Die Seite 3

Die Suppe auslöffeln

Dr. Benjamin Wessinger, Chefredakteur der DAZ

Ein gut eingestellter Epileptiker soll auf ein Rezept, auf dem seine gewöhnliche Medikation mit verschiedenen Antiepileptika in unterschiedlicher Wirkstärke verordnet ist (natürlich mit Aut-idem-Kreuzen), plötzlich fast 2000 Euro Zu- und Aufzahlung leisten. Der Patient versteht die Welt nicht mehr, bisher musste er – als zuzahlungsbefreiter Chroniker – in der Apotheke nie seinen Geldbeutel zücken.

Der Fall zeigt exemplarisch, warum das alte Instrument der Festbeträge in den vergangenen Wochen und Tagen so hohe Wellen geschlagen hat. Denn wieder einmal bleibt die Hauptarbeit bei einem Sparinstrument der Krankenkassen an den Apotheken hängen.

Dabei sollte der verschreibende Arzt den Patienten auf etwaige Aufzahlung hinweisen – oder ihn auf ein günstigeres Präparat umstellen. (Was in diesem Fall völlig problemlos gewesen wäre, da es vom Hersteller des fraglichen Antiepileptikums selbst ein Generikum gibt, das nach seinen Angaben absolut identisch ist.) Doch diese Aufklärung des Patienten ist in vielen Fällen graue Theorie. Die Patienten erfahren erst in der Apotheke, dass Zu- und Aufzahlungen fällig werden.

Ob diese mangelnde Information der Patienten nun Unwissenheit ist oder doch Bequemlichkeit (soll doch der Apotheker die Suppe auslöffeln, bei den Rabattverträgen macht er das doch auch), spielt dann eigentlich schon keine Rolle mehr. Nebenbei bemerkt: Diese tiefsitzende Ignoranz gegenüber den Problemen, die mit der Abgabe von Arzneimitteln verbunden sein können, lassen die Äußerungen der Ärzteschaft, nur sie könne ein Medikationsmanagement betreiben, in ziemlich trübem Licht erscheinen.

Noch ärgerlicher ist allerdings die Haltung der Krankenkassen. Sie legen über den GKV-Spitzenverband die konkrete Höhe der Festbeträge fest, sie profitieren von den dadurch sinkenden Arzneimittelpreisen – aber sie halten es nicht für nötig, ihre Versicherten über die Konsequenzen ihrer Entscheidung aufzuklären. Zufällig kam am Montag die Mitgliederzeitschrift meiner Krankenkasse, einer großen Ersatzkasse. Gespannt suchte ich die Erklärung der Zu- und Aufzahlungsproblematik. Aber Pustekuchen! Vier Seiten über richtiges Grillen, drei Seiten über verschiedene Wassersportarten und jede Menge Eigenlob für den guten Versichertenservice und die tollen Haushaltszahlen 2013 – aber kein Wort über drohende Zu- und Aufzahlungen für eine Vielzahl von Arzneimitteln.

In diesem Zusammenhang muss es wie Hohn klingen, wenn der Patientenbeauftragte Karl-Josef Laumann öffentlich äußert, Apotheker würden Patienten abwimmeln, anstatt ihnen die Zusammenhänge zu erklären. Dass er sich darüber beschwert, dass die Patienten ihn kontaktieren, ist mit larmoyant noch sehr zurückhaltend kommentiert.

Übrigens: Auf www.patientenbeauftragter.de, der offiziellen Website des Patientenbeauftragten, sind die Informationen zu Zuzahlungen zuletzt am 12. April 2013 aktualisiert worden.

Dr. Benjamin Wessinger

 

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