Die Seite 3

Exportweltmeister

Dr. Benjamin Wessinger, Chefredakteur der DAZ

Deutschland war einmal die Apotheke der Welt – diese Aussage hört man immer wieder, immer mit einem wehmütigen Unterton, der klar macht: heute ist das anders. Und tatsächlich sind viele deutsche Arzneimittelhersteller von Weltrang inzwischen in großen, multinationalen Konzernen aufgegangen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die pharmazeutische Industrie in Deutschland immer noch eine wichtige Rolle spielt, dass internationale Pharmariesen Verwaltungs- und Produktionsstandorte in Deutschland haben, es gibt auch immer noch deutsche Arzneimittelhersteller von Weltrang. Dazu kommt – typisch für Deutschland – ein starker Mittelstand, der durchaus auch international erfolgreich ist.

Doch die Klage hat natürlich einen wahren Kern, die deutsche Pharmaindustrie hat längst nicht mehr die gleiche Bedeutung wie zu ihren goldenen Zeiten. Dazu haben, neben Megatrends wie die Globalisierung oder der Aufstieg der USA zur Forschungsnation Nummer eins, auch die diversen Spargesetze, pardon Gesundheitsreformen, auf dem Heimatmarkt Deutschland beigetragen.

Da freut man sich erst einmal, wenn man liest, dass aus Deutschland mehr Arzneimittel exportiert werden, immerhin ist die deutsche Wirtschaft stolz auf ihre Exportstärke. Aber was das Marktforschungsunternehmen IMS Health da beobachtet hat (siehe den Beitrag „Drehscheibe Deutschland“), ist nur auf den allerersten Blick erfreulich, denn Deutschland entwickelt sich zum Herkunftsland von Arzneimittel-Parallelexporten. Weil hier die Arzneimittelpreise immer weiter sinken, beginnen Händler, hochpreisige Arzneimittel in Deutschland aufzukaufen und in anderen europäischen Ländern weiterzuverkaufen.

Dass der Parallelimport nach Deutschland den Parallelexport aus Deutschland weit übersteigt, ist nur ein schwacher Trost. Denn wenn sich die Preisspirale immer weiter nach unten dreht, könnte sich dieses Verhältnis auch umdrehen. Wäre das für die Apotheker schlimm? Nicht unmittelbar, dank der seit 2004 geltenden Preisbildungsmechanik würden sie von den sinkenden Preisen sogar profitieren: Der Wareneinsatz sinkt, das im Lager gebundene Kapital sinkt usw.

Doch mittelfristig kann der Parallelexport im Herkunftsmarkt der Exporte durchaus zu Problemen führen. So können Parallelexporte Lieferengpässe verschärfen. Die IMS-Untersuchung legt den Schluss nahe, dass das zumindest bei einigen Arzneimitteln auch in Deutschland bereits heute der Fall sein könnte. Nicht umsonst haben einige „klassische“ Parallelexport-Länder wie Griechenland begonnen, Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Und schon heute wird bei der Diskussion um Arzneimittel-Lieferengpässe immer wieder auf das niedrige deutsche Preisniveau hingewiesen, das die Lieferung in andere Länder attraktiver macht.

Deutschland war einmal die Apotheke der Welt. Wir sollten darauf achten, dass es sich nicht zum Arzneimittel-Discounter der Welt entwickelt.

Dr. Benjamin Wessinger

 

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