Fotos: Kettemann

Anthroposophie im Jugendstil-Ambiente

Die Stitzenburg-Apotheke in Stuttgart – eine anthroposophische Apotheke im Jugendstil-Dekor

Von Peter Ditzel | Authentischer kann man Anthroposophie kaum erleben als in Stuttgarts Stitzenburg-Apotheke. Beide, die anthroposophische Weltanschauung und diese Apotheke entstanden an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Während die gut erhaltene Jugendstileinrichtung der Apotheke heute noch an diese Zeit erinnert, berät die jetzige Apothekenleiterin ihre Kunden unter anthroposophischen Vorzeichen – und vermittelt Hilfe zur Selbsthilfe, ganz im anthroposophischen Sinn. Apothekerin Sabine Kettemann hat uns ihre Apotheke gezeigt. Wir unterhielten uns mit ihr über anthroposophische Pharmazie, über das Arbeiten im historischen Ambiente und über die Schwierigkeiten von kleinen Apotheken.

Von außen könnte man sie beinahe übersehen, die Stitzenburg-Apotheke in der Stuttgarter Hohenheimer Straße: keine gleißend hell erleuchteten Schaufenster, kein großes Hinweisschild, nur eine einfache Eingangstür – fast unscheinbar ist sie im Erdgeschoss eines der Gründerzeithäuser untergebracht, die beide Seiten dieser einstigen Prachtstraße säumen. Heute leidet die Straße, in deren Mitte sich auch noch die Stadtbahn Richtung Degerloch und Fernsehturm den Berg emporwindet, unter täglich bis zu 40.000 Autos. Aber diese Entwicklung konnte der damalige Apotheker Albert Wünsch nicht ahnen, als er im Jahr 1901 seine Apotheke just in dieser Straße, in diesem Haus eröffnete. Seine Apotheke muss ihm sehr am Herzen gelegen sein, denn er investierte kräftig in die Inneneinrichtung, die er dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend im aufkommenden Jugendstil, einer kunstgeschichtlichen Epoche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, bauen ließ. Die Ladeneinrichtung ist maßgeschneidert für diese Räume aus Holz gefertigt, sogar die Decke ist aus Holz und reich verziert. Viele geschwungene Linien und dekorativ florale Ornamente bestimmen das Aussehen, und trotzdem ist das Möbel durchweg funktional. „Die Einrichtung entspricht dem neuesten Stande der pharmaceutischen Technik und Wissenschaft. Hierdurch und durch die während einer langjährigen Praxis in hiesiger Stadt, zuletzt als Verwalter der Hofrat Dr. Sigel’schen Apotheke, gewonnenen Erfahrungen bin ich in der Lage, allen Anforderungen auf pharmaceutischem Gebiete entsprechen zu können und sichere coulanteste Bedienung zu“, kündigte er damals in einer Reklameschrift die Eröffnung an. Den etwas ungewöhnlichen Namen Stitzenburg wählte der Apotheker in Anlehnung an die ehemalige „Stitzenburg“, ein feines privates Landhaus mit Aussicht in der Nähe der Apotheke, das von seinem damaligen Besitzer zu einer Ausflugsgaststätte umgebaut worden war.

Die Apotheke wechselte im Lauf der Zeit mehrmals ihren Besitzer – die prächtige Jugendstileinrichtung blieb zum Glück erhalten und musste nicht dem Zeitgeist der kunststoffbeschichteten Pressspanplatten weichen. Eine Splitterbombe traf das Haus im Zweiten Weltkrieg, sie zerstörte alle Schaufenster und die ehemals kunstvoll gestaltete Eingangstür, die Einrichtung der Apotheke allerdings überstand den Angriff weitgehend unbeschadet.

In den 80er-Jahren endlich erkannte die damalige Besitzerin den kunsthistorischen Wert der Einrichtung und rief das Amt für Denkmalschutz auf den Plan: Es erhob das gesamte Ensemble der Einrichtung in den Rang eines Kulturdenkmals.

Die Jugendstil-Einrichtung der Stitzenburg-Apotheke wurde nur behutsam zeitgemäßen Anforderungen angepasst. So lässt sich der Zeitgeist dieser Epoche gut nachempfinden. Anthroposophische Medizin wird hier authentisch vermittelt.

