Aus den Ländern

Diabetiker möchten mit entscheiden

Ergebnisse einer patientenorientierten Versorgungsforschung

Am 6. Mai 2015 präsentierten Versorgungsforscher aus Nordrhein-Westfalen in Witten ihre aktuellen Ergebnisse im Bereich Diabetes ­mellitus. Eine Verminderung von Krankheitsproblemen und Hypo­glyk­ämien ist möglich, wenn die ­Patientenbeteiligung und die Arzneitherapie optimiert werden, so die Vertreter der meist universitären Forschungseinrichtungen.

Mit dem Symposium „Patientenorientierung in der Gesundheitsversorgung Diabetes-Erkrankter“ startete das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen (LZG.NRW) in Zusammenarbeit mit dem Interdisziplinären ­Zentrum für Versorgungsforschung (IZVF) der Universität Witten/Herdecke die Reihe „Dialog Versorgungsforschung NRW“. Dr. Brigitte Borrmann vom LZG.NRW stellte die Entwicklung der Diabetesprävalenzen bei Erwachsenen von 2005 bis 2013 vor. Die Daten hierzu stammen aus der KV Nordrhein und Westfalen-Lippe, weshalb die Untersuchungsgruppe nicht die gesamte Bevölkerung abdecke, so Borrmann. Obwohl Privatversicherte und Menschen ohne Krankenversicherung nicht erfasst würden, seien die Daten aufgrund des hohen Anteils gesetzlich Versicherter dennoch aussagekräftig, um allgemeine, altersbezogene oder geschlechtsspezifische Trends festzustellen.

Die Prävalenz von Diabetes Typ 1 und Typ 2 liegt hiernach bei ca. 9%. Einen Fokus legte Borrmann auf den Anstieg von Diabetes mellitus Typ 2 bei Frauen im Alter von 20 bis 44 Jahren. Die Raten der Steigerung seien höher als in den anderen Altersgruppen. Besonders deutlich werde dies in der Gruppe der 35- bis 39-Jährigen. Hier nahm die Prävalenz der ambulanten Behandlungshäufigkeit von 2005 bis 2013 um 89% zu. Im Hinblick auf die epigenetische Vererbung von Stoffwechselprozessen sei dieser Anstieg bei den gebärfähigen Frauen bedenklich, so Borrmann. Dies und das zunehmende Alter der Bevölkerung insgesamt seien unter anderem Gründe für eine weitere Zunahme an Diabetikern.

Mehr Information gewünscht

Silke Kuske und Sandra Grobosch vom Centre for Health and Society der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf analysierten die Deutsche Diabetesstudie von 2014 unter dem Aspekt der ­Patientenbedürfnisse. Hiernach gab die Mehrheit der Patienten an, bereits „gut“ über die Diabetestherapie informiert zu sein. Dennoch sei der Bedarf hoch, weitere Informationen über die Behandlungsmöglichkeiten und die Folgeerkrankungen zu erhalten. Es sei der Wunsch der Diabetiker, aktiv an der Behandlungsentscheidung teilzunehmen.

Die Veranstaltungsreihe „Dialog Versorgungsforschung“ von LZG.NRW und den Mitgliedern des Beirats Versorgungsforschung NRW des LZG.NRW soll im September 2015 mit dem zentralen Thema Gesundheitsversorgung in prekären Lebenslagen fortgeführt werden.

Zu bedenken ist, dass mit zunehmender Wahrnehmung der Krankheitsprobleme die Lebensqualität vermindert wird. Dies ist der DEBATE-Studie zu entnehmen, die Sara Santos vorstellte. Sie und ihre Kollegen des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Düsseldorf untersuchten die Arzt-Patienten-Beziehung aus Sicht der Diabetiker. Wie Kuske und Grobosch kamen sie zu dem Ergebnis, dass Diabetiker bei der Therapie aktiv mit entscheiden möchten. Werden sie eingebunden, kann die verminderte Lebensqualität kompensiert werden, so Santos. Insgesamt führe dies zu weniger Diabetes-bezogenen Problemen.

Dr. Sven Schmiedl von der Klinischen Pharmakologie der Universität Witten/Herdecke präsentierte die Ergebnisse einer Langzeituntersuchung zu schwerwiegenden Hypoglykämien. An vier Kliniken in Deutschland wurden von 2002 bis 2008 alle Krankenhausaufnahmen der inneren Medizin aufgrund unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) registriert. 20% dieser UAW wurden als vermeidbar eingestuft. Die häufigsten Arzneistoffgruppen waren in absteigender Reihenfolge Antithrombotika, Antidiabetika, Diuretika und Antiphlogistika.

Auffällig hohe Raten an Hypoglykämien seien bei der Monotherapie mit Glibenclamid und der Kombination aus Metformin und einem Sulfonylharnstoff zu finden.

Die Untersuchung zeigte auch, dass ­ältere Patienten häufiger geringere HbA1C-Werte haben als jüngere. Dies widerspreche der aktuellen Diabetes-Leitlinie, wonach der HbA1C-Zielwert bei älteren, multimorbiden Patienten bei 8% liege. Schmiedls Untersuchung bestätigte das erhöhte Hypoglykämierisiko bei Unterschreitung dieses Wertes. Er betonte, dass die Ergebnisse aus den einzelnen Jahren im Verlauf der acht Untersuchungsjahre konstant blieben. Eine Therapieoptimierung zur Vermeidung von Krankenhausaufenthalten aufgrund schwerer Hypoglyk­ämien sei dringend notwendig. |

Theresa Rueter, Münster

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