Blutspende - jeder Tropfen zählt

Der Bedarf an Blutspenden nimmt weiter zu

Trotz der Entwicklung von Maß­nahmen, die Bluttransfusionen fallweise überflüssig machen können, werden in Deutschland weiterhin täglich etwa 15.000 Blutspenden benötigt. Anders als oft angenommen sind schwere Unfälle nicht der häufigste Anlass für eine Bluttransfusion. Fast ein Fünftel der Indikationen entfällt auf die operative Behandlung maligner Tumoren, gefolgt von großen kardiovaskulären und gastrointestinalen Eingriffen. Dank aufwendiger Therapien auch bei immer älter werdenden Patienten steigt der Bedarf an Blut und Blutprodukten jährlich um ein bis zwei Prozent. Nach Angaben der Bundesärztekammer spenden bundesweit gerade fünf Prozent der Bevölkerung Blut.

Von Clemens Bilharz

In Deutschland ruht das Blutspendesystem hauptsächlich auf drei Säulen: Neben den Blutspendediensten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und den staatlich-kommunalen sowie universitären Blutspendediensten (StKB) existieren auch unabhängige private Organisationen. Die sieben Blutspendedienste des DRK sind gemeinnützige GmbHs und sorgen für rund 70 Prozent aller Vollblutspenden. Seit 2012 erhalten Spender einen bundesweit einheitlichen Ausweis im Scheckkartenformat (s. Abb. 1). Als Serviceleistung bietet das DRK seinen Spendern auch eine personalisierbare App zum Download an, etwa um Spendetermine zu organisieren.

Quelle: DRK

Abb. 1: Blutspendeausweis des Deutschen Roten Kreuzes in der seit dem Jahr 2012 bundesweit einheitlichen Form. Auf dem eingelassenen RFID-Chip werden keine medizinischen Daten des Spenders gespeichert mit Ausnahme der „Blutformel“, die auch auf dem Ausweis steht, hier: Blutgruppe A1, Rhesus-negativ mit Rhesusformel ccddee und Kell-negativ.


Eine wichtige Aufgabe der StKB – darunter 31 universitäre Einrichtungen – ist eine streng bedarfsorientierte patientenzentrierte Herstellung von Blut und Blutprodukten. Dabei hängt ihre Effizienz – vor allem bei den Blutspendediensten in Kliniken – nicht zuletzt von einem registrierten Stamm flexibler Dauerspender ab, die im Einzelfall auch kurzfristig zur Verfügung stehen, etwa für eine Thrombozytenspende bei passender HLA-Konstellation (humane Leukozyten-Antigene, für die Histokompatibilität wichtige Antigene).

Ausschlusskriterien für Spender

Wer in Deutschland Blut spenden (bzw. nicht spenden) darf, ist gesetzlich geregelt. Grundlage sind die Richtlinien zur Hämotherapie, die gemäß § 12a und § 18 des Transfusionsgesetzes von der Bundesärztekammer im Einvernehmen mit dem Paul-Ehrlich-Institut festgelegt werden:

„Vor jeder Spendeentnahme ist unter der Verantwortung eines Arztes die Spendetauglichkeit durch Anamnese, durch eine orientierende körperliche Untersuchung und durch Laboratoriumsuntersuchungen zu prüfen.“

Tab. 1: Kriterien der Spendetauglichkeit in Deutschland (nach [1])
Kriterium Anforderungen
Hämoglobin oder Hämatokrit* Frauen: Hb ≥ 12,5 g/dl (7,75 mmol/l) oder Hkt ≥ 0,38%Männer: Hb ≥ 13,5 g/dl (8,37 mmol/l) oder Hkt ≥ 0,40%
Alter 18 bis 68 Jahre (Erstspender bis 60 J.); Zulassung von älteren Spendern nach individueller ärztlicher Entscheidung möglich
Körpergewicht mindestens 50 kg
Blutdruck systolisch: 100 – 180 mmHgdiastolisch: unter 100 mmHg
Puls unauffälliger Pulscharakter, ­Frequenz 50 – 110/min (Ausnahme: Leistungssportler < 50/min)
Körpertemperatur kein Fieber
Haut an der ­Punktionsstelle frei von Läsionen
Körperlicher ­Gesamteindruck keine erkennbaren Zeichen einer ­Erkrankung

* Anteil der Erythrozyten am Blutvolumen

Die Kriterien der Spendetauglichkeit zeigt Tabelle 1; insbesondere werden direkt vor jeder Spende der arterielle Blutdruck, der Puls, die Körpertemperatur und das Hämoglobin (Hb) gemessen. Eine gründliche Anamnese soll vor allem dazu dienen, Kriterien für einen dauerhaften oder temporären Ausschluss von der Blutspende aufzudecken (s. Tab. 2).

