Foto: thodonal – Fotolia.com

Analyse

Partner der Apotheken?

Die Apotheken und die Krankenkassen, Teil 2: Empirische Befunde zur Retaxationspraxis

Im ersten Teil des Beitrages wurden in der letzten Woche (s. DAZ 2015, Nr. 43) auf der Basis von Sekundärrecherchen Verwerfungen in der Zusammenarbeit insbesondere zwischen Apotheken und Krankenkassen aufgezeigt. Der zweite Teil des Beitrages widmet sich insbesondere den Ergebnissen einer Primärerhebung, die sich vor allem den Retaxationsfällen der jüngeren Vergangenheit widmet.

Von Andreas Kaapke und Uwe Hüsgen

Im Rahmen einer schriftlichen Befragung von Apothekern wurde das Geschäftsgebaren und dabei insbesondere die Retaxationspraxis der Krankenkassen analysiert. Die Entwicklung des Fragebogens für die schriftliche Befragung basierte zum einen auf einer Sekundärdatenrecherche, die schwerpunktmäßig auf Retaxationsfälle und -praktiken der Krankenkassen abstellte. Zum anderen fanden am 11. Juni 2015 in Essen zwei moderierte Fokusgruppen mit zehn bzw. acht Apothekern statt. Hier wurde diskutiert, mit welchen Retaxfällen die Apotheker besonders häufig konfrontiert sind und inwiefern weitere Bereiche Konfliktpotenzial bieten. Auf der Grundlage der Diskussionsergebnisse wurde der bis dato formulierte Fragebogen nochmals spezifiziert und die Relevanz und Praxisnähe der Fragen sichergestellt.

Befragt wurden Mitglieder und Kunden der Noweda eG ­Apothekergenossenschaft. Von den rund 3500 an die Apotheker verteilten Fragebögen wurden 379 ausgefüllte Fragebögen an die Prof. Kaapke Projekte zurückgesendet. Das entspricht einer Rücklaufquote von 10,8 Prozent. Der Be­fragungszeitraum umfasste den 1. bis 15. Juli 2015. Die Verteilung erfolgte über die Auslieferungen der Noweda: die Fragebögen sowie ein zugehöriges Anschreiben wurden den Wannen beigelegt.

Struktur der befragten Apotheken

Wie oben beschrieben haben 379 Apotheken an der Befragung teilgenommen. Bedauerlicherweise haben nicht alle Apotheken alle Fragen beantwortet, sodass je ausgewerteter Frage die entsprechende Anzahl der Nennungen (n = …) mit angegeben ist. Um sich zunächst einen Eindruck über die beteiligten Apotheken zu verschaffen, sind einige Strukturdaten abgefragt und ausgewertet worden.

Rund drei Viertel (76,4%) der befragten Apotheken haben keine Filiale, ein Viertel besitzt eine oder mehrere Filialen. 68,2 Prozent der Apotheken mit Filialen haben eine weitere Verkaufsstelle, 20 Prozent haben zwei Filialapotheken und 11,8 Prozent haben drei Filialapotheken.

19,9 Prozent der befragten Apotheken haben bis zu 5 Mitarbeiter, rund 39,5 Prozent beschäftigen 6 bis 10 Mitarbeiter. Die restlichen 40 Prozent verteilen sich auf die drei darüber liegenden Kategorien: 11 bis 15 Mitarbeiter haben 17,0 Prozent, 16 bis 20 Mitarbeiter 12,3 Prozent und 11,4 Prozent der befragten Apotheken haben mehr als 20 Mitarbeiter.

Über alle Angaben hinweg liegt der Durchschnittswert bei 11,8 beschäftigten Mitarbeitern. Der geringste Wert liegt bei einem angestellten Mitarbeiter, die größte Apotheke beschäftigt insgesamt 52 Mitarbeiter. Die Standardabweichung liegt bei 8,2.

Der gemeldete Netto-Umsatz korrespondiert mit üblichen Statistiken (s. Abb. 1). Die beiden größten Gruppen (26,5% von 1 bis 1,5 Mio. Euro und 25,7% von über 1,5 bis 2 Mio. Euro) vereinigen zusammen 52,2 Prozent auf sich. Ein hoher Anteil fällt auch auf die Gruppe der umsatzstarken Apotheken, die mehr als 2,5 Mio. Euro per anno vereinnahmen. Diese sind in der Stichprobe mit 23,0 Prozent vertreten.