Eine Apotheke aus einer anderen Zeit

Mitte 1996 erwarb Sabine Kettemann die Apotheke, obwohl es sich abzeichnete, dass die Apotheke nicht die besten Prognosen haben wird. Warum unbedingt diese Apotheke? An einer vielbefahrenen Straße Stuttgarts, nicht wirklich eine Lauflage! Der erste Grund: Die Apothekerin hatte sich von Anfang an in die Ausstrahlung dieser Jugendstil-Apotheke verliebt, „ich war total begeistert“, fügt sie schwärmend hinzu. Ganz behutsam lässt sie nur so viel Neuzeit in die Räume Einzug halten, wie für den Betrieb einer modernen Apo­theke notwendig ist. Heute gehört die Stitzenburg-Apotheke zu den wenigen noch verbliebenen historischen Ladenlokalen Stuttgarts, sie ist eine der sehr seltenen bis heute erhaltenen Beispiele für eine Jugendstil-Apotheke.

Die Zeit des Jugendstils war auch die Zeit, in der Rudolf Steiner (1861–1925), der Begründer der Anthroposophie, wirkte und zusammen mit der Ärztin Dr. Ita Wegman seine anthroposophische Heilmethode entwickelte. Für Apothekerin Sabine Kettemann passte das Ambiente dieser Apotheke sehr gut zu ihrer eigenen naturheilkundlichen Ausrichtung: Die Apothekerin hatte schon bald Zugang zur anthroposophischen Therapierichtung gefunden und sich mit der Weltanschauung Steiners beschäftigt.

Mit viel Liebe zum Detail wie hier bei den Beschlägen, geschwungenen Linien und Ornamenten wirkt die Jugendstil-Apotheke heute wie aus einer anderen Welt.

Und ein dritter Grund erleichterte ihr die Entscheidung für diese Apotheke: Im Nebenhaus der Apotheke arbeitete eine große anthroposophische Praxis mit mehreren Ärzten. Frau Kettemann: „Dies hatte den Vorteil, dass wir von Anfang an viele Kunden hatten, die sich für diese Behandlungsweisen interessierten und wir einiges aus den Verordnungen der Ärzte lernen konnten.“

Allerdings löste sich die Praxis schon wenige Jahre später nach und nach auf, die Ärzte trennten sich und zogen weg. Ein Auslöser dafür war u. a., dass die Krankenkassen nach der Gesundheitsreform solche Behandlungen nicht mehr übernahmen. „Es gibt leider nicht allzu viele Ärzte, die sich auf die anthroposophische Medizin verstehen“, bedauert Frau Kettemann diese Entwicklung.

„Die Praxisaufgabe war natürlich sehr traurig für uns, aber wir haben trotzdem weitergemacht. Was uns bestärkte: Wir haben mit unserer anthroposophisch ausgerichteten Beratung gesehen, dass wir sehr viele Möglichkeiten haben, auf unsere Kunden zuzugehen und ihnen zu helfen.“

Anthroposophie als Hilfe zur Selbsthilfe

„Die Anthroposophie selbst ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Weltanschauung, eine besondere Art, die Welt zu betrachten“, so Apothekerin Kettemann. „Mein damaliger Freund hatte schon Sorge, ich könnte in eine Sekte geraten“, erinnert sie sich, „aber davon ist die Anthroposophie natürlich weit entfernt.“ Und wie lässt sich die Anthroposophie in der Apothekenpraxis vermitteln? „Für uns in einer anthroposophischen Apotheke stellt sich vor allem die Frage: Wie nehme ich den Menschen, der mir gegenüber steht, wahr? Wir versuchen, den Menschen als Ganzes zu betrachten: Welches gesundheitliche Problem hat er und wo kommt dieses Problem her? Im Vordergrund steht nicht die mechanistische Betrachtung, welches Arzneimittel ist das geeignete bei diesen oder jenen Beschwerden. Hier sind Ähnlichkeiten zur Homöopathie durchaus festzustellen, zumal sich die Anthroposophie auch zum Teil der gleichen Art der Arzneimittelherstellung bedient. Allerdings ist die Anthroposophie weniger schematisch als die Homöopathie“, bringt es die Apothekerin auf den Punkt. Und sie fügt ein Beispiel hinzu: „Ich konnte lange Zeit nicht auseinanderhalten, wann man das Hustenelixier und wann man den Flechtenhonig von Weleda gibt – zwei Präparate, die sehr ähnliche Indikationen haben. Mittlerweile ist mir klar geworden, wann ich was gebe. Im Gespräch mit dem Patienten ergeben sich Anhaltspunkte – anhand seiner Antworten weiß ich dann, was zu tun ist.“

