Arzneimittel und Therapie

Krebsrisiko von Fleischwaren

Dürfen wir noch rotes Fleisch und Wurst essen?

In der vergangenen Woche griffen viele Medien eine Pressemitteilung der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC zum Verzehr von rotem Fleisch und Wurstwaren auf. Dieser zufolge wird der Genuss von verarbeitetem Fleisch als krebserregend und von rotem Fleisch als vermutlich krebserregend eingestuft.

Eine Arbeitsgruppe von 22 internationalen Experten aus zehn Ländern wertete mehr als 800 epidemiologische Studien aus, die sich mit einem möglichen Zusammenhang von Krebs und dem Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch befassen. Unter rotes Fleisch fällt unverarbeitetes Muskelfleisch von Säugetieren wie z. B. Rind, Lamm, Pferd, Kalb, Schwein, Schaf und Ziege; unter Fleischwaren, das heißt verarbeitetem Fleisch, fallen alle Produkte, in denen Fleisch durch Salzen, Pökeln, Fermentieren, Räuchern oder andere Verarbeitungsschritte haltbar gemacht oder im Geschmack verfeinert wurde. Dazu zählen etwa Wurst und Speck, aber auch konservierte Fleischsorten wie Corned Beef oder Fertigsoßen mit Fleisch.

Foto: Tesgro Tessieri – Fotolia.com

Die Daten und deren Aussagen

Mit 14 Kohortenstudien lagen für das kolorektale Karzinom die meisten Daten vor. Eine Assoziation zwischen hohem Konsum von rotem Fleisch und einem erhöhten Risiko für ein kolorektales Karzinom wurde bei der Hälfte dieser Studien festgestellt. Ferner wurde dieser Zusammenhang auch bei sieben von 15 Fall-Kontroll-Studien gezeigt. Eine positive Korrelation zwischen dem Konsum von verarbeitetem Fleisch und dem Auftreten von Darmkrebs wurde bei zwölf von 18 Kohortenstudien ermittelt, dasselbe gilt für sechs von neun Fall-Kontroll-Studien. Eine Metaanalyse zum kolorektalen Karzinom auf der Basis von zehn Kohortenstudien sieht eine statistisch signifikante Dosis-Antwort-Beziehung und errechnet ein um 17% erhöhtes Risiko pro 100 g täglich verzehrtem rotem Fleisch sowie ein um 18% erhöhtes Risiko pro 50 g täglich verzehrtem verarbeitetem Fleisch.

„Es besteht damit nun kein unmittelbarer Handlungszwang, auf das Wurstbrötchen zu verzichten. Aber dass sich das Risiko für Darmkrebs bei höherem Verbrauch von verarbeitetem rotem Fleisch verändert, kann man mit gewisser Sicherheit sagen.“

Prof. Dr. Heiner Boeing, Leiter der ­Abteilung Epidemiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIFE) auf medscapemedizin.de

Zusätzlich lagen Daten zu 15 anderen Tumorentitäten vor. Bei diesen konnte eine positive Assoziation in Kohortenstudien und Fall-Kontroll-Studien zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch und Tumoren des Pankreas und der Prostata (vornehmlich des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms) und zwischen dem Verzehr von verarbeitetem Fleisch und Magenkrebs gezeigt werden (ohne Nennung von Zahlen).

Aufgrund der umfangreichen Daten und der konsistenten Assoziation zwischen einem erhöhten Risiko für ein kolorektales Karzinom und dem Verzehr von verarbeitetem Fleisch kam die Mehrheit der Arbeitsgruppe zu dem Schluss, den Verzehr von verarbeitetem Fleisch als krebserregend einzustufen. Was den Verzehr von rotem Fleisch anbelangt, so waren die Daten weniger aussagekräftig, so dass es als „vermutlich krebserregend“ eingestuft wurde.

„Man muss die Sache vorsichtig angehen und nicht falsche Signale setzen. Zumal wir es in der Ernährungsmedizin schon oft erlebt haben, dass sich die Ergebnisse von Assoziationsstudien in Interventionsstudien nicht bewahrheitet haben. Dann die Meinung der Öffentlichkeit wieder zu verändern, ist sehr schwer.“

Prof. Dr. Stephan Bischoff, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin und Prävention der Universität Hohenheim, Stuttgart, auf medscapemedizin.de

