60 Jahre BAH

Ja zur inhabergeführten Apotheke

Interview mit Dr. Martin Weiser, Hauptgeschäftsführer des BAH

diz | Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) kann auf sein 60-jähriges Bestehen zurückblicken. Wir sprachen am Rande der Jahrestagung des Verbands der europäischen Arzneimittelhersteller (AESGP) in London mit Dr. Martin Weiser, Hauptgeschäftsführer des BAH, darüber, wie sich der BAH selbst sieht, wo seine politischen Schwerpunkte sind und wie er zu den Positionen der Apotheker steht.

DAZ: Wo sieht der BAH im Bereich der Pharmaverbände seine Position? Was ist die Philosophie des Verbandes, was macht seine Einzigartigkeit aus?

Weiser: Der BAH ist nun seit 60 Jahren aktiv im Markt. Er versteht sich als Vollanbieter von Dienstleistungen für seine mehr als 470 Mitgliedsunternehmen im Bereich der rezeptfreien und der verschreibungspflichtigen Arzneimittel. Und genau das prägt die Philosophie des Verbandes: Der BAH will Dienst an seinen Kunden leisten, für seine Mitgliedsunternehmen da sein und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen für Herausforderungen und Probleme suchen. In der Bandbreite unseres Angebots und in unserer Serviceorientierung sehen wir unsere besondere Stellung in der Verbändelandschaft. Natürlich sind wir auch ein Lobbyverband, der die Interessen der Arzneimittel-Hersteller in der Politik vertritt. Dabei werden uns von der Politik immer wieder drei Dinge bescheinigt: Eine ausgewiesene Sach- und Fachkompetenz, eine hohe Vertrauenswürdigkeit und eine stete Dialogbereitschaft. Wichtige Werte, die den BAH geprägt haben und die es zu erhalten gilt.

DAZ: Viele Ihrer Mitglieder stellen Arzneimittel für die Selbstmedikation her. Herr Dr. Weiser, wo sehen Sie vor diesem Hintergrund die Schwerpunkte der aktuellen BAH-Politik?

Weiser: Es ist in diesem Jahr genau zehn Jahre her, dass die Politik die OTC-Arzneimittel aus der Erstattungsfähigkeit der GKV herausgenommen hat. Aus Umfragen und Studien wissen wir, dass die Verbraucher als Folge dieser Maßnahme teilweise überfordert und verunsichert sind. Ärzte und Apotheker können Verbrauchern die notwendige Orientierung geben. Eine Möglichkeit hierfür ist das gemeinsam von BAH und seinen Mitgliedsunternehmen mitentwickelte und geförderte Grüne Rezept. Dieses ermöglicht dem Arzt, seinen Patienten rezeptfreie Arzneimittel zu empfehlen. Der Apotheker übernimmt anschließend die fachgerechte Beratung, etwa zur Anwendung des Arzneimittels. Allein im vergangenen Jahr belief sich die Anzahl der auf Grünem Rezept verordneten Arzneimittel auf fast 42 Millionen. Die hierbei gemachten Erfahrungen belegen, dass das Grüne Rezept nicht nur eine deutliche Verbesserung des OTC-Images mit sich bringt, sondern durch eine Erhöhung der Kundenfrequenz auch die Apotheke vor Ort stärkt. Daher sollten sich alle Beteiligten noch einmal bewusst machen: OTC-Arzneimittel sind wirksam und sicher. Gerade wegen ihrer Unbedenklichkeit und Anwendungssicherheit sind sie aus der Verschreibungspflicht entlassen worden. Eine unserer politischen Forderungen ist, dass OTC-Arzneimittel für Kinder und Jugendliche von 12 bis 18 Jahren wieder erstattungsfähig werden sollen. Das ist sowohl gesundheitspolitisch als auch gesundheitsökonomisch sinnvoll.

DAZ: Thema Rx-OTC-Switch: Setzt sich der BAH auch dafür ein, dass Arzneimittel aus der Verschreibungspflicht entlassen werden, damit weitere moderne Wirkstoffe dem Selbstmedikationsmarkt zur Verfügung stehen?

Weiser: Zunächst einmal setzen wir uns für bessere Rahmenbedingungen bei Switch-Verfahren ein. Uns geht es vor allem darum, das Procedere – also die Entlassung von Arzneimitteln aus der Rezeptflicht – transparenter zu gestalten. Der BAH hat daher gemeinsam mit seinen Mitgliedsunternehmen entsprechende Konzepte erarbeitet und dem zuständigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vorgeschlagen. Es gibt zahlreiche Wirkstoffe und auch Indikationen, für die ein Switch interessant sein könnte. Zudem arbeiten viele unserer Mitgliedsunternehmen an neuen, innovativen Produkten. Ein Ansatz ist hier, für ältere, bewährte Wirkstoffe neue Darreichungsformen, Wirkstärken oder Kombinationen zu entwickeln.

DAZ: Wie steht es mit der Beziehung des BAH zu den Apothekern? Kann der BAH die Positionen der Apothekerschaft unterstützen?

Weiser: Der BAH hat hier eine klare und eindeutige Position: Wir bekennen uns zur Apothekenpflicht und zur inhabergeführten, öffentlichen Apotheke. Der Apotheker und sein Team können den Patienten und Verbraucher fachkundig und unabhängig beraten. Die Selbstmedikation ist dabei sozusagen die Königsdisziplin des Apothekers: Sein fachkundiger Blick auf die Eigendiagnose des Patienten und seine individuelle Beratung sind besonders wichtig. Auch im Sinne von Arzneimitteltherapiesicherheit und Medikationsmanagement gilt es zu erfragen, welche anderen Arzneimittel der Patient einnimmt oder anwendet. Verantwortungsvolle Beratung kann dabei auch bedeuten, einen konkreten Patientenwunsch zu hinterfragen und Alternativen aufzuzeigen. Ganz klar ist auch: Arzneimittel sind Waren besonderer Art. Wir halten daher die Abgrenzung von Verschreibungspflicht, Apothekenpflicht und Freiverkäuflichkeit in Deutschland für richtig gelöst. Dort, wo ein Apotheker notwendig ist, muss auch ein unabhängiger Apotheker zur Verfügung stehen. Das hat sich aus unserer Sicht bewährt und sollte auch so erhalten bleiben.

DAZ: Herr Dr. Weiser, vielen Dank für das Gespräch. 

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