Rät sie ihren Patienten, die ihre Befindlichkeitsstörungen schildern, aktiv zu einer anthroposophisch begründeten Therapie, zu anthroposophischen Arzneimitteln? „Ja, auf alle Fälle, da ich überzeugt bin, dass auf längere Sicht eine solche Therapie zielführender ist als eine Behandlung mit allopathischen Arzneimitteln.“ Andererseits, verbissen möchte sie es auf keinen Fall sehen: „Aus einer anthroposophischen Beratung kann durchaus die Gabe von Aspirin als die richtige und beste Empfehlung für diesen Menschen resultieren“, ist sie überzeugt, „das ist keine Frage.“ Oder ein anderes Beispiel: „Bei einer Nasennebenhöhlenentzündung würde man natürlich ein abschwellendes Nasenspray geben, um die Nase frei zu bekommen, vor allem, wenn der Patient nachts nicht schlafen kann. Als anthroposophische Apothekerin bin ich da überhaupt nicht gegen diese Präparate eingestellt. Die Anthroposophie allerdings sagt mir, welches Problem dahinter steckt und wie ich die Ursachen angehen kann.“

Der Erfolg gibt ihr Recht: „In meiner langjährigen Beratungspraxis habe ich zahlreiche Aha-Erlebnisse gehabt. Die Patienten berichten mir erfreut, wie gut ihnen die anthroposophischen Präparate geholfen haben. Letztlich ist es nicht so wichtig, wie genau dieser oder jener Stoff wirkt – die Idee, der Ansatz dahinter ist das eigentlich Wichtige, auf das es ankommt.“

Um ihr Wissen in der Anthroposophie zu stärken, hat sich Frau Kettemann fortgebildet, sie absolvierte die Fortbildung zur „Apothekerin für anthroposophische Pharmazie“ der Gesellschaft Anthroposophischer Apotheker in Deutschland e. V. (GAPiD), „leider ist das noch kein offizieller Titel“, so Frau Kettemann, „den die Apothekerkammer anerkennt.“

Anthroposophie als Angebot

Ganz klar, das Warensortiment der Stitzenburg-Apotheke wird geprägt von anthroposophischen Arzneimitteln, insbesondere von den beiden großen Anbietern in Deutschland, der Wala und der Weleda. Natürlich führt sie auch zahlreiche homöopathische Arzneimittel – „Naturheilmittel sind ein Schwerpunkt in meiner Apotheke“, stellt die Apothekerin fest, „ich habe sie bewusst in der Sichtwahl platziert, soweit dies möglich ist. Auch bei den Kosmetikprodukten stehen die Kosmetiklinien von Weleda und Wala, hier die Dr. Hauschka-Produkte, im Vordergrund.“

„Anfangs wollte ich diese Sortimente nicht so sehr nach vorne bringen, um andere Kunden nicht zu verschrecken. Aber dann haben wir uns gefragt: Warum sollen wir uns nicht dazu bekennen? Außerdem: Es ist ein Angebot.“ Es sei erstaunlich, wie viele Menschen darauf anspringen und sich dafür interessieren, wenn man sie nur darauf anspricht.

„Kommt ein Kunde mit einem konkreten Wunsch, beispielsweise nach Wick Medinait oder Aspirin complex, und man fragt nur ein wenig nach, man macht ihm nur ein bisschen bewusst, was bei einer Erkältung im Körper abläuft, und erklärt ihm, wie hier ein anthroposophisches Präparat eingreifen kann, dann ist es immer wieder erstaunlich, wie leicht er sich auf diese Therapierichtung einlässt“, freut sich die Apothekerin.

