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OSCE-Prüfung in Klinischer Pharmazie

Erfahrungen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Im Sommersemester 2014 absolvierten Pharmaziestudierende der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Fach Klinische Pharmazie (Leitung Prof. Dr. Irene Krämer) erstmals eine sogenannte OSCE-Prüfung (Objective Structured Clinical Examination). Was ist das Besondere daran? Wie waren die Studierenden und Prüfer mit dem Ablauf der Prüfung zufrieden? Hat das Modell Zukunft? Antworten auf diese Fragen gibt der folgende Bericht.
Foto: Pulkowski
Abb. 1: Beratungsgespräch in der Trainingsapotheke der Universität Mainz.

OSCE-Prüfungen sind vor allem praxisorientiert. In ihnen müssen die Studierenden ihre Fertigkeiten in Gesprächsführung und handlungsorientiertem Wissen unter Beweis stellen. Das Konzept dafür hat Prof. Ronald Harden an der University of Dundee, Schottland, in den 1970er Jahren für Medizinstudierende entwickelt [1].

An deutschen Universitäten werden OSCE-Prüfungen erst seit einigen Jahren bei Medizinstudierenden eingesetzt, sie haben sich aber bereits bewährt. So hat Dr. Sabine Fischbeck in den Fächern Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Mainz mehrere OSCE-Prüfungen durchgeführt [2, 3]. Dankenswerterweise stand sie der Klinischen Pharmazie in Mainz für einen Erfahrungsaustausch zur Verfügung und erlaubte uns, bei einer OSCE-Prüfung von Medizinstudenten zu hospitieren.

Patientenorientierte Pharmazie im Studium …

Die Fähigkeiten und Fertigkeiten der patientenorientierten Pharmazie erwerben die Studierenden in Mainz seit dem Wintersemester 2010/11 in den Seminaren der Trainingsapotheke [4, 5]. In Rollenspielen (Patient – Apotheker, Arzt – Apotheker) lernen die Studierenden interaktiv, Beratungssituationen professionell zu beherrschen. In dem Seminar werden Kompetenzen im Bereich Entscheidungsfindung, Problemlösung und Kommunikation gefördert. Für eine Bewertung dieser Kompetenzen ist eine OSCE-Prüfung besonders geeignet. Die Studierenden durchlaufen dabei mehrere Prüfungsstationen, vergleichbar mit einem Zirkeltraining.

… ohne obligatorischen Leistungsnachweis

Von den 22 Pharmazieinstituten in Deutschland bieten nur zwei (Bonn und Marburg) den Studierenden eine OSCE-Prüfung auf freiwilliger Basis an [6]. In Marburg leitet Dr. Annette Freidank (Apotheke und Patienten-Beratungs-Zentrum Klinikum Fulda), der wir für den regen Austausch und die hilfreichen Tipps danken, die OSCE-Prüfungen.

Nirgendwo in Deutschland ist derzeit das Bestehen der OSCE-Prüfung in Klinischer Pharmazie obligatorisch, obwohl ein Konsens besteht, dass die Lehre der Klinischen Pharmazie anhand von aktuellen Fallbeispielen und im direkten Patientenkontakt erfolgen soll, wobei anstelle echter Patienten Laienschauspieler auftreten. Um den Patienten/Kunden und anderen Heilberuflern wichtige pharmazeutische Inhalte mitzuteilen, bedarf es auch kommunikativer Fähigkeiten und Fertigkeiten, die nicht anhand von schriftlichen Prüfungen bewertet werden können. Deshalb haben wir in Mainz eine exemplarische OSCE-Prüfung durchgeführt, um sie später als Pflichtprüfung für Pharmaziestudierende einzuführen.

Ablauf der OSCE-Prüfung in Mainz

Insgesamt 38 Studierende des 6. Fachsemesters absolvierten innerhalb der OSCE-Prüfung sechs Stationen mit unterschiedlichen Themen oder Aufgaben (s. Abb.).