Abb. 1: Netto-Umsatz 2014 der befragten Apotheken (n = 223)


Der errechnete Durchschnitts-Netto-Umsatz beläuft sich auf etwas über 2 Mio. Euro. Der geringste Wert liegt bei 270.000 Euro, der höchste Wert bei 8,5 Mio. Euro. Allerdings wurden auf beiden Seiten Ausreißer, die nicht plausibel zu erklären waren, eliminiert.

Insgesamt kann konstatiert werden, dass die sich an der Studie beteiligten Apotheken durchaus repräsentativ für die deutsche Apothekenlandschaft sind und von daher die Ergebnisse insgesamt als bedeutsam zur Klärung der Retaxationspraxis eingestuft werden können.

Die Studie „Effizienz-Defizite und Fehlverhalten – eine kritische Würdigung der Struktur und des Geschäftsgebarens der Krankenkassen“ wurde von der Noweda eG initiiert und bei der „Prof. Kaapke Projekte“ in Auftrag gegeben. Die Prof. Kaapke Projekte hat für die Bearbeitung der Studie eine Kooperation mit dem langjährigen Apothekenkenner Uwe Hüsgen angestrengt.

Das jahrzehntelang als gut und vertrauensvoll zu bezeichnende Verhältnis zwischen Krankenkassen und Apotheken gehört seit Längerem der Vergangenheit an, was sich an den zunehmenden Klagen beider Seiten über das Verhalten der jeweiligen anderen Partei festmachen lässt. Grund genug für die Noweda, im Interesse ihrer Mitglieder und Kunden der Beziehung zwischen Krankenkassen und Apotheken auf den Grund zu gehen. In der DAZ werden in Form einer zweiteiligen Zusammenfassung die zentralen Ergebnisse veröffentlicht. In einem ersten Teil (siehe DAZ 2015, Nr. 43) wurden die Verwerfungen einzelner Krankenkassen oder auch einzelner Kassenvertreter aufgezeigt. Hauptstreitpunkt zwischen den Parteien ist gegenwärtig die Retaxationspraxis der gesetzlichen Krankenkassen. Zu diesem Zweck werden in diesem zweiten Teil die Ergebnisse der Empirie zur Retaxationspraxis und darüber hinausgehender Problembereiche mit den Kassen aus Sicht der befragten Apotheken dargestellt.

Die gesamte Studie wird an Gesundheitspolitiker und Vertreter des deutschen Gesundheitswesens versandt und kann unter www.noweda.de heruntergeladen werden.

Konfliktfelder in der Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen und Apotheken

In der ersten Inhaltsfrage wurden die befragten Apotheken aufgefordert, die Hauptkonfliktfelder mit Krankenkassen zu benennen. Abb. 2 zeigt die Ergebnisse.

Abb. 2: Konfliktfelder zwischen Kassen und Apotheken. Rangfolge in Abhängigkeit des Ausmaßes, mit der es in ausgewählten Bereichen zu Konflikten kommt. Skala: Rang 1 = hier kommt es am häufigsten zu Konflikten; Rang 4 = hier kommt es am seltensten (oder nie) zu Konflikten


Die Hälfte der Apotheker (50,0%) vergibt den ersten Rang an den Bereich Retaxationen. D. h. im Bereich der Retaxationen kommt es bei 50 Prozent der Apotheker am häufigsten zu Konflikten mit den Krankenkassen. Auch die Rabattverträge stellen ein großes Konfliktpotenzial dar, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass die Rabattverträge häufig als Ursache für Retaxationen angesehen werden, wie dies weiter hinten beschrieben wird.

Auch bei der Frage nach der Häufigkeit, in denen die Konfliktbereiche auftreten, ergibt sich ein klares Bild (s. Abb. 3), allerdings drehen sich hier die beiden ersten Ränge. Rabattverträge lösen häufiger Konflikte aus als die Retaxationen, wiewohl diese als wichtigstes Konfliktfeld (Abb. 2) bezeichnet wurden.

Abb. 3: Häufigkeit der Konflikte zwischen Kassen und Apotheken. Wie oft kommt es in ausgewählten Bereichen zu Konflikten?


Bei mehr als der Hälfte der Apotheker (53,3%) kommt es wegen der Rabattverträge einmal bis mehrmals pro Woche zu Konflikten mit den Kassen, bei rund einem Viertel der befragten Apotheken ist dies auch bei Retaxationen der Fall.

