

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