Integration

„Deutschland ist wie ein Traumland“

Wie ein syrischer Apotheker in Deutschland Fuß fassen will

Foto: Denis Junker – Fotolia.com
Von Peter Ditzel | Zwei Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien kehrte Monzer Alagi, ein Apotheker aus Syrien, seiner Heimat den Rücken. Er wollte seine Familie und sich selbst nicht diesen Gefahren aussetzen. Er floh in den Libanon. Im vergangenen Jahr konnte er im Rahmen eines Sonderprogramms für syrische Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Heute lebt er mit seiner Familie in Königswinter und hofft auf Anerkennung seiner Approbation. Um die Zeit zu überbrücken, hilft er als Dolmetscher in Notunterkünften für Flüchtlinge – und ist als Hilfskraft in einer Apotheke beschäftigt. Wir sprachen mit Monzer Alagi: Wie kommt er in Deutschland zurecht? Wie erlebt er die Probleme der Flüchtlinge in den Not­unterkünften? Was erhofft er sich für sein neues Leben?

Der Empfang in seiner Dachwohnung in Königswinter ist herzlich. Er hat Kaffee gekocht. Seine Frau, die gerade beim Sprachkurs ist, hat einen feinen Zitronenkuchen gebacken und Nussgebäck vorbereitet. Hier, am Rand eines Ortsteils von Königswinter wohnen zu dürfen bedeutet für ihn großes Glück, wie er mir zu Beginn unseres Gesprächs in gutem Deutsch zu verstehen gibt. Er weiß, dass es den Flücht­lingen, die derzeit ankommen, nicht so gut geht.

Als das Regime Chemiewaffen einsetzte …

Monzer Alagi wurde 1981 in einem kleinen Dorf in Syrien geboren, in der Nähe der Stadt Homs. Er ist das jüngste Kind von zehn, seine Familie gehört der christlich-orthodoxen Religion an. Nach dem Abitur studierte er Pharmazie in Damaskus, „weil ich schon immer anderen Menschen helfen wollte und Chemie liebe“, wie er sagt.

Stolz berichtet er, dass alle seine Geschwister eine gute Ausbildung absolvieren konnten. Einer seiner Brüder ist zum Beispiel Kinderarzt, der heute in Frankreich lebt, ein anderer Bruder ist Universitätslehrer, ebenfalls in Frankreich, ein anderer ist Flötist in Köln. Alagis Mutter ist bereits vor dreißig Jahren gestorben. Sein Vater, von Beruf Busfahrer, hatte dafür gesorgt, dass alle seine Kinder eine gute Ausbildung erfahren.

Foto: DAZ/diz

Apotheker Monzer Alagi hofft, dass seine syrische Approbation als Apotheker in Deutschland anerkannt wird.

Während des Pharmaziestudiums lernt er seine Frau kennen, die ebenfalls Apothekerin ist. Sie bekommen zwei Kinder, die heute drei und fünf Jahre alt sind, wobei die Älteste bereits eingeschult wurde. Eine große Familie zu haben, sei sein Wunsch, aber unter den gegebenen Umständen, ohne feste Arbeit, sei das nicht machbar, räumt er ein.

„Ich habe Syrien verlassen, zwei Jahre, nachdem das Regime begann, Krieg gegen das eigene Volk zu führen“, beginnt er seine Geschichte. „Ich lebte damals in Damaskus, hatte meine eigene Apotheke. Als das Regime Chemiewaffen einsetzte und die Welt schaute zu, stand für mich fest, zu fliehen. Ich organisierte für meine Familie und mich einen Transfer in den Libanon“, erzählt er. „Dort durften wir zwar leben, aber eigentlich auch nicht viel mehr, man hatte keine Rechte mehr. Ich bekam zwar eine Arbeit in einem Krankenversicherungsunternehmen, aber ich musste mehrmals in den Irak reisen, nach Bagdad – das war sehr gefährlich. Ich erlebte einmal eine Explosion, die nur etwa 500 m von meinem Aufenthaltsort passierte. Das wurde mir zu gefährlich – was macht meine Familie, wenn ich sterbe?“