In der Studie sind darüber hinaus weitere Konfliktbereiche benannt, auf die hier nicht weiter eingegangen wird. Auf einen Bereich muss allerdings explizit hingewiesen werden, da er insgesamt 162-mal erwähnt wurde: die Hilfsmittel­versorgung. Zur Erläuterung, warum die Hilfsmittelversorgung aus Sicht der befragten Apotheken als Konfliktfeld angesehen wird, wurden diverse Punkte genannt: zu lange Genehmigungsdauer gerade bei schwerkranken Patienten, Hilfsmittellieferverträge, Lieferausschlüsse, Hilfsmittelpreise, Hilfsmittelabrechnung, fehlende Präqualifizierung.

Damit wird deutlich, dass neben den in Abb. 2 und 3 genannten Konfliktbereichen die Hilfsmittelversorgung als ebenso bedeutsam bezeichnet werden muss und ebenfalls Gegenstand des belasteten Verhältnisses zwischen Apotheken und Krankenkassen ist.

Kurze methodische Hinweise:

  • Um die Daten möglichst genau zu erheben und einer erwarteten relativ großen Streuung der anzugebenden Werte gerecht zu werden, wurde der Großteil der Fragen dieses Fragebogens offen formuliert. D. h. es wurde eine zahlenmäßige Schätzung verlangt, ohne dass bereits bestimmte Kategorien vergeben waren.
  • Aufgrund dieser Vorgehensweise ergaben sich bei vielen Fragen jeweils einige Ausreißer, d. h. Werte, die stark nach oben oder unten von dem Gros der Angaben abwichen. Um eine zu starke Beeinflussung der Auswertung (insbesondere der Berechnung der Mittelwerte) zu vermeiden, wurden extrem abweichende Werte aus den Auswertungen ausgeschlossen. Hierauf wurde dann bei der jeweiligen Ergebnisdarstellung hingewiesen.
  • Eine Frage verlangte eine Aufteilung der Verursacher von Retaxationen. Es sollte der Anteil angegeben werden, zu dem Apotheker, Ärzte und Krankenkassen Verursacher von Retaxationen sind. Die prozentualen Schätzungen für diese drei Gruppen müssen sich auf 100% addieren. Addierten sich die Angaben nicht auf 100%, wurden sie nicht in die Auswertung einbezogen.
  • Eine Frage verlangte eine Schätzung der Häufigkeit, mit der die Apotheke jährlich Retaxationen aus verschiedenen potenziellen Retaxationsanlässen erhält. Hier war nicht immer ganz klar, ob eine Zelle leer gelassen wurde, weil die Apotheke aus diesem Grund keine Retaxationen erhielt oder weil der Befragte hierzu keine Angabe machen wollte (konnte). Um ein einheitliches Vorgehen sicherzustellen, wurden leere Zellen ausschließlich dann als fehlende Angaben interpretiert, wenn die Frage komplett nicht beantwortet wurde, d. h. wenn für keinen Retaxationsanlass eine Schätzung abgegeben wurde. In allen anderen Fällen flossen leere Zellen mit einer „Null“ (0 Retaxationsfälle aus dem betreffenden Grund) in die Auswertung ein.

Konfliktträchtiges Verhalten versus gute ­Zusammenarbeit

Bei der nächsten Frage wurden die Befragten zunächst gebeten, drei Krankenkassen zu nennen, zu denen die Apotheke ein besonders konfliktträchtiges Verhältnis hat. Danach sollten die Befragten drei Krankenkassen nennen, mit denen die Apotheke im Vergleich zu anderen Kassen gut zusammenarbeitet.

Die Nennungen wurden wie folgt ausgewertet:

  • 1. Gewichtung: Zunächst erfolgte jeweils eine Gewichtung, bei der die Anzahl der Nennungen mit einem Faktor multipliziert wurde. Die Anzahl der Nennungen auf Platz Eins wurde mit dem Faktor 3, die Anzahl der zweiten Nennungen mit 2 multipliziert; die dritten Nennungen wurden einfach gezählt.
  • 2. Saldierung: Im zweiten Schritt wurden die beiden errechneten gewichteten Werte voneinander subtrahiert: Der Wert, in den die Nennungen einer guten Zusammenarbeit eingeflossen sind, wurde von dem Wert abgezogen, in den die Nennungen eines konfliktträchtigen Verhältnisses eingeflossen sind.

