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Sicherheit statt Retax-Sorgen

Bei der Interpharm war es deutlich zu erleben: Kaum ein Thema bringt Apotheker so schnell so intensiv ins Gespräch wie Retaxationen. Dagegen sehen etliche Politiker den dringenden Handlungsbedarf nicht, weil die Statistiken nur den Gesamtumfang aller Retaxationen zeigen, aber nicht das entscheidende Problem abbilden. Denn das ist die ständige Sorge: ­irgendetwas falsch zu machen. Jedes Rezept kann im Nachhinein zum Problem werden. Und je teurer das verordnete Arzneimittel ist, umso größer wird das Problem. Es ist dann purer Zufall, ob derselbe Fehler mit ein paar Euro oder ein paar Tausend Euro bestraft wird oder die Existenz einer Apotheke bedroht. Von Verhältnismäßigkeit ist da keine Spur.

Viele Regeln zu Rabattverträgen, Packungsgrößen, Stückelungen und Importen erscheinen zwar kompliziert und haarspalterisch, aber sie wirken auf den ersten Blick zumindest eindeutig bestimmt. Doch nicht jede Frage ist für jedes Produkt klar geregelt. Dies wurde in den engagierten Diskussionen im Retax-Forum des DeutschenApothekenPortals auf der Interpharm (siehe Bericht auf Seite 74) besonders bei der Stückelung und der Auswahl zwischen Original und Import deutlich. In manchen Konstellationen hilft nicht einmal der Kommentar zum Rahmenvertrag weiter. Und auch die unbeanstandete Arbeit in der Vergangenheit ist keine Garantie, alles richtig zu machen. Denn niemand weiß, auf welche bisher unbeachtete Spitzfindigkeit sich irgendeine Prüfstelle demnächst konzentrieren wird. Für zusätzliche Verwirrung sorgen unterschiedliche Lieferverträge in verschiedenen Bundesländern. Doch im Alltag müssen Apothekenmitarbeiter schnell und ohne Diskussion entscheiden und sollten sich eher auf den Patienten und mögliche pharmazeutische Probleme konzentrieren.

Doch längst nicht alle Krankenkassen retaxieren in gleicher Weise. Dies trägt dazu bei, dass der Anteil der Retaxationen an den gesamten Umsätzen gemessen an den Zahlungsausfällen in anderen Wirtschaftsbereichen eher undramatisch erscheint. Deshalb übersehen viele Außenstehende den Ernst des Problems, aber gerade das zeigt: Krankenkassen können auch ohne übertriebene Spitzfindigkeiten gut existieren und der bürokratische Overkill ist auch keineswegs als Abschreckung nötig, um Apotheker zu korrekter Arbeit anzuhalten. Umso mehr erscheinen viele Retaxationen als verzweifelter Versuch, sich vor der Begleichung der einen oder anderen Rechnung zu drücken und zugleich die eigene Macht zu demonstrieren.

Beim Retax-Forum habe ich mir gewünscht, es wären Politiker dabei ­gewesen. Denn für die Apotheker waren die dort diskutierten Probleme Alltagserfahrungen, aber für Außenstehende hätte dies alles wie Irrsinn erscheinen müssen. Erst der Blick in die Details macht die wirklichen Probleme deutlich. Doch die Lösung liegt nicht in noch genaueren Detailregelungen, sondern sie kann nur grundsätzlich sein. Nullretaxationen sind nur bei strafrechtlich relevantem Betrug angebracht. In allen anderen Fällen müssen Retaxationen auf die Abschöpfung des Gewinns beschränkt werden. Nur mit einer solchen klaren vertraglichen oder besser gesetzlichen Regelung können Apotheker ihre Arbeit wieder mit einem sicheren Gefühl machen – und ohne die Sorge, sich wegen einer rechtlichen Fehlinterpretation zu ruinieren.

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