Aus den Ländern

Medikalisierung und Arzneimittelfehlgebrauch

Jahrestagung der DGSMP – Sozialmedizin und Prävention

Von 24. bis 26. September fand in Erlangen die 50. Jahrestagung der Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) statt. Mit dem Thema „Ständige Verfügbarkeit in der Arbeits- und Lebenswelt – Risiken und Chancen“ griff die DGSMP ein aktuelles Thema auf.

Medikamente als „Schmiermittel“ der Gesellschaft?

Über den Einsatz von Arzneimitteln zur Bewältigung des Arbeitslebens oder von Ausbildungszeiten referierte Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik Bremen. Heute könne man beobachten, wie die auf immer mehr Leistung getrimmten Menschen Arzneimittel zur Strukturierung des Tages benutzen. Es gebe „uppers“, um ständig „gut drauf“ zu sein, und „downers“, um wieder „runterzukommen“ und schlafen zu können. Andererseits sei unter jungen Männern der Wettbewerb verbreitet, mit der kürzesten Schlafdauer pro Tag auszukommen.

In den 60er Jahren hatten die Benzodiazepine als „Schmiermittel der Gesellschaft“ die als zu gefährlich erkannten Barbiturate abgelöst. Durch geschickte Werbung habe die pharmazeutische Industrie bei Ärzten bis in die 80er Jahre die Illusion aufrechterhalten können, bei Benzodiazepinen handele es sich um harmlose Mittel zur Bewältigung des Alltags.

In den 70er und 80er Jahren habe die erste Individualisierungswelle mit Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung eine neue Richtung vorgegeben: Die Antidepressiva vom Typ der SSRI versprachen Glück auf Rezept und lösten die älteren, eher müde machenden trizyklischen Antidepressiva ab.

Laut Glaeske helfen die Arzneimittelhersteller denjenigen, die die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit durch hoch wirksame Arzneimittel erweitern wollen, durch die „Erfindung neuer Erkrankungen“ („Disease Mongering“), zu deren Behandlung sie die passenden Präparate anbieten. Einige Ethiker fordern sogar die Arzneitherapie für Gesunde: Jeder solle das Recht haben, seine Psyche mit Arzneimitteln zu beeinflussen, um den Anforderungen der Leistungsgesellschaft zu genügen.

Die Kehrseite der Anpassung an die Leistungsgesellschaft ist, dass immer mehr Menschen eine Depression entwickeln und aus dem Arbeitsleben gedrängt werden, um jüngeren „Workaholics“ Platz zu machen. Statt des altbackenen, etwas muffigen Begriffs „Depression“ habe die Fachwelt sich auf den modischen Begriff „Burn-out“ verständigt, so Glaeske. Abschließend appellierte er an die Sozialmediziner und die in der Prävention tätigen Gesundheitswissenschaftler, ihre Stimme gegen diese Medikalisierung der Gesellschaft zu erheben.

Hypnotika auf Privatrezept

Das Thema Benzodiazepine stand auch im Mittelpunkt eines Vortrags von Dr. Udo Puteanus vom Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen in Münster. Er stellte Ergebnisse einer zehnmonatigen Erhebung in einer Apotheke vor, in welchem Ausmaß Ärzte Benzodiazepine und Z‑Substanzen (Zolpidem, Zopiclon, Zaleplon) auf Privatrezept verordneten, obwohl die Patienten in der gesetzlichen Krankenkasse versichert waren: Etwa 23 Prozent der GKV-Versicherten hatten solche Privatrezepte; etwa zwei Drittel von ihnen waren Frauen, und die meisten waren über 65 Jahre alt. Frühere Untersuchungen hatten bei der Verordnung von Benzodiazepinen und Z‑Substanzen an GKV-Patienten sogar einen 50-prozentigen Anteil der Privatrezepte ergeben.

Antibiotika bei Otitis media

Ein anderes Thema für Arzneimittelmittelfehlgebrauch sind Antibiotika bei akuter Otitis media (AOM); sie werden in Deutschland häufig verordnet, obwohl allgemein bekannt ist, dass bei Kindern eine unkomplizierte AOM in 80 Prozent der Fälle in zwei bis drei Tagen von selbst ausheilt.

Oft wird argumentiert, die Eltern der kranken Kinder würden die medikamentöse Therapie bei den behandelnden Ärzten einfordern. Versorgungsforscher um Dr. Sibylle Kautz-Freimuth, Köln, befragten dazu 138 Eltern von Kindergartenkindern über zwei Jahre und fanden, dass Antibiotika bei AOM fast dreimal häufiger verordnet wurden, als Eltern aktiv darum gebeten hatten; dies widerspricht der weitläufigen Annahme, dass die Verordnung von Antibiotika bei AOM meistens auf dem Elternwunsch fußt.

Adhärenz und Non-Adhärenz bei rheumatoider Arthritis

Ein Team um Dr. Susanne Brandstetter vom Institut für Epidemiologie und Prävention der Universität Regensburg befragte Patienten mit rheumatoider Arthritis, ob und warum sie ihre Arzneimittel konsequent einnahmen bzw. dies nicht taten. Einige Patienten verzichteten aufgrund der Angaben zu Nebenwirkungen zeitweise auf die Einnahme, andere waren nicht von der Wirksamkeit der Medikation überzeugt. Außerdem spielten die tatsächlich erlebten Nebenwirkungen eine entscheidende Rolle. Weitere wichtige Gründe für die Nicht-Adhärenz waren Vergesslichkeit, mangelndes Vertrauen in den Arzt sowie praktische Probleme bei der Einnahme der Arzneimittel.

Die Abstracts aller Vorträge und Poster der Jahrestagung können kostenlos heruntergeladen werden bei

http://dgsmp2014.de > Abstracts. 

Dr. Udo Puteanus, Münster (Westf.)

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