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Richtig wiegen

Gute Wägepraxis in der Apotheke

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Von Stefan Seyferth | Das Abwiegen einer Substanz und die Bedienung einer Waage erscheinen auf den ersten Blick als einfacher Prozess, der eigentlich wenige Probleme bereiten sollte. Auf den zweiten Blick erkennt man aber, dass beim Abwiegen zahlreiche Fehler möglich sind, die häufig gar nicht bemerkt werden, schließlich zeigt die Waage ja einen exakten Wert an. Ein unbemerkter Fehler beim Einwiegen wird sich in den meisten Fällen durch die gesamte Herstellung ziehen und nicht mehr korrigierbar sein. Zudem können sich mehrere Wägefehler addieren, eine erhebliche Abweichung von dem gewünschten Gehalt einer Substanz in der Zubereitung kann die Folge sein. Weitere Konsequenzen aus einem falschen Abwiegen sind denkbar, wie z. B. unzureichende Konservierung, zu stark abweichender pH-Wert, falsche Wirkstoffdosis, zu geringe Einzeldosis, bis hin zu Inhomogenitäten bei falscher Reihenfolge des Abwiegens von mehreren Substanzen.

Betrachtet man die Ergebnisse von Reihenuntersuchungen des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker (ZL) hinsichtlich Abweichungen des Wirkstoffgehalts werden immer wieder Abweichungen vom Sollgehalt des Wirkstoffs festgestellt. Dabei sind Unterdosierungen tendenziell häufiger zu beobachten als Überdosierungen. Neben anderen Fehlerquellen ist das Abwiegen eine realistische Fehlerquelle, sie sollte soweit möglich ausgeschaltet werden. Die Kenntnis über die Leistungsfähigkeit der Waagen, das Wissen um mögliche Störquellen und die Bedeutung von Einwaagekorrekturen bei der Planung der Rezeptur minimieren dieses Risiko. Die einwandfreie Dokumentation des Vorgehens beim Wiegen, der verwendeten Waagen und deren täglichen Kalibrierung, der Solleinwaagen sowie der tatsachlich abgewogenen Mengen machen die Herstellung nachvollziehbar. Zudem bringt die Dokumentation die verwendeten Substanzen per Chargennummer mit dem hergestellten Arzneimittel in Verbindung.

Die eigene Herstellung qualitativ hochwertiger Arzneimittel in der Apotheke, die in Form individueller Rezepturarzneimittel zeitnah vor Ort hergestellt werden, ist eine Kernkompetenz der Apotheke. Diese Fähigkeit lohnt es sich herauszustellen, noch mehr aber muss unternommen werden, um die Qualität für jedes einzelne hergestellte Arzneimittel sicherzustellen.

Die Änderungen in der Apothekenbetriebsordnung in der Vergangenheit sollen helfen, eine sichere Herstellung qualitativ hochwertiger Arzneimittel für Rezeptur und Defektur zu gewährleisten. Die Prüfungen auf Plausibilität, Inkompatibilitäten und Fehldosierungen tragen sicher zur Vermeidung von Fehlern bei, sie sind ein sehr wichtiger Faktor bei der Herstellung von Arzneimitteln. Eine fundierte Rezepturplanung und die Herstellung unter Beachtung anerkannter pharmazeutischer Regeln sind ebenfalls essenzielle qualitätsbestimmende Faktoren. Dem Vorgang, der häufig zu den ersten Schritten bei der konkreten Herstellung zählt, nämlich dem Einwiegen der Substanzen, kommt dabei eine fundamentale Bedeutung zu.

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Das Anfassen der Behältnisse sollte mit Handschuhen oder einer Pinzette erfolgen, dies vermindert die Gefahr durch Hautfett, Schweiß u. ä. unnötige Wiegefehler zu provozieren.

Gute Wägepraxis

Der Begriff Gute Wägepraxis (Good weighing practiceTM) wurde von dem Waagenhersteller Mettler Toledo geprägt als eine standardisierte Methode, um Anwender bei der sicheren Auswahl, Bedienung und Kalibrierung von Wägesystemen zu unterstützen. Das NRF verwendet den Begriff Gute Wägepraxis ebenfalls. Hier wird er – in Anlehnung an an­dere GxP-Richtlinien – im Sinne von Maßnahmen bei der Auswahl und Verwendung von Waagen verwendet, um Wägefehler zu vermeiden.

