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Hintergrund

Steine im Körper

Ätiologie, Diagnostik und Therapie der Konkremente

Sie als „Steine der Weisen“ zu bezeichnen, wäre übertrieben, aber nicht weit hergeholt: Schon in der Antike beschäftigten sich Gelehrte mit den verschiedenen Konkrementen im menschlichen Körper. Die Anfänge der medizinischen Disziplinen Urologie und Gastroenterologie waren geprägt von ihrer aufmerksamen Beobachtung und Beschreibung im Zusammenhang mit dem Krankheitsverlauf. Doch die Therapie von Nieren- oder Gallensteinen galt lange als unüberwindbare Herausforderung. „Auch werde ich den Blasenstein nicht operieren ...“ schworen Ärzte daher im Eid des Hippokrates. |  Von Dietmar Roth und Armin Edalat 

Konkremente sind definiert als feste Massen, die durch Ausfällung vorher gelöster Stoffe in Körperhohlräumen oder (selten) im Gewebe gebildet werden. Sie können praktisch überall im Körper entstehen. Doch im medizinischen Alltag begegnen sie uns meistens als Magen- oder Darmsteine (Gastrolithen, Enterolithen), Gallensteine (Cholelithen), Harnsteine (Urolithen), Bronchialsteine (Broncholithen), Ohrsteine (Statolithen oder Otokonien), Speichelsteine (Sialolithen), Venensteine (Phlebolithen) oder Zahnstein (Calculus dentis).

Vielen Körpersteinen ist gemeinsam, dass sie zunächst keine Beschwerden hervorrufen und erst ab einer bestimmten Ausdehnung zu unterschiedlichen Schmerzzuständen, Infektionen und schließlich lebensbedrohlichen Komplikationen mit Organversagen führen können. Die Größe variiert von wenigen Millimetern bis einigen Zentimetern. Immer wieder wird in der Presse über Rekorde berichtet: So wurde einem 48-jährigen Ungarn vor einigen Jahren ein Blasenstein von der Größe einer Honigmelone entfernt, und in China gelang es Ärzten letztes Jahr, in einer Not-OP einem 55 Jahre alten Vegetarier 420 Nierensteine zu entfernen. Als Ursache wurden hier die einseitige Ernährung mit Tofu und zu wenig Flüssigkeitsaufnahme vermutet [1 – 2].

In einer kürzlich veröffentlichten US-amerikanischen Studie wurden die Daten von mehr als 4,6 Millionen Patienten über einen Zeitraum von 16 Jahren gesammelt und ausgewertet. Rund 153.000 Patienten mussten sich aufgrund von Nierensteinleiden in medizinische Behandlung begeben. Die Wissenschaftler kamen zu der alarmierenden Erkenntnis, dass es vor allem in der Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren zu einem Anstieg der Inzidenz um 26 Prozent innerhalb von fünf Jahren gekommen war. Insgesamt hatte sich das Risiko unter amerikanischen Kindern verdoppelt und war bei Frauen um bis zu 45 Prozent gestiegen. Die Autoren machen unzureichendes Trinken und eine ungesunde Lebensweise für diese Tatsache verantwortlich [3].

Hier stellen sich folgende Fragen:

  • Ist das Auftreten von Konkrementen tatsächlich mit Ernährungsgewohnheiten, Geschlecht oder Alter assoziiert?
  • Lassen sich durch Beeinflussung des Lebensstils Kom­plikationen und schwerwiegende Krankheitsverläufe verhindern?
  • Wie werden die Symptome gelindert und „Steine im Körper“ gezielt entfernt?

Enterolithen

Konkremente im Darm werden als Enterolithen bezeichnet. Je nach Lokalisation und Zusammensetzung lassen sie sich weiter unterteilen. Zu finden sind sie in blind endenden Abschnitten des Darms, wie in Divertikeln des Dick- und Enddarms oder im Blinddarm. Meistens handelt es sich um eingedickten und verhärteten Darminhalt, der in Abhängigkeit der vorliegenden Begleiterkrankung mit Schleim und geronnenem Blut vermischt sein kann. Da sich im Kern häufig Kotbestandteile befinden, werden sie umgangssprachlich Kotsteine genannt. Auch unverdauliche Fremdkörper, wie Kerne, Knochenstücke oder Kunststoffe, können die Bildung von Enterolithen auslösen, indem sich schwer lösliche Cal­ciumsalze und Gallensäuren anlagern, sodass sie sich allmählich vergrößern.

