Apotheke und Markt

Gänsefingerkraut – Wohltat für Magen und Darm

Porträt einer bislang eher im Verborgenen blühenden Arzneipflanze

Gänsefingerkraut (Potentilla anserina) gehört eher zu den seltener verwendeten Heilpflanzen. Sie verdient aber als traditionelle Arzneipflanze, die bei Magen-Darm-Beschwerden, bei dysmenorrhoischen Beschwerden und auch bei Blasenentzündungen eingesetzt werden kann, durchaus Beachtung. Aktuell wird ihre traditionelle Anwendung bei gastrointestinalen Beschwerden durch wissenschaftliche Untersuchungen an der Pflanze und ihren Inhaltsstoffen untermauert.
Quellen: Ernst Schneider; Imago; Joachim Opelka - Fotolia.com

Wertvoll für die Medizin und hübsch anzusehen Die blühende Pflanze von Potentilla anserina, die sich wie ein Teppich auf feuchten Wiesen ausbreitet, ist ein Blickfang in der Natur. Medizinisch wird sie wegen ihrer wertvollen Inhaltsstoffe geschätzt.

Gänsefingerkraut (Anserinae herba, Herba Anserinae) ist nach dem Deutschen Arzneimittel-Codex (DAC) definiert als die getrockneten, ganzen oder zerkleinerten, blühenden, oberirdischen Teile von Potentilla anserina L., Rosaceae. Die Pflanze wird auch als Silberkraut, Ganskraut, Krampfkraut oder Gänserich bezeichnet. Letzten Namen verdankt sie ihrem häufigen Vorkommen auf feuchten Gänseangern. Die Hauptverbreitung liegt auf der Nordhalbkugel außerhalb der arktischen Gebiete. Im mediterranen Bereich und am Balkan fehlt Gänsefingerkraut, ansonsten wurde es weltweit eingebürgert.

Reich an Flavonoiden und Gerbstoffen

Üblicherweise wird Gänsefingerkraut bei den flavonoidhaltigen Gerbstoffpflanzen eingeordnet. Der Gesamtflavonoidgehalt im getrockneten Kraut beträgt 0,5 bis 1 Prozent [13]. Im Hydrolysat wurden die Flavonole Kämpferol, Myricetin, Quercetin sowie die Anthocyanidine Cyanidin und Leucodelphinidin nachgewiesen. An Gerbstoffen kommen in Gänsefingerkraut fast ausschließlich hydro­lysierbare Verbindungen vom Typ Ellagitannine vor. Die für die Familie Rosaceae normalerweise typischen kondensierten Catechin-Gerbstoffe treten dagegen in den Hinter­­grund [8].

Abhängig von der Analysenmethode wird der Gerbstoffgehalt von Gänsefingerkraut mit drei bis zehn Prozent angegeben, üblicherweise liegt er bei sechs bis sieben Prozent [9]. Als weitere Inhaltsstoffe finden sich in Gänsefingerkraut Triterpene wie Tormentosid, Polyprenole, sowie eine Reihe von Phenolcarbonsäuren und andere organische Säuren [27, 33, 40]. Für das Wirkprofil des Gänsefingerkrauts sind auch letztere Inhaltsstoffe neben den Flavonoiden und Gerbstoffen mitbestimmend.

Umfangreicher Erfahrungsschatz

Derzeit ist Gänsefingerkraut in verschiedenen Präparaten enthalten, die als „traditionelle pflanzliche Arzneimittel“ eingestuft sind. Für die Pflanze liegt ein umfangreicher Erfahrungsschatz mit auf Magen-Darm-Beschwerden sowie gynäkologische und urologische Beschwerden gerichteter traditioneller Anwendung vor. In der Kommission E-Monografie von 1985/1990 [15] wird als Indikation für Gänsefingerkraut „leichte dysmenorrhoische Beschwerden, zur Unterstützung der Therapie leichter, unspezifischer, akuter Durchfallerkrankungen, leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut“ genannt.

Breites Wirkprofil Die Inhaltsstoffe von Gänsefingerkraut vermitteln am Gastrointestinaltrakt adstringierende, antimikrobielle, antiphlogistische, antioxidative, cytoprotektive, hepatoprotektive, neurotope und probiotische Effekte.