Der richtige Aufstellungsort

Zur Schaffung optimaler Bedingungen für das Wiegen zählt zuallererst der richtige Aufstellungsort. Die Waage sollte an ihrem Aufstellungsort keiner Zugluft ausgesetzt sein. Diese kann durch eine unmittelbar angrenzende Tür, ein geöffnetes Fenster oder den Auslass einer Klimaanlage bedingt sein. Aber auch ungünstig platzierte Lüfter elektronischer Geräte wie Computer und Notebooks können unter bestimmten Umständen zu störenden Luftturbulenzen führen. Zugluft kann auch durch das Vorbeilaufen anderer ­Mitarbeiter an der Waage verursacht werden. Die Apothekenbetriebsordnung fordert für die „Herstellung von nicht zur parenteralen Anwendung bestimmten Arzneimitteln“ einen eigenen Arbeitsplatz, der von mindestens drei Seiten raumhoch von anderen Bereichen der Apotheke abzutrennen ist, „sofern sich dieser Arbeitsplatz nicht in einem ­Betriebsraum befindet, der gleichzeitig ausschließlich als Laboratorium dient“ (Apothekenbetriebsordnung § 4). Räume mit mehreren Türen wären nicht nur hinsichtlich Zugluft problematischer.

Häufig sind in der Ecke eines Zimmers dahingehend die besten Bedingungen vorzufinden.

Das NRF fordert eine betriebsspezifisch rationelle Ordnung der Waagen im Laboratorium oder in der Rezeptur. Die für die Rezeptur verwendete Feinwaage und die Präzisionswaage sind möglichst nahe beieinander zu positionieren, gerade wenn eine der beiden Waagen häufig als Hilfswaage eingesetzt wird. Unnötig große Distanzen zwischen den Waagen erhöhen das Risiko von Substanzverlust durch Luftzug bei leicht flüchtigen Flüssigkeiten, durch Verwirbelung spezifisch leichter Komponenten (z. B. hochdisperses Siliziumdioxid) oder begünstigen eine Kontamination des Produktes. Bei Gefahrstoffen ist unter diesen Umständen ein erhöhtes Risiko der Kontamination der Umgebung zu bedenken. Die empfindlicheren Feinwaagen sind üblicherweise mit einem Windschutz ausgestattet, der den Einfluss von Zugluft reduzieren soll. Es ist für eine stabile erschütterungsfreieArbeitsplatte zu sorgen, optimal ist ein Wägetisch.

Die Aufstellung von Geräten, die in unmittelbarer Umgebung Erschütterungen erzeugen, sollte vermieden werden. Anlehnen oder Aufstützen an der Arbeitsbank, auf der die Waage steht, kann das Wägeergebnis ebenfalls beeinflussen. Eine Unterlage aus Stahl kann sich durch Störungen aufgrund von Magnetismus nachteilig auswirken. Direkte Sonneneinstrahlung, direkt angrenzende Heizkörper oder andere Wärmequellen wie Wasserbäder und Wärme entwickelnde Lichtquellen müssen vermieden werden, da auch sie zu störenden thermischen Effekten führen können. Ganz allgemein ist für eine Waage eine bestimmte Umgebungstemperatur vorgesehen, die sich in der Betriebsanweisung der Waage nachlesen lässt, häufig ist dies der Bereich +10 °C bis +30 °C. Ein Thermometer, das im Bereich der Waage angebracht ist, erlaubt die Kontrolle darüber, ob man innerhalb des spezifizierten Einsatztemperaturbereiches liegt. Zudem kann festgestellt werden, ob es zu Veränderungen der Umgebungsbedingungen gekommen ist (z. B. morgens bis mittags) und damit eine neue Justierung vorgenommen werden sollte.