Die Jugendstil-Einrichtung wurde durch den Krieg nicht zerstört. Das Ensemble erhielt vom Amt für Denkmalschutz den Rang eines Kultur-Denkmals.

„Allerdings“, fügt sie nachdenklich hinzu, „man kommt sich schon ab und an seltsam vor, wenn man Kunden von einem Präparat abrät, wenn man mal gar nichts verkauft, sondern nur Ratschläge erteilt. Aber Verkaufen um jeden Preis – das passt nicht zu meiner anthroposophischen Weltanschauung.“ Und leicht frustriert meint sie: „Irgendwie liegt darin die Crux unseres Berufes, einerseits wird von uns verlangt, unabhängig zu beraten und Zeit zu investieren, auf der anderen Seite verdienen wir unser Geld nur über den Verkauf, über den Preis des Arzneimittels.“

Bei der Anthroposophie zu Zeiten Rudolf Steiners war der Apotheker noch Arzneimittelhersteller. Seine Aufgabe war es, die Mittel nach den Vorschriften der Anthroposophen bereitzustellen. Mitunter hat man den Eindruck, dass sich dieses Denken bis heute bei einigen anthroposophisch tätigen Ärzten verfestigt hat. So müsse man als anthroposophischer Apotheker sogar innerhalb des Verbandes GAPiD dafür kämpfen, dass der Apotheker nicht nur als Herstellender angesehen wird, merkt Frau Kettemann kritisch an, „dabei liegt doch das Wesentliche des Apothekerberufs heute in der Beratung des Kunden“. Eine Zukunftsaufgabe für Apotheker, die sich für diese Art der Heilkunde interessieren, könne es sein, so Kettemann, dass sie auch das Weltbild, das hinter der Anthroposophie steht, vermitteln, um den Patienten zu aktivieren, seine Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen oder darüber nachzudenken, warum er krank ist, wo sein gesundheitliches Problem liegt.

Als die Jugendstil-Epoche blühte, war der Apotheker noch Arzneimittelhersteller. Die Stitzenburg-Apotheke zeigt dies durch die Präsentation der alten Standgefäße.

Wenn die Bürokratie überhand nimmt

Eines der größten Problem für die Stitzenburg-Apothekerin ist die überhandnehmende Bürokratie – „damit werde ich nur sehr schwer fertig“, stöhnt die Apothekerin, die nur zwei Mitarbeiterinnen beschäftigt. „Wir sind eine kleine Apo­theke“, erklärt Sabine Kettemann ihre Lage, „mit allen Schwierigkeiten, die eine kleine Apotheke mit sich bringt. Die Anforderungen, die heute an uns gestellt werden, sind für Apotheken dieser Größe fast nicht zu bewältigen.“ Wenn sie die Liebe zur Anthroposophie und ein wie auch immer geartetes Sendungsbewusstsein nicht entwickelt hätte, dann würde sie sich die Mühen einer eigenen Apotheke nicht auferlegen, gesteht sie: „Als Angestellte hätte ich es entschieden leichter.“

Dennoch, ihre Apotheke bezeichnet sie nicht als Hobby-Apotheke. „Aber“, so räumt sie freimütig ein, „zum Glück lebe ich nicht alleine. Ohne meinen Mann könnte ich die Apo­theke nicht halten. Die Apotheke würde mich nicht mehr ernähren.“ Die Apothekenräume hat sie gemietet, die Apothekeneinrichtung, da sie unter Denkmalschutz steht, zu einem symbolischen Preis vom Hauseigentümer übernommen. Bei Aufgabe der Apotheke muss sie sie zurückgeben.

Sie ist sich bewusst: Wenn sie heute diese Apotheke schließen würde, dann wäre das für diese Apotheke wohl für immer. Und Stuttgart und die Apothekenwelt wären um eine sehenswerte Jugendstil-Apotheke ärmer. |

Autor

Peter Ditzel

ist Herausgeber der DAZ – Deutsche Apotheker Zeitung

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