Komplementäre Therapien

Mehr als der ölige Stirnguss

Die ganzheitliche Sicht der ayurvedischen Medizin

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Von Ernst Schrott | Ayurveda, Indiens traditionelle Heilkunde, hat in wenigen Jahren an enormer Popularität in Europa gewonnen – vor allem in den deutschsprachigen Ländern. Sie nimmt inzwischen einen gewichtigen Platz unter den Naturheilsystemen ein. Der Ayurveda-Tourismus nach Indien und vor allem Sri Lanka boomt seit Jahren. Die Ausbildung von Ärzten, Heilpraktikern und medizinischen Laien, die zum Beispiel Ernährungsberatung anbieten und ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel verkaufen, hat in den letzten Jahren ebenso zugenommen, wie die Berichterstattung in den Medien und das Interesse der Politik an dieser Heilkunde. Apotheker werden zunehmend mit der Philosophie des Ayurveda, vor allem aber mit ayurvedischen Mitteln konfrontiert, seien es echte oder vermeintliche Nahrungsergänzungsmittel, Rezepturarzneimittel oder als rezeptpflichtige Arzneimittel einzustufende Produkte.

Ursprung des Ayurveda

Ayurveda gilt als eines der ältesten Naturheilsysteme der Menschheitsgeschichte. Laut der schriftlichen Überlieferungen wurde es vor mehreren Tausenden Jahren von sogenannten Maharishis, großen Sehern und Weisen in der Abgeschiedenheit des Himalayas in tiefer Meditation geschaut. Deren Einsichten und ihr medizinisches Wissen wurde anfangs ausschließlich mündlich überliefert und erst sehr viel später auch schriftlich aufgezeichnet. Wörtlich heißt Ayurveda „Wissen oder Wissenschaft vom Leben“. Erste schriftliche Aufzeichnungen über medizinische Anwendungen finden sich schon in den Veden, dem großen spirituellen und kulturellen Erbe Indiens. Sie enthalten neben den philosophischen Grundlagen eine Fülle von Informationen über Arzneipflanzen und die Herstellung von Medikamenten. Obwohl geografisch und historisch in Indien beheimatet, gilt Ayurveda als zeitlos und universell und kann demnach in jedem Land, zu jeder Zeit und unabhängig von Kultur und Religion angewendet werden! In der Tat finden sich viele ayurvedische Denkansätze und Anwendungen nahezu in ­allen Kulturen und Regionen der Welt.

Definition von Gesundheit

Der ayurvedische Fachbegriff für Gesundheit ist Swastha, von Sanskrit Swa (Selbst) und stha (stehen, gegründet sein). Gesundheit bedeutet demnach soviel wie „im Selbst gegründet sein“. Das Selbst gilt dabei als Ort vollkommener Gesundheit, als ein Bereich höchster Ordnung, der immateriellen Grundlage für Regeneration und aller Selbstheilungsmechanismen. Ayurveda betrachtet den Menschen als Ganzes und versucht mit seinen vielfältigen Therapieansätzen, die geistig-körperliche Balance aufrechtzuerhalten bzw. im Krankheitsfall wieder herzustellen.

„Ayurveda ist ewig, ohne Anfang und ohne Ende, denn die Gesetze des Lebens sind von universeller Natur und ihre Eigenschaften zeitlos.“ [1]

Caraka Samhita, klassisches Lehrbuch der ayurvedischen Medizin

Die ayurvedische Weltsicht

Das vedische Weltbild ist die Grundlage auch der ayurvedischen Medizin. Die Kernaussage lautet: Mensch, Natur und Kosmos sind eins. Für den vedischen Weisen existieren alle scheinbaren Verschiedenheiten nicht unabhängig oder losgelöst voneinander, sondern sind in Einheit verbunden. Umgesetzt auf praktisches Leben bedeutet das: Alles steht mit Allem in Wechselwirkung. Was immer der Mensch tut, denkt, fühlt oder lässt, hat seinen Einfluss auf alles andere und umgekehrt. Diese All-Verbundenheit und unbegrenzte Wechselwirkung, die zu allen Zeiten Denker und Philosophen beschrieben haben, überschreitet Alltagserfahrungen. Wir verstehen und akzeptieren den Einfluss menschlichen Bewusstseins allenfalls auf der sozialen Ebene, im Kreise von Freunden oder der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Schule. Ein solcher Einfluss endet aber aus vedischer Sicht nicht beim direkten Kontakt und im sozialen Miteinander. Er reicht weit über die Grenzen alltäglicher Erfahrungen ­hinaus.

