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Steckt die Industrie hinter der Skonti-Klage?

Diskussion auf der Wirtschafts-Interpharm über Großhandels-Skonti und Margenpolitik

HAMBURG (lk) | Mehr Geld für Apotheken und Großhandel – und Verzicht auf die Skonti-Klage. Über diese Punkte waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion auf der diesjährigen Wirtschafts-Interpharm unter dem Titel „Großhandel und Apotheke: Kippt das gemeinsame Boot?“ rasch einig. Und ja, Großhandel und Apotheken sitzen in einem Boot. Arm in Arm wollen beide jetzt bei der Politik für eine Anhebung der Honorierung kämpfen.

Wilfried Hollmann sieht in der Skonti-Klage keinen Nutzen für den Großhandel.

Klare und teilweise überraschende Aussagen gab es zu einem aktuellen Thema: Der Streit um Skonti. „Der Großhandel kann nicht hinter der ­Klage der Wettbewerbszentrale gegen AEP stecken“, sagte Wilfried Hollmann, Vorstandsvorsitzender der Noweda eG. „Das liegt nicht in unserem Interesse, aber vielleicht steckt die ­Industrie dahinter.“ „Wem nutzt diese Klage“, fragte Hollmann in die Runde, „vielleicht der Industrie?“ André Blümel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Gehe, pflichtete Hollmann bei: „Wir können uns eine weitere Begrenzung nicht leisten.“ Möglicherweise stecke die Politik oder sogar AEP selbst hinter der Aktion, hieß es am Rande der Podiumsdiskussion. Jedenfalls bringe die Diskussion um die Rechtmäßigkeit von Skonti dem Neuling im Großhandel zahlreiche Schlagzeilen in den Medien.

Fritz Becker hält Apotheken und Großhandel für unterfinanziert.

Einig waren sich die beiden Großhandels-Chefs mit dem DAV-Vorsitzenden Fritz Becker, dass die gesetzlich fixierten Handelsmargen weder für Apotheken noch für den Großhandel ausreichen. „Die Apotheken brauchen mindestens einen Euro mehr, 9,35 Euro“, forderte Becker: „Es muss mehr Geld ins System.“ Noweda-Chef Hollmann sah die Apotheken ebenfalls mit ihrer Marge unterfinanziert: „Der Großhandel kann das für die Apotheken nicht ausgleichen. 9,10 Euro sind notwendig, und der Kassenabschlag von 1,77 Euro ist viel zu hoch.“ Der müsse unter ­einen Euro sinken. Gehe-Chef Blümel forderte ebenfalls mehr Geld – für Apotheken und Großhandel. Die Großhändler hätten bei ihrer Honorarumstellung ein Fixum von 90 Cent pro Packung gefordert, am Ende seien es mit dem AMNOG 70 Cent geworden. „Dieses Delta fehlt uns heute“, so Blümel. Der Großhandel habe in den letzten Jahren seine Rationalisierungsmöglichkeiten ausgeschöpft: „Es gibt keine wesentlichen Einsparungen mehr.“ Mit ihren Forderungen an die Politik säßen Großhandel und Apotheken wieder mal in einem Boot, war der DAV-Chef mit der Runde einig. Becker: „Dann gehen wir wieder gemeinsam zur Politik. Da sage ich nicht nein.“

André Blümel fordert ebenfalls mehr Geld für Apotheken und Großhandel.

„Paradiesische Zustände“ im Großhandel habe es noch nie gegeben, so Blümel. In den letzten Jahren seien die Konditionen nach oben gegangen, jetzt gingen sie wieder in die andere Richtung: „Wir standen und stehen immer unter Margendruck.“ Jetzt müsse man sich gegen Margendruck von Seiten der Hersteller wehren, so Hollmann, „sonst wird das irgendwann bei den Apotheken landen“. Der Noweda-Chef wandte sich gegen Überlegungen, die Leistungen des Großhandels einzuschränken: „Dann gibt es nur noch AEPs. Dann haben wir eine Belieferungsfrequenz wie in der DDR.“

Der eine kann nicht ohne den anderen Großhandel und Apotheken müssen auch künftig an einem Strang ziehen. Darüber waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion auf der Interpharm einig.