Abb. 2: Ablauf einer OSCE-Prüfung mit sechs Stationen. Bei jeder Station kommuniziert der Prüfling („Apotheker“) mit einem „Patienten“, „Kunden“ oder „Arzt“ und hat für die Lösung der Aufgabe fünf Minuten Zeit. Danach gibt der Bewerter ein knappes Feedback, und der Prüfling wechselt zur nächsten Station, was zusammen eine Minute dauert. – Die Reihenfolge der Stationen kann auch anders sein.

Dabei wurden sie mit Situationen konfrontiert, die sie später in ihrem Berufsalltag als Apotheker meistern müssen. Zu den Aufgaben gehörte u.a. die Aufnahme einer Arzneimittelanfrage (Arzt-Apotheker-Gespräch) und die Schulung eines Patienten zur Anwendung eines Pulverinhalators.

Bei jeder Station hatte der angehende Apotheker fünf Minuten Zeit, um die Situation zu meistern. Danach erfolgte ein Pfiff des Koordinators, worauf der Bewerter dem Studierenden ein kurzes Feedback gab (maximal 30 Sekunden) und ihn danach zur nächsten Station schickte.

Der Bewerter (Apotheker) wurde vorab mit der Checkliste vertraut gemacht. Während einzelnen Prüfungen verhielt er sich passiv und griff in keiner Weise in das Geschehen ein. Die Bewertung des Prüflings anhand der Checklisten soll dessen Leistung möglichst objektiv wiedergeben. Der Schwerpunkt lag auf der Gesprächsführung; sie wurde zu zwei Dritteln gewichtet, die inhaltlichen Aspekte hingegen nur zu einem Drittel.

Die Rollen des Patienten/Kunden und des Arztes wurden von Laien gespielt, teils von Pharmaziepraktikanten, teils auch von fachfremden Personen, die den Apothekenbetrieb aus der Sicht des Kunden kennen. Sie wurden vorab eingewiesen und haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Danach mussten sie ihre Rollen immer möglichst gleich spielen, damit alle Studierenden eine vergleichbare Prüfungssituation hatten.

Fotos: Zeiter
Abb. 3: Zwei Stationen einer OSCE-Prüfung: Das linke Foto zeigt einen Prüfling (im weißen Kittel) bei der Inhalationsschulung einer Patientin; im rechten Foto nimmt eine Studentin die Arzneimittelanfrage einer Ärztin auf. Die Bewerterin sitzt jeweils im Hintergrund.

Urteil der Studierenden überwiegend positiv

Nach der Prüfung haben die 38 Studierenden einen Evaluationsbogen ausgefüllt, mit folgenden Ergebnissen: Mit der Organisation waren alle sehr zufrieden. 97 Prozent sehen diese Prüfung als notwendig an. 60 Prozent würden sie verpflichtend einführen. Die Aufgaben wurden von über 90 Prozent als vielseitig, praxisnah und motivierend eingestuft. Die Schwierigkeit der einzelnen Aufgaben fanden 60 Prozent angemessen; die übrigen Studierenden fanden sie zu schwer oder zu einfach. Für eine bestimmte Aufgabe wurden vermehrt Probleme angegeben: Der korrekte Umgang mit Mehrweg-Insulinpens war vielen Studierenden nicht hinreichend geläufig.

87 Prozent der Studierenden befürworteten das kurze Feedback nach jeder Station, sie empfanden es als hilfreich und angenehm. Kein Student gab an, dadurch gestört oder verunsichert worden zu sein. Bei dem Feedback wurde nur auf die Gesprächsführung eingegangen, sodass der Studierende die Möglichkeit hatte, sich während der Prüfung zu verbessern.

Jeweils 25 Prozent wünschten ein mündliches Feedback am Ende der Prüfung bzw. fänden es sinnvoll, nach der Prüfung die eigene Leistung bei den einzelnen Stationen mit dem Prüfungsteam zu diskutieren und eine Selbsteinschätzung vorzunehmen. Dies halten die Organisatoren jedoch wegen der großen Zahl der Prüflinge nicht für möglich. So wird es künftig dabei bleiben, dass den Studierenden alle Prüfungsergebnisse wenige Tage später schriftlich mitgeteilt werden.

