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Spezialität: chinesische Dekokte

Die Münchner Schützen-Apotheke mit naturheilkundlicher und TCM-Abteilung

Von Peter Ditzel | Naturheilkundliche Arzneimittel stehen in Münchens ältester Apotheke schon seit über hundert Jahren im Fokus. Vor drei Jahren erweiterte Apothekerin Barbara Stempel, Inhaberin der Schützen-Apotheke, ihr Angebot um eine Abteilung für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Und sie tat dies mit großer Authentizität: Sie stellte einen chinesischen Apotheker ein, der in Shanghai die chinesische Kräuterheilkunde erlernt hatte. Der Anspruch der Schützen-Apotheke: Hahnemann und Hildegard, TCM und Ayurveda – in der Schützen-Apotheke soll jeder Kunde sein naturheilkundliches Präparat mit kompetenter Beratung finden.

Im Jahre 1398 legte Heinrich dem Kray den Grundstein für Münchens erste Apotheke. 1863 wurde sie vom Rindermarkt in das belebtere Bahnhofsviertel verlegt auf ein Grundstück zwischen Bayer- und Schützenstraße und erhielt 1888 ihren heutigen Namen: Schützen-Apotheke. Seit 1909 und damit schon seit mehreren Generationen ist die Schützen-Apotheke im Besitz der Familie Fasching.

Schon die Vorgängerinnen und Vorgänger der heutigen Inhaberin legten einen Schwerpunkt der Apotheke auf die naturheilkundliche Ausrichtung mit Schwerpunkt Homöopathie. Frau Stempel führt diese Tradition erfolgreich fort. Weit über Münchens Grenzen hinaus hat sich die Schützen-Apotheke einen Namen gemacht als Apotheke, die mit einer der größten naturheilkundlichen Abteilungen der Stadt ein besonders großes und breites Sortiment an Arzneimitteln und Präparaten für die alternativen Therapierichtungen führt.


Zwischen zwei Straßen

Die Lage der Apotheke zwischen zwei Straßen in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs, der Schützen- und der Bayer-Straße, führte zu einer schlauchartigen Architektur mit Eingängen von beiden Straßen. Im Innern der Apotheke entstand daraus eine natürliche Zweiteilung: eine Abteilung, in der sich eher die allopathischen Präparate finden, und einer Abteilung, in der in erster Linie die homöopathischen und naturheilkundlichen Präparate angeboten werden. „Wobei die Zweiteilung heute aufgrund der Lagerhaltung nicht mehr streng eingehalten wird“, wie Apothekerin Stempel erklärt, „denn um mehr Platz in der Offizin zu schaffen, haben wir das Arzneimittellager in den Keller verlegt.“ Dort arbeitet heute ein großer Kommissionierautomat und beliefert beide Welten.

Zu den vielen Facetten der naturheilkundlichen Ausrichtung gehören beispielsweise die Homöopathie mit allen gängigen Marken, die Schüßler-Salze, die Spagyrik, Präparate der ayurvedischen Medizin, die Hildegard-Medizin, Bachblüten, Aura Soma-Produkte, bioidentische Hormone und Vitalpilze. Nur die Arzneidrogen und Präparate für die traditionelle chinesische Medizin (TCM) fehlten. Die Apothekerin sah dies als Herausforderung, zumal in München mehrere chinesische Ärzte praktizieren und eine verhältnismäßig große Nachfrage nach TCM-Präparaten gegeben ist.


Der TCM-Apotheker

2012 beschließt sie daher, das naturheilkundliche Sortiment der Schützen-Apotheke auszubauen und sich mit Arzneimitteln und Zubereitungen der traditionellen chinesischen ­Medizin (TCM) zu befassen. Sie legt sich ein umfangreiches Lager an chinesischen Drogen zu, um entsprechende Verordnungen chinesischer Ärzte beliefern zu können. Und sie deckt sich mit entsprechender Literatur ein wie beispielsweise mit dem „Arzneibuch der Chinesischen Medizin“ und dem Buch „Traditionelle Chinesische Medizin“ von Angela Körfer und Yutian Sun. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden sich auf diesem Gebiet intensiv fort, machen Schulungen.

