Arzneimittel und Therapie

Schlaganfall: (K)eine Frage des Alters

Stroke Units sind im Ernstfall die erste Anlaufstelle, wenn sie denn erreichbar sind

Der Tod des deutschen Jazzsängers Roger Cicero mit 45 Jahren löste Entsetzen aus, schließlich gilt der Hirninfarkt fälschlicherweise als Krankheit des Alters. Durch eine verbesserte Akutversorgung sterben deutschlandweit heutzutage weniger Menschen durch einen Schlaganfall als noch vor ein paar Jahren. Ein Blick in die Statistik offenbart aber ungenutzte Potenziale.

Ein Hirninfarkt als eine plötzliche Minderdurchblutung des Gehirns ist die häufigste Ursache für einen Schlaganfall, bei dem es infolge eines Sauerstoff- und Nährstoffmangels zum Absterben von Gehirngewebe kommt. Die jährliche Inzidenz liegt nach Daten des Erlanger Schlaganfallregisters für Deutschland bei aktuell 1,82 pro 1000 Einwohnern. Obwohl ein Großteil der Betroffenen über 60 Jahre alt ist, handelt es sich beim Schlaganfall nicht um eine Krankheit des Alters. Jeder vierte Schlaganfall-Patient ist im erwerbs­fähigen Alter, etwa 5% sind jünger als 40 Jahre. Die Prognose ist nach wie vor verbesserungsfähig: 40% der Patienten versterben innerhalb von zwölf Monaten nach einem Schlaganfall.

Vorhofflimmern im Fokus

Bei Vorhofflimmern ist das Risiko deutlich erhöht. Jeder vierte Hirninfarkt geht darauf zurück. Es gibt wirksame Therapien, jedoch ist die Diagnose des Vorhofflimmerns wegen der phasen­weisen Flimmerepisoden schwierig. Experten diskutieren Lösungen wie Langzeit-Elek­tro­kardiogramm, implantierbare Event-Rekorder oder Patientenschulungen zur Selbstmessung des Pulses. Der Königsweg ist noch nicht gefunden.

Frühwarnsymptome

Anzeichen für einen Schlaganfall können meist halbseitige Lähmungen im Gesicht (z. B. herabhängender Mundwinkel) oder auf einer Körper­seite sein. Betroffene entwickeln Symp­tome wie Schwindel, Verwirrtheit sowie Sprach-, Seh-, Schluck- und/oder Koordinationsstörungen. Zudem können Übelkeit und Erbrechen sowie Stürze auftreten. Der FAST-Test bietet eine kurze Checkliste, mit der Schlaganfall-Symptome überprüft werden können (Kasten). Bei Anzeichen gilt es, sofort den Notarzt zu benachrichtigen.

FAST-Test

Face: Kann die Person lächeln?

Arms: Kann die Person beide Arme gleichzeitig heben und dabei die Handinnenflächen nach oben drehen?

Speech: Kann die Person einen einfachen Satz nachsprechen?

Time: Sollte die Person mit diesen Aufgaben Probleme haben, sofort den Notruf verständigen!

Stroke Units als Lösung

In Deutschland gibt es ein Netzwerk aus aktuell 280 zertifizierten Stroke Units. Sie integrieren Schlaganfall-Patienten im Akutstadium schnell in eine interdisziplinäre Therapie. Die Erfolge dieser Spezialstationen zur Erstbehandlung können sich sehen lassen, wenn das Behandlungskonzept Lyse und Frührehabilitation verfolgt wird: Laut einer Metaanalyse haben Patienten aus Stroke Units nach einem Jahr mit 21% weniger Todesfällen hochsignifikant häufiger überlebt und schnitten auch hinsichtlich einer Behinderung mit 13% weniger Abhängigkeit von anderen signifikant besser ab.

Ein mögliches Problem bei Stroke Units in Deutschland: In ländlichen Gebieten, aber auch in Ballungszen­tren zeigen sich Lücken in der Versorgung. Rein rechnerisch ist eine Stroke Unit für 285.000 Menschen verantwortlich.

Prävention betreiben

Eine zentrale Rolle wird künftig die konsequente Primärprävention spielen. Risikofaktoren sollten gemäß der aktuellen S3-Leitlinie zu Schlaganfall durch folgende Maßnahmen vermieden werden:

  • Blutdruck unter 140/90 mmHg
  • Raucherentwöhnung
  • Sport und Bewegung
  • Vermeidung von hohem Alkoholkonsum (über 40 g pro Tag)
  • Blutzuckereinstellung bei Diabetes mellitus
  • Therapie der Hypercholesterolämie bei hohem kardiovaskulärem Risiko
  • orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern, intrakardialen Thromben und Herzklappenersatz
  • Endarteriektomie bei Stenosen der Aorta carotis

Die Sekundärprävention orientiert sich an den Maßnahmen der Primärprävention, sieht jedoch eine antithrombotische Therapie mit Acetylsalicylsäure (50 bis 100 mg) vor. Bei Unverträglichkeit oder symptomatischer peripherer arterieller Verschlusskrankheit empfiehlt die Leitlinie Clopidogrel. |

Quelle

S3-Leitlinie „Schlaganfall“, AWMF-Register Nr. 053-011, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Stand 2012

Ringelstein EB et al. Das Stroke-Unit-Konzept in Deutschland und Europa. Nervenheilkunde, Schattauer Verlag, 2010

Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe unter www.schlaganfall-hilfe.de/ (Zugriff am 1.4.2016)

Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft unter www.dsg-info.de/ (Zugriff am 1.4.2016)

Kompetenznetz Schlaganfall unter www.kompetenznetz-schlaganfall.de (Zugriff am 1.4.2016)

Dipl.-Biologe Thomas Kresser


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