Gesundheitspolitik

Kassen ohne Retax-Statistik

Welches Ausmaß haben Retaxationen wirklich? Kassen halten sich bedeckt

BERLIN (lk) | Demnächst sollen der Deutsche Apothekerverband (DAV) und der GKV-Spitzenverband am Verhandlungstisch Lösungen für das Retax-Problem suchen. Aber beiden Spitzenverbänden liegen nach eigenen Angaben keine konkreten Daten zum Retax-Geschehen vor. Die AZ hakte nach: Auch bei den Kassen-Verbänden gibt es keine Retax-Statistik. Und die einzelnen Kassen mauern weitgehend – sie wollen sich offenbar nicht in die Karten schauen lassen.

Nur die DAK-Gesundheit lüftete kürzlich im DAZ-Interview leicht den Retax-Schleier: Laut DAK-Chef Herbert Rebscher werden bei der DAK durchschnittlich 0,02 Prozent der eingereichten Belege retaxiert. Der Anteil der retaxierten Beträge am gesamten Abrechnungsvolumen liege bei 0,13 Prozent. Ein besonders häufiger Grund sei die nicht rabattvertragskonforme Abgabe von Arzneimitteln.

Die beiden anderen großen Ersatzkassen, Barmer GEK und Techniker Krankenkasse (TK), verweigerten die Antwort auf die Anfrage: „Das ist Geschäftsgeheimnis“, hieß es bei der TK. Die Barmer GEK ließ erklären: „Die von Ihnen gewünschten Daten/Zahlen zum Retaxgeschehen werden von uns nicht zentral erfasst beziehungsweise aufbereitet.“ Sie verweist auf einen potenziellen anderen Ansprechpartner: „Gegebenenfalls werden Sie bezüglich Zahlen/Daten eher beim DAV oder den Landesapothekerverbänden fündig.“

Auch AOKs ohne Zahlen

Nicht viel auskunftsfreudiger geben sich die AOKs: „Leider können wir Ihnen hierzu aus datenschutz- und wettbewerbsrechtlichen Gründen keine Auskunft ­geben“, teilte nicht nur die AOK Hessen mit. Die AOK Nordost erklärt, die Rezeptprüfung erfolge durch Mitarbeiter, die über ein fundiertes Wissen der gesetzlichen und vertraglichen Bestimmungen der Arzneimittelabrechnung verfügten. „In der Regel erfolgen Retaxationen nur aufgrund grober Verstöße“, so die Kasse. Im Zweifel suchten die Mitarbeiter das Gespräch mit den Apotheken, „um unklare Sachverhalte zu klären und somit unnötige Retaxationen zu vermeiden“. Diese praxisnahe Vorgehensweise spiegele sich auch in der Tatsache wider, dass „die AOK Nordost bisher keine Retaxationen bei der Nichterfüllung von Rabattverträgen vorgenommen“ habe.

Die AOK Baden-Württemberg beruft sich auf den zum 1. April 2015 in Kraft getretenen neuen Arzneimittelliefervertrag. Dieser enthalte „sehr viel dezidiertere Bestimmungen zur Apothekenretaxation“. So gebe es erstmals eine Liste von „geringfügigen Formfehlern“, bei denen die AOK Baden-Württemberg keine Vollabsetzungen durchführen wird. Im Gegenzug seien aber auch gravierende Formfehler aufgelistet, die zu einer Vollabsetzung führen könnten. „Erfahrungen mit den neuen vertraglichen Bestimmungen liegen noch nicht vor“, so die Kasse – ­daher keine Statistik. Bei der AOK Niedersachsen verweist man darauf, dass das Thema Retax im Bundesgebiet und auch zwischen den einzelnen Krankenkassen sehr unterschiedlich gehandhabt werde. Einen umfassenden Überblick habe man leider nicht.

IKK gesund plus: „verschwindend geringer Anteil“

Nicht anders sieht es bei den Innungskrankenkassen aus: Die IKK Brandenburg und Berlin (IKK BB) führten regelmäßige Prüfroutinen im Bereich der Apotheken durch. Retaxierungen bildeten hierbei nur einen von verschiedenen Faktoren ab, die überprüft würden. „Retaxierungen werden in diesem Zusammenhang bei der IKK BB nicht getrennt ausgewertet und gesondert statistisch festgehalten“, erklärt die Kasse und führt immerhin ein paar Retax-Gründe an: Etwa, wenn statt vereinbarter Fest- oder Vertragspreise höhere Preise berechnet werden. Zudem werde retaxiert, „wenn die Gebührenpflicht (Zuzahlung) nicht beachtet wurde oder wenn der Lieferzeitraum bei Dauerverordnungen, z. B. bei Inkontinenzartikeln aus Apotheken, überschritten wurde.“

Die IKK gesund plus retaxiert nach eigenen Angaben mit Umsicht und achtet darauf, „dass eine Überforderung einer Apotheke nicht entsteht“. Gemessen an den Gesamtausgaben für Arzneimittel werde nur „ein verschwindend geringer Anteil retaxiert“. Detaillierte Werte gibt es jedoch nicht. Der Sprecher der Kasse betont: „Auch die IKK gesund plus verfolgt mit Interesse die derzeitigen Gesetzentwürfe und die Diskussionen dazu, weil dadurch mehr Rechtssicherheit für beide Seiten entstehen soll.“ |

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