Alagi entschloss sich, Kontakt zu seinem Onkel aufzunehmen, der bereits seit vielen Jahren in Königswinter lebt und dort arbeitete. „Er hat eine Bürgschaft für mich übernommen und wir konnten im Rahmen eines Sonderprogramms für syrische Familien nach Deutschland kommen. So gesehen habe ich es besser als andere Flüchtlinge“, ist sich Alagi durchaus bewusst. „Eine Bezugsperson in Deutschland zu haben, hat uns viel geholfen. Die ersten Monate nach unserer Ankunft in Deutschland konnten wir bei ihm wohnen, bis wir die Wohnung hier in der Nähe von ihm gefunden haben.“

Foto: Alagi

Familie Alagi mit ihren beiden Töchtern. Die ältere Tochter Zeina wurde vor Kurzem schon eingeschult.

Hindernislauf zur Approbationsanerkennung

Für den syrischen Apotheker stand von Anfang an fest, möglichst bald wieder in seinem Beruf arbeiten zu wollen. Doch das ist, wie er bald erfahren musste, mit Hindernissen verbunden. Eine der Voraussetzungen ist das B2-Zertifikat in deutscher Sprache, das er mit großem Eifer in Angriff nahm und schon innerhalb kurzer Zeit erreichte. Die schwierigste Hürde ist allerdings die Anerkennung der syrischen Approbation als Apotheker. Um dies zu erreichen, seien viele Unterlagen notwendig, erklärt er mir. Alle seine Dokumente müssten vom syrischen Außenministerium beglaubigt werden, ebenfalls von der für Syrien zuständigen deutschen Botschaft im Libanon, die wiederum die Originale verlangt und keine beglaubigten Kopien akzeptiert. Hinzu kommt, dass die Behörden hohe Gebühren verlangen, insgesamt kosten die Formalitäten 1500 bis 2000 Euro. Das Jobcenter übernimmt höchstens 500 Euro. Dennoch, er wird versuchen, noch in diesem Monat einen Antrag zu stellen. Ob er die Anerkennung erhält, ist unsicher.

Eine finanzielle Hilfe vom Staat bekommt Alagi nicht. Sein Bruder in Frankreich unterstützt ihn. Und um die Wartezeit zu überbrücken, hat er sich um Arbeit bemüht – seit November 2014 ist er in einer Apotheke in Bad Godesberg tätig als Hilfskraft. Da seine Ausbildung bisher nicht anerkannt wurde, darf er nicht als Apotheker arbeiten. In der Apotheke ist er vor allem damit beschäftigt, Waren einzuräumen und die Betriebsabläufe zu verfolgen. „Ich darf keine Rezepturen machen, ich darf keine Kunden bedienen“, so Alagi, „aber ich freue mich, dass ich überhaupt etwas arbeiten darf und dafür entlohnt werde. Dafür bin ich dem Apotheker sehr dankbar.“

Vor seiner Ausreise aus Syrien war Monzer Alagi zehn Jahre selbstständiger Apotheker in Damaskus. „Ich hatte meine eigene Apotheke mit Mitarbeitern. Seit 2008 konnte ich sogar noch nebenbei in einem Krankenversicherungsunternehmen arbeiten, allerdings war ich dort nicht als Apotheker angestellt, deswegen konnte ich parallel dazu meine Apotheke behalten“, erinnert er sich ein wenig wehmütig. Aber jetzt müsse er versuchen, in die Zukunft zu schauen, hier in Deutschland Fuß zu fassen. „Ich möchte mich sehr rasch integrieren“, beteuert er – und er scheint auf dem besten Weg dazu zu sein. Er engagiert sich beim Dorffest, macht beim Karneval mit, ist offen für alles Neue. Auch seine Frau möchte ihre Approbation anerkannt bekommen. Derzeit ist sie in einem berufsbezogenen Sprachkurs. Anfang des nächsten Jahres wird sie den Antrag auf Anerkennung der Approbation stellen können.

Wie erlebt er die Flüchtlingskrise?