Prämissen und Konzepte der ayurvedischen Medizin

Das wichtigste Anliegen der ayurvedischen Medizin vor der Behandlung von Krankheiten ist die Prävention, die Erhaltung und Förderung der Gesundheit. Es werden hierfür umfassende allgemeine und individuelle Empfehlungen zur Ernährung, zum Verhalten in den verschiedenen Tages- bzw. Jahreszeiten und Lebensphasen, zur Regeneration und regelmäßigen körperlichen und geistigen „Reinigung“ und zu einem ethischen, moralischen und spirituellen Leben gegeben. Oberstes Ziel ist es, dem Menschen ein langes und dabei gesundes Leben zu ermöglichen.

Erst in zweiter Linie wird die Behandlung von Krankheiten wichtig. Krankheiten sollen schon im Frühstadium erkannt und möglichst schon bei den ersten Zeichen eines körperlichen oder seelischen Ungleichgewichtes behandelt werden.

Acht Fachbereiche

Ayurveda gliedert sich in acht Fachbereiche: Innere Medizin, Erkrankungen oberhalb des Schlüsselbeins (Kopf, Hals, Augen, Ohren, Nase, Mund), Allgemeine Chirurgie, Toxikologie, Psychologie und Psychiatrie, Pädiatrie, Rasayana (Verjüngungstherapien, Geriatrie) und Vajikarana (Vitalisierungstherapien, Aphrodisiaka).

Das ayurvedische Betrachtungsmodell – Die Drei Doshas

Nach der ayurvedischen Lehre liegen allen körperlichen und geistigen Funktionen drei grundlegende Bioprinzipien zugrunde, die sogenannten Doshas (Vata, Pitta und Kapha). Modern-medizinisch ausgedrückt sind die drei Doshas psychophysische Regulationsprinzipien. Dosha heißt wörtlich „Fehler oder Abweichung“. Gemeint ist das Abweichen oder Heraustreten aus der Harmonie und Ordnung kosmischer Einheit. Die drei Doshas sind wie ein Dreiklang unserer Persönlichkeit. Sind sie in Harmonie, gut gestimmt, dann fühlen wir uns wohl und gesund, glücklich, leistungsfähig, voller positiver Energie und Schaffensfreude. Ist ein Dosha dagegen verstimmt, wie die Saite eines Instruments, dann entstehen Missklang und Disharmonie, wir fühlen uns im wahrsten Sinne des Wortes „verstimmt“. Bei weitergehendem Ungleichgewicht entstehen spezifische körperliche und psychische Krankheiten.

Man möge einen Lebensstil entwickeln, durch den die Gesundheit bewahrt und die noch ungeborene Krankheit vermieden wird.

Charaka 1.5.13

Alle ayurvedischen Maßnahmen und Empfehlungen zielen darauf, die individuelle Balance der Doshas zu erhalten oder wieder herzustellen.

Die drei Doshas leiten sich von fünf virtuellen Elementen (Mahabhutas) ab, den Bausteinen der Natur, des manifestierten Lebens. Sie formen die Qualitäten und Funktionen der Doshas (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Die Funktion der Tri-Doshas in Körper und Geist.

  • Vata leitet sich ab von Luft und Raum, den leichten Elementen. Entsprechend ist Vata leicht und beweglich, flexibel, schnell, veränderlich, durchdringend usw. Störungen von Vata zeigen sich zum Beispiel als innere Unruhe, Gedankenzudrang, leichten oder gestörten Schlaf, Trockenheit von Haut oder Schleimhäuten, Erkranken des Bewegungsapparates, etwa eine Fingerarthrose oder Erkrankungen des Nervensystems.
  • Pitta leitet sich ab vom heißen Element Feuer (geringfügig auch von Wasser). Entsprechend ist Pitta heiß, brennend, scharf usw. Störungen von Pitta zeigen sich in körperlicher Hitze (z. B. Hitzewallungen in den Wechseljahren), brennenden Empfindungen, Rötung der Haut (Ekzem), Entzündungskrankheiten oder hitzigem Gemüt.
  • Kapha schließlich wird von den schweren Elementen Erde und Wasser bestimmt. Kapha ist daher schwer, träge, stetig, wenig veränderlich, flüssig usw. Störungen von Kapha sind zum Beispiel Schwermut, geistige und körperliche Trägheit, Ansammlung oder Absonderung von Flüssigkeiten (Ödeme, Rhinitis, Bronchitis, feuchte Ekzeme), schwerer tiefer Schlaf etc.

