Wirtschaft

Rohertrags-Monitor Juli 2015

Betriebswirtschaftliche Analyse der Entwicklung des Apothekenhonorars

Verschreibungspflichtige Fertigarzneimittel (Rx-FAM) sind für öffentliche Apotheken von überragender Bedeutung – ihr Anteil an der Zahl der insgesamt abgegebenen Packungen liegt bei etwa 43%. Und nach wie vor werden mit Rx-FAM rund 75% des Gesamtumsatzes der Apotheken generiert. Seit dem 1. Januar 2004 gilt (nur noch) für diese Arzneimittel die – neue – Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV), auch Kombimodell genannt. Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser neuen Preisbildungssystematik für Apotheken werden – beginnend mit dem Berichtsmonat August 2011 – auf der Grundlage der von Insight Health* zur Verfügung gestellten Daten regelmäßig im Rohertrags-Monitor fortgeschrieben.

Verordnungen: Leichter Rückgang im Juli, Quasi-Stagnation in den ersten sieben Monaten. Der Juli war auch in diesem Jahr (mit knapp 54,3 Mio. Rx-FAM-Packungen) wieder der (bisher) verordnungsstärkste Monat, ohne allerdings den Wert aus Juli 2014 ganz zu erreichen (s. Abb. 1); er blieb um gut 1,1 Prozent hinter dem Vergleichsmonat des Vorjahres zurück. Somit sind – trotz Grippewelle und demografischer Entwicklung – in den ersten sieben Monaten des Jahres nur knapp 0,3 Prozent mehr Packungen verordnet worden als im Vorjahreszeitraum. Das ist umso verwunderlicher, als dass die Zahl der in der GKV Versicherten im Untersuchungszeitraum noch um durchschnittlich gut 0,6 Prozent zugelegt hat. Damit ist bei der Zahl der verordneten Rx-FAM je Versichertem sogar ein leichter Rückgang feststellbar.

Abb. 1: Entwicklung der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen in den Monaten Januar 2013 bis Juli 2015 (Monatsdurchschnitt 2004 = 100).

Die Gründe für die zum Teil sehr großen monatlichen Abweichungen bei den Verordnungszahlen sind im Rohertrags-Monitor 1. Halbjahr 2015 (s. AZ-Nr. 33/2015) ausführlich dargestellt worden.

Die Zahl der rabattbegünstigten (und damit besonders erklärungsbedürftigen) Rx-FAM legte von Januar bis Juli nicht um knapp 0,3 Prozent, sondern um mehr als 5,5 Prozent zu, so dass der Anteil der rabattbegünstigten Arzneimittel in den ersten sieben Monaten auf 60,7 Prozent angestiegen ist (gegenüber 57,7 Prozent im Vergleichszeitraum des Vorjahres).

Der Verordnungsrückgang im Juli 2015, verbunden mit der Reduktion des Kassenabschlags von 1,80 Euro auf 1,77 Euro je Packung, hat dazu geführt, dass das Packungs-bezogene Honorar im Berichtsmonat rund 3 Mio. Euro niedriger ausgefallen ist als im Juli 2014, und das trotz eines deutlich höheren Beratungsbedarfs der Versicherten aufgrund der vermehrten Abgabe von rabattbegünstigten Rx-FAM. Auf die ersten sieben Monate gesehen ist der Rohertrag aus Festzuschlag nicht um 0,3 Prozent (wie beim Absatz), sondern um 0,6 Prozent (bzw. um knapp 15,9 Mio. Euro) angestiegen; sicher kein äquivalenter Ausgleich für den höheren Beratungsaufwand bei rabattbegünstigten Arzneimitteln.

Der Verordnungsmarkt driftet auseinander. Die Entwicklung der Apotheken-Einkaufswerte für zulasten der GKV abgegebene Rx-FAM verläuft natürlich in Abhängigkeit der eingelösten Verordnungen (vgl. Abb. 2). Dabei verzeichnete das Einkaufsvolumen der Apotheken für im Juli 2015 abgegebene Rx-FAM mit mehr als 2,18 Mrd. Euro ein Allzeithoch. Einem Absatzrückgang von 1,1 Prozent (bzw. um gut 600.000 Packungen) stand ein Anstieg beim Wareneinsatz der Apotheken (= Apothekeneinkaufswert der abgegebenen Rx-FAM gemäß AMPreisV) von 4,7 Prozent gegenüber. Das hat sich natürlich auch im durchschnittlichen Apotheken-Umsatz je Packung niedergeschlagen, der im Juli mit 57,45 Euro ebenfalls ein Allzeithoch aufweisen konnte.