Einschalten der Waage

Jede Waage benötigt eine gewisse Zeitspanne, bis sie wirklich betriebsbereit ist und zuverlässig korrekte Ergebnisse liefert. Aus diesem Grund sollte sie rechtzeitig vor dem Wiegen eingeschaltet werden, falls sie komplett ausgeschaltet wurde (über Nacht oder über das Wochenende). In diesem Fall sollte also eine gewisse Zeit (z. B. 30 Minuten, siehe Betriebsanleitung) abgewartet werden, bevor die erste Einwaage vorgenommen wird. Im Standby erhalten die Waagen meist die richtige Betriebstemperatur, sodass diese Aufwärmzeit entfallen kann. In beiden Fällen empfiehlt es sich, täglich routinemäßig die Justiertaste (auch als cal bezeichnet) der Waage am Morgen zu betätigen, falls dies nicht automatisch erfolgt.

Verschließen der Türen

Verfügt die Waage über ein Windschutzgehäuse, so ist dieses auch zu nutzen. Stehen mehrere Türen und oder Deckel zur Verfügung, sollte möglichst immer nur die wirklich notwendige Tür geöffnet werden, damit Luftverwirbelungen minimiert werden. Das Ablesen der Waagenanzeige sollte möglichst nur bei vollständig geschlossenem Gehäuse erfolgen. Die Gehäuse der Waagen sind regelmäßig zu reinigen, auch der Schiebemechanismus kann durch Verschmutzungen zunehmend schwergängig werden.

Gefahrstoffe

Der Umgang mit Gefahrstoffen gehört zum Alltag in der Apotheke, regelmäßige Schulungen zu dem Thema bewahren und erneuern die Kenntnisse zum Umgang mit ihnen.

Wichtige Daten dazu sind dem Sicherheitsdatenblatt (SDB) zur jeweiligen Substanz zu entnehmen, insbesondere die Kenntnis über die Kennzeichnung nach dem GHS-System, die H- und P-Sätze liefern wichtige Informationen. In den „Empfehlungen der Bundesapothekerkammer zu Arbeitsschutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen“ wird ein Farbkonzept zur Kennzeichnung von Gefahrstoffen auf dem Standgefäß empfohlen. Das Abwiegen von Gefahrstoffen, insbesondere von sogenannten CMR-Substanzen mit den H-Sätzen H340 (kann genetische Defekte verursachen), H350 (kann Krebs erzeugen) und H360 (kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder das Kind im Mutterleib schädigen), erfordert besondere Schutzmaßnahmen. Schwangeren und Stillenden ist die Herstellung unter ­Verwendung dieser Substanzen verboten. Bei der Ver­arbeitung dieser und weiterer giftiger oder sehr giftiger Substanzen ist die Erzeugung von Stäuben ein erhebliches Risiko, das auch beim Abwiegen gegeben ist. Aus dem Grund sind allgemeine Maßnahmen zur Hygiene und zum Arbeitsschutz zu beachten, unter anderem sind – wenn möglich – Stammverreibungen oder Konzentrate zu verwenden. Bei pulverförmigen Verreibungen ist zu bedenken, dass sie genauso zur Erzeugung von Stäuben führen können wie die pulverförmige Reinsubstanz. Aus Gründen der Arbeitssicherheit sollte die Herstellung halbfester Zubereitungen aus diesen Substanzen im geschlossenen Rührsystem erfolgen. Weitere allgemeine Maßnahmen sind in der Leitlinie nachzulesen.

Zu den Gefahren rund um das Abwiegen gehört die Staub­entwicklung beim Einwiegen der Feststoffe und beim Transfer der Festsubstanzen in das Ansatzgefäß, die Spenderdose oder ein Abgabengefäß. Deshalb ist beim Herstellungsvorgang das vorsichtige und langsame Öffnen des Vorratsgefäßes neben der Waage zu beachten, ebenso die Entnahme mit einem geeigneten Arbeitsgerät (Spatel o. ä.) und das Ablegen der benutzten Arbeitsgeräte auf einer geeigneten Unterlage außerhalb des engeren Arbeitsbereiches. Der Deckel des Vorratsgefäßes ist ebenso wieder vorsichtig zu verschließen, um Staubentwicklung oder Spritzern vorzubeugen.

Zu den Schutzmaßnahmen gehört das Tragen der persön­lichen Schutzausrüstung während des gesamten Herstellungsvorgangs, das bedeutet neben geeigneten Schutzhandschuhen und einer Schutzbrille eine FFP2-Maske bei Stäuben und eine Atemschutzmaske gegen Gase und Dämpfe.