Vata, Pitta und Kapha bestimmen darüber hinaus nicht nur die Art und Besonderheit funktioneller oder organischer Erkrankungen, sondern charakterisieren auch die genetisch festgelegten körperlichen und geistigen Anlagen, Merkmale und Funktionen. Sie beschreiben somit die gesamte Persönlichkeit eines Menschen: seine individuelle Natur (Konstitution), Talente, Mentalität und Temperament und typische Verhaltens-­ und Reaktionsmuster.

Agni und Ojas

Die drei Doshas stehen in Wechselwirkung zu weiteren elementar wichtigen Begriffen: Agni und Ojas. Agni bedeutet soviel wie Lebensflamme, biologisches Feuer, die wärmebildende und lebenserhaltende Energie des Organismus. Ein gesunder und vitaler Agni (Maskulinum!) geht einher mit Ausstrahlung, Energie, Lebensfreude, Begeisterungsfähigkeit, klarem Denken, scharfem Verstand, gesunder Körperwärme und normaler Verdauungskraft. Agni als Verdauungs- und Stoffwechselfeuer muss Nahrung vollständig umwandeln in Körpergewebe und Unverdauliches von Verdaubarem trennen. Im Prozess dieser Stoffwechselvorgänge entsteht Ojas (von Vaj, Körperstärke, Vermögen, Vitalkraft). Ojas ist ein substanziell nicht greifbares, feinstoffliches Substrat, die feinste Essenz der Verdauung, jenseits der materiellen Nahrungsbausteine wie Eiweiße, Kohlehydrate, Fette, Mineralien, Vitamine, Spurenelemente etc., die wir als Nährstoffe des Körpers in der westlichen Ernährungslehre kennen. Ojas gilt als feinstoffliche Grundlage für Immunität, Jugendlichkeit, Vitalität, Intelligenz, Fruchtbarkeit, ­körperliche und geistige Integrität, gesunde Haut und Schleimhäute, Ausstrahlung und Lebensfreude.

Ama: Stoffwechselnebenprodukte und -toxine

Ist die Transformation von Nahrung in den verschiedenen Stationen der Verdauung und des Stoffwechsels unvollständig, dann entsteht nach ayurvedischer Vorstellung Ama  (Sanskrit unverdaut, unreif). Ama ist ein Sammelbegriff für alle Stoffwechselnebenprodukte (und gegebenenfalls Toxine), die bei übermäßiger Produktion den Organismus belasten und die Ursache für verschiedene Krankheiten sein können. Auch „unverdaute“ Gefühle und negative Emotionen wie Angst, Sorgen, Ärger, anhaltende Wut, Gram, Neid und anderes können Körper und Geist als Psychotoxine belasten.

Klassische ayurvedische Therapien zur Aktivierung des Stoffwechsels, zur Anregung von Agni und zum Ausleiten von Ama sind z. B. Panchakarma, Fastenmaßnahmen, Ernährungs- und Verhaltensänderungen, Körperübungen, Yoga, Meditation und ayurvedische Präparate (z. B. Triphala, ein Präparat aus den Früchten von Phyllantus emblica (siehe Abb. 2), Terminalia chebula und Terminalia bellerica, eines der am häufigsten gebrauchten ayurvedischen Mittel zum Ausleiten von Ama).

Foto: E. Schrott

Abb. 2: Die Früchte von Phyllantus emblica sind Bestandteil eines der am häufigsten gebrauchten ayurvedischen Mittel.

