Allergien

Gewöhnen statt abschirmen

Früher Allergenkontakt hilft Allergien zu vermeiden

Foto: ostrid – fotolia.com
Von Sabine Werner | Über viele Jahre schien es, als wäre die strikte Vermeidung von Allergenen in Nahrung und Umwelt bis zum Ende des ersten Lebensjahres wichtig, um die Entstehung von Allergien zu verhindern. Heute ist die Allergenkarenz überholt. Vor allem Nahrungsallergene dürfen gezielt und frühzeitig in die Ernährung eingeführt werden, um eine Gewöhnung des Immunsystems herbeizuführen. Die aktuelle S3-Leitlinie „Allergieprävention“ der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ; siehe S. 44 ff.) bestätigt den Paradigmenwechsel der Leitlinie von 2009.

Die Zahlen sprechen für sich: Bei 26% der deutschen Kinder und Jugendlichen unter 17 Jahren wurde nach den Daten des Robert-Koch-Instituts aus der ersten Folgebefragung der KiGGS-Studie (2009 – 2012) im Laufe ihres Lebens eine ­atopische Erkrankung (Neurodermitis, Heuschnupfen oder Asthma bronchiale) diagnostiziert. Die Häufigkeit atopischer Erkrankungen ist zwar seit der Basiserhebung in den Jahren 2003 bis 2006 nicht statistisch signifikant gestiegen, dennoch stellt sich für viele Eltern die berechtigte Frage nach Präventionsmaßnahmen, um ihr Kind so weit wie möglich vor Allergien zu schützen.

Prävention beginnt im Mutterleib

In der Schwangerschaft ist entgegen früherer Empfehlungen keine Vermeidung potenzieller Nahrungsmittel-Allergene nötig. Die Schwangere sollte sich ausgewogen und nährstoffdeckend ernähren. Fisch als Bestandteil der Ernährung wird in der Schwangerschaft ausdrücklich empfohlen. Während sich die Vermutung, dass Fischkonsum das spätere Allergierisiko für Kinder erhöht, nicht bestätigt hat, gibt es umgekehrt sogar Hinweise auf einen protektiven Effekt. Auch eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Obst und Gemüse, reich an Omega-3-Fettsäuren und an Milchfett während der Schwangerschaft scheint nach aktueller Datenlage das Risiko für atopische Erkrankungen beim Kind zu reduzieren. Während der Stillzeit ist es wie in der Schwangerschaft nicht nötig, eine allergenarme Diät einzuhalten.

Vier Monate stillen

Im Säuglingsalter gilt nach wie vor das Vollstillen über die ersten vier Lebensmonate als wichtigste Maßnahme zur ­Allergieprävention. Auch nach Einführung der Beikost ist begleitendes Stillen sinnvoll. Als „Risikokinder“ im Hinblick auf Allergien werden Kinder bezeichnet, bei denen mindestens ein Elternteil oder Geschwisterkind an einer atopischen Erkrankung leidet. Wenn Stillen nicht möglich ist, sollten diese Kinder in den ersten vier Lebensmonaten mit hypoallergener (HA) Säuglingsnahrung ernährt werden. Bei diesen HA-Nahrungen ist der Gehalt an allergenen Proteinen durch Hydrolyse reduziert. Ab Einführung der Beikost und bei genetisch nicht vorbelasteten Kindern generell ist die Ernährung mit HA-Nahrungen nicht notwendig. Nicht empfohlen werden Säuglingsnahrungen auf Sojabasis. Einerseits kann kein präventiver Effekt auf spätere Allergien beobachtet werden, andererseits sind die Auswirkungen des hohen Gehalts an Phytoöstrogenen auf den kindlichen Organismus noch nicht bekannt. Die DGKJ ­empfiehlt daher, Sojaproteine in der Säuglingsernährung nur bei speziellen Indikationen und nur unter ärztlicher Aufsicht einzusetzen.