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Für Apotheker Zhi Li ist die Dekoktiermaschine eine Erleichterung bei der Herstellung der Drogenauszüge.

Ein Zufall wollte es, dass die Schützen-Apotheke vor zwei Jahren den chinesischen Mitarbeiter Apotheker Zhi Li für sich gewinnen konnte. Zhi Li hat vier Jahre lang Chinesische Pharmazie in Shanghai studiert, einem Teilgebiet der Chinesischen Medizin, das sich in erster Linie mit Kräuterheilkunde befasst. Nach einer dreijährigen praktischen Tätigkeit in einer chinesischen Apotheke in Shanghai entdeckt er sein Interesse an der westlichen Medizin. Er lernt die deutsche Sprache, wandert 2002 nach Deutschland aus, nach Freiburg, und absolviert dort noch ein komplettes Pharmaziestudium. „Mein Studium der chinesischen Pharmazie wurde in Freiburg nicht anerkannt, was ich allerdings verstehe“, zeigt Li Verständnis, „denn chinesische Pharmazie ist eher der traditionellen Medizin zuzuschreiben.“

Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums erhält er die deutsche Staatsbürgerschaft und seine Approbation als Apotheker. „Ich bin glücklich, beide Richtungen studiert zu haben“, freut sich Li rückblickend, der nun als „normaler“ Apotheker, aber auch als TCM-Apotheker arbeitet. „Ich konnte feststellen, dass sich beide Heilweisen sehr gut ergänzen können. Ein Beispiel: Wenn Kunden mit einer Verordnung über ein Antibiotikum in die Apotheke kommen, kann ich vielen zusätzlich ein Präparat aus der chinesischen Medizin empfehlen, was die Antibiotika-Therapie verträglicher macht und das Immunsystem stärkt“, erklärt Li in grammatikalisch korrektem Deutsch. Viele der Patienten seien offen für seine Empfehlungen aus der chinesischen Medizin.

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Das Arzneibuch der chinesischen Medizin ist auch für Apotheker Li Grundlage zur Beurteilung der Drogen.


Dekokte von Apotheker Zhi Li

Nicht nur die Anstellung des chinesischen Apothekers Zhi Li führte zu einem Ausbau der TCM-Abteilung der Schützen-Apotheke. Auch die Nachfrage nach TCM wuchs, die Verordner im Umfeld der Apotheke bauten ihre Praxen aus. Und Apothekerin Stempel vergrößerte ihr Lager an chinesischen Drogen. „Wir haben uns sogar eine spezielle Maschine aus China kommen lassen“, berichtet Apothekerin Stempel, ­„eine Dekoktiermaschine, mit der sich die Zubereitung der Dekokte einfacher bewerkstelligen lässt.“ Apotheker Li erklärt die Funktionsweise: „Die Kräutermischungen werden in dieser Maschine in einem geschlossenen System nach dem Einweichen erschöpfend mit Wasser ausgekocht.“ Durch eine Doppelzirkulationstechnik – die flüchtigen Inhaltsstoffe werden während des Kochens über ein Kühlsystem abgekühlt und in den Kochbehälter zurückgeführt – gehen ­praktisch keine Inhaltsstoffe verloren. „Im Gegensatz zum Kochen in einem offenen Topf“, erklärt Li, „erhält man mit der Dekoktiermaschine ein wesentlich konzentrierteres und geschmacksintensiveres Dekokt“, wobei er einräumt, dass einige Dekokte der TCM im Geschmack durchaus „gewöhnungsbedürftig“ sind.