Fast alle Studierenden sahen ihre Erwartungen an die OSCE-Prüfung erfüllt oder sogar übertroffen. Dies spiegelt sich auch in den Kommentaren wider (s. Kasten).

Kommentare der Prüflinge

Die Studierenden hatten die Möglichkeit, im Evaluationsbogen ihre Wünsche zu äußern und Kritik zu üben. Hier eine Auswahl der Kommentare:

„Ich war anfangs sehr nervös, aber man ist doch durch die Trainingsapotheke gut geschult und kann es gut meistern, Atmosphäre sehr angenehm.“

„Von Station zu Station selbstsicherer.“

„Hat Spaß gemacht, mir wurde durch das Team die Aufregung genommen.“

„Hilfreiches Feedback, die Prüfung hat mir sehr gut gefallen.“

„Noch weitere, mehr Stationen.“

Auch die Prüfer sind zufrieden

Nach der OSCE-Prüfung hat das gesamte Prüfungsteam (Schauspieler, Bewerter und Organisatoren) eine Reflexionsrunde durchgeführt. Es wurden die Probleme der Studierenden bei verschiedenen Stationen diskutiert und Verbesserungsvorschläge für die Checkliste erarbeitet. Insgesamt hat sich die OSCE-Prüfung als geeignet erwiesen, um die Studierenden hinsichtlich der im Seminar erworbenen Kompetenzen zu prüfen.

Wie geht es weiter?

Nach dem erfolgreichen Testdurchlauf wird die OSCE-Prüfung für dieses Semester (Wintersemester 2014/15) in Mainz verpflichtend eingeführt. Weitere Prüfungsstationen werden ausgearbeitet. Neben den praktischen Stationen soll es auch theoretische Stationen geben, in denen die Studierenden einen Fall schriftlich bearbeiten. Die Checklisten zur Bewertung werden überarbeitet.

Wir danken allen Schauspielern, Bewertern und Organisatoren für ihren Einsatz. Nicht zuletzt gilt unser Dank allen Pharmaziestudierenden des damaligen 6. Fachsemesters der Johannes Gutenberg-Universität Mainz für die Teilnahme und die konstruktive Kritik. 

Quellen

[1] Website von Ronald M Harden. www.iime.org/committee/harden.htm

[2] Fischbeck S, Mauch M. Praktische Prüfung (Objective Structured Clinical Examination) im Fach Medizinische Psychologie: Objektive Leistung und studentisches Urteil. In: Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie und Psychopathometrie (DGMPP) – Identität. Würzburg, 17.10.2009

[3] Fischbeck S, Mauch M, Leschnik E, Laubach W. Entwicklung und Evaluation einer OSCE für die Überprüfung kommunikativer ärztlicher Kompetenz im Kursus der Medizinischen Psychologie und Medizinischen Soziologie. Z Med Psychol 2010;19:94–96

[4] Eberlin M, Krämer I. Trainingsapotheke und Virtuelles Praktikum – Praxisbezogene Ausbildung an der Universität Mainz. Dtsch Apoth Ztg 2011;151(16):56–59

[5] Eberlin M, Krämer I, Zeiter B. Praxisorientierte Klinische Pharmazie mittels Trainingsapotheke und Virtuellem Praktikum – Neues Lehrkonzept am Institut für Pharmazie und Biochemie der JGU Mainz. In: Gutenberg Lehrkolleg der Johannes Gutenberg- Universität Mainz (Hrsg). Gute Lehre – von der Idee zur Realität – Innovative Lehrprojekte an der JGU. Bielefeld 2013, S. 37–51

[6] Krambeer C, El Khelifi I, Lehmann S. OSCE-Prüfung bei Studierenden beliebt. Dtsch Apoth Ztg 2009;149 (Beilage Student und Praktikant 5):94–95

Autorinnen

Dr. Bettina Zeiter, Dr. Marina Bayer, Prof. Dr. Irene Krämer

Institut für Pharmazie, Abteilung Klinische Pharmazie, und Apotheke der Universitätsmedizin

Johannes Gutenberg- Universität

Langenbeckstraße 1, 55131 Mainz

 

bettina.zeiter@unimedizin-mainz.de  

irene.kraemer@unimedizin-mainz.de

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