Eine Veranschaulichung dieser Berechnung zeigt Abb. 4. Das resultierende Ergebnis lässt sich folgendermaßen interpretieren: Ergibt sich eine negative Differenz, wird das Verhältnis zu dieser Krankenkasse überwiegend konfliktträchtig eingeschätzt. Ergibt sich eine positive Differenz, wird die Zusammenarbeit mit dieser Krankenkasse eher gut bewertet. Liegt die Differenz (in etwa) bei Null, dann wird das Verhältnis ausgewogen bewertet, positive und negative Einschätzungen gleichen sich in etwa aus.

Abb. 4: Veranschaulichung der Gewichtung und Saldierung zur Bewertung der Güte der Zusammenarbeit mit einzelnen Krankenkassen.


Genannt wurden insgesamt 73 Krankenkassen. Dabei wurden insgesamt deutlich mehr Krankenkassen angegeben, die sich durch ein konfliktträchtiges Verhältnis auszeichnen (992 Nennungen) als Krankenkassen, mit denen die Apotheken gut zusammenarbeiten (667 Nennungen).

Im Folgenden werden zunächst die Krankenkassen tabellarisch aufgelistet, bei denen die positiven Nennungen (gute Zusammenarbeit) die negativen Nennungen (konfliktträchtiges Verhältnis) überstiegen haben (Tab. 1). Der entsprechende Wertebereich umfasst Differenzen von +147 bis +6. Danach werden die Krankenkassen tabellarisch aufgelistet, bei denen sich die positiven Nennungen (gute Zusammenarbeit) und die negativen Nennungen (konfliktträchtiges Verhältnis) etwa ausgeglichen haben (Tab. 2). Der entsprechende Wertebereich umfasst Differenzen von +5 bis -5. Zuletzt werden die Krankenkassen tabellarisch aufgelistet, bei denen die negativen Nennungen (konfliktträchtiges Verhältnis) die positiven Nennungen (gute Zusammenarbeit) überstiegen haben. Der entsprechende Wertebereich umfasst Differenzen von -6 bis -416 (Tab. 3).

Tab. 1:
Krankenkassen mit denen eher gut zusammengearbeitet wird
Krankenkasse
Gewichteter Saldo
Nennungen konfliktträchtiges Verhältnis
Nennungen gute Zusammenarbeit
Nennungen insgesamt
AOK (ohne Spezifizierung)
147
65
103
168
AOK NordWest
90
7
38
45
Techniker Krankenkasse (TK)
68
87
103
190
AOK PLUS (Sachsen, Thüringen)
68
3
26
29
AOK Rheinland/Hamburg
35
11
21
32
IKK gesund plus
23
23
29
52
Sozialversicherung f. Landwirtschaft, Forsten u. Gartenbau – LKK
16
11
18
29
AOK Baden-Württemberg
15
5
11
16
AOK Nordost
14
0
5
5
Schwenninger BKK
9
0
5
5
Bosch BKK
8
0
4
4
AOK Niedersachsen
7
6
7
13
Berufsgenossenschaften (BG)
7
1
4
5
Audi BKK
6
3
5
8
Bahn BKK
6
2
6
8
Tab. 2:
Krankenkassen, zu denen ein eher ausgeglichenes Verhältnis besteht
(Auswahl; Apotheken mit mind. 4 Nennungen)
Krankenkasse
Gewichteter Saldo
Nennungen konfliktträchtiges Verhältnis
Nennungen gute Zusammenarbeit
Nennungen insgesamt
AOK Bremerhaven
5
1
3
4
Daimler BKK
5
1
3
4
BKK Mobil Oil
4
1
3
4
Hanseatische Krankenkasse
1
2
3
5
BKK Salzgitter
0
2
2
4
BKK vor Ort
-1
11
9
20
IKK Südwest
-3
7
6
13
BKK Verkehrsbau Union – VBU
-3
4
2
6
AOK Hessen
-4
6
3
9
Tab. 3:
Krankenkassen, zu denen ein eher konfliktträchtiges Verhältnis besteht
Krankenkasse
Gewichteter Saldo
Nennungen konfliktträchtiges Verhältnis
Nennungen gute Zusammenarbeit
Nennungen insgesamt
DAK-Gesundheit
-416
205
24
229
Kaufmännische Krankenkasse (KKH)
-138
70
11
81
Knappschaft
-123
85
27
112
Barmer GEK
-103
141
82
223
BKKen – diverse, ohne Spezifizierung
-102
67
18
85
Novitas BKK
-30
14
1
15
Deutsche BKK
-25
13
3
16
BIG direkt gesund
-20
10
3
13
Pronova BKK
-17
12
4
16
AOK Rheinland-Pfalz/Saarland
-14
11
6
17
AOK Sachsen-Anhalt
-11
11
6
17
hkk
-10
9
2
11
AOK Bayern
-8
8
5
13
Siemens-BKK – SBK
-8
9
3
12
LKK Regionen
-8
7
2
9
Ersatzkassen – ohne Spezifizierung
-8
4
0
4
IKK classic
-7
25
19
44