Für die Befüllung von Hartkapseln oder die Herstellung abgeteilter Pulver wird die Herstellung vollständig unter dem Abzug durchgeführt, der – solange Pulver aufgewirbelt werden kann – ausgeschaltet werden soll. Auf den möglichst geschlossenen Frontschieber ist dabei zu achten. Ausgenommen davon ist jedoch das Einwiegen. Umso mehr Bedeutung kommt der PSA (persönliche Schutzausrüstung) und der vorsichtigen Vorgehensweise zu.

Im Gegensatz zur Arbeit unter dem Abzug stellt die PSA nur einen Schutz für die sie tragende Person dar. Weitere in der Rezeptur befindliche Mitarbeiter(innen) ohne PSA sind somit gefährdet, die Anzahl der anwesenden Personen sollte deshalb immer auf ein Minimum beschränkt werden.

In den vom Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) herausgebrachten „Technischen Regeln für Gefahrstoffe“ (TRGS 526) für Laboratorien heißt es demgegenüber: „Bei Wägevorgängen ist die Exposition zu minimieren. Gegebenenfalls ist die Waage unter dem Abzug, in einer Glovebox oder einer entsprechend abgesaugten wirksamen Einhausung zu betreiben.“ Unter besonderen Voraussetzungen können Waagen in einer Sicherheitswerkbank aufgestellt werden, wie bei der masseorientierten Herstellung von Zytostatika. Verschiedene Waagenanbieter bieten hierzu auch moderne Speziallösungen, wie gitterartige Waagschalen, die wesentlich unempfindlicher gegenüber Luftströmung sind als die üblichen Wägeteller. Für weitergehende Hinweise zum allgemeinen Umgang mit Gefahrstoffen wird auf die Fachliteratur verwiesen.

Reinigung

Allein aus Gründen der Vermeidung einer Crosscontamination hat die Reinigung der Waage un­mittelbar zu erfolgen. Zudem ist die Gefahr von ­Wägefehlern erhöht, verschüttete oder verspritzte Substanzen können mitgewogen werden, an Be­hälteraußenseiten oder am Boden haftende Substanzen können zu Substanzverschleppung und Fehleinwaagen führen. Verspritzte oder verschüttete Wägegüter müssen deshalb sofort durch Aufsaugen mit einem Tuch oder mit einem Pinsel entfernt werden. Eventuell kann auch ein passendes kleines Handstaubsauggerät zum Einsatz kommen. Die Waagschale und Schutzringe o. ä. können zu diesem Zweck auch abgenommen werden und separat gereinigt werden. Bei abgenommener Waagschale sollte unbedingt vermieden werden, dass Verschmutzungen in den mittleren Auflagebereich (Zapfen o. ä.) der Waagschale gelangen.

Damit bei abgenommener Waagschale nicht Schmutz dorthin gelangt (hineingepinselt wird), muss immer von der Mitte wegwärts gepinselt werden. Wird Wasser, Alkohol o. ä. zum Abwischen der Waagschale verwendet, muss sichergestellt sein, dass dies restlos abgetrocknet ist, bevor die Waage wieder benutzt wird. Auch die Kompatibilität der Reinigungsmittel mit den Materialien der Waage ist zu berücksichtigen. Dies gilt auch für die Reinigung der äußeren Bauteile. So muss darauf geachtet werden, dass die Beschriftungen auf dem Typenschild oder Angaben der Eichbehörden durch ungeeignete Lösemittel oder Reinigungsmittel nicht mit weggeputzt oder transparente Kunststoffteile blind werden.

Die Funktionsfähigkeit der Waagen sicherstellen

Zu den wichtigsten Arbeitsmitteln in der Apotheke zählen die Waagen. Der Benutzer der Waage erwartet ein korrektes Funktionieren der Waage und zuverlässige Messwerte. Die Prüfmittelüberwachung stellt das korrekte Funktionieren aller Messgeräte sicher und soll gerätebezogene Fehler vermeiden. Relevante Maßnahmen zur Sicherstellung der Funktionsfähigkeit einer Waage (neben der rechtzeitigen Nacheichung) stellen Kalibrierung und Justierung dar.