Fisch darf auf den Tisch

Die Einführung der Beikost sollte nach dem vollendeten vierten Lebensmonat erfolgen, da sich hier der Nährstoffbedarf des Kindes verändert bzw. erhöht. Späteres Einführen der Beikost reduziert das Allergierisiko nicht, es gibt sogar Hinweise, dass ein Hinauszögern der Beikost über den siebten Lebensmonat hinaus das Risiko für atopische Erkrankungen erhöhen könnte. Die Vermeidung typischer Nahrungsmittelallergene im ersten Lebensjahr ist nach der aktuellen Leitlinie nicht sinnvoll, eine späte Einführung ­bestimmter Lebensmittel scheint das Risiko für eine ­Sensibilisierung sogar zu erhöhen. Die Beikost sowie die spätere Familienkost sollten ausgewogen und nährstoffdeckend sein. Zu Fisch auf dem Speiseplan des ersten Lebensjahres wird von der Leitlinie explizit geraten. Auch glutenhaltige Getreidesorten wie Weizen oder Dinkel sollten zwischen dem fünften und siebten Lebensmonat eingeführt werden, hier empfiehlt die DGKJ eine schrittweise Steigerung (z. B. beginnend mit einigen Nudeln, einem Löffel Getreidebrei oder Ähnlichem). Wie in der Schwangerschaft gibt es Hinweise, dass eine Beikost-Nahrung, die reich an Obst, Gemüse, langkettigen Omega-3-Fettsäuren wie DHA und EPA und den in Kuhmilch enthaltenen trans-Fettsäuren ist, sich positiv auf das Allergierisko auswirkt. Allerdings ist die Datenlage noch so heterogen, dass die Leitlinie dazu nur eine Stellungnahme und keine Empfehlung enthält.

Die Bedeutung von Prä- und Probiotika in der Ernährung von Kindern wird in Deutschland kontrovers diskutiert. Ein Cochrane-Review zeigt für Säuglingsnahrung mit präbiotischen Zusätzen eine Reduktion des Risikos für Neurodermitis in den ersten zwei Lebensjahren um 32%. Doch sind die zugrundeliegenden Studien hinsichtlich des untersuchten Präparats, der Dosierung und der Dauer der Einnahme sehr heterogen. Für Probiotika postuliert die Leitlinie „Allergieprävention“, dass eine Einnahme während der Schwangerschaft größere Effekte auf das Allergierisiko hat als eine Einnahme im Säuglingsalter.

Übergewicht im Kindesalter (definiert als BMI über der 85. Perzentile) geht mit einer signifikant erhöhten Inzidenz für Asthma bronchiale einher. Eine Gewichtsnormalisierung ist daher schon im frühen Kindesalter wichtig.

Während typische Nahrungsmittelallergene gezielt in die Ernährung des Kindes eingeführt werden sollen, sollten zahlreiche inhalierbare Schadstoffe, von denen das von ihnen ausgehende Allergierisiko seit Längerem bekannt ist, gemieden werden. So sollen Kinder Tabakrauch, Autoab­gasen, aber auch Innenraum-Schadstoffen wie Formaldehyd und verschiedenen organischen Verbindungen, die aus ­Lacken oder neuen Möbelstücken abdampfen, so wenig wie möglich ausgesetzt werden. Ein frisch renoviertes Zimmer ist also nur bedingt als Kinderzimmer geeignet. Auf das Rauchen sollte auch in der Schwangerschaft verzichtet werden. In Wohnräumen sollte für ausreichende Belüftung und nicht zu feuchte Luft gesorgt werden, um die Bildung von Schimmel zu vermeiden. Schimmelpilzsporen mit einer Größe von unter 10 µm gelangen mit der Atmung direkt in die Bronchien und können zu allergischem Asthma führen.

