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… sich mit dem Apothekerberuf identifizieren

DAZ-Interview mit Gabriele R. Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, zum Leitbild, zum Apothekerberuf und zur Kammerarbeit

MÜNSTER (diz) | AMTS-Ausbildungsapotheken, AMTS-Manager, Fortbildungszertifikate, Fortbildungsmeister – Stichworte, die man mit der Apothekerkammer Westfalen-Lippe in Verbindung bringt. Gabriele R. Overwiening, seit fünf Jahren Präsidentin dieser Kammer, hat viel angestoßen und bewegt. Sie war auch von Anfang an dabei, als es um ein neues Leitbild ging. Wir unterhielten uns mit ihr übers Leitbild, über die Zukunft des Apothekerberufs und über die Kammerarbeit.

 

DAZ: Frau Overwiening, Sie sind Mitautorin des Leitbilds. Sie sind von der ersten Stunde an in diesen Prozess des Leitbildes eingebunden. Sind Sie zufrieden mit dem, was jetzt entstanden ist? Geht das Leitbild aus Ihrer Sicht in die richtige Richtung?

Overwiening: Die Entwurfsfassung des Leitbilds geht für mich auf jeden Fall in die richtige Richtung. Zum Beispiel die Forderung, dass wir in Zukunft viel stärker mit anderen Heilberufen vernetzt sein müssen, um unsere Tätigkeit auszuüben. Das wird Reibungsverluste an den Sektorengrenzen vermindern zum Wohl des Patienten. Positiv ist auch, dass das Leitbild den Patienten in den Mittelpunkt stellt und die Apotheker nicht nur auf die Arzneimittelqualität abheben. Mich freut auch, dass das Wort Therapie im Leitbild vorkommt, ein Wort, das man mit dem Apothekerberuf nicht in Verbindung bringen wollte. Auch in der Entschließung des Landes Nordrhein-Westfalen zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) steht, dass dafür alle zu sorgen haben, auch die Apotheker. Und dies taucht nun im Leitbild wieder auf, das freut mich. Apothekerinnen und Apotheker wollen Verantwortung übernehmen, nicht nur im Hinblick auf das Arzneimittel – das tun wir schon immer –, sondern im Hinblick auf die Arzneimitteltherapiesicherheit. Ich erinnere hier an das aktuelle Urteil, in dem der Richter einem Apotheker ein Mitverschulden attestierte, weil er die falsche Dosierung eines Arztes nicht erkannt hatte. Das zeigt: Die Gesellschaft hat ihre Erwartungshaltung an uns Apothekerinnen und Apotheker verändert.

Foto: DAZ/diz
Gabriele R. Overwiening: „Das Leitbild ist das Ziel, das wir ansteuern und erreichen wollen, und eine Wegbeschreibung.“

DAZ: Müsste aus Ihrer Sicht im Leitbild noch etwas ergänzt werden?

Overwiening: Weil das Leitbild Änderungen der Ausbildung nach sich ziehen wird, sollte ins Leitbild aufgenommen werden, dass sich eine moderne Apothekerausbildung auch an Patientenbedürfnissen orientieren sollte – ohne natürlich die naturwissenschaftlichen Grundlagen aufzugeben. Wir brauchen eine Weiterentwicklung der Ausbildung. Wir sollten außerdem vom Gesetzgeber Rahmenbedingungen fordern, die Umsetzung des Leitbilds zu ermöglichen.

DAZ: Könnten Sie ein Beispiel für eine solche Rahmenbedingung nennen?

Overwiening: Wenn ich mich verpflichtend vernetzen muss, müssen dafür die Grundlagen geschaffen werden. Wenn die Politik die Infrastruktur der Arzt- und Apothekenversorgung auf dem Land aufrecht erhalten will, könnte sie vor dem Hintergrund des Apotheken-Leitbilds sagen: Diese Apotheken sollen sich mit den Ärzten vernetzen. Diese Apotheken sollten beispielsweise die Möglichkeit erhalten, Rezepte zu verlängern. Die Infrastruktur Apotheke kann so auf dem Land erhalten bleiben, losgelöst davon, ob ein Arzt vor Ort ist.

