Schwerpunkt Verhütung

Tabuthema Verhütung

Wie Sie ein heikles Thema ohne Peinlichkeit ansprechen

Von Kirsten Lennecke | Beratungsgespräche in der Apotheke drehen sich häufig um Themen, die in den Privatbereich fallen. Verhütung geht aber noch einen Schritt weiter, denn es betrifft den Intimbereich. Wie schafft man es, vertrauliche Gespräche zu einem heiklen Thema so zu führen, dass es für alle angenehm (und niemandem peinlich) ist?

Ertappen Sie sich auch dabei, bei der Belieferung eines „Pillenrezepts“ nur zurückhaltend zu beraten? Wenn wir entsprechende Patientinnen in der meist belebten Offizin ansprechen, ­reagieren sie oft abweisend. Oder haben Sie dem jungen Mann, der Kondome kaufen wollte eine Beratung angeboten? Gern stellen wir uns vor, dass beide, die ­Patientin und der junge Mann, keinen Beratungsbedarf hatten, denn mit dem Thema Verhütung ist schließlich jeder vertraut. Dass das nicht so ist, zeigen die Fälle von Verhütungspannen (siehe „Was tun bei Verhütungspannen?“ auf S. 41 in dieser DAZ). Wenn wir unsere Kunden und Patienten hier mit hilfreichen Informationen unterstützen, können solche „Unfälle“ verhindert werden.

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In ruhiger Atmosphäre in einer Beratungsecke ist auch ein Gespräch zu einem Thema wie Verhütung möglich.

Worte für das „Unausprechliche“ finden

Sexualität gehört zu den heiklen Themen, „worüber man in der Öffentlichkeit nicht spricht.“ Es gilt als Tabu in der Öffentlichkeit, das bedeutet, es fällt in den Bereich eines in der Gesellschaft stillschweigend akzeptierten Regelwerks, das es in diesem Fall verbietet oder einschränkt, offen darüber zu sprechen. Wenn trotzdem ein Gespräch zustande kommt, reagieren ­Gesprächspartner häufig mit einem Gefühl der Verlegenheit oder Scham. Dieses Gefühl ist begleitet von vegetativen Reaktionen wie Erröten und Herzklopfen. Und dadurch, dass diese Körperreaktionen so offensichtlich sind, verstärkt sich oft im ersten ­Moment das peinliche Gefühl. Schutzreaktionen dagegen sind aggressive Abwehr, wie „Das weiß ich selbst, ich bin doch nicht blöd!“, oder zotige Sprüche, die das Gespräch ins Lächerliche ziehen. Eine weitere Besonderheit von Tabuthemen ist, dass dafür oft die richtigen Worte fehlen – das Thema ist und bleibt deshalb „unaussprechlich“. Auch deshalb werden von Kunden manchmal aggressive oder zotige Ausdrücke verwendet, die aus dem umgangssprachlichen Bereich kommen und unpassend wirken. Wenn wir in der Apotheke eine Beratung anbieten, können wir mit sachlichen Begriffen das Unaussprechliche plötzlich zum Thema machen. Achten Sie darauf, dass Sie dabei medizinische Begriffe auf Latein vermeiden und möglichst verständliche deutsche Wörter verwenden.

Auf Augenhöhe bleiben

Die Beratung bei typischen „Pillen­rezepten“ ist ein guter Einstieg, um unverfänglich zu üben, über das ­Thema Verhütung zu sprechen. „Bitte schön, Ihre Evaluna® – Sie kennen sie bestimmt schon?“ Rechnen Sie damit, dass die Kundin abwehrt: „Ja, ja, ich weiß Bescheid, was muss ich zahlen?“ Um mit ihr ins Gespräch zu kommen, können Sie versuchen, die Erfahrung der Patientin zu nutzen. „Darf ich Sie etwas fragen?“, fragen Sie leise und diskret und die Kundin wird bestimmt nicken. „Wie schaffen Sie es, immer daran zu denken, die Pille regelmäßig einzunehmen?“ Erklären Sie, dass es für viele Patienten extrem schwierig ist, ihre verordneten Tabletten wirklich täglich zu nehmen und dass Sie dankbar sind für alle Tipps von Menschen, die dafür eine Lösung gefunden haben. Wahrscheinlich wird die junge Frau die Alarmfunktion ihres Handys nutzen. Es geht hier weniger um Adhärenz-fördernde Tipps, als darum, darüber zu sprechen, wie wichtig es ist, die „Pille“ immer zur selben Tageszeit einzunehmen. Eine weitere wichtige Frage ist: „Um wie viele Stunden dürfen Sie die Einnahme eigentlich verschieben, damit das Kontrazeptivum trotzdem noch wirksam ist?“ Stellen Sie diese Frage nicht so hin, als wollten Sie das Wissen der Patientin testen, sondern als Bitte um Hilfe, Ihr eigenes Wissen aufzufrischen. Dadurch erfahren Sie, ob die Patientin wirklich gut Bescheid weiß oder ob es sinnvoll ist, noch einmal gemeinsam in die Fachinformation zu schauen und die Information zu suchen (Die Antwort lautet: zwölf Stunden). Vergesslichkeit bei der regelmäßigen „Pilleneinnahme“ kann übrigens ein Anzeichen sein für die innere Ablehnung eines oralen Kontrazeptivums oder für einen Widerstand gegen die hormonelle Verhütung im Allgemeinen. Daraus kann sich eine Beratung zu alternativen Verhütungsmethoden entwickeln (siehe unseren Beitrag „Verhüten – aber ‚natürlich‘“ auf S. 37 in dieser DAZ).

