Feuilleton

„… und werde Millionär in kurzer Zeit“

Aus dem Leben des Apothekers und Unternehmers Heinrich Nestle

Heinrich Nestle begann seine berufliche Karriere ganz bescheiden in einer Apotheke in Frankfurt am Main, wo er vor 200 Jahren, am 10. August 1814, das Licht der Welt erblickt hatte. Der von ihm gegründete Weltkonzern trägt noch heute seinen Namen und führt als Logo ein „Nestle“ mit einem Vogel, der seine Jungen füttert – ursprünglich das „redende“ Wappen der Familie.
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Fotos: Nestlé AG
Henri Nestlé (1814–1890)

Nestles Großvater stammte aus Sulz am Neckar und kam um 1755 nach Frankfurt, wo er – wie auch sein Sohn – vom Glashandel lebte. Sein Enkel Heinrich absolvierte nach seiner Schulzeit eine Lehre in der nahe bei seinem Elternhaus gelegenen Brückenapotheke – ein Gehilfenbrief ist allerdings nicht überliefert.

Als Apothekergehilfe in der Schweiz

Erst im November 1839 wurde Nestle wieder aktenkundig, als er seine Prüfung zum Apothekergehilfen („Commis-Pharmacien“) in Lausanne ablegte. Danach begann er in Vevey am Genfer See bei Apotheker Mark Nicollier zu arbeiten. Dieser hatte 1827 bei Justus Liebig in Gießen Vorlesungen gehört und ein Laborpraktikum absolviert.

Nicollier ermöglichte es seinem Apothekergehilfen, der zu diesem Zeitpunkt den heute berühmten Akzent auf seinen Namen setzte und sich nun Henri Nestlé nannte, sich selbstständig zu machen: 1843 erwarb Nestlé in Vevey ein Grundstück mit einer Ölmühle, Schnapsbrennerei, Knochenstampfe und Sägerei. Bei der Finanzierung half ihm seine vermögende Tante Nestle-Andreae in Frankfurt, die ihm fast die Hälfte des Kaufpreises von 19.000 Franken vorstreckte.

Vielseitiger Unternehmer

Nestlé bezeichnete sich von nun an als „Negociant“ (Geschäftsmann). Später fügte er noch die Bezeichnung Chemiker hinzu. In einer Annonce aus dem Jahr 1846 warb er bereits für eine Reihe von Produkten aus seinem Hause: Mineralwasser und kohlensäurehaltige Limonade, Essig, diverse Liköre, Senf in Pulver- und Pastenform sowie Knochenmehl. Letzteres wurde als Phosphatgehaltdünger eingesetzt. Ende der 1840er Jahre beendete Nestlé die Mineralwasserproduktion und begann, Leuchtgas herzustellen, nachdem er in seinem Labor die nötigen Experimente durchgeführt hatte. Hauptabnehmer war die Stadt Vevey die damals ihre Straßenbeleuchtung von Öl- auf Gaslaternen umstellte.

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Das Unternehmen Nestlé in Vevey am Genfer See, 1890.

Im Herbst 1857 stieg der aus Württemberg stammende Apotheker Wilhelm Keppel, der 1849 Marc Nicolliers Apotheke in Vevey übernommen hatte, bei Nestlé mit 20.000 Franken ein. Nestlé nannte seine Firma jetzt „Fabrique de gaz liquide“, denn er hatte alle anderen Produktionszweige eingestellt; zudem handelte er mit Guanodünger aus Peru.

Auch privat änderte sich etwas: Im Mai 1860 meldete das Frankfurter Amtsblatt: „Getraut 1860, Mai 23, Nestle, Heinrich, hiesiger Bürger und Chemiker, dermalen wohnhaft zu Vevey, Kanton Waadt in der Schweiz, mit Ehemant, Anna Clementine Therese, hies. Bürgerstochter.“ Nestlé zog gleich nach der Hochzeit wieder nach Vevey, behielt aber sein Frankfurter Bürgerrecht.

