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Management

Mehr Mut zum Müßiggang

Die Mär von der Selbstoptimierung der persönlichen und fachlichen Kompetenzen

Der allgegenwärtige Zwang zur Selbstoptimierung führt zuweilen zum Wahn(sinn) und zur Entstehung übertriebener Erwartungen, die der Apotheker an sich selbst stellt – oder die von außen an ihn herangetragen werden. Welche Möglichkeiten zum konstruktiven Umgang mit dem Zwang und Drang zur Selbstoptimierung gibt es?
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Abheben Eine gute Selbstoptimierung findet statt, wenn man sich vom trendigen Denkmusterlabyrinth befreit und selbstständig das Beste für sich sucht – auch wenn das mal heißt, fünf Gänge runterzuschalten.

Mit Selbstoptimierung ist hier nicht allein die körperliche Selbst­optimierung gemeint, sondern das Ziel, in jedem Bereich das absolute Maximum zu leisten und Perfektion anzustreben – auch um andere Menschen zu beeindrucken. Natürlich ist aufgrund der technischen Entwicklung zurzeit die „körperliche Selbstoptimierung“ in aller Munde. Die schier unglaubliche Masse verfügbarer Daten macht den Menschen lesbar bis in sein Innerstes und liefert exakte Hinweise, welche körperlichen Attribute er optimieren sollte, um den Anforderungen gerecht zu werden. Spezielle Gesundheits-Apps zeigen ihm, wie er sich gesund und fit hält, um (angeblich?) glücklicher und zufriedener zu sein, aber auch, um eventuell mit Gesundheits-Boni von den Krankenkassen belohnt zu werden.

Allerdings: Die Vermessung des eigenen Selbst etwa durch die Quantified-Self-Bewegung nimmt zuweilen bedrohliche und groteske Ausmaße an, wenn insbesondere junge Leute sich durch die digitale Erfassung körperbezogener Daten gängeln und sich von Plastik­armbändern per LED-Anzeige vorschreiben lassen, wann sie wo welcher sportlichen Aktivität nachzugehen haben.

Ein Apotheker, der diesen Zwang zur Selbstoptimierung akzeptieren will, sollte sich nicht daran hindern lassen. Alle anderen aber sollten kritisch hinterfragen, ob sie wirklich jede Verbesserung, die theoretisch möglich wäre, mitmachen müssen, und ob es nicht auch so etwas wie eine falsche Selbstoptimierung gibt, die mehr Nach- als Vorteile hat.

Zielrichtung der Selbst­optimierung klären

Zuweilen fällt es denjenigen, die sich dem Zwang zur Selbstoptimierung entziehen wollen, schwer, sich mit ihren Argumenten durchzusetzen. Selbstcoacher, die sich Gedanken über ihre persönliche Weiterentwicklung machen, geben zu bedenken, dass wir zumindest reflektieren sollten, welchen Zweck die Selbstoptimierung haben soll: Welchen Zielsetzungen, welchen Zielen dient sie? Welche Kompetenzen, Fähigkeiten und Eigenschaften, die wir benötigen und gerne hätten, um unsere Vorhaben zu realisieren, müssen wir auf- und ausbauen?

Pointiert ausgedrückt: Wenn die Selbstoptimierung im Dienst eines höheren Ziels steht, ist dies etwas anderes, als wenn sie um ihrer selbst willen betrieben und allein deswegen ins Werk gesetzt wird, weil es chic und modisch ist.

Die Selbstcoaching-Expertin Stefanie Demann schreibt dazu in ihrem Buch „Selbstcoaching für Führungskräfte“: „Der Wert eines Menschen berechnet sich doch nicht dadurch, dass er sich von oben bis unten selbst vermisst und auf Wirtschaftlichkeit abklopft. (...) Das Beste aus sich zu machen bedeutet nicht, sich permanent zu überwachen und jede Aktivität auf ihren wirtschaftlichen Nutzen hin zu überprüfen.“

Alle auf Selbstoptimierung orientierten Apotheker sollten sich darum zumindest die Frage stellen: Warum das alles? Nur um einem „höher, schneller, besser, weiter“ zu genügen – oder um ein bestimmtes berufliches oder auch privates Ziel zu erreichen?