Ayurvedische Therapien

Obwohl in den antiken Texten ganz unterschiedliche Ansätze für Prävention und Therapie beschrieben werden, wurden in Indien in der Neuzeit weitgehend nur Ernährungskonzepte, Verhaltensempfehlungen und Arzneien angewendet. Das große Spektrum an therapeutischen Möglichkeiten, vor allem die bei den Klassikern immer wieder betonte Bedeutung von Bewusstsein, wurde nur von einzelnen herausragenden Vaidyas, Ayurveda-Experten, eingesetzt und genutzt. Es gilt als Verdienst des vedischen Gelehrten Maharishi Mahesh Yogi, den Ayurveda wieder in seiner Vollständigkeit belebt und erneuert zu haben. Er hat führende Experten aus den verschiedenen Zweigen der ayurvedischen Medizin dafür gewonnen, unter seiner Führung und zusammen mit westlichen Wissenschaftlern und Ärzten ein modernes und möglichst vollständiges ayurvedisches Medizinsystem auf der Grundlage der klassischen Texte zu erarbeiten. Dabei betonte er die Rolle von Bewusstsein bei der Ursache und Heilung von Krankheiten, brachte den Ayurveda in den Kontext mit anderen vedischen Wissenszweigen und integrierte spirituelle vedische Ansätze sowie moderne ­medizinische und naturwissenschaftliche Verfahren (siehe Kasten „Spektrum ayurvedischer Therapien“).

Spektrum ayurvedischer Therapien

  • Bewusstsein
    Yoga: Meditation, Asanas, Pranayama
  • Verhalten
    Biorhythmen: Tages-, Jahreszeiten-, Lebensphasen
  • Ernährung
    individuell, konstitutionell, Dosha-spezifisch; allgemeine und individuelle Ernährungsregeln
  • Medizinische Präparate
    aus Heilpflanzen, Mineralien, Metallen, tierischen Stoffen
  • Sinne
    Therapie über Aromen, Klang und Musik, Haut (Massage, Marma-Behandlung, lokale Anwendungen), Geschmack und Farben
  • Ökofaktoren
    Sthapatya-Veda (Baubiologie, Städtebau, vedisch-­organischer Landbau)
  • Reinigungsverfahren
    Panchakarma, ausleitende Präparate, Diäten, Anwendungen

Dieser wieder weitgehend vollständige Ansatz wurde Maharishi Ayurveda genannt und gilt als Schrittmacher des Ayurveda im Westen in den letzten Jahrzehnten [7].

Wichtige Anpassungen an eine moderne Medizin waren unter anderem:

  • Sammlung und Verarbeitung von Arzneipflanzen sowie Herstellung ayurvedischer Präparate einerseits streng nach den Vorgaben der klassischen Texte, andererseits aber auch nach modernsten Qualitätskriterien
  • Anbau von Heilkräutern nach den Vorschriften des vedisch-organischen Landbaus
  • naturwissenschaftliche Überprüfung der Wirkungen von Heilkräutern, der Wirkmechanismen und Wirksamkeit (Beginn einer evidence based medicine)
  • Umfassende Überarbeitung, korrekte und hygienische Anwendung von Reinigungstherapien wie Panchakarma
  • Würdigung und Anwendung klassischer psychosomatischer Therapieansätze wie Meditation, Yoga, Atemtechniken, Bewegungstherapie, Verhaltenstherapie (Achara Rasayana)
  • Wissenschaftlich begründetes Modell der kosmischen Natur des Menschen auf der Grundlage der Aufdeckung einer Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen der Struktur des menschlichen Körpers und den Aspekten des Veda und der vedischen Literatur [3]

Ayurvedische Arzneitherapie

Die mündlichen Überlieferungen und die schriftlichen Aufzeichnungen über Jahrtausende sind eine unerschöpfliche Quelle des Wissens für die ayurvedische Medizin und Phytotherapie. So sind nach einer Schätzung von Prof. G. S. Lavekar, ehem. Direktor der Forschungsabteilung der indischen Regierung für die Naturheilsysteme Indiens, in den traditionellen Werken mehr als 100.000 (!) Arzneirezepturen, vor allem aus Pflanzendrogen, niedergeschrieben [4].