DAZ: Näher an den Patienten – das bedeutet auch eine intensive Kommunikation mit dem Patienten. Kommunikation ist ein Fach, das so im Studium noch nicht gelehrt wird. Sollte Kommunikation mit in die Ausbildung des Apothekers aufgenommen werden und wenn ja, an welcher Stelle?

Overwiening: Ich bin überzeugt, Kommunikation gehört in jedes Studium, das zu einem Beruf führt, in dem ich mich mit Menschen austauschen muss. Daher wäre es sehr schön, wenn die universitäre Ausbildung das Fach Kommunikation in weiten Teilen mit übernehmen würde. Auf alle Fälle gehört Kommunikation in den dritten Ausbildungsabschnitt. In Westfalen-Lippe ist dies auch eine Aufgabe für die AMTS-Ausbildungsapotheken, die den Pharmazeuten im Praktikum beibringen, wie man beispielsweise mit den Ärzten kommuniziert. Ich bin überzeugt, wir brauchen dafür standardisierte Wege. Deshalb müssen wir uns als Kammer auch überlegen, wie wir den Apotheken helfen, Kommunikation aufzubauen. In unseren Fortbildungsangeboten sind bereits Angebote enthalten, wie die Kommunikation mit dem Patienten verbessert werden kann.

DAZ: Also, wenn das Leitbild verabschiedet ist, fängt die Arbeit erst an? Zum Beispiel Gespräche führen mit der Politik?

Overwiening: Genau. Man muss sich vergegenwärtigen: Das Leitbild ist das Ziel, das wir ansteuern und erreichen wollen, und eine Wegbeschreibung. Ich bin überzeugt, wenn wir diesen Weg gehen, dann haben wir eine große Chance, uns unverzichtbar und hinsichtlich unserer Kompetenz unangreifbar zu machen. Dann sind wir nicht diejenigen, die einfach Schubladen ziehen – dann haben wir eine andere Identifikation.

DAZ: Stichwort AMTS: Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe hat mit ihrem Engagement für die Arzneimitteltherapiesicherheit und der Fortbildungsmöglichkeit des Apothekers zum AMTS-Manager schon vorgelegt. Wie weit ist dieses Projekt fortgeschritten?

Overwiening: Wir hatten uns mit zahlreichen Hochschullehrern, Apothekerinnen und Apothekern mit PharmD-Abschluss sowie Professor Derendorf aus Florida zusammengesetzt, diskutiert und festgestellt, dass der Studierende heute nicht dafür ausgebildet wird, was er später in der öffentlichen Apotheke braucht. Allerdings, so war die Auffassung, müsste erst das Berufsbild geändert werden, um die Ausbildung daran anpassen zu können und nicht umgekehrt. Dies war der Ausgangspunkt für uns als Kammer, zusammen mit einigen Experten ein Curriculum zu erarbeiten, das wir jetzt mit unseren AMTS-Ausbildungsapotheken umsetzen. Wichtig war für uns, die Pharmazeuten im Praktikum (PhiPs) zu erreichen. Sie sollten eine Prägung bekommen, die AMTS-orientiert und nicht ausschließlich verkaufsorientiert ist. Um dies zu koordinieren und das Wissen zu vermitteln, haben wir eine Stelle für eine AMTS-Dozentin an die Universität angedockt, die AMTS-Fälle aufbereitet und der Versorgungsforschung zuführt. So konnten wir die Idee umsetzen.