Das Wachstum dieser Art von Konkrementen verläuft zunächst symptomlos. Unspezifische Beschwerden wie Obstipation, Flatulenz, punktuelle oder diffuse Schmerzen und Krämpfe im Bauch müssen daher differenzialdiagnostisch abgeklärt werden, z. B. mittels Palpation oder Endoskopie. Auf Ultraschallbildern sind Enterolithen nur schwer zu erkennen. Zu teilweise lebensbedrohlichen Komplikationen kann es kommen, wenn sie zu Entzündungen, zum akuten Darmverschluss oder zur Darmperforation führen. Nicht­invasiv lässt sich eine Behandlung mit mehrmaligen Einläufen versuchen, doch in akuten Notfällen ist eine Operation indiziert.

Bezoare

Ein Bezoar ist ein Magenstein (Gastrolith), der aus unverdaulichem, verklumptem und anschließend verfestigtem Material besteht; beim Menschen handelt es sich meist um Pflanzenfasern, -schalen oder -samen (Phytobezoar). Begünstigt wird seine Entstehung durch chirurgische Eingriffe am Magen, Bettlägerigkeit, Dehydratation, Motilitäts­störungen oder fehlerhafte Sondenernährung. Bezoare ­können Übelkeit und Brechreiz verursachen. Zudem können sie auch in den Darm übertreten und dort wie die Enterolithen verhärten und zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.

Ein sogenannter Medikamentenbezoar kann die Folge einer fehlerhaften oder missbräuchlichen Kombination verschiedener Arzneimittel sein. Als Ursache kommen motilitätshemmende Wirkstoffe wie Opioide, Aluminiumhydroxid- oder Magnesiumhydroxid-basierte Antazida, Anionenaustauscherharze und wasserbindende Laxanzien wie Floh­samenschalen infrage. Durch die Erhöhung des gastralen pH-Werts quellen und lösen sich Arzneiformen auf, die normalerweise den Magen unverändert passieren. Die Folgen sind eine eingeschränkte oder fehlende Medikamentenwirkung, die Bildung eines Konglomerats aus verschiedenen Arzneistoffen und schließlich die Gefahr ihrer plötzlichen Freisetzung.

Nach der Diagnose eines Medikamentenbezoars wird das auslösende Arzneimittel abgesetzt. Die Therapie erfolgt durch endoskopische Zerkleinerung und Magenspülung. Falls dadurch die Resorption großer Arzneistoffmengen und eine akute Überdosierung drohen, wird alternativ versucht, mit der Gabe eines Prokinetikums wie Metoclopramid und viel Flüssigkeit den intakten Bezoar auf natürlichem Wege abgehen zu lassen. Notfalls kommt auch eine chirurgische Entfernung in Betracht [4].

Unkomplizierte Phytobezoare lassen sich dagegen mit einer Ernährungsumstellung und dem Konsum von säurehaltigen Lebensmitteln auflösen. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit konnte die therapeutischen Effekte von Cola-Getränken in diesem Zusammenhang nachweisen [5].

Bezoare und Bezoardica

cae | Die ersten Bezoare, die Beachtung fanden, waren keine Phytobezoare, geschweige denn Medikamentenbezoare, sondern Trichobezoare, deren Kern hauptsächlich aus Haaren besteht. Sie können sich im Magen verschiedener Tiere bilden, so bei Gemsen („Gemskugeln“) und bei der Bezoarziege (Capra aegagrus aegagrus), einer von Anatolien bis Afghanistan verbreiteten Unterart der Wildziege. Das Wort „Bezoar“ stammt von persisch „pad-zahr“, das wörtlich „gegen Gift“ bedeutet und außer den Bezoaren selbst auch die klassischen Antidote Theriak und Mithridat bezeichnete. Als portugiesische Seefahrer im 16. Jahrhundert nach Persien kamen, waren sie erstaunt darüber, dass ein simpler Eingeweidestein die gleiche Wirkung entfalten sollte wie die komplex zusammengesetzten Antidote. Alsbald begannen europäische Herrscher, die ständig Anschläge auf ihr Leben fürchteten, Bezoare zu erwerben. Viele Mediziner glaubten an die Wirksamkeit, obwohl ein Experiment das Gegenteil bewiesen hatte, wie der französische Leibchirurg Ambroise Paré 1575 berichtet hat: Ein Koch am französischen Hof war wegen eines Diebstahls zum Tode verurteilt worden. Er erhielt ein Gift und danach – dies war das Experiment – ein Bezoarpulver als Gegengift; sieben Stunden später war der Koch tot.

