Selbstmedikation

Genau hinschauen!

Beratung bei Augenbeschwerden

Von Claudia Bruhn | Berichtet ein Kunde über Beschwerden im Bereich der Augen, so kann ein tiefer Blick in dieselben für die Beratung hilfreich sein. Auch wenn die Diagnose dem Haus- oder Augenarzt vorbehalten bleibt, lassen sich Betroffene in der Apotheke gern Mittel zur kurzfristigen Symptomlinderung empfehlen. Darüber hinaus können sie gegebenenfalls dazu motiviert werden, den Arztbesuch nicht lange aufzuschieben.

Schwerpunkt dieses Beitrages sind Ursachen, Symptome sowie Beratungshinweise bei geröteten Augen, entzündeten Lidrändern oder daran befindlichen gutartigen Verdickungen, bekannt als Hagel- bzw. Gerstenkorn. Das Symptom „Trockenes Auge“ wurde ausführlich in einer früheren DAZ-Ausgabe besprochen (s. Kasten „Zum Weiterlesen“).

Zum Weiterlesen

Auch wenn diese vier Augenerkrankungen einige typische Symptome aufweisen, ist eine Abgrenzung nicht immer einfach. Führt die Selbstmedikation nach zwei bis drei Tagen zu keiner deutlichen Besserung der Symptome, sollten die Betroffenen einen Arzt aufsuchen. Dringend abzuraten ist von Selbstmanipulationen wie beispielsweise dem Eröffnen eines Gerstenkorns.

Bindehautentzündung

Ursachen

Die Ursachen einer Bindehautentzündung (Konjunktivitis), der mit Abstand häufigsten Augenerkrankung, können sehr vielfältig sein: Bakterien, Mykobakterien, Pilze und Viren, Pollen und andere Allergene wie Tierhaare oder Bestandteile von Augenkosmetika, außerdem Zugluft oder Wind, Fremdkörper (Stäube, Insekten), UV-Strahlung oder auch das chlorhaltige Wasser in Schwimmbädern zählen zu den häufigsten. Auch ein Mangel an Tränenflüssigkeit oder das zu lange Tragen von Kontaktlinsen können entzündliche Prozesse einleiten. In Einzelfällen können bestimmte Formen der Fehlsichtigkeit (Übersichtigkeit, latentes Schielen) eine Konjunktivitis hervorrufen, z.B. wenn Betroffene durch unwillkürliches Reiben in den Augen bei ungenügendem Sehen Entzündungsprozesse in Gang setzen.

Symptome

Typische Symptome einer Konjunktivitis sind Rötungen, Jucken, Brennen, Tränen und Fremdkörpergefühl in den Augen, die außerdem nach dem Schlafen verklebt sein können. Ist eine allergische Reaktion auf Augenkosmetika die Ursache, kann auch die empfindliche Haut um das Auge und die Augenlider gerötet und geschwollen sein. Bei allergisch bedingter Konjunktivitis treten zusätzlich typische Beschwerden wie wässrige Rhinitis oder häufiges Niesen auf. Bei einer Allergie sind beide Augen betroffen, bei infektiöser Ursache häufig zunächst nur ein Auge.

Eine Sonderform ist das Hyposphagma (akutes rotes Auge), eine Unterblutung der Bindehaut durch körperliche Anstrengung (Pressen, Heben, Husten, Niesen) oder Traumata (z.B. Kopfverletzung), die ca. innerhalb einer Woche resorbiert wird.

Beratung

Bei nicht-infektiöser Konjunktivitis bilden sich die Symptome häufig rasch zurück, sobald die Ursache nicht mehr gegeben ist. Unterstützend können kurzfristig α-Sympathomimetika wie Tetryzolin (Berberil®) oder Tramazolin (Biciron®) empfohlen werden, die die Hyperämie beseitigen und dadurch Rötungen und Schwellungen rasch abklingen lassen. Um einen Rebound-Effekt zu vermeiden, sollten sie jedoch nicht länger als fünf bis sieben Tage angewendet werden. Bei allergischer Konjunktivitis kommen Präparate mit Azelastin (z.B. Azela Vision® sine Augentropfen), Levocabastin (Livocab® Augentropfen) oder Cromoglicinsäure (Vividrin® antiallergische Augentropfen) zum Einsatz. Alternativen der komplementären Therapierichtungen bei Konjunktivitis verschiedener Ursachen sind Chelidonium Rh D4 Augentropfen, Euphrasia Augentropfen oder Euphrasia comp. Augensalbe. Wenn die Beschwerden sich nicht innerhalb von zwei bis drei Tagen bessern, sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Zur schnelleren Auflösung des Hämatoms beim Hyposphagma kann Heparin-haltige Augensalbe (Parin® POS Augensalbe), beim Vorhandensein von Hornhautläsionen Bepanthen® Augensalbe, empfohlen werden.

