Arzneimittel und Therapie

Geringes Krebsrisiko durch TNF-α-Blocker

Keine erhöhte Tumorinzidenz bei Crohn und Colitis

Die Therapie chronisch entzündlicher Erkrankungen mit TNF-α-Inhibitoren steht aufgrund einiger dramatischer Fallberichte im Verdacht, die Rate an Krebserkrankungen zu erhöhen. Analog einiger Immunsuppressiva scheint die Hemmung der Funktionalität des Immunsystems ausschlaggebend zu sein. Dänische Mediziner haben nun in einer landesweiten Kohortenstudie die mögliche Assoziation einer erhöhten Tumorinzidenz nach Gabe von TNF-α-Inhibitoren bei Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa geprüft.

Der Tumornekrosefaktor alpha (TNF α) steht als pro-inflammatorischer Botenstoff des Immunsystems in zentraler Position bei entzündlichen Reaktionen des Körpers. Zu den biotechnisch hergestellten Arzneistoffen, die die Wirkung von TNF α blockieren, gehören monoklonale Antikörper (Infliximab, Adalimumab) sowie rekombinante Fusionsproteine (Etanercept). Sie spielen eine entscheidende Rolle in der Behandlung chronisch entzündlicher Erkrankungen, wie rheumatoider Arthritis, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Eine zielgerichtete Neutralisation pathogener Erreger gehört zu den Hauptaufgaben des Immunsystems, sodass die Inhibition wichtiger Entzündungsmediatoren durch TNF-α-Antagonisten mit einer erhöhten Gefahr schwerer Infektionen mit zum Teil lebensbedrohlichem Verlauf einhergehen kann. Auch mit einem Anstieg der Krebsrate kann theoretisch gerechnet werden, da die spezifische Erkennung und selektive Neutralisation entarteter Zellen durch das körpereigene Immunsystem vor allem bei längerem Gebrauch von TNF-α-Blockern verringert sein kann. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat daher nach Veröffentlichung mehrerer Fallberichte von Tumorerkrankungen strengere Warnhinweise für TNF-α-Inhibitoren gefordert, wie es bereits für Immunsuppressiva zur Vorbeugung von Abstoßungsreaktionen der Fall ist [1].

Daher wurde nun die Fragestellung untersucht, ob eine Therapie chronisch entzündlicher Darmerkrankungen mit TNF-α-Blockern tatsächlich mit einer erhöhten Rate an Krebserkrankungen einhergeht [2]. Nynne Nyboe Andersen und Kollegen haben hierfür die Daten von 56.146 Patienten, die im Beobachtungszeitraum von 1999 bis 2012 entweder an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa erkrankt waren, mit den Daten des dänischen Krebsregisters verglichen. Insgesamt 4553 Patienten wurden mit einem TNF-α-Inhibitor behandelt, von denen in der mittleren Nachbeobachtungszeit von 3,7 Jahren 81 Patienten (1,8%) an Krebs erkrankten. Bei den Patienten ohne Infliximab-, Adalimumab- oder Certolizumab-Behandlung lag die Inzidenzrate dagegen bei 3465 Personen (6,7%). Auch eine angepasste Analyse unter Berücksichtigung unterschiedlicher Begleitfaktoren ergab kein erhöhtes Krebsrisiko unter der Therapie mit TNF-α-Inhibitoren. Die Autoren der Studie folgern, dass weder das Alter noch die Dosis bzw. Einnahmedauer der TNF-α-Blocker mit einem erhöhten Risiko für Tumore assoziiert sind, merkten jedoch auch an, dass bei der relativ kurzen Nachbeobachtungszeit von 3,7 Jahren noch keine endgültige Aussage über mögliche akkumulative Effekte von TNF-α-Inhibitoren getroffen werden kann. Auch das kleine Patientenkollektiv bzw. daraus resultierend die geringe Rate an Krebserkrankungen reduziert die statistische Power dieser Studie. Für eine endgültige Entwarnung müssen daher vor allem die Effekte von Langzeittherapien evaluiert und die Auswertung der Daten an einem ausreichend großen Patientenkollektiv statistisch abgesichert werden.

Quelle

[1] Information for healthcare professionals: tumor necrosis factor (TNF) blockers (marketed as Remicade, Enbrel, Humira, Cimzia, and Simponi). FDA Alert (8/4/2009), www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/PostmarketDrugSafetyInformationforPatientsandProviders/DrugSafetyInformationforHeathcareProfessionals/ucm174474.htm, Stand 27. Januar 2010

[2] Nyboe Andersen, N., et al. Association between tumor necrosis factor-alpha antagonists and risk of cancer in patients with inflammatory bowel disease. JAMA 2014;311(23):2406-2413

Apotheker André Said

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