Ausländische Pharmazeuten

„Die Chance meines Lebens“

Warum eine Apothekenkooperation spanische Pharmazeuten anwirbt

Von Peter Ditzel | Die Nachfrage nach guten pharmazeutischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist hoch. Um hier für Abhilfe zu sorgen, geht die Apothekenkooperation Migasa einen neuen Weg: Sie wirbt junge Apothekerinnen und Apotheker aus Spanien an, bezahlt Sprachkurse und Unterkunft, hilft bei der Integration und begleitet ihren Weg zur Anerkennung der Approbation. 14 Spanierinnen und Spanier sind im August angekommen – wir sprachen mit den Initiatoren des Projekts und einer begeisterten spanischen Pharmazeutin: „Es ist die Chance meines Lebens.“
Foto: Migasa

Foto oben: Ankunft in Deutschland 14 junge Apothekerinnen und Apotheker aus Spanien werden die deutsche Sprache lernen, um dann in deutschen Apotheken arbeiten zu können.

Apotheker Patrick Marx ist es leid: Händeringend sucht er nach Personal, nach approbierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für seine vier Apotheken, aber der Markt scheint leer gefegt zu sein. „Eine Filialleiterstelle zu besetzen, war und ist ein echtes Problem“, drückt er seine Verzweiflung aus, „mittlerweile ist es doch schon so, dass ich mich bei den Bewerbern bewerben und aufzählen muss, was ich zu bieten habe und nicht umgekehrt.“ Aus dieser Not heraus kommt ihm eine Idee. Warum nicht im EU-Ausland nach jungen Pharmazeuten Ausschau halten, die Lust haben, in Deutschland zu arbeiten?

Von der Idee zum Projekt

Marx ist Mitglied der Migasa-Apothekenkooperation. Seine Idee, ausländische Apothekerinnen und Apotheker zu akquirieren, bringt er in die Migasa-Runde ein, wo sie sofort auf große Zustimmung stößt: „Eine Super-Idee“, so das Echo aus der Runde, „das finden wir alle toll“, erinnert sich Thomas Knoll, Geschäftsführer der Apothekenkooperation Migasa. Und er ergänzt, es sei überhaupt eine Besonderheit der Migasa: Kooperationsmitglieder haben eine Idee, entwickeln sie weiter, behalten sie aber nicht für sich, sondern bringen sie aktiv in die Kooperation ein und diskutieren sie in Gesprächsrunden, damit auch andere davon profitieren. Und das Beste, so Marx: „Es bleibt nicht nur bei der Absichtserklärung, sondern Ideen werden wirklich angepackt.“ Seine Vorschläge gibt er weiter an die Migasa-Zentrale, wo sich Sebastian Kockmann um die Realisierung kümmert.

Marx selbst nimmt zunächst mit Agenturen Kontakt auf, die in der EU ausländische Arbeitskräfte – meist sind es Arbeitsuchende aus Osteuropa – vermitteln. Dann kommt ihm der Gedanke, die Arbeitslosigkeit junger Menschen in südeuropäischen Ländern mit seinem Problem zusammenzuführen.“ Marx hörte sich um, er erfährt, dass es vor allem in Spanien eine hohe Arbeitslosigkeit bei jungen Akademikern, bei jungen Pharmazeuten gibt. „Und so startete ich gleich meinen ersten Versuch mit Spanien.“

Einen geeigneten Vermittler für südeuropäische Arbeitskräfte zu finden, ist allerdings nicht einfach, wie er rasch feststellt. „Dann kam mir die Idee, die Botschaft in Madrid anzurufen, die mich gleich an die Außenhandelskammer (AHK) von Spanien verwies. Der dortige Ansprechpartner, ein Argentinier, der in Deutschland studiert hatte und daher gut Deutsch spricht, hat uns bei den weiteren Aktivitäten sehr geholfen. Er machte uns ein Angebot und konnte uns auf eine geeignete Sprachschule aufmerksam machen, wo potenzielle spanische Bewerber die deutsche Sprache lernen können.“

Am Anfang: Fragen über Fragen

Marx entwickelt ein Konzept, wie so ein Projekt laufen könnte, wie hoch die Kosten sein würden. „Da war zunächst die Frage, wie viele Pharmazeuten können wir nach Deutschland einladen?“ Eine Gruppe von etwa 15 erscheint angemessen, nachdem man den ersten Bedarf von Apothekerinnen und Apothekern unter den Migasa-Mitgliedern abgefragt hat. Die nächste Hürde: Wie regeln wir die Sprachausbildung der Pharmazeuten, den Transfer der jungen spanischen Pharmazeuten nach Deutschland, die Unterkünfte, die anfängliche Begleitung und Integration. Wie lange wird es dauern, bis die spanischen Apothekerinnen und Apotheker die deutsche Sprache beherrschen, sodass die Approbation anerkannt wird? Welche Hürden gibt es hier außerdem? Wie steht es mit der Organisation von Apothekenpraktika? „Viele Fragen waren nicht einfach zu lösen“, räumt Marx ein, „einiges liegt noch bei den Bezirksregierungen, aber unser Projekt stößt prinzipiell auch dort auf Zustimmung, zumal es sich um mehrere Apothekerinnen und Apotheker aus Spanien handelt, die sich um die Anerkennung der Approbation bemühen.“