Der Mindestabstand zwischen zwei Vollblutspenden beträgt 56 Tage; Frauen dürfen viermal, Männer sechsmal pro Jahr spenden. Vor der Spende sollten etwa 1 bis 1,5 Liter Flüssigkeit (alkoholfrei) getrunken werden, auch sollte die letzte Mahlzeit (fettfrei) nicht länger als zwei bis drei Stunden zurückliegen. Punktiert wird in der Regel die Vena mediana cubiti oder die Vena basilica der Ellenbeuge; das Entnahmebesteck ist grundsätzlich Einwegmaterial.

Tab. 2: Ausschluss von der Blutspende – die wichtigsten in Deutschland gültigen Kriterien (nach [1]). Der dauerhafte Ausschluss homosexueller Männer ist umstritten. Analog zur Praxis in Großbritannien plädiert die Bundesärztekammer inzwischen für eine Spendeerlaubnis, wenn die Betroffenen zwölf Monate lang keinen riskanten Sex mehr hatten.
Kriterien für einen dauerhaften Ausschluss
  • Schwere Erkrankungen: neurologisch, kardiovaskulär, onkologisch (Ausnahme: Carcinoma in situ)
  • Infektionen/chronische Infektionskrankheiten: HIV, ­Hepatitis C, humanes T-lymphotropes Virus, Syphilis, Brucellose, Lepra, Fleckfieber u. a.
  • Risiko der Übertragung spongiformer Enzephalopathien, v. a. Creutzfeldt-Jakob-Krankheit
  • Sucht: Alkohol, Rauschgift, Medikamente
  • Sexualverhalten: männliche und weibliche Prostituierte, Männer mit Sexualverkehr mit Männern, heterosexuelle Personen mit häufig wechselnden Sexualpartnern
Kriterien für zeitlich begrenzte Rückstellungen
  • Nach einer Infektionskrankheit, z. B.: Hepatitis B (für 5 Jahre), Malaria (für 4 Jahre), Salmonellose (für 2 Jahre), Toxoplasmose (für 6 Monate), Hepatitis A (für 4 Monate), unkomplizierter Infekt (für 1 Woche)
  • Exposition mit dem Risiko, eine übertragbare Infektion zu erwerben, z. B.: nach Besuch eines Malaria-Endemiegebietes (für 6 Monate), während einer Haft bzw. nach Haftentlassung (für 4 Monate), nach engem Kontakt mit einem an Hepatitis A/B/C Infizierten (für 4 Monate), nach Tätowierung oder Piercing (für 4 Monate)
  • Nach Impfungen: gegen Röteln, Masern, Mumps, Typhus (für 4 Wochen), gegen Hepatitis B (für 1 Woche), gegen Tollwut (für 12 Monate)

Derzeit wird in Deutschland jede einzelne Blutspende auf folgende Krankheitserreger untersucht: Hepatitisvirus A/B/C, HIV, Zytomegalievirus (CMV), Treponema pallidum (Syphilis) und Parvovirus B19 (Ringelröteln, Anämie bei immunsupprimierten Patienten).

Auftrennung in Blutkomponenten

Bei der – am häufigsten durchgeführten – Vollblutspende werden dem Spender 450 bis 500 ml Blut in einen Primärbeutel entnommen, der in der Regel ein citrathaltiges Antikoagulans enthält. Die Abnahme als solche dauert fünf bis zehn Minuten.

Früher noch häufig als Standardkonserve genutzt, wird Vollblut heute typischerweise in die Komponenten Plasma und Erythrozytenkonzentrat (EK) aufgeteilt. Nach einer hochtourigen Zentrifugation befinden sich im Sediment die Erythrozyten, im Überstand das Plasma und in einer weißlich gefärbten Grenzschicht („buffy coat“) die Thrombozyten und Leukozyten. Mithilfe eines Depletionsfilters wird die Leukozytenzahl in der Flüssigkeit auf weniger als ein Zehntausendstel des Ausgangswertes vermindert. Hierdurch lässt sich sowohl die spätere Sensibilisierung eines Empfängers mit der HLA-Konstellation des Spenders als auch die Übertragung zellständiger Viren (z. B. CMV) minimieren. Im weiteren Verarbeitungsprozess kommt das EK mit einer Konservierungslösung (Natrium, Adenin, Glucose, Mannitol) zusammen, worauf es bei 4 °C maximal 35 bis 42 Tage lang gelagert werden kann.