Von der Wertschätzung und allgemeinen Verbreitung der Be­zoare zeugt, dass man das Wort auf andere Antidote übertrug: So hieß ein Pulver aus getrockneten Vipern „Bezoar animale“, und die Antimonbutter (SbCl3) hieß „Bezoar minerale“. Viele (vermeintliche) Antidote wurden unter dem Begriff „Bezoardica“ zusammengefasst.

Bezoarziege und (darunter) Querschnitt eines Bezoars: Um den Kern haben sich drei konzen­trische Schichten gelegt. Aus „Histoire Générale des Drogues“ von Pierre Pomet, 1694.

Cholelithen

Gallensteine sind kristalline Ablagerungen unterschiedlicher Form, Größe und Zusammensetzung in der Gallenblase (Cholezystolithiasis) und/oder den angeschlossenen Gallengängen (Choledocholithiasis) [6 – 7].

In 80 Prozent der Fälle werden Cholesterolsteine und gemischte Steine gefunden. Diese haben eine glatte Oberfläche und können bei einem Überschuss an Cholesterol und/oder einem Mangel an Gallensäuren und Lecithin in der Gallenflüssigkeit entstehen. Gemischte Steine hingegen enthalten zusätzlich bis zu 20 Prozent Gallenpigmente (Bilirubin u. a.) und haben eine unregelmäßige, höckerige Oberfläche. Seltener sind in unserem Kulturkreis reine Pigmentsteine. Ihre Bildung wird begünstigt durch bakterielle Infektionen der Gallenwege. Aber auch chronisch rezidivierende Hämolysen (bei Sichelzellenanämie) führen zu einer Einlagerung von Protoporphyrin.

Früher wurde angenommen, dass etwa 15 Prozent der Frauen und 7,5 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens ­Gallensteine entwickeln. Da die Inzidenz in den letzten Jahren immer weiter gestiegen ist, geht man mittlerweile sogar davon aus, dass 20 Prozent der Frauen und zehn Prozent der Männer Gallensteinträger sind. Risikofaktoren für die Entstehung sind:

  • familiäre Disposition, hellhäutiges und blondes Erscheinungsbild,
  • gestörter enterohepatischer Kreislauf,
  • Verlust von Gallensäuren bei Erkrankungen des Ileums,
  • chronisch entzündliche Darmerkrankungen,
  • Übergewicht,
  • verminderte Kontraktionen der Gallenblase bei parenteraler Ernährung und Fastenkuren,
  • Schwangerschaften,
  • cholesterolreiche und ballaststoffarme Ernährung,
  • Hormonersatztherapie und orale Kontrazeptiva.

Auf Englisch werden die häufigsten Risikofaktoren in der 6-F-Regel zusammengefasst: female, fat, fertile, forty, fair, family.

Die Mehrzahl der Gallensteine verursacht keine oder nur unspezifische gastrointestinale Beschwerden. Neben den charakteristischen kolikartigen Schmerzen, die stundenlang anhalten und in ihrer Intensität zunehmen können, können weitere Symptome auftreten wie postprandiales Druckgefühl, Erbrechen, Meteorismus, Schwindel, Völlegefühl, Ikterus, bräunliche Verfärbung des Urins, heller Stuhl und erhöhte Leberfunktionswerte. Mögliche Komplikationen sind Entzündungen der Gallenwege, der Bauchspeicheldrüse und des Bauchfells.

Die Sonografie ist das diagnostische Verfahren der Wahl, um Folgendes zu erkennen und zu beurteilen: Gallensteine mit einer Größe von mehr als fünf Millimetern in der Gallenblase und/oder den Gallengängen, eine verdickte, d. h. entzündete Gallenblasenwand (Cholangitis) und die Weite der Gallengänge. In komplizierten Fällen wird der Ultraschallkopf über den Mund, die Speiseröhre und den Magen in den Zwölffingerdarm eingeführt. Endosonografisch lassen sich so auch benachbarte Organe mit untersuchen.

Bei akuten Beschwerden erfolgt in erster Linie eine adäquate Analgesie mittels Diclofenac oder Metamizol, wenn notwendig mit Pethidin oder Buprenorphin. Der Einsatz von Opioiden ist jedoch meistens problematisch, da es als Nebenwirkung zu einer Kontraktion des Musculus sphincter Oddi kommt und dadurch der Steinabgang aus dem Gallensystem behindert werden kann. Zur Spasmolyse werden Butylscopolamin i.v. und Glyceroltrinitrat ein­gesetzt. Koliken erfordern ferner eine Nahrungskarenz von mehr als 24 Stunden. Eine geeignete Antibiose erfolgt bei gleichzeitiger bakterieller Cholezystitis und/oder Cholangitis.