Abb. 2: Entwicklung der Apotheken-Einkaufswerte der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in den Monaten Januar 2013 bis Juli 2015 (Monatsdurchschnitt 2004 = 100).

Während der Absatz in den ersten sieben Monaten des Jahres um weniger als 0,3 Prozent zulegte, wuchs der Apothekeneinkaufswert der zugehörigen Rx-FAM um fast 1,7 Prozent. Dabei driftet der Verordnungsmarkt immer weiter auseinander: Auf der einen Seite immer günstigere, bewährte (und überwiegend rabattbegünstigte) Arzneimittel, und auf der anderen Seite eine geringe Zahl an Hochpreisern, mit allerdings großen (relativen) Steigerungsraten. Dabei sind diese Hochpreiser häufig genug ein Segen für die Betroffenen; und es darf vermutet werden, dass sie– mittelfristig gesehen – sogar die Krankenkassen entlasten.

Der Systematik des Kombimodells folgend, hat in den ersten sieben Monaten des Jahres der Rohertrag aus kaufmännischer Komponente (3 Prozent des Apothekeneinkaufs) gegenüber dem Vergleichswert des Vorjahres folglich ebenfalls um fast 1,7 Prozent zugelegt. Das entspricht einem Rohertragsplus aus kaufmännischer Komponente von rund 6,6 Mio. Euro (das sind weit weniger als 50 Euro je Apotheke pro Monat).

Handelsspanne auf Sinkflug. Der überproportionale Anstieg des Apothekeneinkaufswertes (und damit des Umsatzes), einhergehend mit einem Rückgang der Verordnungszahlen hat im Juli zu einer dramatischen Absenkung der Betriebshandelsspanne (in Prozenten des Umsatzes mit MwSt.) geführt (vgl. Abb. 3). Der Wertschöpfungsanteil der Apotheken bei zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM streift (mit 14,05 Prozent) mittlerweile die 14-Prozent-Marke. Und wenn Wertschöpfung etwas mit Wertschätzung zu tun haben sollte, so haben die Apotheken in den zurückliegenden Jahren reichlich verloren.

Abb. 3: Betriebshandelsspanne aus zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in Prozenten des Bruttoumsatzes in den Monaten Januar 2010 bis Juli 2015 (Vergleich: Jahresdurchschnitt 2004).

Für die ersten sieben Monate des Jahres gerechnet, liegt die Betriebshandelsspanne (mit 14,82 Prozent) so tief wie noch nie zu dieser Jahreszeit. Es bleibt zu beobachten, ob die Talfahrt weitergeht.

Mehrwertsteuer bleibt Kostentreiber. Der durchschnittliche Preis der im Jahresdurchschnitt 2004, im Juli d. J. und in den ersten sieben Monaten 2015 zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM sowie die wertmäßigen Anteile der Wertschöpfungsstufen und deren Entwicklung seit 2004 sind Tabelle 1 zu entnehmen. Während die Apothekenmarge innerhalb von gut zehn Jahren um 10,9 Prozent (bzw. um 78 Cent) gegenüber 2004 angewachsen ist, hat die Mehrwertsteuer um 55,2 Prozent (oder um jetzt 3,06 Euro) zugelegt; sie bleibt damit Kostentreiber Nummer eins.

