Arzneimittel und Therapie

Vareniclin – besser als sein Ruf?

Risiken bei der Raucherentwöhnung wurden möglicherweise überschätzt

Die Einnahme von Vareniclin (Champix®) kann den Entschluss zum Rauchstopp effektiv unterstützen. Während 6% der Raucher mit einer Nicotinersatztherapie eher erfolgreich mit dem Rauchen aufhören als unter Placebo, sind es bei Vareniclin 13%. Dennoch wird Vareniclin vergleichsweise selten verordnet. Nicht zuletzt, weil es seit der Markteinführung im Jahr 2007 immer wieder Warnungen zu kardiovaskulären und neuropsychiatrischen Risiken von Vareniclin gab. Eine retrospektive Kohortenstudie wirft nun neues Licht auf die Substanz.
Foto: Gina Sanders - Fotolia.com

Unterstützung beim guten Vorsatz: Vareniclin mindert das Rauchverlangen und die Entzugssymptome. Aufgrund möglicher Risiken hatte es bislang keinen guten Ruf.

Vareniclin unterdrückt als partieller Agonist am α4β2-Nikotinrezeptor das Rauchverlangen und die Entzugssymptome. Gleichzeitig verhindert es die Bindung von Nicotin am Rezeptor und bewirkt damit, dass eine Zigarette keinen Belohnungseffekt auslöst.

Bereits ein Jahr nach der Markteinführung wurden erste Sicherheitshinweise von der FDA (Food and Drug Administration) ausgesprochen und 2008 in eine „Black-box-Warnung“ auf ein erhöhtes Suizidrisiko unter Vareniclin aufmerksam gemacht. In den letzten Jahren kamen weitere Sicherheitsbedenken aufgrund eines erhöhten kardiovaskulären Risikos hinzu. Neuere Metaanalysen konnten jedoch keine signifikante Risikoerhöhung für kardiovaskuläre Ereignisse unter Vareniclin feststellen.

Auch für Bupropion keine Risikoerhöhung

Ebenso zeigt eine aktuelle retrospektive Kohortenstudie auf, dass Vareniclin möglicherweise besser als sein Ruf ist. Hierfür wurden die Daten von 164.766 Patienten in England analysiert, die zwischen Januar 2007 und Juni 2012 eine Verordnung über Vareniclin, Bupropion oder eine Nicotinersatztherapie erhielten. Am häufigsten wurde in dieser Zeit eine Nicotinersatztherapie (106.759 Personen) verordnet, gefolgt von Vareniclin (51.450 Personen) und Bupropion (6.557 Personen). Unter Berücksichtigung von Vorerkrankungen, Alter, Geschlecht und sozioökonomischem Status ergab die Analyse weder für Vareniclin noch für Bupropion eine Risikoerhöhung.

Die Einnahme von Vareniclin führte demnach weder zu mehr kardiovaskulären Ereignissen noch wurden häufiger Depressionen oder Selbstverletzungen beobachtet. Beim direkten Vergleich von Vareniclin mit der Nicotinersatztherapie lag die hazard ratio (Risikoquotient) für ischämische Herzkrankheit, Hirninfarkt, Herzinsuffizienz, Arrhythmien, Depressionen und Selbstverletzungen zugunsten für Vareniclin (HR 0,56 bis 0,80). Nur für periphere Gefäßerkrankungen bestand kein signifikanter Unterschied zwischen Vareniclin und der Nikotinersatztherapie.

Eingeschränkte Aussagekraft

Einschränkend ist hinzuzufügen, dass die Daten auf einer retrospektiven Kohortenanalyse beruhen. So ist beispielsweise unklar, inwiefern eine möglicherweise fehlende Therapie-Adhärenz die Daten verzerrt hat. Dennoch gibt diese Studie Anlass zu der Frage, ob Vareniclin für eine effektive Tabakentwöhnung häufiger eingesetzt werden sollte. |

Quellen:

Kotz D, Viechtbauer W, Simpson C et al. Cardiovascular and neuropsychiatric risks of varenicline: a retrospective cohort study. Lancet Respir Med, published online Sep. 7, 2015

Food and Drug Administration. Varenicline (marketed as Chantix) Information. http://www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/PostmarketDrugSafetyInformationforPatientsandProviders/ucm106540.htm

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Gesundheitsinformation.de – Hilfen zur Raucherentwöhnung https://www.gesundheitsinformation.de/hilfen-zur-raucherentwohnung.2080.de.html?part=behandlung-lt

Karin Schmiedel

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