Die Therapie einer Cholelithiasis erfolgt bei klar definierten Beschwerden und nach Abklingen der akuten Symptomatik in der Regel invasiv. Eingriffe in die Gallenblase und Gallengänge werden häufig durchgeführt und sehr gut vertragen. Methode der Wahl bei einer Choledocholithiasis ist die endoskopisch-retrograde Cholangio-Pankreatikografie (ERCP), eine spezielle Röntgenuntersuchung, bei der kleinere Steine gleichzeitig entfernt werden können. Methode der Wahl bei einer Cholezystolithiasis ist die laparoskopische Cholezyst­ektomie. Liegen Kontraindikationen gegen invasive Eingriffe vor, kann in seltenen Fällen eine medikamentöse Litho­lyse mit Ursodesoxycholsäure versucht werden. Die Responderrate nach zwölf bis 18 Monaten wird mit 70 Prozent an­gegeben [8].

Eine Prophylaxe ist nur begrenzt möglich (s. o.: Risikofaktoren). Empfohlen werden allgemeine gesundheitsfördernde Maßnahmen wie die Normalisierung des Körpergewichts, körperliche Bewegung, Vermeidung von Hungerperioden (Fasten) und eine ausgewogene, ballaststoffreiche, fett- und zuckerarme Ernährung.

Urolithen

Harnsteine (Urolithen) sind in den Nieren, den Harnleitern, der Blase oder der Harnröhre zu finden [9]. Kleine Steine werden Nierengrieß genannt. Harnsteine können infolge von Harnwegsinfekten sowie angeborenen oder erworbenen Stoffwechselstörungen entstehen [10]. Am häufigsten sind sie die Folge einer erworbenen Stoffwechselstörung. Die Prävalenz der Urolithiasis wird mit 4,7 Prozent angegeben [11].

Calciumoxalatsteine stehen mit einer Häufigkeit von 56 bis 75 Prozent an erster Stelle aller Harnsteine, gefolgt von Uratsteinen (Harnsäuresteinen) mit einer Häufigkeit von zehn bis zwölf Prozent. Uratsteine bilden sich bei saurem Urin (pH-Wert < 6,0); Ursache ist meistens – wie bei der Gicht – eine purin- und proteinreiche Ernährung. Ferner steigen die Harnsäurespiegel bei Fastenkuren oder einer onkologischen Behandlung (die Nucleinsäuren der zerstörten Zellen werden zu Harnsäure abgebaut). Schließlich kommen auch Pharmaka wie Benzbromaron, NSARs oder Diuretika als Auslöser einer Harnsäurenephropathie in Betracht.

Reine Calciumphosphatsteine (Brushitsteine) sind selten. Die Häufigkeit sogenannter Infektsteine, die aus Ammonium, Magnesium und Phosphat bestehen, wird mit zehn Prozent angegeben. Da ihre Bestandteile unter physiologischen Bedingungen (pH-Wert 6,2 – 6,5) im Harn vorhanden und gut löslich sind, entstehen sie erst bei pH-Werten > 7, die typischerweise bei Harnwegsinfektionen mit Urease-bildenden Bakterien auftreten. Deshalb sind vor allem Frauen betroffen.

Eine angeborene Stoffwechselstörung als Ursache von Harnsteinen ist sehr selten. Hierbei ist die Bildung von Cystin- oder Xanthinsteinen aufgrund einer Cystinurie bzw. Xan­thinurie von Bedeutung.

Nieren- und Harnleitersteine können lange Zeit unbemerkt bleiben und erst auffällig werden, wenn sie sich an den anatomischen Engstellen des Urogenitalsystems verklemmen. Dabei treten meistens massive spastische Schmerzen (Koliken) auf, die wieder verschwinden und in unregelmäßigen Abständen zurückkehren können. Je nach Sitz des Steins strahlt der Schmerz in die Nierengegend (Kreuzschmerzen) oder in den Harnleiterverlauf und die Geschlechtsorgane aus. Weitere Symptome einer Harnsteinkolik sind Blähbauch, Erbrechen, Bradykardie, unkontrollierbarer Harndrang, Dysurie und Hämaturie.