Der indische Subkontinent verfügt über einen reichen Schatz an Arzneipflanzen. Indische Botaniker zählen über 40.000 Arten, wobei in den letzten Jahrzehnten etwa 8000 Spezies aufgrund veränderter Umweltbedingungen und der zunehmenden Verwendung von Herbiziden und Pestiziden im Landbau vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben sind. Es werden daher auch von Regierungsseite Anstrengungen unternommen, das wieder zunehmend als wertvoll erkannte Erbe der ayurvedischen Medizin, vor allem der Pflanzenheilmittel, zu schützen und zu rekultivieren.

Wichtige Schritte hierzu sind die wissenschaftliche Dokumentation, die Erstellung einer umfassenden Pharmakopöe der ayurvedischen Pflanzen und ihre Erforschung nach naturwissenschaftlichen Kriterien, die in den letzten Jahren vom indischen Gesundheitsministerium unterstützt und ­vorangetrieben wurden.

Die westliche Medizin interessiert sich zunehmend für traditionelle ayurvedische Heildrogen und untersucht deren Wirkungen und Wirkmechanismen [8, 9]. Ein herausragendes Beispiel ist das Harz des indischen Weihrauchbaumes Boswellia serrata [10, 11]. Im Ayurveda werden Extrakte des Harzes seit Jahrtausenden zur Therapie entzündlicher Erkrankungen verwendet. Verantwortlich sind unter anderem die im Harz enthaltenen Boswelliasäuren. Sie hemmen unter anderem die 5-Lipoxygenase, ein Schlüsselenzym im Entzündungsgeschehen und unterbinden so die Leukotrienbildung. Extrakte aus Boswellia serrata haben sich tierexperimentell und in klinischen Studien als wirksam bei unterschiedlichen Entzündungskrankheiten wie rheumatoider Arthritis, allergischem Asthma, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, Psoriasis oder zur Reduktion von Hirnödemen bei Glioblastomen erwiesen.

Zubereitungen aus mineralischen und metallischen Ausgangsstoffen

Die ayurvedische Medizin verwendet neben rein pflanzlichen Präparaten traditionell auch mineralische und metallische Arzneimittel, sogenannte Bhasmas. Bhasmas sind Pulver von Substanzen, die durch Kalzinierung, durch Erhitzen, aus gereinigten Mineralien, Metallen, Edelsteinen, Substanzen aus dem Meer oder Tierreich und oft unter Zusatz beziehungsweise Mitverarbeitung von Pflanzendrogen gewonnen werden. Die Herstellung erfolgt in streng vorgeschriebenen Stufen. Bei korrekter Herstellung werden durch den Erhitzungsprozess des Metalls zusammen mit Arzneidrogen untoxische chemische Verbindungen gebildet. Die Ausgangssubstanzen durchlaufen auf diese Weise einen Oxidationsprozess, der sie so verändert, dass sie vom Körper besser aufgenommen werden und Heilungsqualitäten annehmen, andererseits ihre potenziell toxischen Eigenschaften und Nebenwirkungen verlieren sollen. So wird aus dem hochgiftigen Quecksilber durch Oxidation Zinnober, das harmlose Quecksilbersulfid, das im Darm so gut wie nicht resorbiert wird. Eisen-Bhasma wird zusammen mit verschiedenen Arzneipflanzen hergestellt, wodurch die Resorption verbessert werden soll und das zugesetzte Eisen geringer dosiert werden kann. Dadurch unterbleiben nach praktischer Erfahrung weitgehend Nebenwirkungen wie Völlegefühl oder Stuhlverstopfung.

Die Rezepturen und Herstellungsvorschriften solcher Arzneimittel gehen zurück auf Rasa Shastra, der ayurvedischen Alchemie. Bhasmas und anderen metallischen Zubereitungen wird eine hohe Wirksamkeit zugeschrieben. Sie werden in Indien zur Behandlung von Mangelzuständen von Mineralien, Spurenelementen und Metallen (Magnesium-, Calcium-, Selen-, Zink-, Eisenmangel u. a.) und schwer heilbaren chronischen Krankheiten wie chronisch entzündlichen ­Gelenkerkrankungen, Diabetes mellitus, chronischer Infektanfälligkeit, Asthma bronchiale, oder maligner Erkrankungen eingesetzt.

