Management

Mehr als rekrutieren: Integrieren!

Mitarbeiter aus dem Ausland gewinnen

Da es in Deutschland schwierig ist, ausreichend Personal zu finden, blicken manche Apothekenleiter über den Tellerrand und stellen ausländische Kollegen ein. Das ist gleichzeitig bereichernd, fordert aber auch einiges an Offenheit, Mitarbeit und Toleranz vom Team.

Der Start

Zunächst ist der Kandidat zu suchen und zu finden. Die meisten Apotheken haben zwar mittler­weile eine Webseite, diese wird aber eher für Marketing genutzt, oft genug hat sie sogar nur eine Alibifunktion – für die Personalsuche wird sie jedenfalls selten eingesetzt. Die jüngere Generation und Menschen im Ausland suchen aber genau hier Informationen und bekommen einen Einstieg – oder auch nicht. Wird auf Ihrer Seite deutlich, dass Sie Vielfalt im Unternehmen stützen und gibt es bereits Beispiele dafür? Welche Sprachen sind in Ihrer Apotheke schon vertreten und welche werden noch gesucht? Gibt es eine ­Rubrik, in der Sie offene Stellen anzeigen? Setzen Sie möglichst Links auf Ihre Seite, so dass sich potenzielle Interessenten über rechtliche Zugangsvoraussetzungen informieren können oder ­Erfahrungsberichte lesen. Eine Webseite mehrsprachig anzu­legen, ist großzügig. Auf der anderen Seite wollen Sie nur Kollegen mit sehr guten Deutschkenntnissen ansprechen, insofern wäre es konsequent, wenn die ganze Seite nur auf Deutsch ist.

Wo würden Sie als Ausländer noch suchen, wenn Sie hier arbeiten wollten? Wahrscheinlich auch beim Arbeitsamt, das ist offizieller Anlaufpunkt. Oder im Social Web, bei Linkedin und auf übergreifenden Jobbörsen. Leider nutzen wir diese in der Apothekenbranche selten. Unsere Wege sind für ­Ausländer unzugänglich, wir beschränken uns oft genug auf unsere Kammerstellenbörsen und die Fachzeitungen. Diese werden nicht als allererstes von den Ausländern gefunden oder sind nur mit Kennwort nutzbar. Natürlich können wir auch in unserem Wunschherkunftsland selber eine Suchannonce aufgeben. Wo genau? Schon in diesem frühen Stadium sehen wir, das Ganze ist etwas aufwendig. Aber nicht hoffnungslos.

Foto: Kadmy – Fotolia.com

Mit Vielfalt im Unternehmen und Vielfalt bei den Kunden gewinnt die Apotheke. Eine gute Vorbereitung des gesamten Teams hilft kulturelle, religiöse und sonstige Unterschiede zu überwinden.

Vorausgesetzt, Sie haben jemanden gefunden. Das wichtigste jetzt: Er sollte sehr gut Deutsch sprechen und verstehen. Führen Sie telefonisch mehrere Gespräche, auch fachlich, delegieren Sie dies bitte nicht an Ihren Headhunter oder an eine auf das Ausland spezialisierte Personalfindungs­firma, die ansonsten beste Dienste leisten können. Es reicht nicht, wenn der Betreffende nur gut Deutsch schreibt oder Deutschkurse abgeschlossen hat. Er soll hier zuhören, verstehen und erstklassig beraten! Glück, wenn jemand „nur“ aus Österreich kommt, deutschsprachige Eltern oder hier studiert hat.

Eine Arbeitsgenehmigung muss her, dazu sind diverse Papiere nötig. Jeder Nichtdeutsche braucht eine Genehmigung von der Ausländerbehörde, auch wenn es zum Beispiel für Menschen aus EU-Ländern einfacher und schneller geht. Mittlerweile existieren so­genannte „Relocation Services“, die Ihnen nach der Findung des Kollegen alles abnehmen, von ­behördlichen Genehmigungen bis zur ­Kita-Suche.

Es geht los

Ein kleiner Sprung: Alles Offizielle ist geregelt. Sie wissen, wann Ihr neuer Kollege kommt, er ist im besten Falle schon mal zwei Tage passiv mitgelaufen, passt vom Typ her ins Team, hat sich bei inner­betrieblichem Austausch beteiligt, nun kann es losgehen.