Schon vor der Diagnose sollte der durch Koliken geplagte Patient eine zweckmäßige Schmerztherapie erfahren. Metamizol als Kurzinfusion ist das Mittel der ersten Wahl, weil es zusätzlich spasmolytisch und antinozeptiv auf den Harnleiter wirkt und gleichzeitig den intraluminalen Druck senkt. Als Alternative zu Metamizol können andere NSARs gegeben werden oder z. B. Paracetamol bei Schwangeren. Die Verdachtsdiagnose „Harnstein“ sollte dann durch eine Sono­grafie oder Röntgenaufnahme gesichert werden.

Nach Bestätigung der Diagnose stehen je nach Lage und Steingröße verschiedene Therapieoptionen zur Verfügung. Da Steine bis fünf Millimeter Durchmesser (entspricht etwa 80% der Fälle) spontan abgehen können, wird (im Gegensatz zur Cholelithiasis) in erster Linie konservativ therapiert. Das heißt zunächst „watchful waiting“, also „abwarten und beobachten“, und gegebenenfalls eine Chemolitholyse (z. B. bei Uratsteinen) oder eine medikamentöse expulsive Therapie (MET) [12]. Signifikante Effekte wurden für verschiedene α1 -Rezeptorblocker wie Alfuzosin, Doxazosin, Tamsulosin, Terazosin und den Calciumantagonisten Nifedipin im Off-label-use nachgewiesen.

Darüber hinaus kommen folgende Verfahren zum Einsatz: Bei der extrakorporalen Stoßwellenlithotripsie (ESWL) werden die Harnsteine mittels Ultraschallwellen gezielt zerstört. Die perkutane Nephrolithotomie (PNL) ermöglicht die Entfernung mehrerer Zentimeter großer Steine durch die Punktion der betroffenen Niere. Ferner werden Harnleiter endoskopisch gespiegelt und geschient, um den Steinabgang zu fördern.

Eine Harnsteinanalyse ist sinnvoll wegen der ernährungstherapeutischen Maßnahmen (s. u.). Zu diesem Zweck muss der Patient instruiert werden, wie er mittels Papiersieb die Steine beim Wasserlassen auffangen kann. Die Analyse erfolgt heute in der Regel durch IR-Spektroskopie oder durch Röntgen-Pulverdiffraktometrie.

Allgemeine prophylaktische Maßnahmen bestehen in einer ausgewogenen Ernährung und ausreichenden Flüssigkeitszufuhr sowie der Vermeidung extremer Flüssigkeitsverluste, wie sie beim Saunieren oder ausgiebigen Sonnenbaden auftreten können. Das tägliche Urinvolumen sollte – sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen – mehr als 2,5 Liter betragen.

Patienten mit Calciumoxalatsteinen sollten oxalatreiche Lebensmittel wie Rhabarber, Spinat, Mangold oder rote Bete meiden. Die ausreichende Zufuhr von Calcium in der Nahrung (1000 – 1200 mg pro Tag) kann der Bildung von Oxalatsteinen entgegenwirken, da Calcium das Oxalat bereits im Darm bindet. Ferner kann sich der Verzehr magnesiumreicher Nahrungsmittel günstig auswirken. Infektsteine können durch Ansäuerung des Harns mittels einer erhöhten Zufuhr von Methionin (1,5 – 3 g pro Tag) aufgelöst werden.

Patienten mit Uratsteinen sollten purinreiche Lebensmittel meiden. Dazu zählen z. B. Innereien, Krustentiere, bestimmte Fische wie Heringe oder Sardellen, Bier und Hülsenfrüchte. Eine Alkalisierung des Harns mit Alkalicitraten kann bei erhöhter renaler Calciumausscheidung erfolgen.

Bei Cystinsteinen sollte auf eine konstant hohe Flüssigkeitszufuhr (auch in der Nacht!) mit einem zu erzielenden Urin­volumen von ungefähr drei Litern pro Tag geachtet werden. Da Cystin bei einem pH-Wert von 7,5 bis 8,0 gut wasser­löslich ist, kann eine Harnalkalisierung mit oralem Natrium­hydrogencarbonat empfehlenswert sein.

Ferner sind Harnwegsinfektionen frühzeitig antibiotisch zu behandeln.