Retaxationen: Anzahl und monetärer Verlust

Bei der nächsten Frage stehen zwei Aspekte im Fokus. Zum einen wurde gefragt, wie viele Retaxationen die Apotheken pro Jahr erhalten, zum anderen, bei wie vielen Fällen es sich um Nullretaxationen handelt. Rund die Hälfte der Befragten (49,1%) erhält drei bis 50 Retaxationen pro Jahr (s. Abb. 5). Im Durchschnitt erhalten die befragten Apotheken 95,8 Retaxationen pro Jahr in der Spannweite einer Anzahl von 3 bis 1200.

Abb. 5: Anzahl der Retaxationen: Wie viele Retaxationen erhält Ihre Apotheke etwa pro Jahr? (n = 369)


Rund die Hälfte der Befragten (52,0%) gibt an, dass weniger als 20 Prozent aller jährlichen Retaxationen solche auf Null sind (s. Abb. 6). Im Durchschnitt handelt es sich bei 30,8 Prozent der jährlichen Retaxationen um Nullretaxationen.

Abb. 6: Anteil der Nullretaxationen: Bei welchem Anteil dieser Retaxationen handelt es sich um Retaxationen auf Null? (n = 367)


Um das Ergebnis einordnen zu können, wurden die befragten Apotheken gebeten, eine Angabe über die Anzahl der Rezepte pro Jahr zu machen (s. Abb. 7).

Abb. 7: Anzahl der Rezepte: Wie viele Rezepte beliefert Ihre Apotheke etwa insgesamt pro Jahr? (n = 312)


Im Durchschnitt werden in den befragten Apotheken 26.037 Rezepte eingelöst in einer Spreizung von 1000 (geringster Wert) bis 90.000 Rezepten (höchster Wert).

Auf dieser Grundlage wurden die Apotheken ebenfalls gebeten, den monetären Verlust der durch Retaxationen entsteht, zu beziffern (dabei sollten die Apotheker den echten Wert angeben oder abschätzen, in welcher Größenordnung ein Verlust eingetreten war).

Rund einem Viertel der Befragten (23,7%) entsteht pro Jahr ein monetärer Verlust in Höhe von zehn bis 500 Euro. Allerdings liegt bei 13,1 Prozent der Verlust durch Retaxationen bei über 5000 Euro. Im Durchschnitt beträgt der monetäre Verlust, der den Apotheken jährlich durch Retaxationen entsteht, bei 3141 Euro (s. Abb. 8).

Abb. 8: Verlust durch Retaxationen: Wie hoch ist etwa der monetäre Verlust, der Ihrer Apotheke pro Jahr durch Retaxationen entsteht? (n = 337)


Um dies besser einschätzen zu können, wurde auf der Grundlage der Angaben der einzelnen Apotheken der Retaxationsverlust pro eingelöstem Rezept ausgerechnet (s. Abb. 9).

Abb. 9: Retaxationsverlust pro Rezept: Monetärer Verlust durch Retaxationen pro Jahr (Abb. 7) bezogen auf die Anzahl der jährlich belieferten Rezepte (Abb. 8) (n = 291)


Bei manchen Apotheken beläuft sich der Verlust (infolge von Retaxationen) pro eingelöstem Rezept auf 0,0 Euro (Minimum-Wert). Im Maximum-Fall errechnet sich ein Verlust pro Rezept von 3,40 Euro. Bei 40,2 Prozent der Befragten liegt der monetäre Verlust pro Rezept bei bis zu 0,05 Euro. Im Durchschnitt errechnet sich ein Verlust pro Rezept in Höhe von 0,13 Euro.