Tab. 1: Durchschnittspreis eines zulasten der GKV abgegebenen verschreibungspflichtigen Fertigarzneimittels und seine Aufteilung auf die einzelnen Wertschöpfungsstufen im Jahre 2004, im Juli und in den ersten sieben Monaten des Jahres 2015 sowie die entsprechenden Abweichungen.
Durchschnittliches GKV-Rx-FAM
2004 (1)
Juli 2015 (2)
Jan. – Juli 2015 (3)
(3) – (1) (4)
(4) in % (1) (5)
Verkaufspreis laut AMPreisV **
42,19 €
59,22 €
55,61 €
13,42 €
31,8%
./. Kassenabschlag 
 2,00 €
 1,77 €
 1,77 €
– 0,23 €
– 11,5%
= GKV-Abrechnungspreis (brutto)
40,19 €
57,45 €
53,84 €
13,65 €
34,0%
./. Mehrwertsteuer
 5,54 €
 9,17 €
 8,60 €
 3,06 €
55,2%
= GKV-Abrechnungspreis (netto)
34,65 €
48,28 €
45,24 €
 10,59 €
30,6%
  Apo.-Rohertrag aus Festzuschlag
 6,38 €
 6,86 €
 6,86 €
 0,48 €
 7,5%
  Apo.-Rohertrag, kfm. Komponente
 0,82 €
 1,21 €
 1,12 €
 0,30 €
36,4%
./. Apo.-Rohertrag insges. (gem. AMPreisV)
 7,20 €
 8,07 €
 7,98 €
 0,78 €
10,9%
= Apothekeneinkaufswert
27,45 €
40,21 €
37,26 €
 9,81 €
35,7%
./. Großhandelsmarge
*
 1,64 €
 1,60 €
*
*
= ApU (Abgabepreis des pharm. Untern.)
*
38,57 €
35,66 €
*
*
 * = ApU (bzw. HAP) liegt für 2004 nicht vor
** = ab August 2013: „Notdienstpauschale“ von 0,16 Euro (sowohl bei Umsatz als auch bei Ertrag) unberücksichtigt, da kein direkt zuordenbarer Ertragsbestandteil
Quelle: Insight Health und eigene Berechnungen; Hü. ©

(Erwähnenswert, dass der Rohertragszuwachs je auf Privatrezept abgegebenen Rx-FAM innerhalb von gut zehn Jahren natürlich weit unterhalb der 10-Prozent-Marke liegt!)

Von besonderem Interesse ist der Vergleich der aktuellen Anteile innerhalb der Wertschöpfungskette mit den Ausgangswerten des Jahres 2004 (s. Tab. 2).

Tab. 2: Anteile der Wertschöpfungsstufen am Durchschnittspreis eines zulasten der GKV abgegebenen verschreibungspflichtigen Fertigarzneimittels im Jahre 2004 und bezogen auf die ersten sieben Monate 2015.
Wertschöpfungsanteile am Verkaufspreis einer durchschnittlichen GKV-Rx-FAM-Packung
2004
Jan. – Juli 2015
Verkaufspreis laut AMPreisV **
100,0%
100,0%
./. Kassenabschlag 
4,7%
3,2%
= GKV-Abrechnungspreis (brutto)
95,3%
96,8%
./. Mehrwertsteuer
13,1%
15,5%
= GKV-Abrechnungspreis (netto)
82,1%
81,3%
  Apo.-Rohertrag aus Festzuschlag
15,1%
12,3%
  Apo.-Rohertrag, kfm. Komponente
2,0%
2,0%
./. Apo.-Rohertrag insges. (gem. AMPreisV)
17,1%
14,3%
= Apothekeneinkaufswert
65,1%
67,0%
./. Großhandelsmarge
*
2,9%
= ApU (Abgabepreis des pharm. Untern.)
*
64,1%
 * = ApU (bzw. HAP) liegt für 2004 nicht vor
** = ab August 2013: „Notdienstpauschale“ von 0,16 Euro (sowohl bei Umsatz als auch bei ­Ertrag) unberücksichtigt, da kein direkt zuordenbarer Ertragsbestandteil
Quelle: Insight Health und eigene Berechnungen; Hü. ©

Apothekeneinkaufswert und vor allem Mehrwertsteuer haben mächtig Wertschöpfungsanteile gewonnen; die Apothekenmarge, und dabei vor allem der Apothekenrohertrag aus Festzuschlag, haben verloren. Heute kassiert der Staat wesentlich mehr an Umsatzsteuer aus dem Verkauf einer Rx-FAM-Packung als die Apotheke an Rohertrag zu erzielen vermag. |

Dipl.-Math. Uwe Hüsgen, langjähriger Geschäftsführer des Apothekerverbandes Nordrhein e. V., Essen, E-Mail: uwe.huesgen@web.de

*Insight Health ist ein führender Informationsdienstleister im Gesundheitsmarkt mit einem breiten Portfolio datenbasierter Services zur Markt- und Versorgungsforschung. ­Insight Health bietet individuelle Lösungen für die pharmazeutische Industrie, Krankenversicherungen, Ärztevereinigungen, Apotheken, Behörden, Politik und weitere Entscheider im Gesundheitsmarkt.

Informationen unter www.insight-health.de

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