  • Die Wohnung: Helfen Sie bei der Suche, sind Sie der Wohnungsmieter oder der Betreffende selbst?
  • Behördengänge, die noch nötig sind: Kann jemand mitgehen?
  • Wie sieht es mit einer Mentorin aus, die immer ansprechbar ist, über Unterschiede und Gepflogenheiten hierzulande informiert oder im Betrieb für ihn zuständig ist?
  • Achten Sie religiöse Feiertage, an denen der Mitarbeiter frei nehmen möchte.
  • Sinnvoll ist ein Einarbeitungsplan. Wann wird der Kollege an welche Arbeitsgebiete herangeführt und von wem? Wie viel Zeit hat er, um sich reibungslos in allen Belangen zu betätigen? Genauso viel Zeit wie deutsche Kollegen oder länger? Wie viel länger?
  • Suchen Sie im Netz andere Apotheken, die schon Erfahrungen haben und mit denen Sie sich austauschen können, wenn Sie Neuling auf diesem Gebiet sind.
  • Halten Sie immer wieder Rücksprache über Erwartungen und Ziele.
  • Bieten Sie konsequent Fortbildungen an, inner- und außer­betrieblich.

Die Autorin Barbara Wietasch hat sich zwar auf das Arbeiten von Deutschen im Ausland spezialisiert, trotzdem kann man in ihrem Buch auch viele Tipps zum Arbeiten von Ausländern hier in Deutschland ernten. Sie stellt fest: „Die hierzulande verbreitete Überzeugung, die Dinge auf die einzig richtige Weise zu tun, macht es Zuwanderern nicht leicht.“ Zu oft gehen wir vom Gewohnten, hierzulande Üblichen aus.

Wie soll ich denn das verstehen?

Denken Sie bitte immer daran, dass es bei „Verhaltensauffälligkeiten“ nicht um Fehlverhalten geht, sondern dass Ihr neuer Mitarbeiter sich vielleicht für seine Verhältnisse ganz normal und höflich benimmt, weil er kulturelle Unterschiede noch nicht verinnerlicht hat. Hier ist unter Umständen viel Aufklärungsarbeit vonnöten. Er weiß nicht, was hier Usus ist, erzählen Sie es einfach, sachlich und neutral. Ein drastisches Beispiel: Ein überwiegend weibliches Team bekommt einen Apotheker oder PTA aus dem arabischen Sprachraum. Gleich am ersten Tag sagt er zu Ihnen: „Bringen Sie jetzt einen Kaffee!“ Er erwartet, dass Sie einen servieren und hinterher die Tasse wieder abräumen, bringen Sie ihm daher jetzt Langmut und Gelassenheit entgegen – aber keinen Kaffee – und erklären Sie, wieso er sich daneben benommen hat, dass er durchaus Zugang zu „weiblichen“ Räumen hat und wo er dort seine Getränke findet oder auch herstellt.

„Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“

Max Frisch, 60er-Jahre

Ein anderes Beispiel: Jemand im Team hat Geburtstag, nebenan beim Fleischer eine reichhaltige Wurstplatte bestellt und alle zu ­einem Imbiss eingeladen. Der Neue, ein Inder, nimmt nur trockene Brötchen. Dieses Mal sind wir die, die sich vertan haben: Die ­Kollegin hat nicht daran gedacht, dass viele aus dieser Weltenecke keine tierischen Produkte essen, zumindest kein Fleisch. Ob Käse eine Alternative ist? Eher nicht, lieber etwas Pflanzliches. Fragen Sie besser vorher!

Ein großer Vorteil ist, dass Leute aus manchen Ländern alten Menschen gegenüber eine extrem hohe Achtung, Offenheit und Toleranz entgegenbringen. Das ist bei uns in Deutschland nicht automatisch so. Ihre älteren Kunden werden teilweise nur so dahinschmelzen bei der charmanten Bedienung und gerne wiederkommen. Ihre eventuell angebrachte Aufklärung für den Migranten hier: Man darf Senioren durchaus widersprechen und korrigieren, wenn sie etwas fachlich falsch machen oder fehlinformiert sind, was zum Beispiel die Einnahme von Medikamenten angeht.

Die Teamvorbereitung

Eine grundsätzliche Frage ganz am Anfang: Sind die Mitarbeiter bereit, sich auf jemand ganz fremden einzulassen, der sich nicht ­unbedingt gleitend ins Team fügt? Ist es gewünscht, ferne Länder kennenzulernen, ohne sich aus der Apotheke herauszubewegen? Kommen, um zu bleiben, kann besser gelingen wenn die Mitarbeiter mitziehen:

Unsicherheiten und Vorurteile können im interkulturellen Training und durch Fachliteratur gemindert werden. Der Erfahrungsaustausch über eigene Erlebnisse als Fremdling im Ausland trägt ebenfalls dazu bei.