Steinkinder

cae | Ein Steinkind (Lithopädion) ist ein Fötus, der während einer extrauterinen oder gestörten Schwangerschaft gestorben, aber dennoch im Mutterleib verblieben ist und dort allmählich kalzifiziert wurde. Auf die Dauer kann sich das verkalkte Bindegewebe in Knochengewebe umwandeln („Foetus osseus“). Ein Steinkind kam niemals auf die Welt, sondern wurde mit seiner Mutter begraben, es sei denn dass diese nach ihrem Tod obduziert wurde. Aufgrund solcher Obduktionen und im 20. Jahrhundert auch aufgrund von Röntgen-Untersuchungen sind schätzungsweise 300 Steinkinder dokumentiert worden.

Ein frühes Beispiel ist das „Steinkind von Leinzell“, über das der Mediziner Georg Friedrich Orth 1720 in Tübingen eine Disserta­tion mit dem sinngemäßen Titel „Ein 46 Jahre alter Fötus“ verfasst hat. Mutter dieses Steinkindes, das sich heute, etwas beschädigt, in der Anatomischen Sammlung der Universität Tübingen befindet, war die 1720 in Leinzell bei Schwäbisch Gmünd gestorbene Witwe Anna Müller, die ausdrücklich um eine Obduktion nach ihrem Tod gebeten hatte. Sie selbst hatte lange vorher ihrem Arzt von einer früheren Schwangerschaft mit dreiwöchigen Wehen berichtet, die jedoch nicht zu einer Geburt geführt hatten. Aufgrund dieser Angaben wurde das Alter des Steinkindes geschätzt. Merk- bis fragwürdig an diesem Fall ist jedoch Folgendes: Die besagte Schwangerschaft soll stattgefunden haben, als Anna Müller etwa 48 Jahre alt war und bevor (!) sie zwei gesunde Kinder zur Welt gebracht hat.

Foto: Universitätsarchiv Tübingen / Museum der Universität MUT

Das Steinkind von Leinzell: Der eingekapselte, verknöcherte Fötus war normal entwickelt und zeigt die natür­lichen Hohlräume (Schädel-, Thorax-, Bauchhöhle).

Ein Gegenstück ist das „Heidelberger Steinkind“ im Pathologischen Institut der Universität Heidelberg, dessen „Biografie“ besser bekannt ist. Seine Mutter, Susanne Stolberg (1675 – 1767), hatte im Alter von 38 Jahren während einer fortgeschrittenen Schwangerschaft eine Uterusruptur erlitten, sodass der Fötus in die Bauchhöhle ausgetreten war, wo er verkalkte und ver­knöcherte. 54 Jahre lang hat Stolberg mit ihrem Steinkind gelebt. Nach ihrem Tod hat sie der Medizinprofessor Daniel Wilhelm Nebel (1735 – 1805) obduziert und eine Abhandlung über diesen „Foetus osseus“ publiziert (daher auch „Nebelsches Steinkind“).

Die heute üblichen Routineuntersuchungen von Schwangeren verhindern, dass noch weitere Steinkinder entstehen. Falls ein abgestorbener Fötus nicht auf natürlichem Wege abgeht, wird medikamentös oder notfalls durch einen Eingriff nachgeholfen.

Weitere Konkremente

Broncholithen entstehen durch Einschlüsse von Gewebe­teilen oder Fremdkörpern in den Bronchialästen. Als Ursachen werden vor allem Lungenparenchymschädigungen durch Infektionen, wie Tuberkulose oder Histoplasmose, diskutiert. Es können aber auch chronisch entzündliche oder nekrotische Prozesse dazu führen, dass sich kalzifizierte Bronchialsteine bilden. Wenn die auslösenden Erkrankungen unbehandelt fortbestehen, kann es zu lebensgefährlichen Einschränkungen der Lungenfunktion kommen, da der Gasaustausch in den tiefen Lungenbereichen gehemmt wird und die Flexibilität der Lungenflügel abnimmt. Die Symptome der Broncholithen sind unspezifisch und weisen zunächst auf grundlegende Erkrankungen der Atemorgane hin. Hierzu zählen chronischer Husten, Fieber, blutiger Auswurf, Atemnot, Brustschmerzen und – eher selten – eine Pneu­monie, die Entstehung von Fisteln im Bereich der Lunge und das Aushusten von Steinen. Nach der radiologischen und bronchoskopischen Diagnostik wird versucht, durch minimal-invasive Eingriffe mittels Skalpell, fragmentierender Lasertechnik oder Kryotherapie die vorliegenden Konkremente aus den Bronchialästen zu operieren [13].