Ein weiterer Vorteil dieser Maschine: Bei Bedarf füllt sie die Abkochung noch heiß automatisch in abgeteilte Portionsbeutel, wobei das Volumen, je nach Wunsch des Verordners, von 50 ml bis 250 ml einstellbar ist. In den Portionsbeuteln, die für Lebensmittel geeignet sind, können die Dekokte ohne Konservierung bei Raumtemperatur zwei Wochen und im Kühlschrank zwei Monate aufbewahrt werden. „Durch die Portionsbeutel“, freut sich Li, „wird die Einnahme und Aufbewahrung für den Patienten noch einfacher: Er gießt den Inhalt des Beutels in eine Tasse mit heißem Wasser auf und trinkt das Dekokt warm“. Und Apothekerin Stempel ergänzt: „Früher haben wir die Dekokte noch in Flaschen abgefüllt, die für den Patienten schlecht zu transportieren waren. Als Naturprodukt war außerdem die Gefahr der Verkeimung bei nicht konservierten Dekokten groß. Mit den Portionsbeuteln ist die Handhabung wesentlich einfacher geworden. Die ­Dekokte sind länger haltbar und die Patienten können sie so leicht an den Arbeitsplatz mitnehmen und zubereiten.“

„Natürlich“, so räumt der TCM-Apotheker ein, „schmecken die Dekokte meist nicht besonders angenehm, zumindest ungewöhnlich, aber die Patienten nehmen sie dennoch ­gerne ein. Sie wissen, dass ihnen die Medizin gut tut. Die chinesische Medizin sieht den Menschen ganzheitlich. Daher werden die Zubereitungen individuell für den einzelnen Patienten hergestellt.“

Das Lager der Schützen-Apotheke umfasst etwa 350 chinesische Drogen, die bei speziellen, meist in Bayern ansässigen Drogenhandlungen wie SinoPhytoMed, Herbasinica und China Medica bestellt werden. „Da die Drogen und Granulate mit Prüfzertifikaten geliefert werden, können wir uns in der Apotheke auf Identitätsprüfungen durch eine organoleptische Prüfung und auf eine Überprüfung mithilfe der Nah­infrarot-Spektroskopie beschränken“, so der TCM-Apotheker. „Die Gefahr, Drogen zu bekommen, die durch Pestizide und Schwermetalle belastet sind, besteht heute nicht mehr. Die auf chinesische Drogen spezialisierten Händler untersuchen die Ware gewissenhaft, stellen ein Zertifikat aus und bringen keine belasteten Pflanzen in Verkehr.“

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Die naturheilkundliche Abteilung bietet ein großes Arzneimittelsortiment für die alternativen Therapierichtungen.


TCM für viele Indikationen

„Die Indikationsgebiete für die Traditionelle Chinesische ­Medizin sind äußerst vielfältig“, wie Apotheker Li erklärt, „sie versucht, den Ursachen von Erkrankungen auf den Grund zu gehen.“ Wie er aus Erfahrung weiß, wird die TCM z. B. bei Hautproblemen mit Erfolg eingesetzt: „Während die Schulmedizin eine Hautkrankheit topisch mit einer Salbe behandelt, fragt die chinesische Medizin nach der Ursache für dieses Hautproblem. Manchmal liegen die Ursachen für Hautprobleme in einer Disharmonie verschiedener Organe. Die chinesische Medizin kann hier heilend eingesetzt werden“, so Li. Ebenso lassen sich gastrointestinale Beschwerden gut mit chinesischen Kräutern behandeln. Zur Therapie von Schmerzen setzt die chinesische Medizin meist eine Kombination von Akupunktur und Kräutern ein.

„Aber vor allen Anwendungen steht eine fundierte Diagnose“, betont Apotheker Li. Nur bei einfachen Indikationen wie beispielsweise bei einer Erkältung würde er die TCM ohne ärztliche Diagnose verantworten und dem Patienten eine selbst zusammengestellte Kräutermischung mitgeben. Für solche Fälle gibt es einige wenige, vorab hergestellte Drogenzubereitungen wie z. B. einen chinesischen Hustensaft, der als Nahrungsergänzungsmittel im Handel ist.