Ist schnelle Hilfe gefragt, beispielsweise weil ein wichtiger Termin ansteht, können Opticalm® Gouttes Bleues eine gute Empfehlung sein. Eine blaue Flüssigkeit, die ihre Farbe durch Extrakte unter anderem aus Kornblume und Holunder erhält, wird in das gerötete Auge getropft und lässt es optisch weiß erscheinen. Kontaktlinsen sollten vorher entfernt und erst nach ca. 15 Minuten wieder eingesetzt werden, was auch für alle anderen Augenzubereitungen gilt.

Lidrandentzündung

Ursachen

Hauptursache einer Lidrandentzündung (Blepharitis) ist meist eine angeborene gestörte Funktion der Augenliddrüsen (Meibom-Drüsen), die für die Produktion der äußeren, öligen und vor Verdunstung schützenden Schicht des Tränenfilms verantwortlich sind. Weitere Faktoren wie Hauterkrankungen, Medikamente (regelmäßige Anwendung von Augentropfen), Kosmetika und Pflegeprodukte, Rauchen oder die Ernährung spielen eine Rolle.

Symptome

Betroffene berichten häufig, dass Symptome wie Bindehautrötung, Augentränen, geschwollene oder verklebte Lidränder, Juckreiz oder Lichtempfindlichkeit schon über mehrere Wochen andauern und bisherige Therapieversuche, teilweise sogar mit Cortison- oder Antibiotika-haltigen Augensalben, fehlgeschlagen sind.

Beratung

Wichtigster Beratungshinweis ist die Information, dass die Behandlung einer Blepharitis – die vom Augenarzt initiiert werden sollte – viel Geduld erfordert, da sie mehrere Wochen dauern kann. Am besten integriert man sie so selbstverständlich wie das Zähneputzen in den Alltag. Denn wenn sich das Hautbild bessern soll, ist eine ein- bis zweimal tägliche Reinigung und Pflege erforderlich. Augenkosmetika und Kontaktlinsen sollten in dieser Zeit nicht verwendet werden.

Zur Lidrandreinigung empfehlen sich speziell für diesen Zweck entwickelte Zubereitungen (z.B. BlephaCura® liposomale Suspension, Lipo Nit® Lidpflege). Zur Linderung von Beschwerden, die durch einen gestörten Tränenfilm entstehen, können künstliche Tränen (z.B. auf Hyaluronsäurebasis, Hylo®-Gel, Artelac® Splash MDO®) zum Einsatz kommen.

Wie beim Gerstenkorn (s.u.) beschrieben, kann eine Rotlichtbehandlung mit anschließendem Ausstreichen des verflüssigten Sekretes mittels Lidmassage sinnvoll sein. Dabei wird mit dem Finger mehrfach am Oberlid von oben nach unten und am Unterlid von unten nach oben, jeweils zum Lidspalt hin, sowie vom äußeren zum inneren Lidwinkel hin massiert. Eine Alternative zur Rotlichtlampe ist eine elektrisch betriebene Wärmebrille (Blephasteam® Wärmebrille).

Gerstenkorn

Ursachen

Ursache eines Gerstenkorns (Hordeolum) ist eine akute bakterielle Infektion (meist Staphylococcus aureus) der Lidranddrüsen. Je nach Lokalisation unterschiedet man innere und äußere Gerstenkörner (Hordeolum externum und internum) sowie solche, bei denen im „reifen“ Zustand die Eiterstelle direkt an der Lidkante sitzt und durch ihr Erscheinungsbild der Erkrankung ihren Namen gab.

Symptome

Infolge der Eiterbildung verdickt sich das Lid zunächst flächig, später konzentrieren sich Schmerz und Schwellung an einer Stelle. Zusätzlich können der Lidrand gerötet und die Bindehaut gereizt sein. Daher lassen sich Konjunktivitis und Gerstenkorn manchmal schwer voneinander abgrenzen. Für letzteres spricht ein starker Juckreiz und das Erscheinen des typischen „Eiterpickels“, der sich meist innerhalb einer Woche von selbst öffnet.

Beratung

Heilt ein Gerstenkorn nicht von selbst ab, verordnet der Art eine antibiotische Augensalbe oder -tropfen (z.B. Gentamycin, Erythromycin). Im Rahmen der Selbstmedikation kann zur Unterstützung der Abheilung eine desinfizierende Augensalbe (Posiformin® 2% Augensalbe, Wirkstoff Bibrocathol) empfohlen werden. Alternativ sind Rotlicht-Anwendungen sinvoll (zweimal täglich fünf bis zehn Minuten, Augen dabei geschlossen halten), wobei auf einen Abstand von mindestens 50 cm zur Lichtquelle geachtet werden muss. Nicht empfehlenswert ist dagegen die Anwendung feucht-warmer Kompressen, insbesondere mit Kamillentee, da durch unsterile Lösungen weitere Keime in das Auge gelangen können und Kamille zusätzlich ein allergisierendes Potenzial besitzt. Auch allgemeine Hygienemaßnahmen, die vor Übertragung der Erreger auf andere Personen schützen (z.B. kein gemeinsames Benutzen von Handtüchern) sind wichtig. Besonders abzuraten ist vom selbstständigen Öffnen des Gerstenkorns.

