DAZ aktuell

Erkenntnisse kommen bei Ärzten nicht an

AMNOG-Report der DAK-Gesundheit zeigt Schwachstellen auf

BERLIN (ks) | Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) wirkt: Seit 2011 müssen neue Arzneimittel ihren Zusatznutzen unter Beweis stellen. Und ihre Hersteller dürfen nur noch ein Jahr lang den Preis selbst bestimmen. Das sorgt für spürbare Einsparungen. Doch es gibt auch Schwach­stellen in dem Verfahren, das von jeher als „lernendes“ verstanden wurde. Unter anderem kommen die Erkenntnisse der frühen Nutzenbewertung nur bedingt bei den Ärzten in der Praxis an. Dies ist ein Ergebnis des AMNOG-Reports 2015, den die DAK Gesundheit letzte ­Woche in Berlin vorgestellt hat.

Professor Wolfgang Greiner, Gesundheitsökonom an der Universität Bielefeld und Mitglied des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen, hat mit seinem Team für die DAK-Gesundheit die ersten AMNOG-Jahre von 2011 bis 2013 unter die Lupe ­genommen. In dieser Zeit haben 58 Wirkstoffe in 64 Verfahren das AMNOG-Verfahren durchlaufen – die Bestandsmarktbewertung der Gliptine eingeschlossen. 44 Erstattungsbeträge wurden vereinbart, zwei von der Schiedsstelle festgesetzt und ein Präparat einer Festbetragsgruppe zugeordnet. Elf Arzneimittel wurden nach erfolgter Nutzenbewertung vom Markt genommen. Versorgungsrelevant sei dies aber nicht gewesen, so Greiner. Als Ausnahme nannte er Perampanel (Fycompa®). Selbst bei den zurückgezogenen Bestandsmarktarzneien hielten sich die Probleme in Grenzen. So seien etwa innerhalb eines Quartals bereits 71 Prozent der Vildagliptin-Verwender umgestellt gewesen – zumeist (44%) auf einen anderen DPP4-Inhibitor. Insgesamt zeigte sich bei der frühen Nutzenbewertung: Je mehr Konkurrenz es in einem Indikationsgebiet schon gibt, also vor allem bei Volkskrankheiten wie etwa Diabetes, desto schwerer ist es, einen Zusatznutzen zu generieren.

Verordnungsverhalten entspricht nicht Nutzenbewertung

Weiterhin nimmt sich der Report der Auswirkungen der AMNOG-Beschlüsse auf das Verordnungsgeschehen an. Schließlich war es ein Ziel, dass Medikamente ohne Zusatznutzen nicht nur günstiger werden, sondern auch weniger verordnet werden. Fakt ist jedoch: Selbst Arzneimittel, denen kein therapeutischer Fortschritt bescheinigt wurde, verordnen Ärzte oft fleißig weiter. So haben Wirkstoffe ohne Zusatznutzen innerhalb des ersten Jahres nach Veröffentlichung des Prüfergebnisses beachtliche Verordnungszahlen und -zuwächse erreicht. Ein Beispiel: das MS-Medikament Fampridin (Fampyra®). Lag der Bruttoumsatz mit diesem Präparat für DAK-Ver­sicherte 2011 noch bei rund einer ­Million Euro, waren es 2013 gut zehn Millionen Euro. Und das, obwohl ein Zusatznutzen nicht fest­gestellt wurde.

Informationsmängel und Dominanz des Marketings

„Die kritische wissenschaftliche Bewertung der Präparate würde ein anderes Verordnungsverhalten der Ärzte erwarten lassen“, sagte DAK-Chef Professor Herbert Rebscher. „Über die Gründe, warum Ärzte sich häufig nicht an der wissenschaftlichen Bewertung orientieren, lässt sich nur spekulieren: Möglicherweise spielen hier Informationsmängel eine Rolle.“ Professor Wolf-Dieter Ludwig, Onkologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und Gast-Autor des DAK-Reports, sieht zum einen das „enorm diversifizierte Informationssystem“ als Ursache – zum anderen die nach wie vor bestehende Dominanz des Marketings der Hersteller. Auf die ­G-BA-Beschlüsse selbst schaue kaum ein Arzt. Dafür würden die Mediziner mit Informationen von unterschiedlichsten Seiten gefüttert – nur leider nicht mit unabhängigen. Dabei gebe es diese, wie Ludwig betonte. Sie müssten allerdings zentralisiert und verbreitet werden, damit sie in den Köpfen der Ärzte ankommen. |

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