Wie man geeignete Kandidaten fand

Die Mitarbeit der spanischen Außenhandelskammer (AHK) sollte sich als äußerst vorteilhaft erweisen. Sie schreibt das Projekt nach Vorgaben der Migasa auf einer Online-Börse aus. Über dieses Portal erreicht man junge Apothekerinnen und Apotheker, die bereit sind, in Deutschland zu arbeiten. „Wir hatten 120 Bewerbungen“, berichtet Marx enthusiastisch, „und dies, obwohl wir schon einschränkende Faktoren angaben. So sollten die Apothekerinnen und Apotheker nicht älter als dreißig Jahre und bereit sein, auszuwandern.“

Die Migasa-Projektgruppe trifft eine Vorauswahl von 40 Pharmazeutinnen und Pharmazeuten: „Wir sind dann im März zu viert nach Madrid geflogen, um mit den jungen Leuten, die in die Vorauswahl gekommen waren, Bewerbungsgespräche zu führen. Wir wollten die 15 Besten auswählen. Das ist ein vollkommen neues Gefühl für einen deutschen Apothekenleiter“, so Marx, wenn er aus 40 Bewerbern auswählen kann.“ Die Auswahl fällt nicht leicht, alle spanischen Apothekerinnen und Apotheker, die sich gemeldet hatten, sind hoch motiviert.

Nach intensiven Gesprächen stehen insgesamt 14 Auserwählte fest. Nun dürfen sie sich die Stadt und die Apotheke, in der sie arbeiten wollten, anhand von Exposés der jeweiligen Apotheken selbst auswählen und in eine Prioritätenliste eintragen. „Die Stadt, die in dieser Liste am meisten bevorzugt wurde, war übrigens Mönchengladbach, vor allem bei den jungen Männern – klar, es war die einzige Stadt auf der Auswahlliste, die einen Fußballclub hat. Da hatten es Mülheim, Castrop-Rauxel oder Herne einfach schwerer“, lacht Marx, „aber wir konnten die Wünsche weitgehend erfüllen.“

Schon am 15. April begannen dann die vorbereitenden Sprachkurse in Madrid – auch das war eine kleine Herausforderung für die Kandidaten, da die meisten nicht in Ma­drid wohnten.

Ankunft in Deutschland: unbedingt im Sommer

Im August ist es dann soweit: Die spanischen Pharmazeutinnen und Pharmazeuten kommen in Deutschland an. „Die Ankunft sollte auf jeden Fall noch im Sommer sein“, so Marx, „um die Eingewöhnung in Deutschland zu erleichtern. Eine Ankunft im grauen und sonnenarmen November wollten wir den Spaniern nicht zumuten – auch daran haben wir bei diesem Projekt gedacht.

Dann folgen die ersten Schritte: Für alle stehen pro Woche 20 Unterrichtseinheiten Sprachkurs auf dem Ausbildungsprogramm und parallel dazu etwa 23 Stunden in der Apotheke, um den Apothekenbetrieb in Deutschland kennenzulernen. „Wobei die Anwesenheit in der Apotheke meistens auch eine Art Live-Sprachkurs ist“, wie Marx ergänzt, „zumal sie ja keine Praktikanten im herkömmlichen Sinn sind, sondern Hospitanten. Denn sie dürfen trotz ihrer spanischen Approbation hier bei uns noch nicht mitarbeiten, nicht bedienen, keine pharmazeutischen Tätigkeiten ausüben.“ Voraussetzung, um in einer deutschen Apotheke pharmazeutisch zu arbeiten, ist das C1-Sprachzertifikat für die deutsche Sprache, sie müssen eine C1-Fachsprachprüfung ablegen, in der auch pharmazeutisches Recht geprüft wird.