Zur Problematik der Bhasmas und anderer metallischer Mittel

Unbedenklich sind Bhasmas, die ausschließlich Mineralien, Spurenelemente und in üblicher Dosierung untoxische Metalle wie Eisen enthalten. Bei solchen Bhasmas und anderen schwermetallhaltigen Mitteln, die primär toxische Metalle wie Quecksilber, Blei oder Arsen enthalten, ist jedoch höchste Vorsicht geboten. Bei unsachgemäßer Herstellung können erhebliche Vergiftungen entstehen. In verschiedenen Publikationen wurde zu Recht auf mögliche und tatsächliche toxische Nebenwirkungen solcher metallischer Zubereitungen hingewiesen. So gab es Fälle mit Bleivergiftung durch die Einnahme ayurvedischer Mittel, die Patienten von einem Aufenthalt in Sri Lanka oder Indien mitgebracht hatten. Ein Grund für die toxische Belastung mit Schwermetallen solcher Mittel ist offenbar der, dass sich nicht alle Produzenten exakt an die Herstellungsvorschriften halten. Wurden nämlich Bhasmas korrekt nach den Vorschriften der ayurvedischen Pharmazie erzeugt, dann ließen sich zwar metallische Verbindungen nachweisen, diese waren jedoch völlig untoxisch, vermutlich deshalb, weil es sich nur noch um die Oxidationsprodukte und organischen Verbindungen der Ausgangssubstanzen handelte [5, 6].

Ayurvedische Präparate in der Apotheke

Heute sind zahlreiche ayurvedische Präparate über das Internet erhältlich. In der Regel sind sie als Nahrungsergänzungsmittel deklariert und registriert. Die Grenzen zwischen Nahrungsergänzungsmittel, OTC-Präparat und verschreibungspflichtigem Arzneimittel sind fließend und nicht in jedem Fall exakt definierbar. Auch die Qualität der Produkte, ihre Unbedenklichkeit und ihre Wirkungen sowie ihre Wirksamkeit sind oft unklar. Auch immer mehr Ärzte und Heilpraktiker verschreiben ayurvedische Mittel, die der Apotheker vom Großhandel, über die Internationale Apotheke oder direkt vom Importeur erhält. Für den Apotheker wird es daher zunehmend wichtig, sich einen Überblick zu verschaffen und sich über Indikationen und die Qualität ­solcher Produkte und die dahinter stehende ayurvedische Philosophie (wenigstens orientierend) zu verschaffen. Viele Hersteller werben mit Qualitätssiegeln, die in Indien erworben wurden. Die Anforderungen erfüllen mit ganz wenigen Ausnahmen jedoch nicht die europäischen Standards.

Die Firma Maharishi Ayurveda Products Europe mit Sitz in Wassenberg bzw. Herkenbosch, Niederlande, ist der Marktführer für den Vertrieb ayurvedischer Produkte in Europa. Der Hersteller (MAP India) in Noida bei Delhi verfügt über moderne Produktionsstätten und weist die besten Qualitätszertifikate aus. Die Sicherheit und gleichbleibende Qualität der Maharishi Ayurveda Produkte entspricht inzwischen weitgehend westlichen Standards. Auch andere indische Firmen bringen inzwischen ihre Produkte erfolgreich auf den westlichen Markt. Ein häufig verwendetes Mittel des Herstellers Himalaya Products sind Septilin® Tabletten, ein Mittel, das bei HNO-Erkrankungen wie Sinusitis, Tonsillitis, Otitis aber auch bei Akne vulgaris eingesetzt wird. Es ist in Indien als Arzneimittel für solche Indikationen registriert und zugelassen, wird aber im Internet frei zugänglich verkauft.