Bekannte Wirkmechanismen

Mittlerweile liegen neben den Erfahrungswerten auch zahlreiche pharmakologische Untersuchungen vor, die das breite Wirkspektrum von Gänsefingerkraut erklären. Aus diesen Untersuchungen geht z. B. hervor, dass die im Gänsefingerkraut enthaltenen Ellagitannine durch die Darmflora in Ellagsäure gespalten und bei der weiteren Darmpassage dann zu Urolithinen metabolisiert werden [4, 16, 38]. Ellagsäure aus Gänsefingerkraut bildet als Metaboliten hauptsächlich Urolithin A, weniger Typ B und C nur in Spuren [24], für die probiotische, antiphlogistische und auch anticarcinogene Wirkungen nachgewiesen sind [4, 16]. Als Mechanismus der entzündungshemmenden Wirkung von Urolithin A und B wurde eine Hemmung sowohl von TNF-α, in geringem Maße auch von IL-6 experimentell gezeigt [24]. Für Extrakte aus Gänsefingerkraut ist daher auch eine antiphlogistische Wirkung an Darmzellen in vitro nachzuweisen [22]. Bei Untersuchungen zur Bioverfügbarkeit ergab sich, dass 94 Prozent der zugeführten Ellagitannine metabolisiert werden. Die Exkretion erfolgt zu 66 Prozent im Urin und zu 28 Prozent in der Faeces [23].

Die Indikation bei leichten Durchfall­erkrankungen (Kommission E) ergibt sich aus der antidiarrhoischen Wirkung der Gerbstoffe, die durch eine adstringierende Wirkung auf die Schleimhautoberfläche hervorgerufen wird. Hierbei kommt es zu einer Adsorption der Adstringentien an die Eiweiße und zur Bildung einer oberflächlichen Schutzschicht auf der Schleimhaut [34]. Dieser Effekt wird auch bei Harnblasenentzündungen genutzt.

Für wässrigen Gänsefingerkraut-Extrakt konnte am isolierten Darm ein signifikanter spasmolytischer Effekt nachgewiesen werden [31]. Auch wurde im Tierversuch durch Gabe eines alkoholischen Gänsefingerkrautextraktes ein spasmolytischer Effekt erzielt [42]. Vermutlich ist die spasmolytische Wirkung jedoch nicht genuin im Extrakt enthalten, was für die Existenz einer als „ Prodrug“ anzusehenden Substanz oder für eine Mehrzahl unterschiedlicher Mechanismen spricht [9].

Weiterhin sind für Gänsefingerkraut antioxidative [26], neurotrope [27], hepatoprotektive [21], zellschützende [47] und antimikrobielle [40, 26, 39, 48] Effekte gezeigt worden.

Gut verträglich

Aus klinischen Untersuchungen an Gänsefingerkraut sind weder toxische Effekte noch Nebenwirkungen bekannt. Dies wird auch gestützt durch die lange sichere Verwendung dieser Potentilla-Art [40]. Gänsefingerkraut wirkt auch nicht mutagen. Im Ames-Test mit wässrigen und ethanolischen Extrakten konnte an den Salmonella-typhimurium-Stämmen TA99 und TA100 sogar ein signifikanter antimutagener Effekt gezeigt werden [29, 30].

Fazit

Gastrointestinale Beschwerden werden üblicherweise in Selbstmedikation behandelt, weshalb sich hierbei eine traditionelle Verwendung der entsprechenden Arzneipflanzen etabliert hat. Für Gänsefingerkraut ist eine sehr lange Tradition für dieses Anwendungsgebiet belegt. Neue Untersuchungen zu den Inhaltsstoffen und deren pharmakologischer Wirkung stützen diese Verwendung. Im Vordergrund steht dabei die antiphlogis­tische Wirkung am Magen-Darm-Trakt, additiv unterstützt durch adstringierende, antioxidative und krampflösende Effekte. Wegen der biologischen Variabilität der Pflanzenart und dem damit verbundenen variablen Spektrum der Inhaltsstoffe wären jedoch weitere Untersuchungen zum Inhaltsstoffspektrum definierter Herkünfte und den daraus resultierenden Wirkungen wünschenswert. |

Literatur beim Verfasser

Autor

Dr. Ernst Schneider, PhytoConsulting, E-Mail: schneider.e@phyto-consulting.de

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