Regeln für Beratungsgespräche zum Thema Verhütung

  • Sprechen Sie leise und diskret. Nehmen Sie die Fragen ernst und versuchen Sie, die Probleme herauszuhören. Bieten Sie sachlich eine Beratung an, die selbstverständlich auch abgelehnt werden darf.
  • Rechnen Sie damit, dass sowohl bei der Patientin oder dem Patienten als auch eventuell bei Ihnen selbst zu Beginn des Gesprächs unangenehme Gefühle von Verlegenheit aufkommen, die sich aber nach kurzer Zeit wieder legen.
  • Benutzen Sie eindeutige, verständliche Begriffe für Geschlechtsteile, Körperfunktionen rund um Menstruationszyklus oder Geschlechtsverkehr, die im Alltag oft ungenannt bleiben oder umgangssprachlich mit kindlichen oder abwertenden Namen versehen werden.
  • Suchen Sie sich bei Bedarf eine stille Ecke in der Offizin oder setzen Sie sich ins Beratungszimmer, um im Gespräch ungestört zu sein.

Auch der junge Mann, der Kondome in der Apotheke kauft, braucht vielleicht eine Beratung. Fragen Sie ihn ruhig. Die meisten Kondome werden über den Drogeriemarkt vertrieben. Wenn ein Mann für einen Kondomkauf die Apotheke aufsucht, dann kommt er erstens mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis und der Erwartung einer hohen „Apothekenqualität“, und zweitens kommt er manchmal auch mit speziellen Wünschen, Problemen oder Fragen. Gehen Sie auf ihn zu, vermeiden Sie, dass jemand anderes zuhören kann und bieten Sie aktiv eine Beratung an: „Ich sehe, Sie schauen sich hier im Sortiment um. Eine Entscheidungshilfe kann ich Ihnen nur bedingt geben. Aber vielleicht haben Sie Fragen? Suchen Sie etwas Spezielles?“ Etwas Spezielles – das können latexfreie Kondome sein für Männer oder Frauen mit einer Latexallergie, das können besondere Noppen, Rippen, Farben oder Geschmacksrichtungen sein oder das können auch besondere Kondomgrößen sein, die benötigt werden. Den meisten Männern passen die gängigen Kondome. Aber es gibt auch Kondome in Sondergrößen, die sich in Länge und vor allem im Umfang unterscheiden.

Auf zahlreichen Internetseiten lassen sich Informationen zur korrekten Größe wie auch zur korrekten Benutzung eines Kondoms finden. In der Beratung können Sie gut Bezug darauf nehmen: „Zur richtigen Anwendung von Kondomen wissen Sie bestimmt Bescheid. Es ist sicher nicht das erste Mal, dass Sie welche kaufen. Wenn Sie unsicher sind, kann ich Ihnen gerne Fragen beantworten. Es gibt aber auch sehr gute Informationen im Internet (z. B. unter www.machsmit.de).“

Wie mit der eigenen Unsicherheit umgehen?

Wenn Sie beim Thema Kondomberatung bei sich selbst ein gewisses Unbehagen spüren (Röte oder Wärme im Gesicht, Herzklopfen, unangemessene Heiterkeit), dann zeigt diese Reaktion, dass Verhütung als Beratungsthema auch bei Ihnen noch mehr Übung bedarf. Nehmen Sie die Fragen und Wünsche der Kunden ernst und nehmen Sie sich ihrer an. Überlegen Sie, wie es wäre, wenn Ihr Sohn oder Ihr Partner eine solche Frage hätte. Auch sie wollten ernsthaft und diskret, ohne Scham und ohne unnötiges Tabu sachlich beraten werden. Wenn Sie sich unsicher fühlen, geben Sie es zu: „Das ist eine Frage, die ich mir noch nie selbst gestellt habe“ oder „Mit dem Thema habe ich mich noch nie (oder lange nicht mehr) intensiv auseinandergesetzt. Da muss ich selbst erst beim Großhandel nachfragen (nachlesen, mich schlau machen …).“ Gerade bei einem solchen persönlichen Thema dürfen Sie persönliche Schwächen auch gern ansprechen.