Unter den ayurvedischen Mitteln, die in Europa angeboten werden, nehmen die sogenannten Rasayanas, Verjüngungs- und Stärkungsmittel (neben ayurvedischen Tees und Gewürzmischungen), den größten Raum ein. Sie bilden ja auch die Grundlage einer eigenständigen Behandlungsrichtung, der Rasayana-Therapie. Sie gilt als die höchste Kunst und Wissenschaft der ayurvedischen Phytomedizin. Neben der allgemeinen gesundheitsfördernden und verjüngenden Qualität haben Rasayanas auch spezifische Wirkungen auf Organe, Körpergewebe oder ayurvedische Prinzipien. Die beiden bekanntesten sind das Chyavanaprash und Brahma Rasayana, das dem Maharishi Amrit Kalash® entspricht. Es sind Tonika und immunstärkende Präparate. Ein weiteres Beispiel sind Medhya-Rasayanas, Mittel zur Verbesserung der Hirnleistung. Bacopa monnieri, das Indische Wassernabelkraut, gehört zu den wichtigsten und wirksamsten Pflanzen, die in solchen Mitteln enthalten ist (siehe Abb. 3).

Foto: E. Schrott

Abb. 3:Bacopa monnieri, das Indische Wassernabelkraut.

Sind Schulmedizin und Ayurveda vereinbar?

Die moderne Medizin erforscht die menschliche Natur mit dem Werkzeug der objektiven Wissenschaft. Sie erhält so ein detailliertes Wissen von den Gesetzen, die den Körper, die Psyche, die Zelle bewegen. Das ist ein Teil der Wahrheit vom Leben. Einen anderen Weg haben die großen Ärzte und Weisen der alten vedischen Zeit beschritten. Das Instrument ihrer Analyse war ihr Bewusstsein, ihre Fähigkeit, ganzheitlich Naturzusammenhänge wahrzunehmen und zu beschreiben. Während die moderne Medizin also ein unglaublich reiches Wissen vom Detail gewonnen hat, besitzt der Ayurveda die Zusammenschau der Welt, des Menschen, seiner Organe, Zellen, Gewebe. Uralte östliche Heilkunst und moderne westliche Medizin, die sich in diesem Jahrhundert intensiv begegnen, ergänzen sich daher. Was der Schulmedizin fehlt, die Zusammenschau der Dinge, den Kranken als Ganzes zu sehen, das kann Ayurveda ergänzen, der wiederum von dem großen Wissen vom Detail profitiert. |

Literatur

[1] Charaka-Samhita, Sut. 30, 27

[2] Sushruta Samhita, Sut. 15, 41

[3] Nader T. Human Physiology: Expression of Veda and the Vedic Literature. MVU Press.

[4] Mündliche Mitteilung

[5] Kumar G, Gupta YK. Evidence for safety of Ayurvedic herbal, herbo-metallic and Bhasma preparations on neurobehavioral activity and oxidative stress in rats. Ayu. 2012;33(4):569-75. doi: 10.4103/0974-8520.110514

[6] Kumar G et al. Safety evaluation of mercury based Ayurvedic formulation (Sidh Makardhwaj) on brain cerebrum, liver & kidney in rats. Indian J Med Res 2014;139:610-618

[7] Second Interactive Meeting with International Delegates for the Global Propagative of Ayurveda, Delhi 2010, organisiert von AYUSH, Department of Ministry of Health and Family Welfare, Government of India

[8] Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin: Eine Gegenüberstellung. Umfassende Darstellung der Grundlagen der ayurvedischen Phytotherapie und zahlreicher ayurvedischer Heilpflanzen aus ayurvedischer und naturwissenschaftlicher Sicht. Springer 2011

[9] Schrott E, Duke J, Lavekar GS. Heilpflanzen und Präparate der ayurvedischen Medizin. Digitales Lexikon. Vedamed-Verlag

[10] Ammon HPT. Boswellic acids in chronic inflamatory diseases. Planta Med 2006;72:1100–1116

[11] Ammon HPT. Boswellic extracts as modulators of the immune systeme. Phytomedicine 2010;11:862-867, Epub 8. August 2010


Autor

Dr. med. Ernst Schrott praktiziert seit 1984 als niedergelassener Arzt in Regensburg. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda sowie Mitbegründer und Leiter der zur Gesellschaft gehörenden Deutschen Ayurveda Akademie, eine Einrichtung zur professionellen Ausbildung von Ärzten und medizinischen Heilberufen in ayurvedischer Medizin. Er ist außerdem Gründungsmitglied und Secretary der European Ayurveda Medical Association (EURAMA). Dr. Schrott ist Autor zahlreicher Publikationen und Bestseller über Ayurveda und vedische Bewusstseinstechnologien.