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Self-Tracking und Prävention

Gesundheits-Apps und ihre Nutzer

Jeder zweite 14- bis 34-Jährige findet das Sammeln eigener Gesundheitsdaten gut. Damit verlagert sich die Hoheit medizinisch relevanter Daten vom Arzt zum Patienten. Mit der Qualität von Gesundheits-Apps sowie den typischen Nutzergruppen befasste sich eine Veranstaltung in der Hamburger Handelskammer.

Die Zahl der digital affinen Patienten wächst, zitierte Dr. Bernd Hillebrand, Geschäftsführer der Gesundheitswirtschaft Hamburg GmbH (GWHH), aus ei­ner aktuellen Marktanalyse. Sie wollen mehr Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen. Dazu gehört auch das Sammeln von Daten via Fitness-Apps und kleinen Tracking-Geräten.

Der typische „Self-Tracker“ ist ein ­gesunder, junger und technikaffiner Mann, so Prof. Viviane Scherenberg von der Apollon Hochschule für Gesundheitswirtschaft in Bremen. Dieser Trend zur permanenten physischen Selbstdokumentation, der seit Kurzem auch hierzulande spürbar wird, hat in den USA schon 2007 begonnen. Die Quantified-Self-Bewegung, die von den kalifornischen Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly begründet wurde, lebt nach dem Motto „Self knowledge through numbers“. Allerdings ist die Skepsis gegenüber einem möglichen Missbrauch von Daten hierzulande deutlich größer als in den USA oder anderen Nationen.

In Deutschland nutzen bisher mehr Männer als Frauen solche gesundheits- bzw. präventionsbezogenen Apps. Doch das könnte sich ändern. Denn in den USA, die Europa ja immer eine Länge voraus sind, stellen Frauen inzwischen die größte Nutzergruppe dar. Sie sind ­unter 50, haben einen hohen Bildungsstatus und ein hohes Haushaltsnettoeinkommen – und außerdem hat sich bei ihnen kurz vorher der Gesundheitszustand wesentlich verändert.

Von den Deutschen hat jeder Fünfte ­inzwischen eine oder mehrere Gesundheits-Apps – angeboten werden bereits 150.000 bis 200.000. Ein Drittel aller Apps wird allerdings bereits nach drei Monaten nicht mehr genutzt.

Scherenberg hat diverse Apps untersucht, die von gesetzlichen Krankenkassen und der Pharmaindustrie angeboten werden. Während sich die ­GKVen auf die Prävention konzentrieren, hat die Industrie bei den von ihr angebotenen Apps Krankheitsbilder im Fokus. Verbindliche Kriterien für die Qualität müssten noch festgelegt werden, und zwar in drei Kategorien:

  • Input-Qualität: Einbindung von Experten und Selbsthilfegruppen, aber auch die technische Ausstattung.
  • Throughput-Qualität: Sie bewertet Aspekte wie Didaktik, Inhalt oder Motivationskomponenten.
  • Output-Qualität: Hier geht es um die Wirkung, um Verhaltensänderungen, Wissensgewinn und den konkreten Einfluss auf den Gesundheitszustand.

Eine Qualitätskontrolle von Gesundheits-Apps führen u. a. die TU Braunschweig und die Medizinische Hochschule Hannover durch. Auch die Apollon Hochschule bietet mit dem Portal www.healthon.de Testberichte zu derzeit 242 Gesundheits-Apps, einen Blog, einen Ehrenkodex u. a.

Als wichtige Kriterien nannte Scherenberg:

1. Datenquellen mit Stand der Infor­mation (aktuell und repräsentativ),

2. Autor(en) mit fachlicher Qualifikation,

3. Hinweis zu Datenschutzrichtlinien,

4. Hinweis zur Werbepolitik,

5. Hinweis zu (allen) Finanzierungsquellen,

6. Kontakt: fachlich kompetente Ansprechpartner,

7. Impressum, das der Nutzer schnell findet und das Hinweise zu 1. – 6. enthält.

Ob solche Apps tatsächlich einen ­präventiven Nutzen erbringen, dazu liegen derzeit noch keine Langzeit­studien vor.

„Wir können den Markt nicht regulieren“, so Scherenberg, daher müsse man die Nutzer aufklären und ihre Kompetenz erhöhen. Eine Aufgabe, die aus Sicht von ADEXA auch verstärkt auf die Apotheken zukommen wird.

„Hamburg schockt“

Zwei Gesundheits-Apps wurden auf der Veranstaltung näher vorgestellt:

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) hat mit „Hamburg schockt“ eine regional vernetzte Anwendung geschaffen, die die Erste Hilfe bei plötzlichem Herzstillstand verbessern soll. Mit der App wird der Standort des Helfers geortet, er kann direkt einen Notruf absetzen und es wird der nächste externe De­fibrillator (AED-Gerät) angezeigt. Darüber hinaus werden die wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen dargestellt.

Bei der App DiabetesConnect ging die Entwicklung von einem IT-Spezialisten aus, der seit 18 Jahren an Typ‑1-Diabetes leidet und nach einer bequemen, motivierenden Alternative zum handschriftlichen Diabetes-Tagebuch suchte.

Es entspann sich eine lebhafte Diskussion darüber, wie Ärzte reagieren und welchen Nutzen sie davon haben, wenn Patienten mit per Smartphone aufbereiteten Daten in ihre Praxis kommen. Der Export von Daten ist bei Diabetes­Connect möglich. Eine Integration in die Praxis-Software wäre bei solchen Beispielen der nächste denkbare Schritt. |

Dr. Sigrid Joachimsthaler

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Foto: monicaodo – Fotolia.com

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