Leben im Stand-by-Modus kann zu Kreativität führen

Die Vermutung, die Selbstoptimierung habe mit den zunehmenden Burn-out-Fällen etwas zu tun, liegt nahe. Wer aber heutzutage den Mut zur Bescheidenheit, zur Selbstbeschränkung oder auch zur Muße predigt, macht sich der Faulenzerei verdächtig. Dabei sagt die Kreativitätsforschung, dass gerade im Stadium des Nichttuns, der Muße, des Müßiggangs, ja, der Langeweile zuweilen die besten Heureka-Ideen geboren werden. Bekanntlich soll im dritten Jahrhundert vor Christus der griechische Mathematiker und Physiker Archimedes, nachdem er das nach ihm benannte Archimedische Prinzip entdeckt hatte, „Heureka!“ rufend aus der Badewanne gesprungen und durch die Stadt gelaufen sein. Seitdem wird „Heureka!“ als freudiger Ausruf nach der gelungenen Lösung einer schwierigen geistigen Aufgabe und zudem als Synonym für eine plötz­liche Erkenntnis verwendet.

Die Jagd nach dem Maximum, nach Topleistungen und kreativ-innovativen Ideen setzt also nicht zwingend einen Zustand der absoluten Perfektion und Selbstoptimierung voraus. Im Gegenteil: Das Leben im Stand-by-Modus ohne das permanente Blinken und Bimmeln von Smartphone, Apps und Co. und ohne die sekündliche Belastung durch die Selbstvermessungs-Technik am Armband weitet oft genug den kreativen Blick für das Neue und Unerwartete.

Darum sollten gestresste Apotheker die Option, den strukturierten Aktivitätenplan auf die Seite zu legen und mehr Müßiggang zu wagen, zumindest prüfen. Nicht immer bringt sich regen auch Segen, nicht immer ist der Müßiggang aller Laster Anfang, sondern der selige Beginn eines kreativen Gedankenblitzes – „Heureka!“ eben.

Sich auf eine Selbstoptimierungsaktivität konzentrieren

Was nicht passieren darf: Die ­Selbstoptimierung artet zur Belastung aus. Darum ist es zielführender, die Optimierung einer Kompetenz zu Ende zu bringen, bevor sich der Apotheker der nächsten zuwendet. Die Haltung der ewigen Selbstoptimierung suggeriert uns, dass es von Nachteil sei, den Augenblick festzuhalten – vielmehr sollen wir parallel gleich mehrere Optimierungsziele erreichen: Man könnte ja etwas verpassen, wenn man sich lediglich auf ein Ziel konzentriert! Und so setzen wir uns dem Stress aus, uns zu atomisieren und zu zersplittern, weil wir alles zugleich erreichen wollen. Dabei bleiben Kontinuität und Beständigkeit zuweilen auf der Strecke.

Um ein Gegengewicht aufzubauen, kann es richtig sein, eine Fremdeinschätzung einzuholen und die Sinnhaftigkeit der selbst auferlegten Optimierungsziele mit einer anderen Person zu diskutieren. Das kann ein neutraler Coach sein oder ein Bekannter, dem der Apotheker vertraut, der sich aber überdies traut, ihm auch einmal schonungslos die Wahrheit zu sagen und ihn darauf hinzuweisen, dass er mit den Selbstoptimierungsaktivitäten über das Ziel hinausschießt.

Keine Angst vor dem Kontrollverlust

Die große Herausforderung für die meisten Menschen besteht wohl darin, sich auf eine Entwicklung einzulassen, die vielleicht nicht eintritt und nicht messbar und kontrollierbar ist. Der ständige Datentransfer, der mit der Selbstoptimierung einhergeht und Voraussetzung für den Optimierungswahn ist, spielt uns eine allgegenwärtige Beherrschbarkeit des beruflichen und privaten Alltags, ja des Lebens vor, die es nicht gibt.

Darum: Wir sollten lernen, uns auch auf das Unkontrollierbare und Nichtmessbare des Lebens einzulassen. Wir müssen nicht immer alles beherrschen und im Griff haben – diese Einstellung aufzubauen, fällt dem einen oder anderen Apotheker gewiss schwer. Es könnte sich aber lohnen, auch einmal loszulassen und die Erwartungen an sich selbst zurückzuschrauben. |

Dr. Michael Madel, freier Autor und Kommunikationsberater

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