Monzer Alagi besucht täglich Flüchtlinge in einer Notunterkunft in Königswinter, um dort bei Sprachproblemen zu helfen und zu dolmetschen. Aus Gesprächen mit ihnen weiß er, wie schwer es manche haben, sich hier zurechtzufinden. Nicht alle haben die Flexibilität, die Offenheit, wie Alagi sie hat: „Natürlich bin ich glücklich, dass sie hier sind, dass sie den Weg nach Deutschland geschafft haben und die Chancen haben. Deutschland ist wie ein Traumland für viele Menschen, nicht nur für uns Syrer. Aber ich weiß, wie die Menschen in Syrien gelebt haben unter diesem Regime, im Krieg. Und dann überlege ich, ob und wie diese Menschen ein neues Leben in Deutschland werden aufbauen können. Wie schwierig dies für manche werden wird, angesichts ihres sozialen Hintergrunds. Welche Arbeitsmöglichkeiten werden sie haben? Für viele wird das sehr schwer werden.“ Und er fügt hinzu: „Um Missverständnissen vorzubeugen: Für die Syrer sind die Sozialleistungen hier in Deutschland nicht die wichtigste Motivation, hierher zu kommen. sondern die Arbeitsmöglichkeiten. Die Syrer können und wollen gut und hart arbeiten. In Syrien arbeiten die meisten mindestens zehn Stunden täglich.“

Foto: DAZ/diz

Monzer Alagi (li.) würde gerne Kontakt zu anderen syrischen Apothekern aufnehmen, wie er mir sagte, um Erfahrungen über die Anerkennung der Approbation auszutauschen. Ich werde gerne den Kontakt vermitteln – E-Mail an meine Adresse (siehe Kasten am Ende des Beitrags) genügt.

Der syrische Apotheker arbeitet außerdem ehrenamtlich bei der Caritas, wo er dolmetscht und Flüchtlinge begleitet, wenn sie Ämter besuchen, und beim Jugendamt. Viele dieser Flüchtlinge, zu denen er Kontakt hatte, lebten zuvor drei, vier Jahre in Zeltlagern in der Türkei, im Libanon oder im Jordan. „Die Kinder konnten keine Schule besuchen. Oft kommen die Männer alleine nach Deutschland, die Familie bleibt in den Zelten zurück. Erst viel später, bis zu einem Jahr später kann die Familie nach Deutschland ausreisen“, weiß Alagi aus den Gesprächen.

„Viele Menschen reisen aus der Türkei mit dem Schiff nach Griechenland, oft in kleinen Gummibooten – eine sehr gefährliche Reise. Von Griechenland aus versuchen sie auf dem Landweg über Makedonien und Ungarn nach Deutschland zu gelangen. Das kostet pro Person zweieinhalb bis dreitausend Euro. Weite Fußwege gehören dazu, Übernachtungen im Freien. Wer das Geld hat, lässt sich einen gefälschten Pass ausstellen und reist per Flugzeug nach Deutschland oder ein anderes europäisches Land. Ich kenne eine Frau, die mehr als einen Monat unterwegs war mit einem zwei Monate alten Baby.“

Wie man Flüchtlingen rascher helfen könnte

„Könnte man Flüchtlingen noch besser helfen als es heute schon geschieht?“, möchte ich von ihm wissen. „Man könnte sich Gedanken machen, wie man den Asylsuchenden schon eine Arbeitsmöglichkeit bieten kann, während sie die Sprachkurse besuchen“, ist seine erste Antwort, „die Wartezeit ist sehr lang, bis das Asylverfahren abgeschlossen ist.“ Außerdem unterschieden die angebotenen Sprachkurse nicht zwischen Menschen, die bereits studiert haben und wissen, wie man lernt, und denjenigen, die gerademal in ihrer Muttersprache schreiben und lesen gelernt haben. Beide besuchen die gleichen Kurse, daher dauert es auch für Akademiker relativ lang, bis sie das erforderliche Sprach­niveau erreicht haben, obwohl sie es schneller schaffen könnten. „Es würde viel helfen, wenn man Sprachkurse anbieten würde, die das unterschiedliche Bildungsniveau besser berücksichtigen“, ist Alagi überzeugt. „Der Sprachkurs dauert in der Regel nur vier bis fünf Stunden täglich – die restliche Zeit könnten sie gut arbeiten“, fügt er hinzu.

Erste Hilfe bei Sprachproblemen

Die Kommunikation mit Flüchtlingen kann mitunter schwierig sein. Wir haben ein paar Hilfsmittel zusammengestellt, die die Verständigung leichter machen.

