Arzneimittel und Therapie

Alter Bekannter mit neuer Indikation

Retardiertes Morphin jetzt zur Substitutionstherapie

jb | Für die orale Substitutionstherapie Heroin-Abhängiger steht künftig neben Methadon und Buprenorphin in Deutschland eine weitere Substanz zur Verfügung. Ab April wird unter dem Handelsnamen Substitol®retardiertes Morphin für diese Indikation eingeführt. Der Hersteller Mundipharma hat das Präparat im Rahmen einer Launchpressekonferenz vorgestellt.

Morphin ist der aktive Metabolit des Heroins (Diamorphin). Daher scheint es naheliegend, es zur Substitution für Heroin-Abhängige einzusetzen. Dass hier Methadon zur Leitsubstanz und nicht primär Morphin eingesetzt wurde, liegt an der kürzeren Halbwertszeit des Morphins. Eine mehrmals tägliche Verabreichung wäre notwendig gewesen, bei Methadon reicht einmal täglich. Mit modernen Retard-Formulierungen stellt dies aber kein Problem mehr dar.

Vorteile von Morphin gegenüber Methadon scheinen das günstigere Nebenwirkungsprofil – unter Methadon schwitzen die Patienten oft sehr stark – und das geringere Verlangen nach dem Suchtmittel (Craving) zu sein. Hierzu gibt es Anwendungsbeobachtungen aus Österreich, wo retardiertes Morphin bereits zur Substitutionstherapie etabliert ist. Grund hierfür ist laut Suchtmediziner Dr. Konrad Cimander, dass in Österreich im Gegensatz zu Deutschland keine Möglichkeit besteht, Schwerstabhängige, die mit anderen Substitutionsmitteln nicht zurechtkommen oder diese nicht vertragen, mit intravenösem Diamorphin zu substituieren. Diese positiven Erfahrungen wurden auch durch die Zulassungsstudie bestätigt. Für Methadon habe es laut Suchtmediziner Prof. Dr. Christian Haasen übrigens nie eine Zulassungsstudie gegeben. Die randomisierte Open-label-Studie, die als primäres Zielkriterium die Nichtunterlegenheit bezüglich des Beikonsums von Heroin gegenüber Methadon zeigte, wurde mit 276 Patienten im Crossover-Design durchgeführt. Eine Verblindung sei nicht möglich gewesen, da, so Haasen, die Probanden die Pharmakologie der Substanzen bestens kennen und diese sofort anhand der Wirkunterschiede identifizieren könnten. Unter Morphin kam es zu signifikant weniger Craving, und auch die psychische Stabilität war besser. Die selbstberichtete Therapiezufriedenheit war signifikant höher als unter Methadon. 65% der Teilnehmer berichteten nach Abschluss, Morphin zu bevorzugen.

Bessere Haltequote

Ebenfalls positive Erfahrungen aus Österreich gibt es bezüglich der Haltequote, also der Zeit, die ein Patient in der Therapie bleibt. Die Haltequote ist eines der ganz großen Probleme in der Suchttherapie und häufig der limitierende Faktor für den Erfolg. Unter Morphin retard ist die Quote aber deutlich besser als unter anderen Substitutionsmitteln. Das zeigen Daten des österreichischen Gesundheitsministeriums.

Substitol® wird in zwei Dosierungen, 100 und 200 mg, erhältlich sein. Die Umstellung von Methadon erfolgt im Verhältnis 1:(6 bis 8) und geht im Gegensatz beispielsweise zur Buprenorphin-Umstellung problemlos und einfach. Die Kapsel enthält Retard-Pellets und kann bei Schluckbeschwerden, oder wenn eine Einnahmekontrolle notwendig ist, geöffnet werden.

Man werde, so führten die beiden Mediziner aus, jetzt primär Patienten, die mit den bisher verfügbaren Substitutionsmitteln nicht zurechtkommen, oder Diamorphin-Patienten, die auf eine orale Therapie umsteigen möchten, die Substitution mit Morphin anbieten. Generell werde man wie bisher verfahren und gemeinsam mit dem Patienten entscheiden, welches Mittel am besten geeignet sei. Mit Morphin wird es jetzt eine zusätzliche Option geben. Bei stabil auf ein Mittel eingestellten Patienten gebe es jedoch keinen Anlass für einen Wechsel.

Mehr Ärzte für die Substitution

Mit dem neuen Präparat erhoffe man sich unter anderem, mehr Ärzte für die Substitutionstherapie zu begeistern, da Morphin ein Wirkstoff ist, der den meisten Medizinern vertraut ist. Die Versorgung von Suchtpatienten in Deutschland ist nicht zufriedenstellend. So erhalte, berichtete Cimander, nur etwa ein Drittel der Opiat-Abhängigen eine Therapie. Die Gründe, dass wenige Mediziner bereit sind, eine Drogenersatztherapie anzubieten, sind laut Cimander vielfältig: Bürokratie, die Angst vor möglicherweise schwierigen Patienten sowie finanzielle Motive. Es sei wichtig, so Cimander, die Drogenersatztherapie aus der „Schmuddelecke“ herauszuholen. Opiat-Abhängigkeit sei kein Zeichen von Charakterschwäche, sondern eine schwere psychiatrische Erkrankung, die auf einer Dysbalance im Neurotransmittersystem beruhe. Von der Drogenfreiheit als oberstes Ziel habe man sich allerdings mittlerweile verabschiedet. Auch die Bundesärztekammer räumt dem in ihren Leitlinien keine hohe Priorität mehr ein. Heute gehe es darum, so Cimander, die Patienten zu stabilisieren und zu resozialisieren und so das Risiko, (wieder) kriminell zu werden, sowie das gesundheitliche zu reduzieren. Im Idealfall sind die Suchtpatienten unter Substitution in der Lage, einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachzugehen, was von nicht unerheblicher volkswirtschaftlicher Bedeutung ist. |

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