Wirtschaft

„Klassentreffen der Pharmabranche“

Konferenz gibt Einblick in OTC-Strategie von Herstellern, Versendern und Kooperationen

FRANKFURT/M. (wes) | Fusionen und Übernahmen bei OTC-Herstellern, die Relevanz von Apothekenkooperationen, die Entwicklungen im (europäischen) Versandapothekenmarkt und das Mega-Thema Digitalisierungen – das waren die Themen der „Zukunft Apotheke“-Konferenz in Frankfurt/M. am 9. und 10. November.

Vom „Klassentreffen der Pharmabranche“ spricht der Veranstalter, die mit dem Beratungsunternehmen Sempora verbandelte inspirato GmbH. Zum vierten Mal fand die Konferenz nun statt, wie immer in Frankfurt/Main. In dieser Zeit hat sie einen festen Platz als Branchentreff der OTC-Branche errungen, bei dem sich Hersteller, Dienstleister, Apothekenkooperationen und Versandapotheken treffen und den Zustand des Apothekenmarkts ausloten.

Einblicke in die OTC-Strategie

Einblicke in die Strategien der OTC-Hersteller boten Thorsten ­Kujath, OTC-Vertriebschef bei ­Bayer und Erhard Heck, Vice President der OTC-Sparte von GlaxoSmithKline. Kujath berichtete von insbesondere innerbetrieblichen Bedenken gegen eine vollständige Integration des Phyto-Spezialisten Steigerwald, den Bayer bereits vor zwei Jahren übernommen hat. Nun soll die Marke Steigerwald verschwinden, auch die pflanzlichen Arzneimittel werden ab Januar das Bayer-Kreuz tragen. Der Außendienst sowohl bei Ärzten wie bei Apothekern wird zusammengelegt. Es sei klar, dass sich ein Außendienstmitarbeiter, der bisher bei Steigerwald nur pflanzliche Arzneimittel verkauft hat, anfangs schwer tue mit den chemisch-synthetischen Bayer-Produkten – genauso wie Bayer-Mitarbeiter mit den Phytopharmaka. Da habe nicht zuletzt einfach Kompetenz gefehlt, die in den letzten Monaten in intensiven Schulungen aufgebaut worden sei, so Kujath.

Heck berichtete von dem Mega-Merger der letzten Monate, dem Zusammengehen der OTC-Sparten von Novartis und GlaxoSmithKline (GSK). Völlig im Geheimen ausgeheckt, hatten GSK und Novartis im April 2014 bekanntgegeben, dass Novartis die GSK-Onkologie-Sparte übernimmt und sein Impfstoffgeschäft (außer die Grippe-Impfstoffe) an GSK abgibt – das OTC-Geschäft wurde unter einer GSK-Mehrheit zusammengelegt. Man wolle das erste und beste Fast Moving Consumer Health-Unternehmen der Welt werden, definierte Heck das Ziel des Zusammenschlusses. Novartis bringe große Kompetenz im Apothekengeschäft, GSK im Mass-Market-Geschäft, also Supermarkt, Drogeriemarkt usw., in das neue Unternehmen ein. Heck stellte die These auf, dass auch Apotheken von Übernahmen bei OTC-Herstellern profitieren. Größere Firmen könnten stärkere Marken schaffen, und diese einen besseren „Vorverkauf“ erzielen. ­Außerdem könnten Investitionen auch Wachstum in den entsprechenden Kategorien generieren.

Europäischer Versand-Markt

Tobias Brodtkorb, Managing Partner der Beratungsfirma Sempora, gab einen Überblick über den Markt der Versandapotheken in ­Europa. So werde beispielsweise in Großbritannien, wo der Versand-Marktanteil im Einzelhandel deutlich höher ist als in Deutschland, der Versand von OTC-Produkten von stationären Apotheken- bzw. Handelsketten dominiert: Boots (Walgreens Alliance Boots) ist der größte Versender nicht-verschreibungspflichtiger Arzneimittel, gefolgt von Lloyds (Celesio), Superdrug (Drogeriemarkt) und Tesco (Supermarkt). Erst auf den Plätzen 5 und 6 folgen mit Pharmacy2u und ChemistDirect reine Versender. Hier setzten die Handelsketten sehr stark auf Click & Collect, also das bestellen der Waren im Internet kombiniert mit der Abholung in einer Apotheke. Das setzt aber ein relativ dichtes Filialnetz voraus.

In Deutschland dagegen wird der Markt wegen seiner völlig anderen Regulierung von sogenannten ­„pure players“, also reinen Versandspezialisten beherrscht. Click & Collect spielt bei Arzneimitteln naturgemäß keine große Rolle, wenn zu den Internetapotheken nur maximal vier Vor-Ort-Apotheken gehören.

Marktanteile im Jahr 2018

Brodtkorb gab auch eine Prognose, wie sich der Marktanteil der Versandapotheken im Non-Rx-Bereich, also bei nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und anderen Apothekenprodukten, in den kommenden drei Jahren entwickeln wird. In Deutschland, wo 2013 mit Non-Rx-Produkten ein Versand-Umsatz von rund 800 Millionen Euro gemacht wurde, wird dieser nach Schätzungen von Sempora bis 2018 auf 1,65 Milliarden Euro ansteigen – ein Plus von 102 Prozent. Der Marktanteil steigt dabei von 12 auf 17 Prozent. In England ist der Marktanteil 2013 mit 11,5 Prozent ähnlich wie in Deutschland gewesen, er wird bis 2018 auf 16,5 Prozent steigen. Ganz anders sieht das beispielsweise in Österreich aus, wo der inländische Versand erst in diesem Jahr zugelassen wurde – auch bisher war aber schon der Versand aus dem EU-Ausland nach Österreich möglich. Hier erwartet Sempora einen Anstieg des Non-Rx-Versands auf einen Umsatz von 101 Millionen Euro im Jahr 2018, das entspräche einem Marktanteil von rund 8 Prozent. Auch in Ländern wie Österreich, Frankreich oder Italien, wo der Versand von Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten heute noch keine große Rolle spielt, erwartet Brodtkorb aber ein Wachstum dieses Vertriebswegs über dem Marktwachstum, das heißt die Marktanteile der Versender werden größer – auf Kosten der stationären Apotheken. |

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