Sialolithen (Speichelsteine) können zu schmerzhaften Entzündungen der Mundspeicheldrüsen führen. Sie bestehen aus Calciumcarbonat und -phosphat und stören den Sekret­abfluss. Typische Symptome sind daher Mundtrockenheit sowie Fistelbildung in der Mundschleimhaut. Weshalb es bei manchen Menschen zur Ausbildung von Sialolithen kommt, ist noch weitgehend ungeklärt. Wahrscheinlich spielt dabei die individuelle Zusammensetzung des Speichels eine große Rolle: Wenn die Speicheldrüsen über einen gewissen Zeitraum vermehrt Calciumionen ausscheiden, wird das Löslich­keitsprodukt vieler Salze überschritten, sodass sie ausfallen. Durch den Verzehr und das Lutschen saurer Lebensmittel und nichtinvasive Behandlungen wie Massage des Unter­kiefers oder extrakorporale Stoßwellenlithotripsie mittels Ultraschallwellen (ESWL) wird versucht, kleinere Steinchen aus den Speichelgängen auszuschwemmen. Größere Speichelsteine werden auch operativ entfernt.

Statolithen und Otokonien nehmen eine Sonderstellung unter den Konkrementen ein, da sie essenziell für das Gleichgewichts- und Hörorgan vieler Säugetiere sind. Ein­gebettet in eine gelartige Matrix im Innenohr übertragen sie ihre Bewegungen bei Lageänderungen und Schallwellen­aufnahme auf Sinnes- und Haarzellen. Statolithen sind nur wenige Mikrometer groß und bestehen aus Calciumcarbonat (Calcit). Ihre räumliche Ausdehnung und Oberflächenstruktur sind von fundamentaler Bedeutung für die einwandfreie Erzeugung der Sinnesreize. Die Ursache eines Lagerungsschwindels oder der Schwerhörigkeit kann eine Degenera­tion oder ein „Verlorengehen“ der Ohrsteine in den Bogengängen des Innenohrs sein. Dies kann unfallbedingt oder altersabhängig geschehen oder – wie im Fall der ototoxischen Aminoglykosidantibiotika – mit einer Veränderung des pH-Wertes der umgebenden Flüssigkeit und der Auf­lösung des Calcits einhergehen [14].

Phlebolithen sind versteinerte Thromben im venösen Gefäßbett. Sie entstehen z. B. in den Extremitäten nach langjährigem Krampfaderleiden. Meistens treten die gleichen Symptome wie bei einer Veneninsuffizienz auf. Ein Becken-Phlebolith bildet sich bei Frauen häufiger als bei Männern, da ihr Venennetz im Becken stärker ausgeprägt ist. Dabei kann es zu einem ähnlichen Beschwerdebild kommen wie beim Vorliegen von Nierensteinen. Interessanterweise erscheinen Phlebolithen im Röntgenbild völlig anders als Urolithen: Da es sich um kalzifizierte Blutgerinnsel handelt, sind die Zentren dieser Konkremente für Röntgenstrahlen durchlässig und erscheinen daher als dunkler Bereich im Bild [15].

Zahnstein (Calculus dentis), der ebenfalls zu den Konkrementen gehört, bildet sich hauptsächlich aus anorganischen Bestandteilen des Speichels. Deshalb findet man ihn häufig in der Nähe von Speicheldrüsen im gesamten Unterkiefer. Die Konzentration an gelösten Calcium- und Phosphatsalzen ist an diesen Stellen am höchsten und dient normalerweise der Remineralisation von beschädigtem Zahnschmelz. Bei einer unregelmäßigen oder unzureichenden Zahnpflege führt die bakterielle Besiedlung von Kauflächen, Zahnfleischrändern und Zwischenräumen zur Entstehung eines Biofilms aus Schleimstoffen, Kohlenhydraten und Proteinen. Sichtbarer Zahnbelag wird Plaque genannt. Auf seiner rauen Oberfläche kristallisieren Salze des Speichels aus und bilden Zahnstein. Eine mehrmals tägliche Mundhygiene kann zwar Plaque verhindern, Zahnstein jedoch nicht. Seine Entfernung wird deshalb einmal jährlich von den Krankenkassen erstattet. Dies dient der Vorbeugung von Karies und Parodontitis. Zahnbelag lässt sich mithilfe von Fluorescein-Lösungen unter UV-Licht sichtbar machen. Für den Haus­gebrauch oder zu Schulungszwecken werden häufig Plaquefärbemittel in Lutschtablettenform verwendet. Sie enthalten Lebensmittelfarbstoffe wie Brillantblau oder Phloxin B zur Anfärbung von Zahnbelägen unterschiedlichen Alters.