Das Thema Verhütung kann noch im Zusammenhang mit ganz anderen ­Beratungsgesprächen in den Fokus ­rücken. Als erstes ist dabei an Arzneimittel zu denken, die bei einer Schwangerschaft kontraindiziert sind (z. B. Isotretinoin, Methotrexat, ACE-Hemmer). Hier hat die Patientin (und im Fall von Isotretinoin und Methotrexat auch der Patient) für eine sichere Kon­trazeption zu sorgen, um jegliche Risiken auszuschließen. Ein Einstieg in die Beratung könnte so ­verlaufen: „Über eine sichere Schwangerschaftsverhütung hat sicherlich der behandelnde Arzt schon gesprochen. Haben Sie dazu noch Fragen?“

Bei jeder Belieferung eines Antibiotikum-Rezepts für eine weibliche Patientin ist daran zu denken, dass Wechselwirkungen eine mögliche hormonelle Kontrazeption unwirksam machen. Hier ist die unverhohlen gestellte Frage: „Nehmen Sie eigentlich die ‚Pille?‘“ indiskret und je nach Alter der Frau unangemessen. Das Thema kann aber unverkrampft mit einer allgemeinen Information ausgesprochen werden: „Im Fall, dass Sie hormonelle Verhütungsmittel, wie die Pille verwenden, … (müssen Sie wissen, dass dieses Antibiotikum die Wirksamkeit einschränken kann. Die Empfehlung hier lautet: während des aktuellen ­Zyklus zusätzlich weitere Verhütungsmethoden, wie Kondome zu verwenden.)“ Bereits bei ­einer kleinen Pause nach dem ersten Halbsatz (angezeigt durch die Punkte …), bekommen Sie eine Reaktion, ob ­diese Information relevant ist oder für diese Patientin keine Rolle spielt. Im gesamten Leben einer Frau ist Verhütung von großer (lebensentscheidender) Bedeutung. Bei jungen Frauen zu Beginn ihrer sexuellen Aktivität ist der Informationsbedarf besonders groß. Es braucht Fingerspitzengefühl, das Thema aktiv anzusprechen, aber bei Nachfrage nach natürlichen Verhütungsmaßnahmen sollten Sie die Chance ergreifen, die gewünschten Methoden und deren Sicherheit zu erklären oder auch Alternativen zu zeigen.

Gegen die Mythen

Kennen Sie auch den Mythos, dass ­junge Mütter nicht schwanger werden können, solange sie ihr Neugeborenes stillen? Dass das nicht so ist, sieht man an etlichen Geschwisterkonstellationen mit Geburtsabständen unter einem Jahr. Sprechen Sie es an: „Es wird viel erzählt, dass Frauen, die stillen, nicht schwanger werden können. ­Haben Sie davon auch schon gehört? – Sie wissen sicherlich, dass das so nicht stimmt und dass Sie sehr wohl auch in der Stillzeit wieder schwanger werden können? Haben Sie gemeinsam mit Ihrem Frauenarzt schon überlegt, wie Sie jetzt verhüten wollen?“

Schwangerschaftsverhütung wird bei vielen Frauen (und Männern) automatisch mit der Einnahme der „Anti-Baby-Pille“ gleichgesetzt. Aber die oralen Kontrazeptiva sind ja nur eine Möglichkeit der Verhütung. „Ich höre heraus, dass Sie eigentlich gegen die Einnahme Ihrer ‚Pille‘ sind? Sie haben sich sicherlich schon einmal über ­alternative Methoden informiert?“ Bei dem breiten Spektrum der Möglichkeiten über Barrieremethoden, Intrauterinpessare (die sogenannte Spirale) oder bei abgeschlossener Familienplanung die Sterilisation kann jeder das für sich am besten geeignete Verhütungsmittel finden.

Frauen in den Wechseljahren leiden oft an Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen. Dabei glauben sie, dass sie sich wenigstens um Verhütung keine Sorgen mehr machen müssen. Aber auch in den Zeiten der Hormonumstellung finden im Körper der Frau noch (wenn auch unregelmäßige) Eisprünge statt. Ein einziger kann zur Schwangerschaft führen. „Jetzt denken Sie sicherlich, wenigstens ist das Problem Verhütung für mich mit den Wechseljahren abgeschlossen. Wenn ich fragen darf: Haben Sie noch regelmäßig Ihre Periodenblutung? Oder wenn nicht, wie lange sind Sie schon ohne Blutung?“ Erst wenn die Blutung ein Jahr lang nicht mehr stattgefunden hat, kann davon ausgegangen werden, dass die Fruchtbarkeit erloschen ist und auf eine Verhütung verzichtet werden kann. Solange eine unregelmäßige ­Periodenblutung stattfindet, liegt es vor allem an der Risikobereitschaft der Patientin, ob und wie sie verhütet. |

Autorin

Apothekerin Dr. Kirsten Lennecke

Neben der Arbeit in einer öffentlichen Apotheke ist sie Autorin zum Thema ­Kommunikation und aktive Beratung.

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