Hagelkorn

Ursachen

Ein Hagelkorn (Chalazion) kann einem Gerstenkorn ähneln, insbesondere bei einer Sekundärinfektion. Normalerweise handelt es sich aber um eine nicht-infektiöse, chronische und nicht schmerzhafte Schwellung, die durch einen Sekretstau in den Augenliddrüsen entsteht.

Symptome

Anders als ein Gerstenkorn verursacht das Hagelkorn meist keine Schmerzen, sondern höchstens ein Spannungsgefühl durch eine Entzündung im Augengewebe. Auch wegen seiner „versteckten“ Lage im Ober- oder Unterlid kann es längere Zeit unbemerkt bleiben und spontan abheilen.

Beratung

Auch beim Hagelkorn kann eine Rotlicht-Anwendung sinnvoll sein. Antibiotische Augenzubereitungen sind – außer bei einer Sekundärinfektion – nicht indiziert. Entzündungshemmende Zubereitungen (z.B. Sophtal-POS® N Augentropfen, Wirkstoff Salicylsäure) können empfohlen werden. Zeigen Selbstmedikations-Maßnahmen keine Wirkung, kann ein Hagelkorn durch den Augenarzt geöffnet werden.

Grenzen der Selbstmedikation: schwerwiegende Erkrankungen mit Augenbeteiligung

Bindehautentzündungen gelten als harmlose und leicht behandelbare Augenerkrankungen. Dennoch sollte in der Beratung daran gedacht werden, dass bei einigen schwerwiegenden Krankheiten auch die Augen mit typischen Konjunktivitis-Symptomen betroffen sind. Dazu zählt beispielsweise das Reiter-Syndrom, das durch entzündliche Prozesse an Gelenken, der Harnröhre und der Bindehaut des Auges gekennzeichnet ist. Auch beim Kawasaki-Syndrom, das den Vaskulitiden zugeordnet wird, kann neben Fieber, Lymphknotenschwellung, Haut- und Schleimhaut-Symptomen eine bilaterale, nicht-eitrige Konjunktivitis auftreten.

Bei Patienten mit Rosazea kommt es in ca. 30 bis 50% der Fälle zu einer Augenbeteiligung (Ophthalmorosazea). Die Symptome sind relativ unspezifisch (Fremdkörpergefühl, trockene, brennende oder tränende Augen, geröteter Lidrand). Zu den häufigsten Manifestationen der okulären Rosazea zählen Konjunktivitis und Blepharitis, gelegentlich auch Gersten- oder Hagelkörner. Außerdem kann es durch Störungen des Tränenfilms zu Sehstörungen (Verschwommensehen, erhöhte Lichtempfindlichkeit) kommen. Da die Haut- und Augensymptome bei etwa 20% der Rosazea-Patienten jahrelang getrennt voneinander auftreten, werden Augenbeteiligungen oft übersehen bzw. nicht mit der Rosazea in Verbindung gebracht.

Bei Gonorrhö-Patienten kann durch Schmierinfektion leicht eine Selbstübertragung der Erreger erfolgen, was teilweise zu schweren Verläufen mit stark geschwollenen Augen und Eiterbildung bis zu Hornhautgeschwüren führen kann. Eine Gonokokken-Infektion während der Schwangerschaft kann ernste Folgen für die Augen des Neugeborenen haben (Ophtalmia neonatorum).

Rückkehrer von Fernreisen, die über Augensymptome berichten, sollten unverzüglich einen Augenarzt aufsuchen. Gelegentlich werden auch die Symptome eines Glaukom-Anfalls, der eine sofortige augenärztliche Behandlung erfordert, mit einer Konjunktivitis verwechselt.

Bei Entzündungen der Regenbogen- oder Hornhaut ist die Bindehaut des Auges fast immer mit betroffen, sodass im Zweifel die Differenzialdiagnose durch den Augenarzt wichtig ist. 

Quelle

Website des Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA), http://cms.augeninfo.de

S1-Leitlinie Reaktive Arthritis. Hrsg.: Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie und Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin AWMF-Register Nr. 027/057, Stand Januar 2013

S1 Leitlinie Vaskulitiden – Kawasaki-Syndrom. Hrsg.: Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie und Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, AWMF-Register Nr. 027/063, Stand Januar 2013

S 2-Leitlinie Mikrobiologische Diagnostik bei Infektionen des Auges. Hrsg.: u.a. Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM), AWMF-Register Nr. 067/008, Stand Juli 2011

S1-Leitlinie Rosazea. Hrsg.: Deutsche Dermatologische Gesellschaft, AWMF-Register Nr. 013/065, Stand März 2013

Lennecke K et al. Selbstmedikation. Leitlinien zur pharmazeutischen Betreuung, Deutscher Apotheker Verlag, 4. Auflage (2011)

 

Autorin

Dr. Claudia Bruhn ist Apothekerin und arbeitet als freie Medizinjournalistin. Sie schreibt seit 2001 regelmäßig Beiträge für die DAZ.

clbruhn@web.de

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