Konkrete Anlässe für Retaxationen

Im Folgenden werden die Ergebnisse dargestellt, welcher Anlass/Grund aus Sicht der befragten Apotheken für die Retaxation bestand. Hierzu wurden die befragten Apotheken aufgefordert, für jeden Aspekt eine Einschätzung abzugeben, wie viele Retaxationsfälle die Apotheke etwa pro Jahr aus diesem Anlass erhält (s. Abb. 10).

Über alle Befragten hinweg sind die Rabattverträge pro Jahr rund 12.127 mal Anlass für eine Retaxation. Im Durchschnitt erhält eine Apotheke jährlich rund 33,6 mal eine Retaxation aufgrund der (nach Auffassung der Krankenkassen nicht korrekten Erfüllung der) Rabattverträge.

In der Studie sind eine Reihe weiterer Fälle aufgelistet und durch Beispiele konkretisiert.

Abb. 10: Konkrete Anlässe für Retaxationen (Geschlossene Frage) (n = 359 bis 361). Frage: Im Folgenden sind einige Aspekte aufgelistet, welche Anlass/Grund für eine Retaxation sein können. Bitte geben Sie für jeden Aspekt eine Einschätzung ab, wie viele Retaxationsfälle Ihre Apotheke etwa pro Jahr aus diesem Anlass erhält.


Umgang mit Fehlern des Arztes

Eine Reihe der Probleme entstehen bereits beim verschreibenden Arzt (s. Abb. 11). Umso wichtiger, auch darüber Klarheit zu erzielen.

Abb. 11: Vom Arzt fehlerhaft ausgestellte Rezepte. Frage: Wie hoch ist etwa der Anteil der pro Jahr in Ihrer Apotheke vorgelegten Rezepte, der einen Fehler des Arztes enthält und in Ihrer Apotheke korrigiert wird, um eine Retaxation zu vermeiden? (n = 353)


Bei 30,6 Prozent der Befragten liegt der Anteil an Rezepten, die einen Fehler des Arztes enthalten und in der Apotheke korrigiert werden, um eine Retaxation zu vermeiden, zwischen 0 und 3 Prozent. Im Durchschnitt liegt der Anteil dieser Rezepte bei 11,5 Prozent. Mit anderen Worten: Mehr als jedes zehnte Rezept verursacht einen Korrekturbedarf durch die Apotheke, um eine Retaxation zu vermeiden. Allein dieser Umstand muss gegenüber der Politik thematisiert werden.

Bei 49,7 Prozent der Befragten liegt der Anteil an Rezepten, die einen Fehler des Arztes enthalten und zwecks Neuausstellung an die Arztpraxis zurückgesendet werden müssen, zwischen 0 und 3 Prozent (s. Abb. 12). Im Durchschnitt liegt der Anteil dieser Rezepte bei 7,1 Prozent.

Abb. 12: Fehlerhafte Rezepte, die in die Arztpraxis zurückgesendet werden. Frage: Wie hoch ist etwa der Anteil der pro Jahr in Ihrer Apotheke vorgelegten Rezepte, die einen Fehler des Arztes enthalten und zwecks Neuausstellung an die Praxis zurückgesendet werden müssen? (n = 352)


Rund die Hälfte der Befragten (48,9%) geben an, dass pro Jahr rund 0 bis 10 Prozent der erhaltenen Retaxationen zurückgenommen bzw. erstattet werden (s. Abb. 13). Im Durchschnitt werden 24,2 Prozent der Retaxationen zurückgenommen bzw. erstattet.

Abb. 13: Anteil zurückgenommener bzw. erstatteter Retaxationen. Frage: Welcher Anteil der Retaxationen wird etwa pro Jahr zurückgenommen bzw. erstattet? (n = 360)


26,9 Prozent der Befragten geben an, dass 0 bis 20 Prozent der Retaxationen durch die Apotheke bzw. das Apothekenteam verursacht werden (s. Abb. 14). Zählt man die beiden oberen Kategorien zusammen, sind aber rund 25 Prozent der befragten Apotheken der Ansicht, dass 60 bis 100 Prozent der Retaxationsfehler auf die Apotheke und das Apothekenteam zurückzuführen sind. Ein ähnlicher Wert ergibt sich bei den Krankenkassen. Hier sagen rund 26 Prozent der befragten Apotheker, dass 60 bis 100 Prozent der Retaxationen aufgrund von Fehlern bei den Krankenkassen zustande kommt – ein besorgniserregendes Ergebnis. Durchschnittlich werden rund 45 Prozent der Retaxationen durch die Apotheke, rund 22 Prozent durch den Arzt bzw. die Arztpraxis und rund 33 Prozent durch die Krankenkassen verursacht.