Das Curriculum kann jeder durchlaufen, also nicht nur die PhiPs, sondern auch Apothekerinnen und Apotheker. Es dauert ein halbes Jahr und ist neben der hauptberuflichen Tätigkeit in der Apotheke zu machen, da die Lehrveranstaltungen an den Wochenenden stattfinden. Nach abgelegter Prüfung darf man für drei Jahre den Titel AMTS-Manager führen. Während dieser drei Jahre sind weitere Patientenfälle aufzubereiten und zu dokumentieren und dem Dozenten zukommen zu lassen, um dann für weitere drei Jahre die Berechtigung zu bekommen, AMTS-Manager zu sein.

DAZ: Wie viele haben mittlerweile die Ausbildung gemacht?

Overwiening: Das Programm läuft seit über einem Jahr. Nach wie vor besteht eine große Nachfrage, diese Ausbildung zu absolvieren. Wir haben derzeit 250 Apothekerinnen und Apotheker als AMTS-Manager ausgezeichnet, was mich sehr erfreut. Es ist wichtig, dass wir dokumentieren: Apotheker sind die Fachleute für Arzneimitteltherapiesicherheit.

DAZ: Allerdings gibt es bis heute keine feste Definition, was genau Arzneimitteltherapiesicherheit ist. Was bedeutet Medikationsanalyse, wie definiert sich Medikationsmanagement? Welcher Medikationsplan ist der richtige?

Overwiening: Genau hier liegt eine Gefahr. Da es dafür keine festen Definitionen gibt, habe ich auch keine gesetzlich festgelegte Personengruppe, die dafür zuständig ist. Ärzte behaupten zwar, sie würden sich darum kümmern, aber sie tun es nicht. Deshalb: Wenn wir dieses Feld jetzt nicht besetzen, dann werden es die Ärzte für sich reklamieren. Deshalb ist es notwendig, genau zu definieren, welche Bereiche der AMTS exklusiv in die Zuständigkeit der Apotheke fallen. Sonst verkaufen auch andere Berufsgruppen ihre Dienste als AMTS an die Krankenkassen. Bisher wird der Apotheker nur für die Abgabe von Arzneimitteln honoriert. Wollen wir ein Standbein im Medikationsmanagement und auf dem Gebiet von AMTS, dann müssen wir auch die Honorarfrage mit den Kassen klären. Also: Wir brauchen eine feste Definition, was in die Zuständigkeit der Apotheker fällt. Und feste Strukturen, wie die Kommunikation mit den Ärzten ablaufen soll.

DAZ: Zur Honorarfrage: Wie könnten Sie sich hier die Vergütung vorstellen?

Overwiening: Vielleicht sollten wir hier über eine ähnliche Struktur nachdenken wie wir sie beim Nacht- und Notdienstfonds haben. Ein Zuschlag auf jede abgegebene Packung fließt in einen vom Apothekerverband verwalteten Fonds, aus dem dann den Apotheken ein Sonderhonorar für dokumentierte AMTS-Prüfungen und fürs Medikationsmanagement ausgezahlt wird. Nur so wäre gewährleistet, dass die Apotheke fürs Medikationsmanagement zuständig ist und dafür vergütet wird. Höhere Einnahmen des Fonds ließen sich mit mehr Packungen begründen und damit auch mit mehr Fällen für ein Medikationsmanagement.

DAZ: Frau Overwiening, ein Blick zurück auf fünf Jahre Kammerarbeit. Es hat sich viel getan, Sie haben viel bewegt. Würden Sie den Schritt nochmals wagen, sich als Präsidentin für die Apothekerkammer zur Verfügung zu stellen?

Overwiening: Mich treibt die Lust am Lösen von Problemen. Wenn ich Probleme sehe, möchte ich sie lösen. Es wäre für mich schwer, wenn ich mich nicht daran machen dürfte, erkannte Probleme zu lösen. Und deswegen: ja, ich würde diesen Schritt wieder tun.

DAZ: Sie haben beispielsweise die Fortbildungszertifikate eingeführt. Was hat es damit auf sich?

