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Zwischen Aberglaube, (Pseudo-)Wissenschaft und Pragmatismus

Ein Gastkommentar von Dr. Reinhard Herzog

Dr. Reinhard Herzog

Vorab: Der Autor dieser Zeilen ist in der Welt der Naturwissenschaft, aber auch der Statistik und Modelle zu Hause. Gerade der nüchterne Blick auf die Statistik stellt jedoch die klassische Schwarz-Weiß-Sicht – totale Ablehnung der Homöopathie versus teils groteske Überbewertung – infrage. Man mag den Vertretern der Homöopathie mangelnde Wissenschaftlichkeit vorwerfen, wobei wir aber schlicht nicht wissen, welche Erkenntnisse uns die Zukunft vielleicht noch bescheren wird. Umgekehrt herrscht bei den naturwissenschaftlich argumentierenden Gegnern oft ebenfalls ein recht naiver Glaube bzw. eine statistische Fehleinschätzung tatsäch­licher Wirkungen vor. Ein durch klinische Studien gestütztes Präparat hat eine „bewiesene“ Wirkung, die aber gerne überschätzt wird. Nur die kleine Minderheit sind Impfstoffe, Antibiotika oder hören auf Namen wie Sofosbuvir, bei denen tatsächlich hohe Erfolgsquoten zu verzeichnen sind. Die Realität für die meisten Krankheiten und Präparate sieht ganz anders aus: Lediglich symptombezogene „Stand-by-Therapie“, Risikoreduktionen von 25 Prozent bis vielleicht mal 50 Prozent (z. B. Bluthochdrucktherapie trotz ganzer Medikamentencocktails) ohne Aussicht auf Heilung. Das ist die Regel bei chronischen Erkrankungen. Extrem teure Präparate werden als Durchbruch verkauft, weil sie z. B. die Lungenfunktion um 15 Prozent (vs. 8% bei Placebo) bessern, wobei Folgestudien gerne auch zu nochmals ernüchternderen Ergebnissen kommen. Mit vermeintlich „harten“ Daten kann man sich seine Evidenz-Welt ebenfalls bunt und schön malen, die Trickkiste hierzu ist gut gefüllt – und sie wird zahlreich genutzt.

Damit kommen wir zum vernachlässigten Aspekt der Diskussion – den der Statistik. Hier reden wir dann z. B. über NNT (Number Needed to Treat) und NNH (Number Needed to Harm), und da schaut es schulmedizinisch oft bescheiden aus. Pharmakologische Wirkung in Labor und Praxis sind bekanntlich zwei Paar Schuhe. Wenn eine NNT von 100 eben hundert Behandlungsjahre erfordert, um ein Endpunktsereignis zu verhindern, gleichzeitig aber die NNH nur 20 beträgt, d. h., in 20 Behandlungsjahren eine schwere „Nebenwirkung“ (UAW) auftritt, dann kommen gelinde Zweifel. Und das sind durchaus übliche Wertebereiche.

Hier kommen die alternativen Therapien ins Spiel. Diese machen übrigens im Schnitt deutlich unter 1 Prozent des Apothekenumsatzes aus – reich wird man damit nicht!

Da steht nun also der Patient und fragt um Rat, häufig nach einer „Alternative“. Und nun? „Abwartendes Offenlassen“ (ein bekannter Begriff aus der praktischen Medizin) oder ein Weitermachen wie bisher reicht diesen Kunden trotz oftmals medizinisch überraschungsfreier Befundlage nicht. Man kann die Menschen nun durch die medizinische Mangel drehen, gemäß dem alten Ärztespruch: „Wer gesund ist, wurde nur noch nicht gründlich genug untersucht!“. So beginnen nicht selten „Drehtürpatienten-Karrieren“ – noch halbwegs gesund in den Medizinbetrieb eingespeist, schwer krank herausgekommen, zu horrenden Kosten. Das ist allzu häufig die Realität, wenn man aus Mücken Elefanten macht!

Den einen Königsweg der Therapie gibt es in der Regel nicht. In der nüchtern-statistischen Abwägung der einzelnen Behandlungspfade im Hinblick auf die Zielvorstellungen sowie die erwünschten bzw. unerwünschten Wirkungen der jeweiligen Präparate können Komplementärtherapien durchaus ihre Berechtigung haben.

Doch es gibt pragmatische Wege zum Ziel. Warum nicht die „Kügelchen“, wenn sie dem Patienten helfen und weniger schaden als die schulmedizinische Alternative? Hier sind wir bei der statistischen Abwägung und wieder klar im Bereich der exakten Naturwissenschaft: Wie sieht der Lebens- und Behandlungsweg A aus, wie der alternative Weg B, wie eine Mischlösung C mit Chancen, Risiken und Kosten? Eine hoch anspruchsvolle Aufgabe und gar nicht mehr so blümchenhaft „alternativ“! Dass hier schnell Grenzen zur Scharlatanerie überschritten werden können, ist unbestritten. So gilt es, einen „statistisch fundierten Pragmatismus“ zu entwickeln. Viele Patienten sind nicht wirklich schulmedizinisch behandlungsbedürftig krank, und leiden dennoch – auch ein Wohlstandsphänomen. Und selbst bei schweren, unbestreitbar klassisch anzugehenden Leiden kann die Alternativmedizin ein wertvolles „Add-on“ darstellen: Jeder Zusatznutzen, wie auch immer erklärlich, ist gerade bei der Schwere der Krankheit willkommen, die Kosten sind gering.

Was ist nun die Homöopathie? Aberglaube, basierend auf bewiesenermaßen falschen Annahmen, Glaube, beruhend auf schlicht (noch) Unbekanntem, oder Wissenschaft? Nebenbei: Vieles, was wir exakt berechnet, in schöne Zahlen und Diagramme gepackt als wissenschaftlich präsentiert bekommen, basiert bei näherem Hinsehen auf (willkürlichen) Annahmen, Philosophien, gar Ideologien und Glaubensrichtungen – mathematisch verbrämt. Ob Klima-, Wirtschafts- und Finanzmodelle, die Geldschöpfung „aus dem Nichts“, das Zinseszinsmärchen bis hin zur Verbrauchslüge bei modernen Pkw. Kredit leitet sich übrigens von lateinisch credere = glauben ab, die Erleuchtung (Rückzahlung) kommt, wissenschaftlich berechnet und geratet, irgendwann in der Zukunft.

So schließt sich gar der Kreis zur Religion. Schaffen wir also die Religionen ab, da ihnen offenkundig jede naturwissenschaftliche Evidenz fehlt? Zumindest der Homöopathiestreit ist unter nüchtern-statistischen Aspekten müßig. Es ist eine Option in unserem Werkzeugkasten, und wir sollten froh sein, eine solch gut bestückte Werkstatt zu haben. Gleichwohl eignet sich nicht jedes Werkzeug für jeden Zweck, und so brauchen wir eben Fachleute. Wäre die Medizin ohne Homöopathie wirklich „evidenzbasiert“ reicher oder nicht doch ärmer? Seien wir froh, dass wir hierzu noch gefragt werden können! |

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