Kalibrieren

Kalibrierung bedeutet das Feststellen der Abweichung zwischen Messwert und dem wahren Wert der Messgröße bei vorgegebenen Messbedingungen. Durch Auflegen eines Prüfgewichtes mit bekannter Masse kann die Abweichung der angezeigten Masse vom wahren Wert festgestellt werden. Es erfolgt bei der Kalibrierung nur eine Überprüfung des Messsystems der Waage, es wird keine Anpassung vorgenommen.

In der Apotheke sollte festgelegt werden, wann und wie häufig eine Kalibrierung durchgeführt wird (zum Beispiel jeden Tag am Morgen) und dieses auch dokumentiert werden. Dabei ist gegebenenfalls die Anwärmzeit einzuhalten und die Taste für die interne Justierung vorher zu betätigen.

In der Apotheke kann die Kalibrierung einer Fein- oder Präzisionswaage nach der Kalibrieranweisung des ZL erfolgen. Die Kalibrierung einer Feinwaage soll mit einem 100 mg Prüfgewicht erfolgen. Die anzeigte Masse sollte dann nicht mehr als ±1 mg vom wahren Wert abweichen. Bei Präzisionswaagen soll ein 10 g Prüfgewicht verwendet werden, die Abweichung sollte dann ±10 mg betragen. Das Auflegen der Gewichte wird durch Einkleben entsprechender Ausdrucke oder das Eintragen der abgelesenen Werte in das Logbuch dokumentiert.

Ist eine Kalibrierung oder interne Justierung nicht möglich, darf die Waage nicht verwendet werden und muss durch den Fachmann instand gesetzt werden.

Beim Umgang mit den Prüfgewichten ist darauf zu achten, deren Masse nicht durch Schweiß, Hautfett oder andere Verschmutzungen zu verändern, insbesondere bei häufiger, unsachgemäßer Anwendung kann die Masse der Prüf­gewichte dadurch zunehmend abweichen. Bei Prüfgewichten kleiner Masse wirken sich solche Verschmutzungen relativ stärker aus.

Justieren

Das Justieren einer Waage bedeutet das Feststellen der Abweichung zwischen dem Messwert und dem wahren Wert der Messgröße bei vorgegebenen Messbedingungen, wobei im Anschluss eine Korrektur vorgenommen wird. Die Justierung soll also die Abweichung zwischen dem angezeigten und dem wahren Messwert möglichst beseitigen.

Moderne Waagen bieten eine interne Justierautomatik mit einem internen motorisierten Justiergewicht an. Durch Tastendruck, zeitgesteuert oder automatisch, kann die Justierautomatik ausgelöst werden. Die interne Justierung sollte mindestens einmal täglich erfolgen.

Die (interne) Justierung wird auch notwendig, wenn es zu Änderungen der Umgebungsbedingungen kommt, z. B. durch Temperatur-, Luftdruck- oder Luftfeuchtigkeitsänderungen oder aber bei einem Ortswechsel der Waage. Dazu zählt auch bereits ein – vielleicht unbeabsichtigtes – Verrutschen der Waage bei der Reinigung o. ä. Dann ist in der Regel ohnehin eine neue Nivellierung durchzuführen. Im Anschluss an eine Nivellierung ist immer eine interne Justierung durchzuführen.

Externe Justierungen müssen durch einen Fachmann vorgenommen werden. Sie werden nötig, wenn bei der Kalibrierung eine zu große Abweichung bemerkt wird. Wird mit externen Justiergewichten gearbeitet, so müssen diese bestimmte Anforderungen erfüllen (Fehlergrenzen), die auf den Wägebereich und die Genauigkeitsklasse der Waage abzustimmen sind.

Die Anwärmzeit der Waage muss vor dem Justieren am Morgen eingehalten werden, falls die Waage über Nacht ganz ausgeschaltet war (bei Standby-Betrieb nicht erforderlich).

Nivellierung

Durch Drehen an den Stellfüßen der Waage wird die Libelle (Luftblase, vergleichbar mit einer Wasserwaage) zentral in den mittleren Kreis gebracht. Dies ist auch eine Form der Justierung der Waage, nur in der korrekt ausgerichteten Position funktioniert die Waage korrekt. Nach einer Nivellierung sollte immer die interne Justierung der Waage durch Drücken der entsprechenden Taste der Waage er­folgen. Die Waagen verfügen über mehrere verstellbare Stellfüße (zwei bis vier), die es erlauben die Waage genau auszurichten.