Gewinnung von Thrombozyten

Um eine für die Gabe bei Erwachsenen ausreichende Dosis Thrombozyten (ca. 4 × 1011) zu gewinnen, ist ein Konzentrat aus einem Pool von vier bis sechs Einzelspenden erforderlich. Hierzu wird der Buffy Coat mehrerer Vollblutentnahmen mit Plasma resuspendiert und niedertourig zentrifugiert. Die Thrombozytensuspension im Überstand wird in einen geeigneten Beutel überführt und bei 20 bis 22 °C unter ständiger Rotationsbewegung für maximal fünf Tage gelagert. Solche Thrombozytenpräparate von mehreren Einzelspenden sind allerdings bezüglich der HLA-Merkmale heterogen.

Für Patienten, die über einen längeren Zeitraum Thrombozyten benötigen (etwa nach einer Knochenmarktransplan­tation), wird häufig eine Spenderliste mit passenden Blutgruppen- und HLA-Merkmalen erstellt. Eine akut benötigte Thrombozytendosis wird durch die separate Thrombozyt­apherese eines einzigen Spenders gewonnen, bei der über einen Zellseparator nur die Thrombozyten aus dem Blut gefiltert werden. Damit lassen sich fünf- bis sechsmal mehr Thrombozyten gewinnen als im Rahmen einer normalen Vollblutspende. Je nach Gerät dauert der Vorgang 60 bis 90 Minuten. Ein Spender kann bis zu 26-mal im Jahr Thrombozyten spenden.

Hoher Bedarf an Blutplasma

Außer im Rahmen der Vollblutspende (mit einem Volumen von ca. 200 ml) kann Blutplasma mithilfe der Plasmapherese gewonnen werden (mit einem Volumen von im Schnitt bis zu 800 ml). Die hierbei vom Plasma getrennten Blutzellen werden dem Spender sofort wieder reinfundiert. In der Regel dauert eine Plasmapherese 30 bis 45 Minuten. Pro Jahr könnte ein Spender 45-mal spenden. Gefrorenes Frischplasma (GFP) kann bei minus 30 °C ein Jahr, bei minus 40 °C zwei Jahre gelagert werden.

Im Gegensatz zum Vollblut besteht in Deutschland für Plasma ein Defizit von jährlich knapp 200.000 Litern (laut Angabe des DRK). Derzeit kann diese Lücke nur durch Importe vor allem aus den USA geschlossen werden. Indiziert ist eine Plasmatransfusion vor allem bei Gerinnungsfaktormangel und daraus resultierender Blutung. Eine Faustregel besagt, dass 1 ml GFP pro kg Körpergewicht den Faktorengehalt um ca. ein bis zwei Prozent erhöht. Nicht indiziert ist GFP als Volumenersatz oder zum Ausgleich eines Proteinverlustes.

Eisensubstitution verkürzt Regenerationszeit

Nach einer Spende von 500 ml Blut wird der reine Flüssigkeitsverlust – ausreichendes Trinken vorausgesetzt – innerhalb von 24 Stunden ausgeglichen. Für den Ersatz der gespendeten Erythrozyten benötigt der Organismus etwa zwei Wochen. Das bei einer Plasmaspende verlorene Eiweiß wird innerhalb von zwei Tagen ersetzt; ein regelmäßiger Plasma­spender sollte daher auf eine eiweißreiche, aber fettarme Ernährung achten.

Der Ausgleich des Eisenverlusts nach einer Vollblutspende dauert etwa acht Wochen, bei Frauen aufgrund ihres er­höhten Eisenbedarfs etwas länger. Zu einem nachweisbaren Eisenmangel kommt es nach einer aktuellen nordamerikanischen Studie bei 25 bis 35 Prozent aller regelmäßigen Blutspender. Folge ist eine verlängerte Erholungszeit des Hb-Wertes, was wiederum die erneute Spendefähigkeit verzögert. Mit der täglichen Einnahme einer Tablette Eisen(II)-gluconat (37,5 mg Eisen) ließ sich bei Blutspendern mit niedrigen Ferritin-Spiegeln die Dauer bis zur 80-prozentigen ­Erholung des Hb-Wertes von 158 auf 32 Tage verkürzen.