Schnell tappt man beim Einarbeiten in die Überlegenheitsfalle, weil wir uns hierzulande besser zurechtfinden als Spanier, Griechen oder Albaner. Auch diese haben ­jedoch ihren Nationalstolz. Sie sind schneller wieder weg als ­angekommen, wenn sie unsere deutsche Arroganz kennenlernen.

Halten Sie Ihren klar gegliederten und gut verständlichen QM-Ordner bereit, hier ist er endlich zu mehr nutze als nur im Regal zu stehen. Stellen Sie sich auf viele Fragen und Aufklärzeit ein. Bereits Begriffe wie „Offizin“ oder „HV-Rückwand“ sind neu.

Schaffen Sie Kontakte. In anderen Ländern ist der soziale Austausch viel wichtiger als hier. Laden Sie das Team zu einem gemeinsamen Essen ein, fragen Sie, ob die Mitarbeiter Lust haben, den neuen Kollegen einmal zu Freizeitaktionen, wie Sport, Kino, in die Bibliothek und dergleichen mitzunehmen. So lernt er schneller, sich hier zurechtzufinden und kann sich eher eigene Kontakte aufbauen, es gibt mehr Ansprechpartner, wenn er Auskünfte braucht. Vielleicht existiert ein deutsch-…-ischer Freundschaftskreis in Ihrer Stadt, hier gibt es jede Menge Unterstützung beim Einleben, weil alle schon mal in seiner Situation waren und die auftauchenden Schwierigkeiten gut kennen.

Nutzen Sie jede Gelegenheit für praktische Hilfen durch einzelne Teammitglieder bezüglich ÖPNV, des Gesundheitssystems und dergleichen. Wie funktioniert es, wie geht man vor, wenn man es nutzen möchte?

Was ist normal in Deutschland, aber eben nur hier? Klären Sie am besten Ihren Kollegen auf, ­bevor er unabsichtlich in ihm unbekannte Fettnäpfchen tritt. Über gesetzliche Ruhezeiten zum Beispiel, das ist wohl etwas ziemlich Deutsches, genauso wie das Müllsystem. Wie können Sie jemanden beim Umzug unterstützen, inwieweit wollen Sie überhaupt helfend tätig werden?

Hilfe aus dem Netz

Ganz ausgiebig auf alle rechtlichen Fragen geht das „Merkblatt 7: „Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer“ der Bundesagentur für Arbeit ein. Auf www. arbeitsagentur.de nach „Merkblatt 7“ suchen.

Die AOK bietet unter www.aok-business.de/fachthemen/zuwanderung/einstellen-und-beschaeftigen/ einen Wegweiser durch viele ausländer-, arbeits- und sozialrechtliche Fragen zur Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer.

Bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen hilft www.anerkennung-in-deutschland.de, ein Portal des Bundesbildungsministeriums. Viele Informationen rund um die Themen Anerkennung und Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer finden Sie auch auf www.q-portal.de vom Bundeswirtschaftsministerium.

Wir brauchen Geduld, Interesse, Neugier, Engagement und Toleranz. Die größte Kunst besteht nicht darin, einen Apotheker zum Kommen, sondern darin, ihn zum Bleiben zu bewegen. Vielleicht hilft dabei der Blick weg von den trennenden Unterschieden hin zu den Stärken und Potenzialen, die wertvolle Unterstützung bedeuten. |

Ute Jürgens

Ute Jürgens ist PTA und Diplom-Pädagogin für Erwachsene. Sie ist Seminartrainerin im Bereich Kommunikation mit Spezialisierung auf Heilberufler, www.kommed-coaching.de, info@kommed-coaching.de

Literatur

Barbara Wietasch: Global Management: ein Tanz mit den Eisbergen – Klarkommen mit fremden Welten oder: Warum ein Auslandsknigge Sie nicht weiterbringt. Verlag Linde International 2012

Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun: Kommunikation als Lebenskunst – Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Carl-Auer Verlag 20124

A. Affhüppe et.all.: Taschendolmetscher für Ärzte.Deutscher Ärzteverlag

www.bq-portal.de

Bundesapothekerordnung, § 4 incl. Anhang: http://www.buzer.de/gesetz/2019/a28746.htm

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