Online-Wörterbücher

Langenscheidt-Arabisch.Der Langenscheidt-Verlag stellt seine Online-Wörterbücher, darunter auch Arabisch, kostenlos zur Verfügung. http://de.langenscheidt.com/deutsch-arabisch/

Kauderwelsch-Sprachführer. Der Reise-Know-How-Verlag stellt allen Menschen, die in der Flüchtlingsarbeit tätig sind, folgende Sprachführer kostenfrei als Download und mp3-Download zur Verfügung: Palästinensisch-Syrisch-Arabisch, Irakisch-Arabisch, Libysch-Arabisch, Dari für Afghanistan, Paschto für Afghanistan & Pakistan, Kosovo-Albanisch, Bosnisch, Romani, Kurdisch. https://www.reise-know-how.de/verlag/reise-know-how-verlag-hilft-helfern-kommunikation-fluechtlingen-44346

Google-Translator. In der Desktop-Version funktioniert er ähnlich wie ein Online-Wörterbuch. Allerdings können hier auch ganze Sätze übersetzt und das Ergebnis abgespielt und angehört werden. In der App-Version (kostenlos für iOS und Android) gibt es auch eine Spracheingabe. Allerdings ist das Ergebnis oft unbefriedigend. https://translate.google.de/?hl=de/

Refugees Phrasebook. Ein offenes Wörterbuch für Flüchtlinge, das sich im Aufbau befindet. Es ist untergliedert in drei Bereiche: Orientierung, Gesundheit und Recht. Derzeit umfasst es 28 Sprachen, darunter Englisch, Französisch und Arabisch, aber auch seltenere Sprachen wie Farsi. Es darf von allen lokalen Initiativen, die Flüchtlinge unterstützen, angepasst, gedruckt und verbreitet werden. http://www.refugeephrasebook.de

Was sonst noch hilft

Piktogramm-Programm. Die International Pharmaceutical Federation (FIP) stellt auf ihrer Homepage kostenlos ein Programm zum Download zur Verfügung, mit dem sich Infos zu Arzneimitteln als Piktogramm erstellen lassen. Bilder zu Indikation, Einnahmehinweisen und Nebenwirkungen lassen sich individuell für jedes Arzneimittel und jeden Patienten zusammenstellen. Ein YouTube-Tutorial erklärt Installation und Anwendung. http://www.fip.org/www/?page=pictogram_downloads

Beratungsvideos. Die Verlagsgruppe Deutscher Apotheker Verlag bietet über apotheken.de mehrsprachige Beratungsvideos (Deutsch, Arabisch, Englisch, Türkisch und Russisch) an, in denen zum Beispiel die Anwendung von Brausetabletten, verschiedenen Inhalatoren, Augentropfen oder Antibiotikasäften erklärt wird. Einige Apotheken haben diese Clips auch bereits auf ihrer Homepage eingebunden.

Und er hat noch einen Wunsch: „Es wäre schön, wenn die Hinweise für Flüchtlinge auf den Internetseiten der Ämter und Behörden auch in ihren Sprachen veröffentlicht würden. Man könnte das Wichtigste beispielsweise ins Arabische, ins Englische übersetzen und es als pdf-Dokument auf die Seiten stellen – das würde manchen sehr helfen.“

Ein bisschen wie ein Deutscher

Alagis persönlicher Wunsch: Er würde sich freuen, wenn es einen Fahrplan gäbe, eine Anleitung mit klaren Regeln, wie man die Anerkennung der Ausbildung, der Approbation erlangen kann.

Doch bei allen Schwierigkeiten, die vor ihm liegen, ist er froh, hier zu sein: „Ich liebe dieses Land und fühle mich sehr wohl hier und gut integriert.“

Würde er wieder nach Syrien zurückgehen? „Ja, im Prinzip schon, wenn al-Assads Regime weg ist.“ Allerdings glaubt er nicht daran, dass dies so schnell der Fall sein wird. Daher hofft er, hier arbeiten und leben zu können. Sein größter Wunsch ist es, endlich als Apotheker tätig zu sein. Er könnte sich vorstellen, sich später auch im sozialen Bereich in Deutschland zu engagieren. Er möchte Deutschland für die Hilfe, die er erfahren hat, wieder etwas zurückgeben. Außerdem: Ein kleines bisschen fühlt er sich schon als Deutscher. |

Autor

Peter Ditzel ist Herausgeber der DAZ – Deutsche Apotheker Zeitung

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