Trotz aller Harmonie zeigten sich an einer Stelle kleine Risse am gemeinsamen Boot. DAV-Chef Becker kann sich durchaus vorstellen, dass der Großhandel über das „eine oder andere“ Leistungsangebot nachdenken könnte, zum Beispiel Seminare: „Da gibt es auch andere Anbieter und müssen es sieben Lieferungen in bestimmten Gebieten sein, die andere Apotheken mit nur drei Lieferungen mitfinanzieren?“ In seiner Apotheke setzt der DAV-Vorsitzende auf die „Zwei-Großhändler-Strategie“. Becker: „Es gibt ja schon mal Lieferschwierigkeiten.“ Von einem „idealen Großhandel“ wünsche er sich „klarere Konditionen-Modelle. „Ich hadere mit den Zuschlägen“, so Becker.

Hollmann wie Blümel zeigten Verständnis für den Wunsch nach Vereinfachung, können diesen aber nicht ­erfüllen: Aber schließlich müsse man sich auf jede Apotheke einstellen. Das spiegele sich in den Konditionen wider. Und außerdem: „Wir brauchen Rabatte zur Steuerung des Umsatzes. Daher kann es einen Einheitsrabatt nicht geben“, so der Noweda-Chef. „Rabatte sollen steuern“, so Gehe-Mann Blümel. |

Fotos: DAZ/Schelbert

Graefe: Hollmann-Aussage zu AEP „absurd“

Foto: AEP Direkt

AEP-Geschäftsführer Jens ­Graefe

AEP-Geschäftsführer Jens Graefe hat die Vermutung zurückgewiesen, der Arzneimittelgroßhändler könne selbst hinter der Klage der Wettbewerbsbehörde zur Überprüfung der Skontivergabe stecken: „Das ist völlig absurd“, reagierte Grafe. „Ich kann mir bei der Wettbewerbszentrale nicht vorstellen, dass sie für jemanden klagt und gleichzeitig derjenige, der zahlt, das Ziel ist.“ AEP gebe „hierzu gerne jeg­liche Versicherung rechtlicher oder sonstiger Art ab“, so Graefe. Genauso offensichtlich falsch sei die Aussage von Noweda-Chef Wilfried Hollmann auf der Wirtschafts-Interpharm, die Industrie könne hinter der Klage stecken. „Das ist nun wirklich interessant“, so Graefe. Im Gegenteil: Die­ ­Industrie habe nichts gegen AEP, „sie freut sich stattdessen über Wettbewerb. Und im Übrigen ist in keinem Gutachten, auf das sich die Klage ­bezieht, je über Industrie-Skonti ­gesprochen worden.“

Anlässlich der Podiumsdiskussion auf der diesjährigen Wirtschafts-Interpharm hatte Noweda-Chef Hollmann gesagt: „Der Großhandel kann nicht hinter der Klage der Wettbewerbszentrale gegen AEP stecken. Das liegt nicht in unserem Interesse, aber vielleicht steckt die Industrie dahinter.“ Dass Hollmann sich von der Skonti-Klage öffentlich distanziere, deute auf einen schweren Konflikt im Großhandelsverband Phagro hin. Wenn die Klage und die Eingrenzung der Skonti-Möglichkeiten nicht im Interesse der Noweda, die ja wie die AEP auch ­expansiv ist, lägen, könne man „ja gemeinsam die Klage verfolgen“, so Graefe weiter. „Und wenn denn der Großhandel gegen die Klage ist, kann der Phagro das ja deutlich sagen und mit uns gemeinsam gegen die Klage vorgehen.“ Eine bessere Möglichkeit gebe es doch gar nicht, um die Aussage zu unterstützen und glaubwürdig zu sein. Leider zeige aber das Vorgehen mal wieder, „wie wenig innovativ diese Branche eigentlich ist. Das ist ­alles so transparent und ehrlich wie die Rechnungen.“

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