Das lukrative Gasgeschäft lief schon 1863 aus, als in Vevey ein neues Gaswerk errichtet wurde. Nestlé verkaufte nun geschnittenes Süßholz, nachdem er eine neuartige Schneidemaschine konstruiert hatte. 1866 tat er sich mit einem ortsansässigen Unternehmer zusammen, um eine Firma zur Produktion von Portlandzement zu gründen. Rund eineinhalb Jahre benötigte Nestlé, um in seinem Labor eine geeignete „Rezeptur“ zu entwickeln, doch sein Compagnon war inzwischen abgesprungen, und allein brachte er die Produktion des Zements nicht in Gang.

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Nestle’s Kindermehl Werbeanzeige kurz vor 1900: „30-jähriger Erfolg“; damalige Jahresproduktion: 30 Millionen Dosen. Links oben die „Firmen-Marke“.

Mit Kindermehl zum Durchbruch

Im Jahr 1865 veröffentlichte Justus Liebig in den „Annalen der Chemie und Pharmacie“ den Beitrag „Eine neue Suppe für Kinder“. Er hatte die Zusammensetzung der Muttermilch analysiert und als Surrogat eine Mischung aus Kuhmilch und Weizenmehl mit etwas Malz und Kaliumhydrogencarbonat kreiert. Die Rezeptur fand große Beachtung, weil Verdauungsprobleme von Neugeborenen, die nicht gestillt werden konnten, damals eine häufige Todesursache waren. Ein Nachteil der „Suppe für Säuglinge“ war ihre umständliche Zubereitung: Nach dem Ansetzen und Erwärmen musste sie mindestens eine halbe Stunde lang stehen, damit die darin enthaltene Stärke in einer Art Maischprozess quasi vorverdaut wurde. Ab 1865 stellten einige Apotheken die Rezeptur her. Apotheker Pachmayr in München bot zudem ein spezielles Malzpulver für eine vereinfachte Zubereitung der Suppe an.

Auch Nestlé befasste sich mit Säuglingsnahrung. Eine Paste aus kondensierter Milch und Zucker, die er zusammen mit Keppel entwickelt hatte, entsprach nicht seinen Vorstellungen, worauf Keppel sich von ihm trennte, mit einem neuen Teilhaber die „Deutsch-Schweizerische Milchextractgesellschaft“ gründete und 1868 in Kempten die Produktion aufnahm.

„Die in meinem Mehle enthaltene Milch wird bei ganz gelinder Wärme im Vacuum abgedampft und verändert ihre Natur durchaus nicht. Alles Stärkemehl des Weizenmehls wird durch richtiges Backen in Dextrin verwandelt, Hefe und Säure enthält es nicht, und außerdem enthält es noch alle im menschlichen Blute enthaltenen Salze. Es ist also streng nach Angaben der Wissenschaft bereitet.“

Henri Nestlé

Nestlé wollte eine Säuglingsnahrung „ganz nach Liebigs Grundsätzen“, aber mit einer einfachen Zubereitungsart erfinden, wie er rückblickend im Jahr 1868 schrieb. Er ließ Milch, in der viel Zucker gelöst war, bei 50 °C im Vakuum zu einer Masse mit honigartiger Konsistenz kondensieren. Dem Kondensat mischte er ein vom ihm selbst entwickeltes Brotpulver bei, das er folgendermaßen herstellte: Ein Teig aus feinem Weizenmehl und etwas Wasser wurde unter hohem Druck (100 Atmosphären) bei 200 bis 250 °C gebacken und dann fein gemahlen und gesiebt. Warum Brotpulver? Der französische Chemiker J.A. Barral hatte entdeckt, dass die Brotkruste leichter verdaulich ist als die darunter befindliche Brotkrume, weil ein Großteil der in der Kruste befindlichen Stärke „denaturiert“ ist, d.h. in Dextrin umgewandelt ist. Deshalb ersetzte Nestlé das Malz in Liebigs Rezeptur durch Brotpulver. Zuletzt wurde dem Kindermehl, wie Nestlé sein Produkt nannte, noch etwas Natriumhydrogencarbonat zugegeben. Zur Anwendung wurde es mit Wasser angerührt.