Für Apothekerin Stempel kommt es bei all diesen Naturheilverfahren, insbesondere bei der TCM, darauf an, dass die Menschen auch ihren Lebensstil ändern und nicht kritiklos Polymedikation betreiben.

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Apothekerin Barbara Stempel, Inhaberin der Schützen-Apotheke, legt Wert auf gute Beratung.


… eine gewisse Affinität zur Naturheilkunde

Nicht nur Apotheker Li hat in der Schützen-Apotheke mit der traditionellen chinesischen Medizin zu tun. Auch PTA und PKA arbeiten in der naturheilkundlichen Abteilung der Apotheke. So stellen auch PTA die Dekokte unter Aufsicht her, PKA kümmern sich um die Lagerung der Drogen. „Generell“, so betont Apothekerin Stempel, „schicke ich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Fortbildungen auf vielen Gebieten der naturheilkundlichen Medizin, aber auch auf anderen Gebieten – das ist mir sehr wichtig.“ Die Schützen-Apotheke hat sich einen Namen gemacht, Präparate der verschiedenen Naturheilverfahren zu führen. „Ich möchte, dass in meiner Apotheke gut beraten wird. Eine gute Beratung ist Teil unseres guten Rufs. Unsere Kunden erwarten von uns qualifiziertes Personal – das ist auch mein Anspruch“, stellt Apothekerin Stempel heraus, „daher sollte jemand, der in der Schützen-Apotheke arbeiten möchte, auch eine gewisse Affinität zur Homöopathie, zur TCM und allgemein zu naturheilkundlichen Verfahren mitbringen.“

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Beratung wird in der Schützen-Apotheken groß geschrieben, auch zur TCM.

An Personal mangelt es ihr nicht, viele ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten schon sehr lange in der Schützen-Apotheke und können auf eine 30-, 40- und sogar 50-jährige Betriebszugehörigkeit zurückblicken: „Ich habe viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Jahrzehnte hier sind.“ Sie bildet allerdings auch gerne aus, nimmt regelmäßig Pharmaziepraktikanten. Schwierig sei es allenfalls, eine gute PKA zu finden. Insgesamt arbeiten sechs Approbierte bei ihr, zum Teil in Teilzeit, hinzukommen fast fünfzehn PTA und drei PKA.

Arbeitskraft bindet auch die Versandabteilung der Schützen-Apotheke. Viele Kunden lassen sich ihre naturheilkundlichen Arzneimittel, Aura-Soma-Produkte und Präparate mit bioidentischen Hormonen, aber auch die TCM-Rezepturen per Post schicken. „Im letzten Jahr haben wir die Dekokte sogar auf Anforderung nach Norwegen geschickt“, so Stempel.

Grundsätzlich gilt für sie, auch im Versand: „Kein Preis-Dumping. Mit Niedrigpreisangeboten fangen wir nicht an. Wir nehmen die regulären Preise, meine Kunden erhalten dafür eine exzellente Beratung und Qualität, geprüft und ­sicher.“ Das schätzen nicht nur die deutschen Kunden der Schützen-Apotheke. Zum Kundenkreis der Apotheke zählen auch zahlreiche chinesische Kunden, die in München leben und sich ihre TCM-Präparate hier herstellen lassen. Aber auch die chinesischen Touristen nehmen den Dienst der Schützen-Apotheke gerne in Anspruch. „Wobei es sehr interessant ist, dass die Chinesen in Deutschland eher westliche Präparate kaufen – die chinesischen Drogen kennen sie, sie möchten eher solche Markenpräparate kaufen, die es in China nicht überall gibt. Und die deutschen Kunden freuen sich auf chinesische Medizin – das ist sehr interessant für mich“, lacht Apotheker Zhi Li. |


Autor

Peter Ditzel ist Herausgeber der DAZ – Deutsche Apotheker Zeitung

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