Wirtschaft

Rohertrags-Monitor Mai 2015

Ärzte sind auf die Verordnungsbremse getreten

Seit 2004, als die ehemals degressiv ausgestaltete AMPreisV auf das Kombimodell umgestellt wurde, sind die Honorierung des Apothekers und der Rohertrag einer Apotheke in hohem Maße abhängig von der Zahl der abgegebenen Packungen an verschreibungspflichtigen Fertigarzneimitteln (Rx-FAM), von deren Apothekeneinkaufswert, vom gültigen Mehrwertsteuersatz sowie – bei zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM – vom Kassenabschlag (Rabatt nach § 130 SGB V), der zu Anfang des Berichtsjahres von 1,80 Euro auf 1,77 Euro gesenkt wurde.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser neuen Preisbildungssystematik werden – beginnend mit dem Berichtsmonat August 2011 und auf der Grundlage der von Insight Health* zur Verfügung gestellten Daten – regelmäßig für zulasten der GKV verordnete Rx-FAM für die beiden vorangegangenen Jahre und die bisherigen Monate des aktuellen Jahres im Rohertrags-Monitor fortgeschrieben.

Ärzte treten auf die Verordnungsbremse.

Im März des Jahres hatten die Ärzte knapp 5,2 Prozent mehr Rx-FAM-Packungen verordnet als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Seitdem treten sie auf die Verordnungsbremse. Dabei ist der Rückgang im April mit - 1,1 Prozent noch moderat; das Minus im Mai von gut 7,1 Prozent (das sind gut 3,5 Mio. Packungen weniger als im Vorjahresmonat!) springt geradezu ins Auge (vgl. Abb. 1). Zu bedenken ist dabei, dass der Mai zwei Werktage weniger hatte als der Vorjahresmonat – und zwei sogenannte Brückentage, die von dem einen oder anderen Patienten und/oder Arzt auch für einen Kurzurlaub genutzt wurden. Jedenfalls ist damit der vorübergehende Absatzzuwachs aus März d. J. voll aufgezehrt. In den ersten fünf Monaten des Jahres ist sogar ein Minus von gut 0,6 Prozent (bzw. 1,6 Mio. Packungen) aufgelaufen.

Abb. 1: Entwicklung der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen in den Monaten Januar 2013 bis Mai 2015 (Monatsdurchschnitt 2004 = 100).

Dieser Verordnungsrückgang schlägt sich natürlich im packungsbezogenen Rohertrag der Apotheken nieder, der im Mai – trotz Rückgangs des Apothekenabschlags von 1,80 Euro auf 1,77 Euro gegenüber 2014 – um über 22,8 Mio. Euro niedriger ausgefallen ist als im Mai 2014. Das sind immerhin gut 1100 Euro Rohertragsverlust pro Apotheke.

Verwunderlich ist dabei, dass die Zahl der verordneten Rx-FAM-Packungen für Privatpatienten keine derartigen Verwerfungen aufzeigt – und dass der OTC-Absatz im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat ebenfalls nur geringfügig abgenommen hat.

Apothekeneinkaufswert ebenfalls rückläufig.

Bei einem um 7,1 Prozent rückläufigen Verordnungsvolumen ist der Apotheken-Einkaufswert im Mai ebenfalls um 7,1 Prozent gefallen (vgl. Abb. 2).

Abb. 2: Entwicklung der Apotheken-Einkaufswerte der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in den Monaten Januar 2013 bis Mai 2015 (Monatsdurchschnitt 2004 = 100).

Im den ersten fünf Monaten des Jahres hat der Apotheken-Einkaufswert „nur“ um knapp 0,7 Prozent zugelegt, so dass der Wert der Durchschnittspackung zu Einkaufspreisen um 1,3 Prozent gestiegen ist.

Letztlich blieb der Apotheken-Rohertrag aus kaufmännischer Komponente (3 Prozent auf den Einkauf) im Mai (mit 51,7 Mio. Euro) ebenfalls um 7,1 Prozent hinter dem Vergleichswert des Vorjahres zurück, während er – bezogen auf die ersten fünf Monate des Jahres – um knapp 0,7 Prozent angewachsen ist.

Handelsspanne weiter auf Sinkflug.

In der Addition von Honorar und kaufmännischer Komponente ist der Apotheken-Rohertrag aus GKV-Rx-FAM im Berichtsmonat absolut um 26,8 Mio. (!) Euro hinter dem Vorjahreswert zurückgeblieben; die Betriebshandelsspanne in Prozenten des Bruttoumsatzes mit 14,74 Prozent noch weiter unter die 15-Prozent-Marke gefallen (vgl. Abb. 3). Mit einem weiteren Verfall der Spanne muss in den nächsten Monaten gerechnet werden.

Abb. 3: Betriebshandelsspanne aus zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in Prozenten des Bruttoumsatzes in den Monaten Januar 2010 bis Mai 2015 (Vergleich: Jahresdurchschnitt 2004).

Mehrwertsteuer bleibt Kostentreiber.

Der durchschnittliche Preis der im Jahresdurchschnitt 2004, im Mai d. J. und in den ersten fünf Monaten 2015 zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen sowie die wertmäßigen Anteile der Wertschöpfungsstufen und deren Entwicklung seit 2004 sind der Tabelle 1 zu entnehmen. Während die Apothekenmarge innerhalb von gut zehn Jahren um 10,6 Prozent (bzw. um 76 Cent) gegenüber 2004 angewachsen ist, hat die Mehrwertsteuer um 52,9 Prozent (oder um 2,93 Euro) zugelegt; sie bleibt damit Kostentreiber Nummer eins.