Abb. 14: Verursacher von Retaxationen. Frage: Im Folgenden sind die potenziellen „Verursacher“ von Retaxationen aufgeführt. Bitte geben Sie für jeden dieser Akteure an, für welchen Anteil an Retaxationen dieser etwa durchschnittlich pro Jahr verantwortlich ist. (n = 350).


Fazit

Geschichte und Struktur der Krankenkassen zeigen, dass insbesondere in den letzten Jahren ein Konsolidierungsprozess bei den Krankenkassen angestoßen wurde, der keineswegs bereits abgeschlossen scheint. Bei den im ersten Teil dieses Beitrages (siehe DAZ 2015, Nr. 43, S. 18) aufgezeigten Verwerfungen der Krankenkassen in der Zusammenarbeit mit Apotheken kann nicht von strukturell oder bewusst angelegten Brüchen gesprochen werden. Eher scheint es so, dass die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit von persönlichen Defiziten (durchaus auf beiden Seiten), formalen Regeleinhaltungen, wo manchmal Fingerspitzengefühl angezeigt wäre, und einfach nur individuellen Fehlern geprägt sind.

Die empirische Untersuchung zeigt auf, dass es diverse Themen gibt, bei denen die Zusammenarbeit zwischen Kassen und Apotheken noch deutlich verbessert werden könnte. Allein der Umstand, dass die Hilfsmittelversorgung bei den Zusatznennungen derart oft angeführt wurde, zeigt, dass es in diesem Feld Verbesserungsbedarf gibt.

Die Retaxationen sind gegenwärtig das am häufigsten bemühte Beispiel, wenn es darum geht, die Verbesserungs­bedürftigkeit des Verhältnisses zwischen Krankenkassen und Apotheken zu beschreiben. Hier sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kassen gewaltig. Können manche in diesem Feld punkten (Kassen, die einen positiven Saldo an Nennungen aufweisen), stehen andere Kassen bei nahezu allen Beteiligten in der Kritik. Das lässt den Schluss zu, dass manche Kassen die Retaxationen besser prozessual abbilden können als andere, dass manche Kassen die Zusammenarbeit mit Apotheken partnerschaftlich, andere ausschließlich formal interpretieren.

Rabattverträge werden in der Empirie an zweiter Stelle der Problembereiche genannt, ein Thema, das nun seit vielen Jahren die Apothekengemüter berührt. Auch hier wären die Kassen gut beraten, ein einvernehmlicheres Verhältnis zu den Apotheken aufzubauen oder gar zu konservieren. |

Autoren

Prof. Dr. Andreas Kaapke ist Professor für Handelsmanagement und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Inhaber des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Prof. Kaapke Projekte. ­Einen Schwerpunkt des Unternehmens bildet der Apothekenmarkt.



Dipl.-Math. Uwe Hüsgen war lange Jahre Geschäftsführer des Apothekerverbands Nordrhein. Heute ist er als Unternehmensberater und Autor, u. a. des regelmäßigen „Rohertrags-Monitors“ in der AZ, tätig.


Das könnte Sie auch interessieren

Zytostatika-Zubereitungen und die Aussagekraft der Herstellerangaben für die Haltbarkeit

Noch sicher wirksam oder schon verfallen?

SERIE: DIE GANZE WAHRHEIT ÜBER RETAXATIONEN

Anzahl und monetärer Verlust

Muss die Apotheke die Verordnungsfähigkeit prüfen?

Retax bei kurzwirksamen Insulinanaloga

Serie: Die ganze Wahrheit über Retaxationen

Das Apotheker-Ranking: Die schlimmsten und die besten Krankenkassen

Die ganze Wahrheit über Retaxationen

Der Umgang mit Abgabe-Fehlern

Nutzen für die Patienten und die Gesellschaft

Was Apotheker bei der Rx-Abgabe leisten

Die Apotheken und die Krankenkassen, Teil 1: Defizite und Fehlverhalten gesetzlicher Krankenkassen

Partner der Apotheken?

In Europa sind die Apothekenmärkte unterschiedlich organisiert

Ein „bunter“ Kontinent

So sieht die Situation in Deutschland aus

Von der Fortbildungspflicht zur Pflichtfortbildung

Die Ergebnisse der Vollkostenanalyse zur parenteralen Herstellung

Was die Herstellung kostet