Für Patienten mit Herzfehlern, künstlichen Herzklappen oder nach einer Herztransplantation ist es sogar dringend notwendig, ihre Zähne sanieren und regelmäßig von Plaque und Zahnstein reinigen zu lassen. Nur so kann verhindert werden, dass beim Kauen oder Zähneputzen bakterielle Erreger ins Blut eingeschwemmt werden und eine Endokarditis verursachen [16].

Fazit

Die verschiedenen Arten der Konkremente haben eines gemeinsam: Aus medizinischer Sicht bleibt man besser steinarm als steinreich. Doch nicht jedes Steinleiden besitzt einen akuten Krankheitswert und muss behandelt werden. Vielmehr sollten eine gesunde Lebensweise, die Ausschaltung beeinflussbarer Risikofaktoren und die Abklärung möglicher Symptome langfristig das Auftreten von Komplikationen in diesem Zusammenhang verhindern. |

Literatur

 [1] www.sueddeutsche.de/panorama/rekord-op-groesster-blasenstein-der-welt-entfernt-1.483261; 10.5.2010

 [2] www.rp-online.de/leben/gesundheit/ernaehrung/tofu-gefaehrlich-chinese-hat-420-nierensteine-aid-1.5165413; 15.6.2015

 [3] Tasian GE et al. Annual Incidence of Nephrolithiasis among Children and Adults in South Carolina from 1997 to 2012. Clin J Am Soc ­Nephrol 2016;11:488-496

 [4] Allgemeine Erläuterungen zur unerwünschten Wirkung Bezoar. www. arznei-telegramm.de/db/uawtexte.php3?&knr=012169/012169&nummer=Bezoar&ord=uaw

 [5] Ladas SD et al. Systematic review: Coca-Cola can effectively dissolve gastric phytobezoars as a first-line treatment. Aliment Pharmacol Ther 2013;37(2):169-73

 [6] Koop I (Hrsg): Gastroenterologie compact: Alles für Klinik und ­Praxis. 3. Aufl. Thieme, 2013

 [7] Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoff­wechselerkrankungen und der Deutschen Gesellschaft für Viszeralchirurgie. Diagnostik und Therapie von Gallensteinen. AWMF-Reg.-Nr. 021/008. Stand: Juli 2007

 [8] www.internisten-im-netz.de/de_gallensteine-behandlung_889. html

 [9] Deutsche Gesellschaft für Urologie. S2k-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe der Urolithiasis. AWMF-Reg.-Nr. 043/025. Stand: 10.3.2015

[10] Sökeland J et al. Taschenlehrbuch Urologie. 14. Aufl. Thieme, 2007

[11] Fisang C et al. Urolithiasis – interdisziplinäre Herausforderung in ­Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe. Dtsch Arztebl Int 2015;112(6):83-91

[12] Hess B et al. Nierenkolik – Steinaustreibung mittels „Medical Expulsive Therapy“ (MET). Schweiz Med Forum 2012;12(13):279–281

[13] Lee JH et al. A Promising Treatment for Broncholith Removal Using Cryotherapy during Flexible Bronchoscopy: Two Case Reports. Tuberc Respir Dis (Seoul) 2012;73(5):282-7

[14] Walther LE et al. Gentamicin-induced structural damage of human and artificial (biomimetic) otoconia. Acta Otolaryngol 2014;134(2):111-7

[15] Traubici J et al. Distinguishing pelvic phleboliths from distal ureteral stones on routine unenhanced helical CT: is there a radiolucent center? Am J Roentgenol 1999;172(1):13-7

[16] Gohlke-Bärwolf C et al. Endokarditis-Prophylaxe: nur noch für Hochrisikopatienten. Herz Heute 2007;(4):24-27

Danksagung

Die Autoren danken Dr. med. Massoud Ahmadzadeh, Facharzt für Urologie und Oberarzt i. R. am St. Agnes-Hospital Bocholt, für die Anregungen und kritische Durchsicht des Manuskripts.

Autoren

Dr. rer. nat. Dietmar Roth,

Jg. 1959, Fachapotheker und Weiterbildungs­ermächtigter für Allgemeinpharmazie, Lehrbeauftragter für die LAK Baden-Württemberg.





Dr. rer. nat. Armin Edalat,

Jg. 1985, Apotheker und Filialleiter der Schönbuch Apotheke Holzgerlingen.



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1 Kommentar

Steinreich

von Sarah Bartels am 13.02.2017 um 9:33 Uhr

Hallo Sari - du hast bestimmt schon viel gelesen, hier noch ein paar weitere informationen

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