Tab. 1: Durchschnittspreis eines zulasten der GKV abgegebenen verschreibungspflichtigen Fertigarzneimittels und seine Aufteilung auf die einzelnen Wertschöpfungsstufen im Jahre 2004, im Mai und in den ersten fünf Monaten des Jahres 2015 sowie die entsprechenden Abweichungen.
Durchschnittliches GKV-Rx-FAM
2004 (1)
April 2015 (2)
Jan. – April 2015 (3)
(3) – (1) (4)
(4) in % (1) (5)
Verkaufspreis laut AMPreisV **
42,19 €
55,99 €
54,86 €
12,66 €
30,0%
./. Kassenabschlag 
 2,00 €
 1,77 €
 1,77 €
– 0,23 €
– 11,5%
= GKV-Abrechnungspreis (brutto)
40,19 €
54,22 €
53,09 €
12,89 €
32,1%
./. Mehrwertsteuer
 5,54 €
 8,66 €
 8,48 €
 2,93 €
52,9%
= GKV-Abrechnungspreis (netto)
34,65 €
45,56 €
44,61 €
 9,96 €
28,7%
  Apo.-Rohertrag aus Festzuschlag
 6,38 €
 6,86 €
 6,86 €
 0,48 €
 7,5%
  Apo.-Rohertrag, kfm. Komponente
 0,82 €
 1,13 €
 1,10 €
 0,28 €
33,6%
./. Apo.-Rohertrag insges. (gem. AMPreisV)
 7,20 €
 7,99 €
 7,96 €
 0,76 €
10,6%
= Apothekeneinkaufswert
27,45 €
37,57 €
36,65 €
 9,20 €
33,5%
./. Großhandelsmarge
*
 1,62 €
 1,59 €
*
*
= ApU (Abgabepreis des pharm. Untern.)
*
35,95 €
35,06 €
*
*
 * = ApU (bzw. HAP) liegt für 2004 nicht vor
** = ab August 2013: „Notdienstpauschale“ von 0,16 Euro (sowohl bei Umsatz als auch bei Ertrag) unberücksichtigt, da kein direkt zuordenbarer Ertragsbestandteil
Quelle: Insight Health und eigene Berechnungen; Hü. ©

Von besonderem Interesse ist dabei der Vergleich der aktuellen Anteile innerhalb der Wertschöpfungskette mit den Ausgangswerten des Jahres 2004 (s. Tab. 2).

Tab. 2: Anteile der Wertschöpfungsstufen am Durchschnittspreis eines zulasten der GKV abgegebenen verschreibungspflichtigen Fertigarzneimittels im Jahre 2004 und bezogen auf die ersten fünf Monate 2015.
Wertschöpfungsanteile am Verkaufspreis einer durchschnittlichen ­GKV-Rx-FAM-Packung
2004
Jan. – Mai 2015
Verkaufspreis laut AMPreisV **
100,0%
100,0%
./. Kassenabschlag 
4,7%
3,2%
= GKV-Abrechnungspreis (brutto)
95,3%
96,8%
./. Mehrwertsteuer
13,1%
15,5%
= GKV-Abrechnungspreis (netto)
82,1%
81,3%
  Apo.-Rohertrag aus Festzuschlag
15,1%
12,5%
  Apo.-Rohertrag, kfm. Komponente
2,0%
2,0%
./. Apo.-Rohertrag insges. (gem. AMPreisV)
17,1%
14,5%
= Apothekeneinkaufswert
65,1%
66,8%
./. Großhandelsmarge
*
2,9%
= ApU (Abgabepreis des pharm. Untern.)
*
63,9%
 * = ApU (bzw. HAP) liegt für 2004 nicht vor
** = ab August 2013: „Notdienstpauschale“ von 0,16 Euro (sowohl bei Umsatz als auch bei ­Ertrag) unberücksichtigt, da kein direkt zuordenbarer Ertragsbestandteil
Quelle: Insight Health und eigene Berechnungen; Hü. ©

Apothekeneinkaufswert und vor allem Mehrwertsteuer haben mächtig Wertschöpfungsanteile gewonnen; die Apothekenmarge, und dabei vor allem der Apothekenrohertrag aus Festzuschlag, haben verloren. Heute kassiert der Staat wesentlich mehr an Umsatzsteuer aus dem Verkauf einer Rx-FAM-Packung als die Apotheke an Rohertrag zu erzielen vermag.

Dipl.-Math. Uwe Hüsgen, langjähriger Geschäftsführer des Apothekerverbandes Nordrhein e.V., Essen, E-Mail: uwe.huesgen@web.de

*Insight Health ist ein führender Informationsdienstleister im Gesundheitsmarkt mit einem breiten Portfolio datenbasierter Services zur Markt- und Versorgungsforschung. ­Insight Health bietet individuelle Lösungen für die pharmazeutische Industrie, Krankenversicherungen, Ärztevereinigungen, Apotheken, Behörden, Politik und weitere Entscheider im Gesundheitsmarkt.

Informationen unter www.insight-health.de

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