Hunde schützen vor Allergien

Eine „unspezifische Immunmodulation“ durch frühen Kontakt mit Keimen und Allergenen scheint dagegen vor Allergien zu schützen. Dazu trägt nicht nur das Aufwachsen auf einem Bauernhof bei, sondern auch ältere Geschwister im Haushalt oder der enge Kontakt mit fremden Kindern in den ersten drei Lebensjahren, z. B. in einer Kinderkrippe. Interessant ist, dass auch während der Schwangerschaft eine zunehmende Anzahl von Tierarten, mit denen die Mutter Kontakt hat, das spätere Risiko des Kindes für Neurodermitis senkt. Tiere im Haushalt werden differenziert beurteilt: Während es bei genetisch nicht vorbelasteten Kindern generell nicht nötig ist, auf das Halten von Haustieren zu verzichten, sollte in Haushalten in denen Risikokinder leben, keine Katze neu angeschafft werden. Hunde dagegen haben ­keinen negativen Einfluss auf das Allergierisiko, einige ­Studien belegten sogar eine geringere Prävalenz für allergisches Asthma und atopisches Ekzem, wenn ein Hund im Haushalt lebt.

Die Reduktion der Hausstaubmilben-Allergene im Wohnraum wird entgegen früherer Ansichten nicht mehr zur Allergieprävention empfohlen. Nur wenn bereits erste Symptome einer Hausstaubmilbenallergie auftreten, ist es sinnvoll, beispielsweise mit Matratzenbezügen den Kontakt zum Allergen zu minimieren.

Impfen empfohlen, Kaiserschnitt nicht

Keine Evidenz gibt es für eine Beeinflussung des Allergierisikos durch Impfungen. Die Leitlinie der beiden Fachgesellschaften empfiehlt daher für alle Kinder die uneingeschränkte Durchführung der Impfungen gemäß den Empfehlung der STIKO. Neu aufgenommen in die Leitlinie wurde die Empfehlung, bei der Wahl der Geburtsmethode zu berücksichtigen, dass eine Kaiserschnittentbindung zu einem erhöhten Risiko für das Kind führt, später an Asthma bronchiale zu erkranken. Erklärt wird dies mit der fehlenden Immunstimulation, der das Kind während der vaginalen Geburt im Geburtskanal ausgesetzt ist. Es wird daher empfohlen, Kaiserschnittgeburten nur bei medizinischer Indikation durchzuführen.

Schließlich verweist die Leitlinie noch auf den Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und einem erhöhten Allergierisiko. Sowohl belastende Ereignisse während der Schwangerschaft als auch während der frühen Kindheit begünstigen das Auftreten atopischer Erkrankungen. Hier empfiehlt die Leitlinie eine möglichst früh beginnende therapeutische Begleitung.

Abschließend bleibt der Hinweis, dass sich mit präventiven Maßnahmen in der Schwangerschaft und im Säuglingsalter das Allergierisiko zwar senken, die Entstehung einer Allergie aber nicht völlig ausschließen lässt. Daher ist es wichtig, in der Beratung darauf hinzuweisen, dass bereits bei ersten Symptomen einer Allergie ein Kinderarzt oder Facharzt aufgesucht werden sollte, um möglichst frühzeitig eine adäquate Therapie zu beginnen. |

Literatur

S3-Leitlinie Allergieprävention – Update 2014; Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ); Stand Juli 2014

Schmitz R, et al: „Verbreitung häufiger Allergien bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse der KiGGS-Studie – Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1)“, Bundesgesundheitsblatt 2014;57:771-778

Bührer C, et al: „Ernährung gesunder Säuglinge. Empfehlungen der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und ­Jugendmedizin“; Monatsschrift Kinderheilkunde 2014;527-538

Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und ­Jugendmedizin, Ernährungskommission der Schweizerischen ­Gesellschaft für Pädiatrie: „Stellungnahme zur Verwendung von Säuglingsnahrungen auf Sojaeiweißbasis“; Monatsschrift Kinder­heilkunde 2006;154:913-916

weitere Literatur bei der Autorin

Autorin

Dr. Sabine Werner

studierte Pharmazie in München und Berlin. Nach ihrer Promotion arbeitete sie in einer ­Krankenhausapotheke in Tansania. Neben ihrer Tätigkeit in einer öffent­lichen Apotheke unterrichtet sie an der ­Berufsfachschule für pharmazeutisch-technische ­Assistenten in München.

Apothekerin Dr. Sabine Werner; Berufsfachschule für PTA; Chiemgaustr. 116, 81549 München

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