Arzneimittel und Therapie

Blutdrucksenkung auch bei Hochbetagten?

Antihypertensive Therapie muss individuell abgewogen werden

2008 konnte in einer großen Studie (HYVET = Hypertension in the Very Elderly Trial mit 3845 hypertonen ­älteren Probanden) gezeigt werden, dass eine antihypertensive Therapie auch bei betagten Patienten von Nutzen ist, was sich unter anderem in einer verringerten Mortalitätsrate ­niederschlug. Ob sich dieser Benefit allerdings auch bei hochbetagten, gebrechlichen Patienten zeigt, die zudem mehrere Medikamente einnehmen, war bislang unklar. Eine internationale Arbeitsgruppe befasste sich daher mit dieser Fragestellung, um Therapieempfehlungen für diese Altersgruppe aussprechen zu können. Zur Gewinnung der erforderlichen Daten griff die Arbeitsgruppe auf sechs post-hoc-Analysen der oben erwähnten ­Studie (HYVET) zurück und kam zu den nachfolgenden Aussagen. Eine antihypertensive Behandlung sehr ­alter Patienten war sinnvoll bei

  • Vorliegen eines Weißkittel-Hyper­tonus,
  • zeigte eine moderate Verbesserung der Kognition,
  • hatte einen möglichen Effekt auf die Prävention von Frakturen.

Die Auswirkungen auf die Gesamtmortalität und kardiovaskuläre Mortalität konnten nicht zuverlässig eingeschätzt werden.

Antihypertonika ja oder nein?

Die Autoren der Arbeitsgruppe sprechen folgende Empfehlungen aus: ­Hypertone, ansonsten gesunde Patienten im Alter von 80 und mehr Jahren sollten eine antihypertensive Therapie erhalten, die sich an die aktuellen Empfehlungen für über 65-jährige ­Patienten anlehnt. Diese allgemeine Empfehlung gilt nicht für gebrechliche, multimorbide über 80-jährige ­Hypertoniker. Für diese Patienten sollte zuerst ein geriatrisches Assessment durchgeführt werden, um das Umfeld sowie die kognitiven und funktionellen Fähigkeiten des Patienten einzuschätzen. Ferner muss die gesamte Medikation des Betroffenen erfasst werden. Der angestrebte systolische Blutdruck liegt zwischen 150 und 140 mmHg, wobei die antihyperten­sive Therapie in geringer Dosierung und langsam mit einer Monosubstanz begonnen wird. Bei Werten unter 130 mmHg oder orthostatischen Beschwerden ist die Medikation zu korrigieren, insbesondere sind mögliche ­Interaktionen zu berücksichtigen. Wie eine Dosisanpassung in der Praxis aussehen kann, erläuterten die ­Autoren der Studiengruppe anhand einiger Beispiele:

Medikation anpassen

Eine 85-jährige Seniorin erhielt aufgrund erhöhter Blutdruckwerte (168/90 mmHg) seit Jahren Amlodipin (einmal täglich 10 mg) sowie aufgrund einer Dyslipidämie und einer asymptomatischen Karotisstenose ASS (einmal täglich 80 mg) und Simvastatin (einmal täglich 40 mg). Da der Blutdruck trotz der Einnahme von Amlodipin zu hoch war, wird die Einnahme eines zweiten Antihypertensivums wie z. B. Hydrochlorothiazid empfohlen. ASS kann abgesetzt werden, da keine klinischen Anzeichen für eine arteriosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung vorlagen, das Blutungsrisiko wird hierdurch gesenkt. Die Statintherapie wird aufgrund eines erhöhten Schlaganfallrisikos beibehalten.

Eine 89-jährige, im Heim betreute Seniorin mit den Diagnosen Hypertonie, Demenz, Osteoarthritis und Osteoporose erhielt Carvedilol (zweimal täglich 6,5 mg), Lisinopril (einmal täglich 20 mg), Hydrochlorothiazid (einmal täglich 12,5 mg), ASS (einmal täglich 100 mg), Paracetamol (dreimal täglich 1 g) sowie Calcium und Vitamin D (einmal täglich 1000 mg/880 IE). Da ihr Blutdruck (110/68 mmHg) zu gering erschien und mit einem erhöhten Sturzrisiko einherging, wird geraten, die blutdrucksenkenden Medikamente langsam nacheinander abzusetzen, bis systolische Werte zwischen 140 und 150 mmHg erreicht werden. ASS kann abgesetzt werden, da keine klinischen Anzeichen für eine arteriosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung vorliegen, das Blutungsrisiko wird hierdurch gesenkt. Die Vitamin-D-Supplementation wird beibehalten, die Calciumgabe überdacht, falls der Calciumbedarf nicht mit der Nahrung gedeckt werden kann. Bei Schmerzen wird die Gabe von Paracetamol weiterhin befürwortet. |

Was empfiehlt die ­europäische Leitlinie?

Die europäische Leitlinie zur Behandlung der arteriellen Hypertonie (2013 erstellt von der European Society of Hypertension und der European Society of Cardiology) spricht folgende Empfehlungen aus:

Für über 80-Jährige mit guter physischer und mentaler Verfassung und einem systolischen Wert von > 160 mmHg sollte eine antihypertensive Therapie eingeleitet werden, um Werte zwischen 140 und 150 mmHg zu erzielen. Prinzipiell können alle Klassen der Antihypertensiva eingesetzt werden, zu bevorzugen sind aber Calciumantagonisten und Diuretika. Für gebrechliche Patienten sollten individuelle Lösungen gesucht werden.

Quellen

Benetos A et al. Polypharmacy in the aging patient. Management of hypertension in octogenarians. JAMA 2015;314(2):170-180.

2013 ESH/ESC Guidelines for the management of arterial hypertension. Journal of Hypertension 2013,31:1281-1357.

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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