Bei der Nivellierung ist zu beachten, dass die Einstellung nicht immer nur durch Herausdrehen der Standfüße (Verlängern) erfolgen sollte, sondern möglichst durch Verkürzen. Zudem sollte bei Waagen mir vier verstellbaren Füßen kontrolliert werden, dass die Waage nach der Nivellierung auch auf allen Füßen steht, ansonsten kann die Waage leicht in eine Diagonalachse kippen. Bei Waagen mit nur drei Füßen tritt dies nicht auf.

Fehlerquellen beim Wägen

Da Waagen sehr empfindliche Messgeräte sind, ist entsprechend sorgsam mit ihnen umzugehen. Das verwendete Wiegegefäß sollte selbstverständlich sauber und trocken und nicht unnötig groß sein. Das Gefäß sollte für die vorgesehene Anwendung so klein wie möglich gewählt werden. Bei Flüssigkeiten haben große Öffnungsradien der Gefäße eine verstärkte Verdunstung zur Folge.

Das Anfassen der Behältnisse sollte mit Handschuhen oder einer Pinzette erfolgen, dies vermindert die Gefahr, durch Hautfett, Schweiß u. ä. unnötige Wiegefehler zu provozieren. Je empfindlicher die Waage, desto wahrscheinlicher macht sich dies negativ bemerkbar. Das Wägegut muss stets zentrisch platziert werden. Je weiter das Wägegut entfernt von der Mitte auf der Waagschale platziert wird, desto wahrscheinlicher ist das Auftreten geringfügiger Wiege­fehler, die eigentlich leicht vermeidbar sind.

Wägefehler, die auf nicht zentrischer Stellung des Wäge­gutes beruhen, nennt man Ecklastfehler. Wägegüter sollten stets vorsichtig auf die Waage gestellt werden, um eine ­Beschädigung der Waage zu vermeiden. Bei Mehrbereichswaagen oder Mehrteilungswaagen kann die Waage bei zwischenzeitlich hoher Belastung (unsanftes Stellen des Behältnisses auf die Waage, übermäßige Kraftanwendung dabei) unter Umständen automatisch in einen Wägebereich mit veränderter Ablesbarkeit wechseln (z. B. Wechsel von drei auf zwei Nachkommastellen im Grammbereich). Die dritte Stelle, also die genauere Ablesbarkeit, kann dann möglicherweise nur durch erneutes ­Tarieren wieder „hergestellt“ werden. Zudem wird durch behut­samen Umgang die Wahrscheinlichkeit des Verschüttens und Verspritzens von Substanzen ver­mieden.

Verfügt die Waage über einen Windschutz, sollten die Deckel oder Türen immer verschlossen werden und die Stabilisierung der Anzeige abgewartet werden, bevor der Wert abgelesen wird. Manche Waagen zeigen diese Stabilisierung des Messwertes durch das Erscheinen oder Verschwinden eines Symbols oder der Einheit g oder mg an. Moderne Waagen zeichnen sich hier auch durch ein schnelleres „Einschwingen“ aus, das Anzeigeergebnis stabilisiert sich schneller. Es empfiehlt sich bei immer gleichen Wägeprozessen (gleiche Masse, gleiche Substanz) auch die Zeit, zu der das Ergebnis vom Display abgelesen wird, möglichst gleich zu halten (z. B. 3 s nach Auflegen). Bei längeren Pausen zwischen der Benutzung der Waage kann die Waagschale kurz be- und entlastet und anschließend die Waagenanzeige neu tariert werden. Längere Pausen zwischen einzelnen Einwaagen während einer Rezepturherstellung sind möglich, wenn dies mit der gewählten Wägetechnik vereinbar ist. |

Vorabdruck eines Kapitels aus dem Buch „Richtig Wiegen – Gute Wägepraxis in der Apotheke“ von Stefan Seyferth, Erlangen, das demnächst im Deutschen Apotheker Verlag erscheint.


Autor

Dr. Stefan Seyferth, Cauerstr. 4, 91058 Erlangen

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