Overwiening: Mit den Fortbildungszertifikaten möchten wir das Engagement der Apothekerinnen und Apotheker honorieren. Das bedeutet konkret: Wer ein Fortbildungszertifikat erlangt hat, erhält dafür von der Kammer einen Fortbildungs-Scheck, der zu kostenlosen Fortbildungen berechtigt, bis er wieder ein Fortbildungszertifikat beantragen kann. Die Kolleginnen und Kollegen, die sich nicht fortbilden, bezahlen mit ihrem Kammerbeitrag die Fortbildungen der anderen mit. Unser System führt dazu, das wir im Kammerbereich Westfalen-Lippe, mit weitem Abstand, deutsche Fortbildungsmeister sind: durchschnittlich 25.000 Kammerfortbildungen pro Jahr, etwa fünf pro Kopf.

DAZ: Steht dies auch den PTA offen?

Overwiening: Selbstverständlich erhalten auch die PTA Zertifikate und Schecks. Außerdem haben wir für diese Berufsgruppe einen PTA-Campus online eingerichtet. Auf dieser Seite finden die PTA die Fortbildungsangebote und können sich dazu anmelden. Inzwischen sind hier bereits über 4000 PTA angemeldet und machen mit. Die PTA fühlen sich dadurch der Kammer zugehörig. Und wir können die PTA gezielt ansprechen und auf die Fortbildungsangebote aufmerksam machen.

DAZ: Eine weitere Innovation, die die Kammer in den letzten fünf Jahre aufgebaut hat, ist das Konzept der AMTS-Ausbildungsapotheken. Was steckt hier dahinter?

Overwiening: Seit September 2012 bietet die Kammer ihren Apotheken an, den Status „AMTS-qualifizierte Apotheke“ zu erlangen. Es sind gut durchorganisierte Apotheken, die den apothekerlichen Nachwuchs in vorbildlicher Weise ausbilden. Die Ausbildungsapotheke muss dabei bestimmte Voraussetzungen erfüllen, z.B. muss der Ausbilder ein Fortbildungszertifikat besitzen, die Apotheken muss an Ringversuchen teilnehmen, Screenings durchführen usw. Außerdem müssen Ausbildungsleiter und der Pharmazeut im Praktikum (Phip) an einer vierstündigen AMTS-Basisschulung teilnehmen, in der auch die Erstellung eines Ausbildungsplans vermittelt wird. Sind alle Voraussetzungen erfüllt, wird die Apotheke auf der Kammer-Homepage gelistet, damit die angehenden PhiPs sehen: Das sind Apotheken, die sich besonders um die Ausbildung kümmern.

DAZ: Wie viele dieser Ausbildungsapotheken gibt es in Ihrem Kammerbereich?

Overwiening: Etwa 140 Apotheken sind hier schon dabei.

DAZ: Sie engagieren sich auch beim Thema Berufsnachwuchs. Wie kann man junge Menschen für den Apothekerberuf begeistern?

Overwiening: Ich bin davon überzeugt: Ein Beruf ist so attraktiv wie das Selbstwertgefühl, das in der Berufsausübung vorhanden ist. Ein Beruf, der weiß, wofür er da ist, seine Aufgaben mit guter Qualität erfüllt und eine gute Reputation in der Gesellschaft hat, ist ein attraktiver Beruf. Ob wir nun ein paar Euro mehr oder weniger bekommen, wird niemanden dazu ermuntern oder davon abhalten, Pharmazie zu studieren. Daher sind wir als selbstständige Apothekerinnen und Apotheker gefordert, in den Apotheken attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen für gute Arbeitsplätze. Wenn ich vom Nachwuchs Dynamik fordere, muss ich die Dynamik selbst vorleben. So sind wir angesichts zahlreicher Frauen in unserem Beruf auch gefordert, flexible Teilzeitarbeitsplätze zu bilden, um möglichst viele im Beruf zu halten. Nicht zuletzt erhoffe ich mir auch von unserem neuen Leitbild, dass sich damit auch junge Menschen noch stärker mit dem Apothekerberuf identifizieren können.

DAZ: Frau Overwiening, vielen Dank für das Gespräch.

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