„Die Aufnahme der jungen Spanierin durch sein Apotheken-Team war überaus herzlich“, bestätigt Marx. Natürlich müsse man darauf achten, dass die Belange der anderen Mitarbeiter nicht zu kurz kämen, wenn man sich vermehrt den neuen Mitarbeitern widme. Aber: „Die sympathische Ausstrahlung der Spanier macht es den deutschen Kollegen ja auch leicht, sie herzlich aufzunehmen.“

Eine Investition in den Nachwuchs

Auf die deutsche Apotheke, die sich um die Ausbildung eines spanischen Pharmazeuten bemüht, kommen zunächst einige Kosten zu, wie Marx erläutert. So bezahlen die Ausbildungsapotheken den jungen Spanierinnen und Spaniern 1000 Euro im Monat als Hospitantengehalt, von dem sie hier ihre Unterkunft und das Leben finanzieren. „Wir bezahlen darüber hinaus den Sprachkurs und die Mobilität, z. B. ein Ticket für den Nahverkehr, falls sie weiter entfernt wohnen, erklärt Marx die anfallenden Kosten. „Letztlich ist das überschaubar, auch im Vergleich mit Tarifen von Vermittlungsagenturen.“ Und Knoll fügt hinzu: „Wir gehen davon aus, dass sie dann im Januar, Februar die Anerkennung der Approbation erlangen und dann als vollwertige Apothekerinnen und Apotheker in den deutschen Apotheken mitarbeiten können.“

Foto: DAZ/diz

Mit dem Projekt „Pharmazeuten aus Spanien“ auf gutem Weg (v. l.): Patrick Marx, Schloss-Apotheke Mülheim, Paula Navarro, Apothekerin aus Spanien, Sebastian Kockmann und Thomas Knoll, Apothekenkooperation Migasa.

Hoch motiviert

Paula Navarro, eine der jungen spanischen Apothekerinnen, die im Rahmen dieses Projekts nach Deutschland kam, freut sich sehr darauf, hier arbeiten zu dürfen. „Aber“, so fügt sie lächelnd in grammatikalisch richtigem Deutsch hinzu, „noch verstehe ich mehr als ich sprechen kann“. Doch sie dürfte auf dem bestem Weg sein, sich in die deutsche Sprache einzufinden. Die Motivation dieser jungen Spanierinnen und Spanier ist außerordentlich hoch. Paula Navarro beispielsweise berichtet, dass sie nach dem Studium keine Anstellung in einer Apotheke gefunden hat. Deshalb arbeitete sie als Verkäuferin in einem Laden. Aber selbst wenn ein frisch Approbierter einen der wenigen Apothekenarbeitsplätze in einer spanischen Apotheke bekommt: Das Gehalt der Jungapprobierten in Spanien ist weit unter den deutschen Gehältern angesiedelt – bei 48 Stunden pro Woche erhalten sie etwa 1800 Euro.

Ein Langzeitprojekt mit viel Empathie

„Wie immer bei neuen Projekten tauchen Fragen auf“, gibt Knoll zu verstehen, „an die man vorher nicht dachte, die sich erst im praktischen Verlauf ergeben. Aber wir können das Projekt ständig anpassen. Wir lernen dazu. Vor allem: Es ist ein Projekt mit hohem emotionalem Faktor, das uns alle sehr berührt. Wir haben engagierte und motivierte junge Menschen ausgewählt – da sind wir in der Verpflichtung. Da spielt auch eine menschliche Komponente mit rein.“ – „Wir werden beispielsweise für die jungen Apothekerinnen und Apotheker einige gemeinsame Aktivitäten anbieten“, ergänzt Kockmann, „beispielsweise die gemeinsame Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen. Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt ist bereits geplant. Das alles kann den Zusammenhalt fördern.“

Natürlich besteht das Risiko für die Migasa-Apothekerinnen und Apotheker, die sich an diesem Projekt beteiligen, dass der junge spanische Pharmazeut, die Pharmazeutin der Ausbildungsapotheke den Rücken kehrt, in eine andere Apotheke abwandert oder zurück nach Spanien geht. „Hier gibt es bewusst keine Verpflichtungen für die Spanier“, so Kockmann. Aber da mag auch das Selbstbewusstsein der Migasa-Apotheker eine Rolle spielen, gute Arbeitgeber mit guten und leistungsstarken Apotheken zu sein. Und Knoll fügt hinzu: „Apotheken, die bei der Migasa mitmachen, leisten einfach mehr und können den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern interessante Arbeitsplätze bieten mit der ganzen Breite der apothekerlichen Tätigkeit.“ – „Letztlich, wenn das Heimweh nach Sevilla oder Madrid wirklich zu groß werden sollte, dann ist es so“, fügt Marx hinzu. Andererseits, die Arbeitsplatzsituation in Spanien dürfte nicht so schnell besser werden. Und die Hoffnung, dass die jungen Spanierinnen und Spanier hier in Deutschland im Apothekenumfeld Freunde und Freundinnen finden, ist durchaus berechtigt.“

Knoll ist überzeugt: „Als Leistungsbaustein der Migasa wird die Zuführung von ausländischen Apothekerinnen und Apothekern einen festen Platz in unserer Kooperation bekommen. Denn die Nachfrage nach guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird in Deutschland wachsen. Mit diesem Projekt haben wir einen Nerv getroffen. Das ist erst der Anfang für mich.“ |

Autor

Peter Ditzel ist Herausgeber der DAZ – Deutsche Apotheker Zeitung

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