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Dose von Nestle’s Kindermehl Der Text erläutert die Zubereitung und Anwendung.

Großproduktion beginnt

Im Herbst 1867 „testete“ Nestlé sein neues Kindermehl zunächst bei zwei „Probanden“ im Bekanntenkreis. Der eine war ein zu früh geborener Säugling, der weder Muttermilch noch andere Ersatznahrung vertrug und dem Hungertod nahe war, aber durch die Ernährung mit Kindermehl gerettet wurde. Dieser Heilerfolg sprach sich im Raum Vevey bei Müttern, Ärzten und Hebammen schnell herum, und die Nachfrage nahm entsprechend Fahrt auf. 1868 schrieb Nestlé: „Ich verkaufe täglich ein Dutzend Schachteln, ein Erfolg, der alle meine Erwartungen übertrifft. … Wenn in großen Städten im Verhältnis eben so viel verkauft wird, so muss ich eine kolossale Fabrik errichten und werde Millionär in kurzer Zeit.“ Fünf Jahre später verließen täglich 2000 Büchsen Kindermehl das Werk in Vevey.

Anfangs vertrieb Nestlé das Kindermehl hauptsächlich über den Lebensmittelhandel, dann aber über Apotheken, weil diese, wie er schrieb, „leichter auf Unterstützung der Ärzte rechnen können“.

… an einem schönen Fleck Erde

1873 ließ sich Nestlé mit seiner Ehefrau in Vevey einbürgern und gab das Frankfurter Bürgerrecht auf. Kurz darauf verkaufte er sein Unternehmen, das rund 30 Mitarbeiter zählte, für eine Million Franken an drei ehemalige Geschäftspartner. Im Mai 1875 zog er nach Glion bei Montreux, nicht weit von Vevey, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Den Ort schilderte er so: „Dort oben, 3000 Fuß über dem Meere, gibt es keinen Kirchort, keinen Arzt, Pfaff, Advokat etc., also sind alle Aussichten vorhanden, lange zu leben. Das Klima ist ausgezeichnet, der Lorbeer kommt noch gut fort, die Aussicht prachtvoll, viele Wirtshäuser, Telegraf, Gasbeleuchtung, Post, repräsentieren dort oben die moderne Zivilisation ohne deren Nachteile; kurz ich glaube nicht, dass es leicht einen schöneren Fleck Erde gibt, um sein Leben in Ruhe zu genießen.“

Am 7. Juli 1890 starb Nestlé nach kurzer Krankheit in Glion.

„Meine Erfindung ist keine neue Entdeckung, sondern eine richtige und rationelle Anwendung von Substanzen, welche schon längst als die besten für die Ernährung von Kindern bekannt sind. Milch, Brot, Zucker bester Qualität sind die Hauptbestandteile.“

Henri Nestlé über sein Kindermehl

Heute ein Global Player

Das Unternehmen wurde nach dem Verkauf umgehend in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, um das notwendige Kapital für den weiteren Ausbau zu generieren. Heute ist die Nestlé AG ein Global Player, dessen Schwerpunkte nach eigenen Angaben auf den Gebieten Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden liegen. Von den weltweit 330.000 Mitarbeitern arbeiten nur knapp 4% in Deutschland, das aber der fünftwichtigste Markt im globalen Ranking ist. Die Deutschlandzentrale befindet sich in Frankfurt, der Geburtsstadt des Firmengründers. 

Quelle

Pfiffner, Albert. Henri Nestlé – Vom Frankfurter Apothekergehilfen zum Schweizer Pionierunternehmer. Zürich 1993

Pfiffner, Albert. Henri Nestlé (1814 – 1890) – 200. Geburtstag. Vom Apothekergehilfen zum Gründer des weltweit führenden Unternehmens für Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden. Frankfurt/M. 2014

 

Dr. Walter A. Ried, Kronberg