Globales Risiko nicht zu unterschätzen

Die Arbeitsgruppe relativiert das um 18% erhöhte Darmkrebsrisiko bei einem täglichen Verzehr von 50 g verarbeitetem Fleisch: Dieser statistische Zusammenhang bedeute für jeden Einzelnen ein nur geringes Risiko, Darmkrebs aufgrund des Konsums von Fleischwaren zu entwickeln, das aber mit zunehmendem Fleischkonsum ansteige. Das Risiko ist allerdings für die öffentliche Gesundheit von Bedeutung, da in vielen Ländern die Mehrheit der Bevölkerung regelmäßig rotes Fleisch und Fleischwaren verzehrt. Hier greift die Arbeitsgruppe auf Schätzungen des Global Burden Disease Projects zurück. Dieses Projekt ist u. a. von der WHO unterstützt und befasst sich mit der Quantifizierung von Todesfällen, Krankheit, Behinderungen und Risikofaktoren, aufgeteilt nach Regionen und Bevölkerungsgruppen. Das Projekt schätzt, dass weltweit 34.000 Krebstodesfälle auf den hohen Konsum von verarbeitetem Fleisch zurückzuführen seien. Um diese Zahl wiederum zu relativieren, werden jährlich eine Million Krebstote aufgrund von Tabakkonsum und 600.000 aufgrund von erhöhter Alkoholzufuhr aufgeführt. Diese Angaben finden sich in einem „Questions and answers“-Anhang der Pressemeldung, in dem knapp 30 Fragen zum Thema Fleischkonsum und Krebsrisiko beantwortet werden. So unter anderem, ob die Art der Zubereitung das Risiko beeinflusst, wie das Risiko von Fisch- und Geflügelverzehr zu werten ist, welche Inhaltsstoffe das Krebsrisiko erhöhen und ob die WHO Empfehlungen zum Fleischverzehr ausspricht (s. Quellenangaben). Die Arbeitsgruppe spricht keine direkten Empfehlungen zum Fleischverzehr aus, schließt sich aber den Empfehlungen der WHO zu einem lediglich moderaten Fleischkonsum an, was den derzeit geltenden Ernährungsempfehlungen entspricht.

„Für den Einzelnen bleibt das Risiko, Darmkrebs aufgrund seines Verzehrs verarbeiteten roten Fleisches zu entwickeln, klein. Mit Blick auf die große Zahl an Menschen, die verarbeitetes Fleisch essen, ist der Effekt auf die Krebsrate von Bedeutung für die öffentliche Gesundheit.“

Dr. Kurt Straif, Leiter der IARC-Sektion Monographien auf medscapemedizin.de

Unterschiedliches Echo

Erwartungsgemäß löste die Pressemeldung zahlreiche Stellungnahmen von der Fleischindustrie bis hin zu Ernährungsmedizinern aus. Einige Kommentatoren der Studie hegen Zweifel an der Aussagekraft der ausgewerteten Daten und halten sie für methodisch angreifbar. Einigkeit besteht meist in der Empfehlung, den Fleischkonsum einzuschränken.

„Es ist sicherlich nicht angemessen zu behaupten, dass die negativen Wirkungen von Speck und Würstchen auf das Risiko von Darmkrebs mit den Gefahren des Tabakrauchens vergleichbar sind.“

Prof. Ian Johnson, emeritus fellow des Institute of Food Research im Guardian

Die Einstufung von Fleisch und Wurstwaren als kanzerogen oder vielleicht kanzerogen ist nicht überraschend; so empfahl etwa die aktuelle S3-Leitlinie zum kolorektalen Karzinom bereits 2014, den Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch einzuschränken, da deren regelmäßig hoher Konsum mit einer signifikanten Erhöhung des Risikos für ein kolorektales Karzinom korreliert. |

Klassifikation der IARC

Die Krebsforschungsagentur IARC (International Agency for Research on Cancer), eine Einrichtung der WHO, unterteilt das karzinogene Risiko in fünf Kategorien:

  • 4: nicht krebserregend
  • 3: nicht einzustufen
  • 2B: möglicherweise krebs-erregend
  • 2A: wahrscheinlich krebs-erregend“
  • 1: krebserregend

Verarbeitetes Fleisch zählt zur Gruppe 1, in der auch Tabakrauch aufgeführt wird. Rotes Fleisch ist in die Gruppe 2A aufgenommen. Derzeit sind 118 Einträge in der Gruppe 1 und 75 Einträge in der Gruppe 2A aufgeführt.

Die Klassifikationen und weitere Informationen finden sich in den Monographien http://monographs.iarc.fr/ENG/Classification/.

Quelle

IARC Monographs evaluate consumption of red meat and processed meat vom 26. Oktober 2015: www.iarc.fr

Q&A on the carcinogenicity of the consumption of red meat and processed meat: www.iarc.fr, Zugriff am 3. November 2015

Verdorbene Fleischeslust: Was Ernährungexperten zur WHO-Einstufung von Fleisch- und Wurstwaren als kanzerogen sagen, 28. Oktober 2015: www.medscapemedizin.de

Processed meats rank alongside smoking as cancer causes – WHO, 26. Oktober 2015: www.theguardian.com

Bouvard V et al. Carcinogenicity of consumption of red and processed meat. Lancet Oncology 2015; online veröffentlicht 26. Oktober 2015

Chan DS et al. Red and processed meat and colorectal cancer incidence: Meta-Analysis of prospective studies. PLoS One 2011;6(6)

S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom der Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten: www.awmf.org

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr


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