Eigenblutspenden rückläufig

Vor planbaren Eingriffen mit hoher Transfusionswahrscheinlichkeit –z. B. Implantation einer Hüft- oder Knieendoprothese oder Wirbelsäulen-OP über mehrere Segmente – muss der Patient über die Möglichkeit einer Eigenblutspende aufgeklärt werden. In einem Zeitraum von 14 bis 21 Tagen vor der OP werden ein oder zwei Vollblutspenden von 500 ml abgenommen. Diese werden entweder als leukozytendepletiertes Vollblut maximal 35 Tage gelagert oder zu einem oder zwei Erythrozytenkonzentraten plus Plasma ver­arbeitet.

Laut Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts ist die Eigenblutspende in Deutschland seit über zehn Jahren rückläufig. Angesichts der heute erreichten Sicherheit von Blutprodukten stufen einige Experten das Risiko der präoperativen Eigenblutspende höher ein als das Risiko der allogenen Bluttransfusion.

Patient Blood Management

Angesichts der demografischen Entwicklung dürften Spenderblut und Blutprodukte immer knapper werden. Dem steigenden Bedarf durch zunehmend ältere Patienten steht eine sinkende Zahl von Blutspendern gegenüber. Der WHO-Forderung nach Alternativen entsprechend wurde in Deutschland unter der Federführung der Uniklinik Frankfurt das interdisziplinäre Projekt „Patient Blood Management“ gestartet, das klinisch auf drei Säulen ruht:

  • Behandlung einer präoperativen Anämie: Eine solche zeigt sich bei bis zu 50 Prozent der elektiv zu operierenden Patienten (Hb-Wert bei Frauen unter 12 g/dl, bei Männern unter 13 g/dl). Im Fokus steht hier die Eisensubstitution.
  • Strenge Indikation für die Transfusion von Fremdblut anhand einer Stufenliste: Bei Hb-Werten zwischen 6 und 8 g/dl etwa wird nur transfundiert, wenn kardiovaskuläre Risikofaktoren und/oder Zeichen einer anämischen Hyp­oxie bestehen.
  • Fremdblutsparende Maßnahmen: Hierzu gehören in erster Linie eine maximal schonende OP-Technik und die intraoperative Aufbereitung von Patientenblut, das auch unmittelbar postoperativ noch zurückgegeben werden kann (sog. maschinelle Autotransfusion). Wichtig sind auch die Einhaltung der normalen Körpertemperatur sowie ein optimales Management der Blutgerinnung: Die sich bei stärkerem Blutverlust entwickelnde Hypokalzämie muss frühzeitig ausgeglichen werden (notwendige Plasmakonzentration des ionisierten Calciums > 1 mmol/l), und der Blut-pH sollte stets über 7,2 liegen (sonst droht ein Abfall der Gerinnungsaktivität auf < 50%).

Ziel dieses Konzeptes ist es, präventiv alle Risikofaktoren zu minimieren, die eine Bluttransfusion überhaupt notwendig machen können. Bis Ende 2015 sollen mehr als 100.000 Patienten in das laufende Projekt mit einbezogen sein. |

Literatur

[1] Bundesärztekammer. Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Hämotherapie). Zweite Richtlinienanpassung 2010

[2] Kiefel V, Greinacher A. Transfusionsmedizin und Immunhämatologie. Rostock/Greifswald 2007; www.tmed.med.uni-rostock.de/tmed.pdf

[3] Paul-Ehrlich-Institut. Hintergrundinformationen zur Leukozyten­depletion

[4] www.drk-blutspende.de/informationen-zur-blutspende.php

[5] www.iktz-hd.de/blutspende.html

[6] Themenschwerpunkt Eigenblut. Hämotherapie 2012; 18: 38-39

[7] Rudlof B. Fremdblutsparende Verfahren in der operativen Medizin. Hämotherapie 2008; 11: 17-25

[8] www.patientbloodmanagement.de/de/informationen-fuer-aerzte

[9] Kiss JE, et al. Oral Iron Supplementation After Blood Donation. JAMA 2015; 313(6): 575-583

[10] Weber CF, Zacharowski K. Gerinnungsmanagement. In: Gombotz H, Zacharowski K, Spahn DR (Hrsg). Patient Blood Management, 1. Aufl. Stuttgart 2013: 121-128


Autor

Clemens Bilharz

ist Facharzt für An­ästhesie und Intensivmedizin und ­zusätzlich als wissenschaftlicher Fachzeitschriftenredakteur ausgebildet. Er ist als Autor und Berater für Fachver­lage und Agenturen tätig.

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